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Ägypten     23.7. - 31.8.2007

Süden

Uralte Steine, arabische Kultur, endlose Wüsten, sattgrüne Oasen, Unterwasserwelt vom Feinsten, drückende Hitze, viel zu viele Touristen, nette aber schlitzohrige (Barbara) bzw. mühsame und betrügerische (Karsten) Ägypter  -  um nur einige unserer Eindrücke dieses faszinierenden Landes wieder zu geben. Aber erst einmal hiess es jetzt natürlich unsere Nassersee-Schiffsfahrt zu Ende zu schaukeln und die Hürden der ägyptischen Einreiseformalitäten erfolgreich zu meistern.

Wir hatten uns im Vorfeld ausgemalt, wie gemütlich wir unsere zwei bis dreitägige Privatkreuzfahrt verbringen würden: Im Schatten an Deck liegen oder auf den Stühlen fläzen, lesen, vorbeiziehende Landschaft geniessen, ausgedehnte Frühstücks und romantische Abendessen unter Sternenhimmel. Mit einigen nicht ganz unbedeutenden Abstrichen war es auch so. Unser Frachtschiff war abgesehen von unseren beiden Autos tatsächlich komplett leer und wir hatten massenhaft Platz, leider nur nicht um unser Auto herum. Mit etwas Mut und gutem Balancegefühl schafften wir es gerade knapp, unser Auto zu umrunden, ohne dabei rechts oder links in den gut 2 Meter tiefer liegenden, leeren Laderaum zu stürzen und hinten oder vorn über Bord zu gehen. Unsere fantasievollen Kochideen mussten wir aufs wesentlichste reduzieren, denn sobald wir unsere hintere Tür öffneten und den Kocher auf der Ablage platzierten, trennte uns gerade noch knapp ein halber Schritt vom schäumenden Wasser. Kein Wunder, ging dabei die eine oder andere zum Glück unwichtige Kleinigkeit über Bord. Zusätzlich mussten wir aufpassen, dass wir uns nicht in den Seilen verhedderten, die unser Auto auf dem Schiff hielten. Unser Sonnensegel zu spannen war unter diesen Umständen ein Ding der Unmöglichkeit und Schatten gab es auf dem ganzen Schiff (ausser in den stickig heissen Laderäumen) keinen. Ausser am frühen Morgen und späten Nachmittag verbrachten wir also die meiste Zeit im Auto. Mit offenen Fenstern und Türen war es dank des stetigen Fahrtwindes so angenehm kühl und wir leisteten auch gerade Mali Gesellschaft. Unsere arme Mali lag den ganzen Tag im Auto, denn sie hatte zusätzlich zum fehlenden Schatten noch mit dem glühend heissen Blechboden zu kämpfen. Unser ganzer Kahn bestand aus Metall, das sich in der Sonne so stark erwärmte, dass wir die Hitze sogar durch unsere Schuhsohlen spürten. Dafür spazierten wir mit Mali früh morgens und abends unzählige Runden über Deck und durch die Laderäume. Dazu mussten wir sie allerdings zuerst irgend wie aus dem Auto heraus heben und mit ihr auf dem Arm ums Auto herum balancieren. Nicht ganz ungefährlich bei diesen minimalen Platzverhältnissen. Unsere grösste, schliesslich aber zum Glück unbegründete Sorge war, dass Mali selbständig aus dem Auto und damit ungewollt auch direkt über Bord springen würde. Sobald wir uns aber alle etwas an die beschränkten Platzverhältnisse gewöhnt hatten, konnten wir die Überfahrt richtig geniessen. Zu unserem Wohlbefinden trug bei, dass wir am Nachmittag des zweiten Tages in einer ruhigen Bucht Pause machten, weil die Schiffsschraube von Fischernetzten befreit werden musste und wir nach einigem Drängen ins erfischende Nass springen durften. Kreuzfahrt mit Badeplausch! Der Kapitän hatte allerdings Bedenken der Krokodile wegen. Karsten lachte ihn aus: "Krokodile, hier im See? - Niemals!" Einige Tage später lasen wir dann aber im Reiseführer, dass sich die Krokodile im Lake Nasser explosionsartig vermehren und Fischbestände wie Menschen bedrohen... Glück gehabt!

Es war wundervoll zu beobachten, wie sich die sandfarbenen runden Dünen und gezackten Berge direkt aus dem tiefblauen See erheben und in verschiedenen Formationen und Licht- und Schattenspielen in einander übergehen. Eine Welt geprägt von blau und diversen Goldtönen. Nirgends auch nur eine Spur grün, trotz des vielen Wassers. Ruinen von kolossalen Gebäuden aus der Pharaonenzeit überragen auf Bergrücken trotzig den Seespiegel. Ehemals standen sie weit weg vom Nil mitten in der Wüste. Nun aber stehen sie direkt am Wasser als einige der wenigen Überbleibsel der alten Zeit, die die Stauung des Nils überlebt haben. Diese Stauung nicht überlebt hätte der berühmte Tempel von Ramses II, Abu Simbel, wenn er nicht 1964 hinter einem künstlichen Damm im Wettrennen mit dem steigenden Wasser in mühevoller Arbeit über vier Jahre am alten Standort Stück für Stück abgebaut und gut sechzig Meter höher in ebenso zeitaufwendiger Kleinarbeit wieder zusammengebaut worden wäre. Da der Tempel in aus dem Berg hinaus gehauen war, musste am neuen Standort erst ein künstlicher Berg, bzw. eine steinverkleidete Kuppe gebaut werden. Der alte Tempel musste Stück für Stück aus dem Fels gelöst, in handliche Blöcke zersägt, an einen sicheren Ort transportiert und später Stein um Stein wieder zusammengesetzt werden. Zeitweise waren über 3000 Leute am Werk. Mit dieser 40 Millionen teuren Hilfsaktion der UNESCO wurde der Tempel gerettet. Heute steht Abu Simbel direkt am Wasser und bot uns auf der Vorbeifahrt einen imposanten Anblick. Schon von weitem sahen wir die vier kolossalen über zwanzig Meter hohen Statuen des Pharaonen selbst, die den Eingang schmücken und gebieterisch gegen Osten übers Wasser schauen. Imposant!

Am frühen Nachmittag des dritten Tages erhaschten wir einen ersten Anblick auf Asswan - genauer auf den Hochdamm von Asswan. Dieses Bollwerk aus dem Jahr 1971 staut die Nilfluten auf einer Länge von 550 km zurück. Der Damm ragt 111 Meter über das Flussbett, ist an der Krone 3.6 km lang und 40 Meter breit und erreicht an der Basis sage und schreibe ein Dicke von 980 Metern! Diese gewaltige Dicke ist nötig, weil der Damm allein durch sein Gewicht den Wassermassen stand zu halten hat; andere Hochdämme sind gewölbt und im umliegenden Fels verankert, was hier nicht möglich war. Die Planung des Damms geht auf deutsche Firmen zurück, die allerdings beim Bau nicht zum Zuge kamen, weil die Finanzierung scheiterte. Der damalige ägyptische Präsident Nasser war über die Behandlung durch den Westen so empört, dass er seine Linie aus verschiedenen politischen Gründen radikal änderte und sich der Sowjetunion zuwandte, die den Damm schliesslich baute. Der Damm bewahrt Ägypten von den Auswirkungen der Schwankungen der Nilfluten (verheerende Überschwemmungen und Dürrekatastrophen) und ermöglicht eine Dauerbewässerung der Felder, was zu höherem Ernteertrag führt. Durch das riesige Wasserreservoir konnte die Anbaufläche Ägyptens um 25 Prozent gesteigert werden und weitere grossräumige Bewässerungsprojekte sind geplant. Bei voller Turbinenleistung stehen 10'000 Mwh elektrische Energie zur Verfügung. Diese machte erst die Elektrifizierung von über 4000 ägyptischen Dörfern möglich. Aber der Staussee hat auch gewaltige Nachteile: Der fruchtbare Nilschlamm erreicht die Felder nicht mehr sondern lagert sich im See ab, wodurch sich die Trinkwasserqualität des Nils erheblich verschlechtert hat. Anstelle der natürlichen Düngers, der gleichzeitig den Boden entsandete und entsalzte, muss nun auf massiv mehr Kunstdünger zurückgegriffen werden, und da dem Nildelta jetzt die natürlichen Sedimente fehlen, geht der Fischbestand dort drastisch zurück. Weiter beeinflusst die jährliche Verdunstung von etwa 5 Metern Höhe des Stauseewasser die klimatischen Verhältnisse zumindest in Oberägypten. Nicht zuletzt stellt der Damm auch ein Sicherheitsrisiko dar, da bei seiner Zerstörung Ägypten innerhalb ein bis zwei Tagen praktisch ausgelöscht wäre.

Für uns bedeutete der Hochdamm aber zuerst einmal einfach die Ankunft in einem neuen Land und damit unvermeidlich verknüpft: wieder einmal mehr Grenzformalitäten zu erledigen. Während gut zwei Stunden wurden wir bombardiert von unterschiedlichen Mitteilungen: Autoabladung heute nicht mehr möglich, Übernachtung im Auto auf dem Schiff nicht erlaubt, Übernachtung auf dem Schiff doch erlaubt, Autoabladung heute am Abend vielleicht möglich - oder doch nicht? - Autoabladung jetzt sofort! Karsten wurde endlich von seinem Albtraum erlöst: Asswan verfügt über eine grosse schräge Rampe und solide Blechstege für die Autoentladung. Ruck-zuck hatten wir die beiden Autos vom Frachter runter und ins Zollgelände gefahren. Die Visa und den Einreisestempel bekamen wir zügig in den Pass geknallt - trotz unserer Proteste allerdings nur für einen Monat und nicht für zwei. Wir könnten die Visa bei Ablauf problemlos überall verlängern, hiess es. Mal sehen ... Und dann lief an diesem Tag gar nichts mehr. Der Zoll für die Erledigung der Autopapiere war geschlossen. Morgen wieder. Solange diese Zollformalitäten nicht erledigt waren und unser Auto keine ägyptischen Nummernschilder hatte, durfte es das Zollgelände auch nicht verlassen. Wir hingegen durften über Nacht nicht im Zollgelände bleiben sondern sollten per Taxi ins 20 km entfernte Asswan in ein Hotel fahren. Aber nein, nicht mit uns! Vor einigen Monaten durften Rielle und Jeroen ohne Probleme die Nacht im Auto im Zollgelände verbringen. An eine angeblich neue Regelung, wonach sich niemand über Nacht im Zollgelände aufhalten dürfe, glaubten wir nicht. Es lungerten x Leute auf der Anlage herum. Stocksauer verlangten wir den obersten anwesenden Beamten zu sprechen. Der arrogante Sack von einem Viersternegeneral sprach wie seine Untergebenen kein Wort englisch oder tat zumindest so - wie wir später erfahren mussten, absolut keine Seltenheit in Ägypten. Über den armen Amtstierarzt als Dolmetscher, der auf beiden Seiten versuchte die Wogen zu glätten, stritten wir vier Stunden lang lautstark miteinander. Wir erklärten, dass wir unser Auto mit diesen vielen zwielichtigen Gestalten nicht alleine stehen lassen würden (was nicht stimmte), dass wir mit Mali in Hotels nicht erwünscht wären (was teilweise stimmte) und dass wir grundsätzlich nicht im Traum daran denken würden, in ein Hotel zu gehen (was absolut stimmte - am Schluss war es nur noch Prinzipienreiterei, aber weshalb sollten wir nun nach fast zwei Jahren ohne Hotelübernachtung uns dazu zwingen lassen?). Viersterneheini drohte mit Gefängnis und konnte vor seinen Leuten natürlich nicht von seinem Standpunkt abweichen. Wir warfen ihm die zugegebenermassen leeren Drohen an den Kopf von Anrufen beim obersten Zollamt in Kairo und mit Intervention über die Botschaft. Und siehe da, endlich fand er einen Ausweg, der alle zufrieden stellte und für ihn keinen Gesichtsverlust bedeutete: ein Anruf bei oberster Stelle in Kairo habe ergeben, dass für uns eine Ausnahme gemacht werde - wer's glaubt... wir aber waren glücklich.

Am nächsten Morgen, einem Donnerstag, stand Barbara wie angewiesen um acht vor dem Zollbüro. Der Zöllner erschien um zehn! Aber anders als befürchtet ging's nun zügig. Einige Angaben zum Auto, stempeln, unterschreiben und 100.-$ Strassengebühr hin blättern, das war es in Sachen Zoll. Jetzt fehlten "nur" noch die ägyptischen Nummernschilder. Der Zöllner machte uns freundlicherweise darauf aufmerksam, dass wir unbedingt versuchen mussten, alles bis am selben Nachmittag um zwei zu erledigen, da anschliessend die Verkehrspolizei bis am kommenden Montag wegen Wochenende und Feiertagen geschlossen habe. Wir schnappten und also sofort ein Taxi und fuhren 20 km nach downtown Asswan zur Traffic Police. Der einzig englisch sprechende Beamte nahm sich uns trotz langer Warteschlange sofort an und schleuste Barbara von einem Büro ins andere um sie am Schluss mit einem Stapel Papiere, selbstverständlich alle in arabisch, wieder dem Taxifahrer anzuvertrauen. Dieser raste mit uns 10 Minuten vor Wochenend-Büroschluss um 12 Uhr zur Versicherung. So schnell wurde wohl noch nie eine Versicherungspolice abgeschlossen! Zurück zur Traffic Police für einige Stempel und Papiere mehr. Jetzt brauchten wir noch einen Angestellten, der mit uns die 20 km zurück in den Hafen fuhr, um Chassis- und Motornummer direkt am Auto zu überprüfen (so ein Witz, dafür gibt es ja gerade das Carnet!). Wir sollten den Zuständigen an einer Aussenstelle der Traffic Police mit dem Taxi abholen. Leider war der Typ gerade beschäftigt und liess uns eine volle Stunde warten. Barbara tickte aus und beschimpfte ihn und das ganze beschissene System im breitesten Schweizerdeutsch. Und es half. Um halb zwei sassen wir wieder im Taxi und rasten mit dem Typen zum Hafen. Sein Gehilfe rubbelte nun unsere Chassisnummer auf ein offizielles Papier ab. Unsere Motorennummer ist zwar mit einigen Halsverrenkungen und Spiegeleinsatz sichtbar, aber nicht ertast- oder gar abrubbelbar. Trotzdem vergeudete der Gehilfe, dann sein Chef und schliesslich Karsten kostbare Zeit um doch noch irgend wie hinzukommen. Fünf vor zwei war schliesslich alles so weit in Ordnung, dass wir wieder zur Traffic Police zurück fahren konnten um unser Schilder abzuholen. Mittlerweile waren nun aber auch unsere südafrikanischen und holländischen Freunde mit der Passagierfähre angekommen und wollte zusammen mit den Besitzern von drei weitere südafrikanische Fahrzeuge auch gleich den Abrubbelspass über ihre Fahrzeuge ergehen lassen, nachdem der zuständige Typ ja schon mal da war. Allerdings hatten unsere Freunde noch nicht mal die Zollformalitäten (Schritt 1 von 6) fertig erledigt. Der Abrubbelfritze weigerte sich, die Nummern aufzunehmen. Es wurde diskutiert und diskutiert und diskutiert! Wir waren in der Zwickmühle: Einerseits tickte unsere Uhr unaufhaltsam dem Büroschluss um zwei und somit vier weiteren Tagen im Zollgelände entgegen und andererseits wollten wir unseren Freunden natürlich helfen, hatten aber mittlerweile gelernt, dass kein Weg um die ägyptische Bürokratie herumführt und alles Schritt um Schritt erledigt werden muss, so wie wir es in den letzten gut sechs Stunden gemacht hatten. Frustriert kletterten schliesslich alle Fahrzeugbesitzer ins Taxi und zusammen fuhren wir zurück in die Stadt zur Traffic Police. Nachmittags um drei hielt Barbara - fix und fertig -  endlich die Nummerschilder und die Fahrerlaubnis in den Händen. Nur noch zurück in den Hafen und die Schilder anbringen. Geschafft - in jeder Hinsicht! Unsere Freunde hingegen mussten ihre Fahrzeuge tatsächlich im Zollgelände stehen lassen und nach Asswan ins Hotel ziehen. Als einzige Konzession wurde ihnen schliesslich nach mehrstündiger hitziger Diskussion zugestanden, die Formalitäten bereits am Samstag und nicht erst am Montag erledigen zu dürfen. Es lebe die Bürokratie - Ägypten ist absoluter Weltmeister darin!!!

Nach einigem Hin und Her hatten wir uns doch dazu entschieden, Abu Simbel nicht nur vom Wasser, sondern auch vom Land aus zu besichtigen. Auch wenn dies bedeutete, wieder ganze 250 km entlang des Nassersees südwärts zu fahren - aber auf der gut ausgebauten Teerstrasse durch die topfebene Wüste ein Klacks. Einfach wurde es uns trotzdem nicht gemacht. Für diese Strecke herrscht für Touristen Konvoipflicht. Aus Sicherheitsgründen, wurde uns versichert - vermutlich damit allfällige Terroristen genau wissen, wann in gehäufter Anzahl wo Touristen als Zielscheiben unterwegs sind... Wir registrierten uns also brav mit Pass- und Führerscheinkopien bei der Touristenpolizei in Asswan. Am Konvoisammelort etwas ausserhalb warteten schon rund zwanzig mit Touristen vollbesetzte Minibusse und etwa fünf Cars mit laufendem Motor, als wir kurz vor Abfahrtszeit eintrudelten. Das einzige wirklich pünktliche in Ägypten sind wohl die Abfahrtszeiten der Konvois. Schlag elf Uhr brauste das Polizeifahrzeuge vorne weg, gefolgt von den ersten Bussen. Irgendwo in der Mitte reihten wir uns ein, nur um schon auf den ersten 500 Metern von mindesten fünf Fahrzeugen hinter uns überholt zu werden (nein, nein nicht Karsten sondern Barbara sass am Steuer). Die gesamte Fahrroute durch die Aussenbezirke Asswans und über den Damm waren für den restlichen Verkehr gesperrt, bis das letzte Konvoifahrzeug vorbei geflitzt war. Wir kamen uns vor wie bei der Ralley von Monte Carlo. Schon nach den ersten Kilometern war uns klar, dass wir dieses Tempo nie und nimmer würden mithalten können - auch wenn wir es gewollt hätten. Sobald wir dann aber die Stadt und den ersten Checkpoint hinter uns gelassen hatten, kümmerte sich niemand mehr um uns. Bald schon war auch das letzte Fahrzeug des Konvois, das uns mehrfach vergeblich  zum schneller Fahren aufgefordert hatte, ausser Sichtweite. Wir tuckerten alleine und mit gemütlichen 90 Stundenkilometern - das Maximum, das unser Motor bei dieser Hitze vertrug - durch die Wüste um wohl mehr als eine Stunde nach dem letzten Fahrzeug in Abu Simbel einzutreffen.
Der Tempelbesuch am späten Nachmittag war nicht nur der alten Steine wegen ein Erlebnis. Erst einmal mussten wir uns durch Scharen von europäischen Touristen kämpfen. Das hatten wir seit Ewigkeiten nicht mehr, hatten es aber auch nicht vermisst! Europa wird wohl während diesen Tagen keine Spanier und fast keine Italiener mehr gehabt haben, alle waren in Ägypten und die allermeisten gerade an diesem Nachmittag in Abu Simbel. In riesigen Gruppen trotteten sie mit vor Hitze hochroten Köpfen hinter ihren laut auf spanisch oder italienisch gestikulierenden Führern hinterher. In unserer muslimischen-Länder-angepassten Kleidung (Ärmelshirt und langer Rock oder Hose) vielen wir auf wie Ausserirdische. Die europäischen Touristen spazierten mehr nackt als bekleidet durch die Gegend in Bikinioberteilen und so knapp sitzenden Röcken oder Shorts, dass mehr ent- als verhüllt wurde. Aha, das war also die diesjährige europäische Sommermode. Trotz der Touri-Invasion konnten wir die beiden Tempel von Abu Simbel geniessen. Einfach verblüffend, was bereits 1250 vor Christus geschaffen wurde. Ramses II liess mitten in der Einsamkeit der Nubischen Wüste einen grossen Tempel für sich, und einige Schritte entfernt, einen kleineren für seine Gemahlin Nefertari in den vollen Fels des Steilabfalls hauen. Hier wurde hochgradige Ingenieurleistung erbracht: Man stelle sich nur die Aufgabe vor, ein derart umfangreiches harmonisch gestaltetes Bauwerk fast 50 Meter in den Berg zu treiben, den gewachsenen Fels in grossen Volumina  so zu entfernen, dass am Ende vollendete Kolossalstatuen stehen blieben, und zwar nicht nur eine sondern vier identische - ein paar Meisselschläge zuviel hätten das Gesamtbild massiv beeinträchtigen können. Sind schon die vier 20 Meter hohen Ramses II Kolosse an der Tempelfassade beeindruckend, versetzte uns die schummrige Eingangshalle mit den acht aufrecht stehenden, den Weg flankierenden Ramsesfiguren in Ehrfurcht. Nicht weniger eindrucksvoll sind die mit kunstvollen und farbigen Reliefs geschmückten Wände und Säulen, die viel über das damalige Alltagsleben und die Religion verraten. Irgendwann in der Geschichte geriet diese grossartige Tempelanlage in Vergessenheit und wurde allmählich von Sandverwehungen zugedeckt. Jedoch wurden Stille und Einsamkeit Jahrtausende später nachhaltig gestört; 1813 stolperte der Schweizer Forscher Ludwig Burckhardt im Sand über einen seltsam geformten Fels in der Form eines Kopfes. Unter den riesigen Sanddünen trat Abu Simbel wieder ans Tageslicht.

Nach einer ruhigen Nacht auf dem leeren Besucherparkplatz wurden wir am nächsten Morgen früh von den laufenden Motoren von sage und schreibe 35 Reisebussen und wohl ebenso vielen Minibussen geweckt. Der Konvoi, der morgens um vier Uhr Asswan verlassen hatte, überflutete nun mit einigen tausend Touristen die alten Tempel. Wir waren froh, uns am Vormittag gleich mit dem nächsten Konvoi wieder zurück nach Asswan verabschieden zu können und den glühend heissen Nachmittag mit unseren Freunden zusammen an ihrem Hotelpool zu verbringen - genauso die nächsten zwei Nachmittage, etwas anderes liess sich bei dieser Hitze nicht machen. Eine abendliche Felukenfahrt auf dem Nil, führte uns die Schönheiten Asswans vor Augen: die Verzahnung von Wasser und Land mit vielen Inseln, palmen- und blumengesäumten Ufern und dahinter die goldgelben Wüstenberge. Nicht um sonst gilt Assuan für viele als schönste Stadt Ägyptens. Schon in der weit zurück liegenden Vergangenheit spielte die Stadt eine wichtige Rolle: In Asswan befinden sich die von der Mündung her gesehen ersten Stromschnellen des Nils. Sie schützten Ägypten gegen von Süden eindringende feindliche Boote und stellten daher eine Art natürliche Grenze dar. Für unzählige Generationen von Altägyptern endete an den Katarakten die Vorstellung der Bewohnbarkeit der südlichen Erde.

Für unsere Weiterfahrt entlang des Nils nach Luxor mussten wir uns wieder dem Konvoi anschliessen. Immerhin waren wir dieses Mal in Begleitung von unseren südafrikanischen Freunden. Weil wir gleich langsam fuhren, wurden wir dieses Mal auch nicht gehetzt sondern erhielten schliesslich unsere eigenen Begleitfahrzeuge in einem separaten Konvoi. Unterwegs stoppte der ganze Konvoi  bei den eindrücklichen Tempelanlagen Kom Ombo und Edfu zur Besichtigung. Wieder einmal mehr mussten wir uns fragen, wieso nur früher die Leute fähig gewesen waren, solche grandiosen Bauwerke zu errichten und heute klappt kaum mehr etwas. In Luxor angekommen, steuerten wir direkt das Rezeiky Camp an, ein Hotel mit grossem grünen Innenhof zum campen und Swimmingpool. Jeden Abend liessen wir uns von der exquisiten ägyptischen Küche verwöhnen und kamen uns am Swimmingpool liegend vor wie in den Ferien. Mali fand gute Unterhaltung bei der Hotelhündin mit ihren zwei süssen tolpatschigen Jungen. Am frühen Morgen, um der Hitze zu entgehen, rafften wir uns jeweils auf, eine der Sehenswürdigkeiten der geschichtsträchtigen Stadt zu besuchen. Luxor ist das frühere Theben und Theben ist die griechische Bezeichnung für die altägyptische Hauptstadt Waset. 2050 vor Christus gewann der Ort an Bedeutung. Durch die Gründung des Karnak-Tempels für Amun, den König der Götter, stieg Theben zum geistigen und religiösen Zentrum Ägyptens auf. Mehrmals war es im zweiten und ersten Jahrtausend vor Christus Hauptstadt Ägyptens, immer aber blieb es Mittelpunkt der pharaonischen Kultur. Alle Könige des Neuen Reiches wurden her im Tal der Könige bestattet (so auch der berühmte Tutenchamun) und noch die römischen Kaiser kamen hierher um die Wunder des Hunderttorigen Theben zu bestaunen. Die gigantische Anlage des Karnak-Tempels verschlug uns die Sprache. Am meisten beeindruckte uns wohl der riesige Säulensaal. 134 dicke und wohl rund 15 Meter hohe Steinsäulen in Papyrusform mit einer geöffneten oder geschlossenen (je nach dem wie sehr die Säule im Sonnenlicht stand) Papyrosdolde als Abschluss - ein zu Stein gewordener Heiliger Hain. Eine über 2.5 km lange Sphingen-Allee verbindet diesen Tempel mit dem Luxor-Tempel. Ein kleiner Teil davon ist heute wieder freigelegt. Einfach toll! Während Barbara Hundehütedienst versah, machten sich Karsten, Manon und Peter früh morgens um 6 auf ins Tal der Könige (Barbara kannte es von einem früheren Ägyptenbesuch). Das vollkommen vegetationslose Wadi Biban el Muluk mit den Königsgräbern liegt auf der Westseite des Nils, gut versteckt westlich einer Gebirgskette. Die Gräber sind tief in den Fels getrieben. Das System der verschiedenen Korridore, Räume und Schächte lehnt sich an die Vorstellung vom Jenseits an, das in der Zeit des Neuen Reiches in der Unterwelt liegt. Die textlichen und bildlichen Illustrationen an den Wänden und Decken gehen explizit auf diese komplizierte Welt ein. Nicht jedermanns Sache in diese tiefen Schächte mit der schwülen, sticken und heissen Luft hinab zu steigen. Die Entführung in eine andere Welt.

Nach einigen Tagen im Chlor des Rezeiky-Swimmingpools gelüstete es uns immer mehr nach "richtigem" Wasser - salzig. Mit einigem Überredungsgeschick gelang es uns schliesslich alleine und ohne Konvoi Richtung Rotes Meer aufzubrechen. In Safaga hatten wir die Adresse von einem Campingplatz auf einem Hotelgrundstück direkt am Meer. Dieser war aber so unverschämt teuer für die dreckige Müllhalden, die er Tat und Wahrheit war, dass wir weiter zogen. Den ganzen Nachmittag suchten wir zusammen mit Peter und Manon vergebens die Umgebung ab nach einem Campingplatz. Campen am Meer ist nicht erlaubt und ein Camp in der Wüste wollten wir unseren Hunden bei dieser Hitze nicht zumuten. Mittlerweile waren wir sogar bereit, ein Hotelzimmer zu nehmen - es wäre das erste auf der ganzen Reise. Aber nein, in diesen Luxusbunkern entlang der Küste waren Hunde nicht erwünscht. Ein kleines Hotel wollte eine Ausnahme machen, jedoch schritt der Hoteldirektor im letzten Moment ein und erklärte, dass Hunde in allen Hotels entlang der Küste verboten seien - Vorschrift des Tourismusdepartements. Karsten explodierte und beschwerte sich lautstark über solche idiotischen Gesetze. Der Hoteldirektor hatte sich in der Zwischenzeit offenbar Hilfe suchend an die Touristenpolizei gewandt, diese kreuzte aber erst auf, als wir bereits wieder los fuhren. Im nächsten Hotel hatten wir mehr Glück - meinten wir. Wir hatten mit unseren Hunden bereits erfolgreich eingecheckt, als der Hotelmanager händeringend ankam und uns wissen liess, dass sich die Touristenpolizei bei ihm gemeldet und ihm verboten habe uns mit unseren Hunden zu beherbergen. Schliesslich landeten wir spät abends müde und frustriert doch wieder auf dem schmutzigen und überteuerten Camping. Als kleine Entschädigung gönnten wir uns dafür ein ausgedehntes Essen in einer richtigen italienischen Pizzeria. Am nächsten Morgen hiess es definitiv Abschied nehmen von Manon, Peter und Durban. Sie hatten die Nase voll von der unfreundlichen Küstengegend und von Ägypten. Auf schnellstem Weg machten sie sich auf Richtung Libysche Grenze, wo bereits der vorgängig organisierte Guide mit Visa und Nummernschilder auf sie wartete. Mittlerweile sind die drei bereits wohlbehalten zurück in Holland.

Wir zogen der Küste entlang südwärts und fanden ausserhalb Quesir tatsächlich ein kleines, herziges Camp, wo wir uns direkt am einsamen Strand hinstellen durften - und Mali war herzlich willkommen.  Zwei Tage lang genossen wir das Rumliegen am Strand und Schnorcheln am wundervollen Hausriff. Die Unterwasserwelt des südlichen Roten Meers gehört wohl zum Schönsten was es gibt. So viele unterschiedliche und bunte Korallen auf einem Fleck umkreist von unzähligen farbenfrohen Fischen aller Arten - bei glasklarem Wasser! Barbara wäre liebend gerne tauchen gegangen, musste aber wegen einer schmerzhaften Ohrenentzündung auf Geheiss des Arztes in Luxor vorläufig darauf verzichten. Zuhause trotz intensivem Schwimmen noch nie Ohrenprobleme gehabt, kämpfte Barbara nun hier in Afrika nach jedem Swimmingpool-Plantschen mit ausgewachsenen Ohrenentzündungen. Was schütten die hier in Afrika nur in ihre Pools?

Barbara wollte unbedingt noch ein Stück weiter südlich den Kopf unter Wasser halten. Je südlicher desto schöner ist das Rote Meer. Aber zu unserem Schrecken war mittlerweile auch hier die Küste nun fast vollständig mit Luxusbunkern zu gepflastert. Da hatte sich seit Barbaras letztem Aufenthalt hier vor fünf Jahren unendlich viel verändert - und nicht zum Besseren! Kurz vor Marsa Alam fanden wir aber doch noch eine kleine, einfache Bungalowanlage, wo wir pro Forma ein Bungalow mieteten um daneben campen zu dürfen. Der freundliche Besitzer lud uns gleich zum Abendessen ein und tat alles, damit wir uns wohl fühlten. Entsprechend gut hatte es uns natürlich im Beach Safari Camp gefallen. Karsten nahm all seinen Mut zusammen und buchte zwei Schnuppertauchgänge. Während Barbara überglücklich endlich wieder an ihrem Automaten nuckeln und durchs Wasser schweben konnte, kämpfte Karsten einige Meter über ihr mit der sperrigen, ungewohnten Ausrüstung, mit dem Druckausgleich und Schmerzen in den Ohren. Aber der Anblick einer elegant durchs Wasser schwebenden Schildkröte und eines wirklich riesigen Zackenbarsches und unzähligen bunten Fischlein liessen ihn zumindest zeitweilig sein Schwierigkeiten vergessen. Trotzdem entschied er sich dafür, dass er die Unterwasserwelt auch zukünftig lieber aus der Schnorchlerperspektive erleben möchte und Tauchen nicht wirklich sein Ding ist. Schade, gerade jetzt wo Barbara ihre Liebe zum Tauchen wieder gefunden hatte. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr aufgetaucht und Karsten musste sie schliesslich nach zwei weiteren Tauchgängen mit leichtem Zwang zurück ins Auto bugsieren. Die Westliche Wüste wartete auf uns.

Der Weg dorthin führte uns nochmals über Luxor und wir freuten uns schon aufs Rezeiky-Camp. Wenig erbaut waren wir deshalb, als unser schönes Camp voll gestellt war von sieben Toyotas aus Südafrika. Von dieser Overlander-Gruppenreise hatten wir schon früher gehört, hatten aber immer gehofft, ihnen aus dem Weg gehen zu können. Na ja, schliesslich waren sie doch ganz nett und fuhren am nächsten Morgen auch gleich weiter - allerdings erst nachdem sie uns im Morgengrauen mit ihren warmlaufenden Motoren aus dem Schlaf gerissen hatten. Da es in Luxor auch nachts unangenehm heiss war, schliefen wir jeweils neben unserem Auto im Freien auf dem Boden oder auf zusammen geschobenen Sitzbänken. Kein Wunder bekamen wir alles mit, was um uns herum ablief - nicht nur die bis weit über Mitternacht dauernden Parties auf dem Nachbargrundstück und den alle paar Stunden zum Gebet auffordernden Schreihals... Am nächsten Abend allerdings schon wünschten wir uns die sieben Südafrikaner wieder zurück, als ein Konvoi von 13!!! italienischen Wohnmobilen auf den  Platz rollte. Was hatten denn die hier verloren? Aber ja natürlich, alle grossen Strassen in Ägypten sind geteert und somit Wohnmobil tauglich. Willkommen zurück im Massentourismus. Anstatt uns freundlich zu begrüssen, wie es unter Reisenden sonst üblich ist, motzten die Wohnmobilisten erst ein mal rum, weil wir den besten Platz hatten und versuchten uns wegzuscheuchen. Als wir nicht darauf reagierten sondern ihnen klipp und klar erklärten, dass wir zuerst da waren, würdigten sie uns keines Blickes mehr. Trotzdem war unsere Stimmung versaut. Anstatt Ruhe und viel freien Platz geniessen zu können, mussten wir uns jetzt über kreischende Kinder und laut zeternde Mütter ärgern und schauten rund um unser Auto herum im Abstand von zwei Metern an die nächsten Wohnmobile. Da wurde uns wieder einmal bewusst, wie verwöhnt wir doch waren. In Europa sehen im Sommer alle Campingplätze so aus. Wie kann man nur! Für uns ist es absolut unvorstellbar, eingeklemmt und ohne ein Quäntchen Privatsphäre und Ruhe nur eine Minute länger als unbedingt nötig verbringen zu müssen. Nur schnell weg hier!

Die berühmte Oasen-Strasse sollte uns durch den ägyptischen Teil der Sahara, Westliche oder Libysche Wüste genannt, nach Kairo führen. Die 1300 km Fahrt über gute Asphaltstrasse durch endlose goldfarbene Einsamkeit wird nur unterbrochen durch das geschäftige Treiben in den vier grossen Oasen, die auf dieser Strecke liegen.  Lange Zeit waren diese Oasen durch ihre Lage so isoliert, dass sich hier die alte Idylle erhalten konnte. Auch heute noch scheinen sie in einer abgeschlossenen, eigenen Welt zu überleben, deren Tage jedoch gezählt sind. Für uns passten diese Oasen eigentlich nicht wirklich zum Bild, dass wir uns zuvor von diesen grünen Inseln gemacht hatten. Die Oasen sind riesig mit Längen von bis zu 200 km und ebenfalls mehreren Kilometern Breite. Jede Oase hat ihren Hauptort, der viel mehr richtige Stadt als beschauliches Beduinendörfchen ist. Und trotzdem konnten sich die Oasen in den kleinen Dörfern ausserhalb ihren Charme bewahren. Fleissige Bauern bearbeiten hier mit Esel- oder Ochsenpflügen ihre saftig grünen Felder, die von Schatten spendenden Palmen eingerahmt werden, jedoch am Rand übergangslos in gelbem Wüstensand enden. Angebaut werden sämtliche Gemüse- und Früchtesorten und wir trauten unseren Augen kaum, als wir junge Reispflänzchen in auf den Feldern knöcheltief stehendem Wasser gedeihen sahen - und das mitten in der Wüste! Das eindrückliche Bild wurde vervollständigt von der imposanten Hintergrundkulisse des Steilabfalls. Die Oasen liegen in Mulden bzw. Senken, die 100 bis 150 Meter tiefer liegen als das sie umgebende Wüstenplateau. Diese Steilwände am Rand konnten früher mit den Karawanen nur an wenigen Stellen überwunden werden. In ihnen treten die verschiedenen Gesteinsschichten in  ihrer unterschiedlichen Färbung unverblümt zutage - wenn nicht der Wüstenwind Sandwehen bzw - dünen hinunter geweht hat. Aber auch sie fügen weitere Farbtupfer in die pastellfarbene Landschaft. Der Kalk- und Sandsteinboden saugte während Feuchtperioden der vergangenen Jahrtausende Wasser wie ein Schwamm auf und speicherte es. Während Trockenperioden blies die Winderosion weniger feste Gesteine als Sand davon, es entstanden tiefer liegende Flächen, in denen schliesslich Wasser zutage trat. Die ägyptische Sahara hat, wie auch die restliche Fläche dieses riesigen Trockengebietes, eine bewegte Geschichte aus mindestens sechs Feucht- und Trockenperioden in erdgeschichtlich jüngerer Zeit hinter sich. Während der letzten europäischen Eiszeit vor 70'000 bis 11'000 Jahren lag die Sahara unter einer Trockenglocke; dann folgte eine Feuchtperiode, die vor etwa 5000 Jahren wieder zur Trockenheit wechselte. Die Oasen leben heute von diesem Grundwasser - fossiles 20'000 - 30'000 Jahre altes Wasser. Es steigt in artesischen (unter natürlichem Druck stehenden) Brunnen an die Oberfläche oder wird hoch gepumpt. Dieses stark mineralhaltige Wasser sieht nicht immer appetitlich aus, es ist häufig rostbraun verfärbt. Die in den letzten Jahrzehnten stark intensivierte landwirtschaftliche Nutzung führte zu deutlichem Absinken des Grundwasserspiegels. Das mineralhaltige Wasser lässt die Böden schnell versalzen. Es sind deshalb Projekte geplant, die Wasser vom Nassersee in die Wüste leiten sollen um weitere anbaubare Flächen in der Wüste zu schaffen. Das New Valley Project sieht gar vor, neben dem Niltal ein zweites fruchtbares Tal entlang der Oasen zu schaffen mit viel Platz für Siedler aus Gesamtägypten.

Uns gefielen die Oasen wie sie heute sind: eingebettet in endlose raue Wüstenlandschaft. Wir durchfuhren ein grandioses "Erosions-Theater", das von schwarzen Tafelbergen zu weissen Kalksteindomen, von goldenen Sandmeeren zu Geröllebenen wechselte. In unseren Buschcamps genossen wir die endlose Stille und den überwältigenden Sternenhimmel. Die Fahrt durch die Weisse Wüste war der Höhepunkt dieser bezaubernden Oasenroute. Hier hat die Erosion phantastische Kunstwerke geschaffen, indem sie den weicheren Stein um einen härteren Kern über jahrmillionenlanges Sandstrahlen entfernte. Das ganze Gebiet ist mit Kalksteinskulpturen übersät, die sich auch ohne ein Quäntchen Phantasie in die tollsten Märchenfiguren verwandeln. Diese Kunstausstellung der Natur verschlug uns den Atem! Nicht nur die Kegel, Pilze, Köpfe und Märchengestalten waren es, sondern auch der kaltweisse Kalkboden, der wie Schneewehen oder als stürmische See mitten in der Bewegung erstarrt scheint.  Mit einem Auge fürs Detail fielen uns bald auch die vielfältigen Versteinerungen von Schnecken, Muscheln und sogar Zweigen auf. Eine skurrile Welt - erst recht im fahlen Mondlicht! Für uns war es so selbstverständlich dieses Naturwunder für uns alleine zu haben, dass wir am nächsten Morgen aus allen Wolken fielen, als urplötzlich über zwanzig 4x4 Stadtverschnitte voll beladen mit italienischen Touristen die Ruhe störten und kreuz und quer durch die schöne Landschaft kurvten. Wieder ein mal räumten wir fluchtartig das Feld. Auf nach Kairo.

Das erste, das wir schon von weiter Ferne von Kairo zu Gesicht bekamen, war eine trübe über dem Horizont hängende Smog-Glocke. Ägyptens Hauptstadt dehnt sich mittlerweile weit in die Wüste hinaus aus. Klar, irgend wo müssen die gut 18 Millionen Einwohner ja unterkommen. Verschiedene aus dem Boden gestampfte Satellitenstädte und Vororte wie Giseh sind unterdessen fest mit der Stadt verwachsen. Direkt am Nil gelegen und mit einigen grünen Flecken versehen, hätte Kairo die besten Voraussetzungen für eine schöne Stadt. All das Schöne konnten wir aber kaum geniessen, war für uns doch das einzig Vorherrschende das unsagbare Chaos neben und auf der Strasse. Klar, dass bei einer so grossen Einwohnerzahl viele Leute unterwegs sind, aber dass es dabei so chaotisch zu und her gehen muss, war für uns nicht nachvollziehbar. Zweispurige Strassen werden zeitweise fünfspurig befahren, ohne dass tatsächlich Spuren ausgemacht hätten werden können. Kreuz und Quer schlängeln sich die Autos durch den Verkehr, der mehr steht als rollt. Blinklichter und permanent in die Trillerpfeiffe blasende Polizisten werden überhaupt nicht beachtet. Jeder Zentimeter wird ausgenützt und von links und rechts drängen Auto auf die Strassen. Über allem liegt der ohrenbetäubende Lärm von tausenden von Autohupen. Eine wirklich nervtötende Sache, wenn man wie wir mit dem eigenen Auto ohne einen vernünftigen Stadtplan und zum grössten Teil mit unleserlichen arabischen Strassenschildern konfrontiert, durch diese Stadt kurvt. Der einzige, dafür schmuddelige Campingplatz liegt in der Südwestecke der Stadt in der Anflugschneise des Flughafens, eingerahmt von der sechsspurigen Hochstrasse und einem faulig stinkenden und müllverseuchtem Kanal. Dieses Mal freuten wir uns sogar darüber, die sieben südafrikanischen Fahrzeuge wieder zu sehen - es hätten ja schliesslich viel schlimmer kommen können mit einem neuen Wohnmobil-Konvoi. Das einzige, wozu wir uns in Kairo durchringen konnten, war eine Besichtigung der Pyramiden, deren Spitzen wir sogar von unserem Campingplatz aus bewundern konnten. Die ehemals am Stadtrand in der Wüste stehenden steinernen Grabmale sind heute ganz und gar von der Stadt umgeben. Wären sie nicht grossräumig abgesperrt worden, waren sie mittlerweile vermutlich komplett zugebaut. Trotz der unwürdigen Umgebung und den Touristenmassen fanden wir die  Pyramiden beeindruckend. Die Cheops-Pyramide als grösste der drei Pyramiden ist ganze 147 Meter hoch, gleich hoch wie ein vierzigstöckiger Wolkenkratzer!  Sie liegt genau auf dem 30. nördlichen Breitengrad. Nur unwesentlich kleiner mit 136 Metern ist die Chefren-Pyramide. Die Mykerinos-Pyramide nimmt sich neben diesen beiden Riesen mit immerhin 66 Metern fast als Zwerg aus. Von der ehemals glatten Verkleidung dieser Giganten ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür sieht man die einzelnen riesigen Felsquader in ihren vollen Dimensionen, wie sie zum Bau verwendet wurden. Eine unglaubliche Leistung auch heute noch - geschweige denn vor tausenden von Jahren!

Unser Ziel war es nun, so schnell wie möglich zu einem Visum für Libyen zu kommen. Bekanntlich wartet man wochenlang auf dieses Visum nur um schliesslich zu hören, dass man es nicht erhält. Uns blieben in Ägypten noch 11 Tage und auf eine Verlängerung des Ägyptenvisums und der Autopapier hatten wir des ganzen Bürokrams wegen, den wir ja mittlerweile zu genüge kannten, überhaupt keine Lust. Barbara wäre eigentlich liebend gerne noch länger in Ägypten geblieben, Karsten hatte aber schon seit Asswan  die Nase voll von der arabischen Kultur. Überall hatte er das Gefühl, abgezockt und übers Ohr gehauen zu werden. Ägypten hat sich ganz auf die Touristen eingestellt - auch hinsichtlich des europäischen Preisniveaus. Touristen, die nur ein bis zwei Wochen im Land sind, haben verständlicherweise keine Ahnung von den realistischen Preisen und bezahlen ohne mit der Wimper zu zucken das zehnfache des realen Wertes, am liebsten gleich in Euro.  Natürlich sitzt ihnen bei einem solchen Kurzaufenthalt das Geld auch viel lockerer in der Tasche. Für uns bedeutete dies jeweils ewig lange, mühsamste Feilscherei um nur annähernd in vernünftige Preisregionen zu kommen. Ganz selbstverständlich wird auch überall gerade ein kleiner Bakschisch (Trinkgeld) in den Preis eingerechnet, ohne dafür die geringste Serviceleistung zu erbringen. An der Tankstelle wird beispielsweise der Tank so gefüllt, dass noch zwei bis drei Pfund zu einem runden Betrag fehlen. Herausgegeben wird auf den runden Betrag mit der Begründung, der Rest sei Bakschisch oder man habe kein Kleingeld. Wenn wir dann auf das Wechselgeld bestehen, schreien die Tankwarte häufig Zeter und Mordio nur um schliesslich nach zehnminütiger nervtötender Diskussion die paar Pfund doch noch heraus rücken zu müssen. Für Barbara überwiegten die schönen und angenehmen Seiten Ägyptens, aber Karsten ärgerte sich so über die Leute, dass er gerne möglichst schnell weiter gefahren wäre. Alles hing nun vom Libyen-Visum ab. Das Konsulat in Alexandria soll die Anträge recht speditiv handhaben, hatten wir von anderen Reisenden gehört. Alexandria, wir kommen!

Dahab, 28. August 2007

 

Sinai und Mittelmeerküste

Warten auf das Libyenvisum - über und Unterwasser im Sinai. Und es kommt nicht, kommt nicht, kommt nicht. Ja, das mit dem Libyenvisum ist so eine Geschichte. Als wir vor fast zwei Jahren zu Hause losfuhren, hiess es, das Libyenvisum gibt es allerhöchstens wenn man eine Einladung für Libyen vorweisen kann. Zudem stünden die Chancen am Besten, wenn man sich das Visum im Heimatland beschaffe, von unterwegs klappe es nie und nimmer. Unterwegs erfuhren wir, dass das Visum nun einfacher erhältlich sei, allerdings müsse man dazu die ganze Libyenreise über eine Agentur im Ausland buchen, die dann das Visum arrangiert. Aber nicht nur das Visum wird arrangiert sondern auch ein Guide, der die ganze Libyenreise mitmacht. Dies sei so Vorschrift. Damit wurde eine Libyendurchquerung schlagartig zur Geldfrage. Eine Woche Libyen mit Visum, Nummernschildern und Guide (ohne eigene Kosten wie Essen, Übernachtung, Diesel) beläuft sich auf schlanke 1000.- $! An der Ostküste trafen wir immer wieder Reisende, die sich mit der selben Problematik herumschlugen oder aber ihre Erfahrungen in Libyen bereits gemacht hatten. Emsig sammelten und tauschten wir Adressen aus von den preiswertesten Agenturen, allerdings im Wissen darum, dass viele dieser Agenturen Guides beschäftigen, die keine drei Worte englisch sprechen und nicht viel Ahnung von ihrem Land und dessen Strassennetz haben. Und dann erhielten wir von Rielle und Jeroen die Email-Adresse eines englischen Paares, das einige Monate zuvor auf dem Libyschen Konsulat in Alexandria das Visum problemlos erhalten hatte - innerhalb nur 5 Tagen, ein 30tägiges Visum, ohne Agentur und Guide! So wollten wir es auch probieren.

Am frühen Morgen also fuhren wir von Kairo nach Alexandria. Bevor wir allerdings das Konsulat fanden, kamen wir zu einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt. Alexandria hat ein ausgeklügeltes Einbahnstrassennetz, das den nicht ortskundigen Autofahrer bei Verpassen der richtigen Ausfahrt dazu zwingt, kreuz und quer durch die 5 Millionenstadt zu kurven. Gegen Mittag schliesslich doch noch angekommen, wurden wir auf dem Konsulat sehr freundlich empfangen. Leider war der einzig englisch sprechende Visa-Zuständige gerade in Libyen. Mit Händen und Füssen versuchten wir nun den anderen Angestellten unser Anliegen zu erklären. Irgend wann begriffen sie und wir erhielten zwei ganz simple Visa-Anträge zum Ausfüllen. 2 Passfotos abgeben und fertig. Man wollte keine weiteren Unterlagen von uns und gab uns auch die Pässe wieder zurück. Erst müsse man das Ok von Tripoli abwarten und dann könnten wir unsere Pässe zur Visa-Ausstellung bringen. In 2-3 Tagen werde die Antwort von Tripoli erwartet. Wir sollten dann Vorbeikommen oder anrufen. Und schon standen wir wieder draussen. Das ging ja zackig. Irgend wie kam es uns aber sehr suspekt vor, dass alles so einfach gehen sollte. Keine einzige Frage nach Reiseagentur oder Guide, Fortbewegungsmittel und Übernachtungsplätzen. Ausfüllen und fertig - wie auf jeder anderen Botschaft. Mal sehen, was daraus wird...

In Alexandria erblickten wir nach 20 Monaten reisen zum ersten Mal das Mittelmeer wieder. Eigentlich ein guter Grund zum Feiern. Diese geschichtsträchtige und mit viel südeuropäischem Flair ausgestattete Stadt mit einer endlos langen palmengesäumten Küstenpromenade lud auch nur so dazu ein. Zu dieser Jahreszeit allerdings gehört Alexandria ganz den Ägyptern. Die ganze Stadt und das Küstengebiet sind überschwemmt von Abkühlung suchenden vermögenden Einheimischen. Im Wasser drängen sich die Leute, in der Stadt wuselt und quirlt es. An den Stränden von Alexandria stehen die Sonnenschirme und Plastikstühle (nicht Liegestühle!) in unzähligen Reihen dicht gedrängt hinter einander. Unter den Schirmen drängen sich riesige Familien mit Kind und Kegel, wobei die Frauen vollständig bekleidet und teilweise verschleiert sind. Wenn überhaupt gehen sie auch so ins Wasser, während die Männer und Kinder in westlicher Manier Badehosen tragen. Gerne hätten wir uns noch die historischen Orte dieser berühmten Stadt angeschaut. Alexandria, von Alexander dem Grossen 331 vor Christus mit Kennerblick für günstige Städte- bzw. Hafenanlagen gegründet, war unter den Ptolemäern und Römern eine der attraktivsten Städte der Welt mit Palästen, Bädern, Tempeln und einer der grössten Bibliotheken der Welt. Das heutige Alexandria hat fast alles verloren, was im Altertum seinen Ruf ausmachte: Sei es der 180 Meter hohe, einst als eines der sieben Weltwunder apostrophierte Leuchtturm auf der Insel Pharos, sei es das Museion (eine Gelehrtenkolonie), oder die mit 900 000 Schriftrollen damals weltbekannte und grösste Bibliothek. Vor einigen Jahren wurde aber immerhin die neue Bibliothek von Alexandria, ein hypermoderner, eigenwilliger Bau, eröffnet. Leider bestätigte aber die hilfsbereite Touristeninformation unsere Befürchtungen: In ganz Alexandria und Umgebung gibt es keinen Campingplatz. Der nächste ist im 200 km entfernten Kairo, woher wir an diesem Morgen gekommen waren. Die ganze Küste ist so zugebaut, dass an ein Beachcamp nicht zu denken ist. Und einige Nächte auf einem stinkigen und lauten Hotelparkplatz zu verbringen - sofern wir überhaupt irgend wo geduldet worden wären - war auch keine Alternative. Also dann halt zurück nach Kairo.

Für diese Rückfahrt entschieden wir uns für eine andere Route und fuhren anstatt durch die Wüste dem Nildelta entlang südwärts - durch das Agrarzentrum Ägyptens. Getreide-, Gemüse- und Baumwollfelder reihen sich hier aneinander, einzig getrennt durch schwer beladene Dattelpalmen. Zum ersten Mal gelangten wir von Norden her nach Kairo und verpassten ohne Stadtplan und mit einzig arabisch beschrifteten Strassenschilder glattweg die Auffahrt auf die um die Stadt herumführende Ringstrasse. Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns mitten ins Gewühl der Grossstadt zu stürzen. Die Durchquerung Kairos kostete uns ganze zwei Stunden Zeit, verschiedene Falschfahrten und unbeschreiblich viel Nerven! Wie schön war es da, dass wir uns, endlich wieder zurück auf dem Campingplatz, gleich an den gedeckten Tisch der Südafrikaner setzten durften und ein feines Znacht serviert erhielten.

Da uns des Wochenendes wegen mindestens fünf Tage bis zum ersten telefonischen Nachfragen auf dem libyschen Konsulat blieben, flitzen wir kurz entschlossen für einige Badetage in den Sinai. Die 500 km über bestens ausgebaute Teerstrasse bis an die Sinai-Südspitze rissen wir in einem Tag runter. Erst glaubten wir an eine Fata Morgana, als wir unterwegs einige hundert Meter vor uns ein riesiges Schiff mitten durch die Wüste schippern sahen. Nein, keine Fata Morgana sondern ein handfestes "Wüstenschiff" unterwegs im Suezkanal. Vom Kanal selbst war allerdings nichts zusehen, da die schmale Wasserrinne mitten in der Wüste auf beiden Seiten von  hohen Sandhügeln begrenzt wird. Und nicht nur ein Schiff, nein, unzählige schwer beladene Frachter drängten sich in Einerkolonne durch den engen Durchstich vom Roten Meer ins Mittelmeer. Da der schleusenlose, 171 km lange Kanal nur an fünf Stellen für zweibahnigen Verkehr breit genug ist, werden die Frachter in Konvois von 20 bis 30 Schiffen durchgeschleust. Auf den zweibahnigen Strecken kreuzen sich die Konvois. Die Durchfahrt bei maximalen 14 Stundenkilometern dauert etwa 15 Stunden. Der Kanal wurde seit seiner Inbetriebnahme ständig verbreitert und vertieft. Von den ursprünglichen 52 Metern weisst er mittlerweile bis zu einer Breite von 300 Metern auf und die Tiefe liegt derzeit bei 19 Metern, soll aber bis 2010 auf 22 Meter erweitert werden. Damit werden etwa 90% der weltweit registrierten Tanker passieren können. Das liegt ganz im Interesse der ägyptischen Wirtschaft, kassiert doch die Kanalbehörde pro Schiff 70-80'000 $ für die Durchfahrt. Schiffbare Verbindungen zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer gehen historisch weit zurück. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus wurde ein erster Kanal begonnen. Dieser wie alle seine Nachfolger versandeten aber regelmässig nach einiger Zeit. 1859 wurde mit einem weiteren Kanalbau begonnen. 20'000 ägyptische Arbeiter schufteten zehn Jahre. Tausende von ihnen bezahlten den Bau wegen Cholera-Epidemie, Trinkwasserknappheit und katastrophaler Arbeitsbedingungen mit ihrem Leben. Nach Meisterung vieler technischer Probleme konnte die Wasserstrasse schliesslich 1869 eröffnet werden. Sie verkürzt den Seeweg von Nordeuropa nach Indien um gut einen Drittel. Der Suezkanal zählt zu den wichtigsten Kanal-Wasserstrassen der Welt. Dennoch stimmt es nachdenklich, dass die Weltwirtschaft während der israelischen Blockade durch versenkte Schiffe von 1967 bis 1975 ohne den Kanal auskommen musste und diese Krise ohne ernsthafte Probleme meisterte.
Für uns gab es einen Tunnel unter dem Kanal hindurch. Wir wagten bei der Durchfahrt nicht daran zudenken, was sich über unseren Köpfen gerade abspielt. Zum Glück ist der Tunnel kurz und schnell erblickten wir auf der anderen Seite wieder Tageslicht. Alles ging gut.

Es stellte sich uns jetzt nur die eminent wichtige Frage, ob wir überhaupt noch in Afrika waren oder ob wir uns geographisch mit der Unterquerung des Suezkanal nun bereits in Asien befanden. Durch das Auseinaderdriften der Afrikanischen und Arabischen Platte vor 20 bis 30 Millionen Jahren hatte sich die Sinai-Halbinsel in der Erdentstehungsgeschichte wie ein Keil zwischen Afrika und Asien geschoben. Auch heute noch driften die Platten um 1 bis 2 Zentimeter jährlich auseinander; das Rote Meer wird immer breiter. Es ist ein Teil des uns seit langem begleitenden Ostafrikanischen Grabenbruches, der sich vom Rift Valley über das Rote Meer bis in den Jordangraben zieht. Wir befanden uns also jetzt sozusagen im "Niemands-Kontinet" zwischen Afrika und Asien. Kein Wunder war diese Pufferzone zwischen den Kontinenten in ihrer Geschichte auch so häufig Zankapfel zwischen den Völkern. Der Sinai war Aufmarschgebiet der Pharaonen, Babylonier, Perser, Griechen, Römer und wie sie alle heissen. Auch Moses wanderte mit den Israeliten auf dem Weg ins Gelobte Land vermutlich über die Landbrücke Sinai von Afrika nach Asien. In der jüngsten Geschichte wurde der Sinai 1967 definitiv - nach den beiden vorhergegangenen Kriegen von 1948 und 1956 - von Israel besetzt bis 1973 ägyptische Soldaten Teile zurück eroberten. Ab 1980 wurde der Sinai stufenweise an Ägypten zurück gegeben. Damit war für uns klar, weshalb wir vor allem im Ostsinai auf so viele militärische Anlagen und Checkpoints trafen. Lebendige Erinnerung an die Geschichte.

Gewaltsam zog es uns ans Wasser. Unseren ersten Bade- und Schnorchelstopp legten wir am südlichsten Zipfel der Sinai-Halbinsel ein, im Nationalpark Ras Mohammed. Auf dem grossen, offiziellen Campingareal waren wir fast alleine und okkupierten gleich eine kleine Bucht mit schönem Sandstrand - alles nur für uns. Wahnsinn! Auch Mali war hellauf begeistert von dem grossen Sandkasten. Fünf Meter unserem Sandstrand vorgelagert hatten wir unser privates Schnorchelparadies. Das im relativ flachen Wasser beginnende  und später abfallende Riff bot uns bis auf die Grossfische die ganze  Unterwasserpalette des Roten Meeres. Aquarium-Feeling im glasklaren Wasser mit unzählige Korallenarten in allen Farben und wundervollen Fischen. Karsten lernte mit jedem Schnorchelgang mindestens eine neue Fischart kennen: Doktorfische mit den skallpellscharfen Seitenflossen, viereckige Kofferfische, die witzig gezeichneten Maskenkugelfische, den riesigen Napoleonfisch, die urtümlichen Igelfische, den hochgiftigen Skorpionfisch mit seinen fächer-federartigen Flossen, den nicht minder giftigen und gut getarnten Steinfisch, den elegant durchs Wasser segelnde Blaupunktrochen,  die immer paarweise auftretenden Wimpelfische, die bunt schillernden Papageienfische, den fast durchsichtigen, schmalen und langen Flötenfisch, die platte Seezunge mit ihren Stielaugen, die seltsam schwimmenden Calamares, die rote sich elegant im Wasser bewegende spanische Tänzerin, und, und, und. Wie immer am Strand schleppte Karsten auch tonnenweise Muscheln an. Auf ein grosses, wunderschön braun-weiss gezeichnetes Exemplar war er besonders stolz. Wie häufig in der Natur ist aber das besonders Schöne auch besonders gefährlich: die Textil-Muschel verspritzt im Umkreis von 10 Zentimetern ein sofort tötendes Gift. Barbara hatte Karsten schon mehrmals vor dieser Muschel gewarnt und wurde nur ausgelacht. Zum Glück war Karstens Textil-Muschel schon leer - das hätte böse enden können. Demgegenüber ist Karstens permanente Angst von einem Hai angegriffen zu werden geradezu eine Lachnummer.
Das einzige, was an unserem paradiesischen Strand fehlte, war ein richtiges Schattendach. Der heftige Wind zerlegte unser eigenes Sonnen-/Regendach einmal mehr in seine Einzelteile. Ohne Wind und mit Schattendach wären wir wohl heute noch in unserem kleinen Paradies. Recht unsanft wurden wir in die Realität zurück geholt, als wir an einem Vormittag einen Ausflug ausserhalb des Campingareals an einen anderen Strand machten. Busweise wurden die italienischen Pauschaltouristen aus dem nahen Sharm-el-Sheik herangekarrt und in riesigen Mengen direkt zum Schnorcheln am Wasser ausgespuckt. "Ragazzi, ragazzi! Andiamo insieme - aspetta mi, ragazzi ..." tönte es kreuz und quer durcheinander. Im Wasser sahen wir ausser den Flossen der Touris verständlicherweise kaum etwas. Es lebe der Massentourismus!

Das mondäne Fünf-Sterne-Bunker-Ferienort Sharm-el-Sheik liessen wir auf unserer Weiterfahrt entlang Sinais Ostküste Richtung Norden links bzw. rechts liegen. Eine andere Welt, in der wir nichts verloren hatten. Die Strasse führte uns ins bergige Inland. Im Süden der Sinai-Keilspitze ragen rotbraune schroffe, bis zu 2500 Meter hohe Berge von phantastisch-faszinierender Schönheit in den stahlblauen Himmel und fallen stellenweise senkrecht ins Meer ab. Je weiter nördlich umso breiter und flacher wird der Keil um schliesslich am Mittelmeer in einer von Dünen gekräuselter Sandebene auszulaufen. Erst in Dahab kamen wir wieder an den schmalen flachen Küstenstreifen und ans Meer zurück. Auch in Dahab hat der Massentourismus bereits Einzug gehalten, allerdings in einer etwas gemässigten Form. Nicht mondäne riesige Hotelbunker säumten den Strand, sondern zahlreiche kleine Camps und Hotels. Bei unserer Campingplatzsuche stellten wir allerdings schnell fest, dass "Camp" nicht gleichzusetzen ist mit Campingplatz. Doch nach einigem Suchen wurden wir fündig und hatten schliesslich den günstigsten offiziellen Übernachtungsplatz unseres gesamten Ägyptenaufenthalts. Es war zwar nur der eingezäunte Parkplatz einer kleinen Lodge, dafür aber mit sauberen Sanitäranlagen, einem gemütlichen Restaurant, einer Tauchschule und direktem Meerzugang. Zudem gerade neben dem Hotel gelegen, wo unsere Südafrikanischen Freunde abgestiegen waren. So verbrachten wir mit ihnen gemeinsam einige faule Tage an ihrem Hotelpool mit Blick auf das tiefblaue Meer. Dahab ist zum Baden nicht gerade der Renner, weil der ganze Küstenstreifen ein einziges lang gezogenes Riff ohne Sandstrand ist. Dafür aber natürlich das Tauch- und Schnorchelparadies. Barbara musste natürlich die beiden Hauptattraktionen Dahabs betauchen: Den Canyon und El Bels mit dem Blue Hole. Beides schön, aber weniger spektakulär als erwartet. Zumal das Blue Hole von italienischen Tagestouristen aus Sharm-el-Sheik nur so wimmelte. Ein Deja-vu der übelsten Sorte... Fast besser gefiel da Barbara der Abschlusstauchgang im Korallengarten. So wundervoll bunt und mit den unzähligen Korallenblöcken ein richtiger Irrgarten. Es ist eigentlich erstaunlich, dass man im Roten Meer überhaupt Korallen findet - und dann erst noch die weltweit schönsten - liegt das Rote Meer doch so weit nördlich des Äquators, dass die Wassertemperatur eigentlich viel zu tief sein müsste für ein Korallenwachstum. Aber ein paar glückliche Umstände führen dazu, dass die Wassertemperaturen nie unter 20 Grad sinken: Die stets von Norden blasenden Winde treiben das Oberflächenwasser nach Süden. An der nur 27 Kilometer breiten Schwelle zum Indischen Ozean wird es nach unten gedrückt und fliesst zurück nach Norden. Dort taucht es im Winter wieder auf, wenn die kalten Winde das Oberflächenwasser abkühlen. Weiter besitzt das Rote Meer ein felsiges Ufer mit nur ganz wenigen Zuflüssen, was nährstoffarmes, sehr klares Wasser zur Folge hat; eine weitere Überlebensbedingung für Korallen.

Täglich telefonierten wir nun mit dem Konsulat in Alexandria. Die versprochenen 2-3 Tage waren schon lange vorbei. Trotzdem: "Nein, kein Fax heute mit der Zustimmung von Tripoli" und wir wurden täglich auf den nächsten Tag vertröstet - leider in so schlechtem Englisch, dass telefonisch keine weiteren Nachfragen möglich waren. Die Warterei wäre nicht weiter schlimm gewesen. Auch wenn Barbara Dahab doch etwas zu touristisch fand, waren die abendlichen Spaziergänge entlang der Promenade und die gemütlichen Abendessen auf ägyptische Art am Boden in weichen Kissen sitzend schön. Aber uns lief mittlerweile die Zeit davon. Unser Ägyptenvisum und vor allem die ägyptischen Autopapiere liefen in wenigen Tagen ab. Eine Entscheidung drängte sich auf: entweder Verlängern trotz mühsamster Bürokratie, oder aber - ja was? Eigentlich hatten wir gar keine richtige Alternative. Deshalb fuhren wir schliesslich ein Stück weiter nordwärts nach Nuweiba mit dem grossen Fährhafen nach Jordanien und Saudi Arabien. Hier sollte eine Verlängerung doch sicher möglich sein - dachten wir. Ein weiterer fünfstündiger Behördemarathon begann. Je mehr Stellen involviert sind, desto weniger weiss die eine Hand, was die andere tut. Die Autopapiere könnten nur am Ausstellungsort (also in Asswan) oder in Kairo (wo wir jetzt nun bestimmt nicht hin wollten) verlängert werden, liess die Zollbehörde uns wissen. Da half auch Barbaras insistieren nichts. Erst als sie dank glücklicher Fügung mit dem obersten Chef sprechen konnte, war er bereit, für uns eine Ausnahme zu machen und die Autozulassung zu verlängern - jedoch nur, wenn uns die Immigration vorgängig das Visum verlängern würde. Nach etwa 15 Anläufen erhielten wir bei der Immigration endlich eine kompetente Auskunft: Eine Visumsverlängerung sei im jetzigen Zeitpunkt weder nötig noch möglich, da jedes Visum eine zweiwöchige Toleranzfrist nach Ablauf beinhalte. Verlängern könnten wir erst in zwei Wochen. Mit dieser Auskunft marschierte Barbara wieder zurück zum Chef der Zollbehörde. Ein ewig langes Palaver, Hin und Her und etliche Telefonanrufe später war er grosszügiger Weise bereit, eine weiter Ausnahme zu machen und uns ohne Visaverlängerung die Autopapiere um sieben Tage zu verlängern. Netterweise verzichtete er darauf, von uns nochmals einen Teilbetrag der Raodtax einzufordern. Nun hiess es aber, die ganzen Behördengänge wie in Asswan erneut zu durchlaufen. Wenigstens waren hier alle Büros auf dem Zollgelände vereint. Es gab sogar Angestellte der Touristenpolizei, die die nicht arabisch sprechenden Touristen durch die Bürokratie lotsten. Unendlich viel später und 160 Pfund (in Asswan waren es 71 Pfund!) ärmer, waren wir stolze Besitzer neuer Nummernschilder und einer neuen Fahrerlaubnis - alles allerdings gültig nur für sieben Tage. Wir hofften jetzt inständig, dass wir bis dahin endlich unsere Libyenvisa erhalten würden. Sonst kämen wir nicht um eine Verlängerung in Kairo herum.

Obwohl nicht viel weiter nördlich als Dahab, blieb Nuweiba bisher vom europäischen Massentourismus verschont. Kleine, familiäre Hotel und Bungalow-Camps stehen locker verstreut entlang der sandigen Küste. Auch hier gibts ein tolles Korallenriff zum Schnorcheln, das allerdings nicht direkt am Strand sondern ein Stück weiter draussen liegt. Mit Faulenzen unter dem Sonnendach des Strandhäuschens, lesen, im Liegestuhl über das Leben nachsinnieren und mit schnorcheln verbrachten wir unsere nächsten Wartetage - und natürlich mit den ergebnislosen täglichen Telefonanrufen auf dem Konsulat. Wie schon in Dahab sorgten auch hier viele "Strandhunde" für Unterhaltung für Mali. Und dann endlich, nach ganzen 12 Tagen kam das Ok fürs Libyenvisum doch noch. Wer hätte das gedacht! Da nun aber schon mal die Verlängerung eingeholt, entschieden wir uns dafür, auch die vollen zugestandenen sieben Tage auszunutzen. Eine eindrückliche Fahrt durch enge und steile Schluchten gefolgt von einem kurzen Spaziergang durch brütende Hitze brachte uns in den Coloured Canyon. Die Gebirgszüge des Sinai sind durch das Auseinanderdriften der Afrikanischen und Arabischen Platte und damit zusammenhängenden tektonischen Verschiebungen und Brüchen vor Jahrmillionen entstanden. Viele fast geradlinig verlaufende Täler zeigen die Bruchrichtung an; schmale, wie mit dem Lineal gezogene Lavagänge legen manchmal kilometerlange Linien über Berg und Tal. Des hohen geologischen Alters der Gebirgszüge wegen, konnte die Erosion die ursprünglichen Deckschichten der Gesteine nahezu vollständig abtragen. Kristallines Gestein wie Granit, Gneis und Schiefer prägen das Bild, das ständig in Farbvariationen von rot, rosarot, purpur und schwarz wechselt; durchkreuzt von schwarzen bis dunkelgrünen Lavaadern eingelassen im sandfarbenen Untergrund. Die absolute Perfektion dieser Erosionsarbeit konnten wir im Coloured Canyon bewundern. Senkrechte, in allen Rotschattierungen leuchtende Felswände verengen sich zu einer schulterbreiten Schlucht, an deren Wänden die Erosion nahezu expressionistische Gemälde schuf. Häufig hält man die fein geschwungenen Linien für Pinselstriche begabter Künstler - kaum zu glauben, dass hier die Natur am Werk war. Wir spazierten durch den imposanten Canyon, bald aber versperrte uns nach den ersten beiden Klettereinlagen eine weitere Steinstufe das Weiterkommen. Da der Canyon von hier an sowieso nur noch breiter wurde, kehrten wir wieder um und wurden zurück beim Auto freudig von Mali begrüsst. In dieser Jahreszeit ist der Wüstenboden für Malis Pfoten tagsüber viel zu heiss, so dass wir sie bei solchen Anlässen lieber für kurze Zeit im einigermassen kühlen Auto lassen.

Die Rückfahrt nach Kairo führte uns durch die eindrückliche goldbraune und bergige Wüste des Sinai-Inneren. Beim bekannten Katherinenkloster legten wir einen Zwischenhalt ein um das historische Gebäude zu mindest von aussen her zu bewundern. Das Kloster beherrscht wie eine Festung ein enges Tal mitten in der Wüste am Fuss des Mosesberg. Am heiligste Ort des Klosters steht ein Alter über den Wurzeln des Busches, der als Brennender Dornbusch in die Bibel Geschichte machte. Dieser Busch wächst übrigens nur ein einziges Mal auf dem Sinai; alle Versuche, ihn auch an anderen Stellen zu ziehen schlugen angeblich fehl. Über dem Katherinenkloster thront der Mosesberg, wo Moses die zehn Gebote erhalten haben soll.

Bei unserem kurzen Übernachtungsstopp in Kairo trafen wir unsere südafrikanischen Freunde wieder. Sie waren früher vom Sinai nach Kairo gefahren, um hier die Verlängerung der Papiere zu erledigen - jedoch erfolglos. Für die schon in Asswan vorgenommene Inspektion des Fahrzeugs hätten sie die frisch aufgefüllten Gasflaschen und sämtliche Diesel-Reservekanister leeren müssen, angeblich aus Sicherheitsgründen (für das Abrubbeln der Chassis- und Motorennummer???). Zudem wollte der Beamte ihnen eine Strafe von über 500 Pfund aufbrummen, weil sie nicht nahtlos verlängert hatten. Deshalb verzichteten sie ganz und gar auf diese Verlängerung und riskierten die Ausreise aus Ägypten ohne gültige Papiere - eine gute Entscheidung wie sich zeigen sollte: Bei der Ausreise zahlten sie gerade mal 71 Pfund Strafe für die unterlassene Verlängerung. Die Südafrikaner hatten gleichzeitig wie wir das Libyenvisum beantragt, allerdings in Kairo mit komplizierter Prozedur. Auch sie hatten mittlerweile das Ok für die Visa erhalten, mussten für die Ausstellung aber ihre Pässe für zwei Tage auf der Botschaft deponieren. In Alexandria sollte die Ausstellung am selben Tag innerhalb 1-2 Stunden erfolgen, wurde uns versprochen. Wir fuhren also wieder einmal am frühen Morgen nach Alexandria aufs Konsulat, damit wir mit den ausgestellten Visa in den Pässen gleichentags noch ein Stück Richtung Grenze fahren konnten. Wir wollten gerne am nächsten Tag, einem Donnerstag, die Grenze überqueren, nachdem wir in Asswan ja gelernt hatten, dass an einem Freitag rein gar nichts geht. So der Plan - anders die Realität. Als wir nach zwei Stunden Einkaufvergnügen in der riesigen Shoppingmall ins Konsulat zurück kamen, erklärte uns der zuständige Beamte händeringend unter tausend Entschuldigungen, dass es ein Problem gäbe. Barbaras schlechtes Gefühl an diesem Morgen war also nicht um sonst. Es war uns schon sehr seltsam vorgekommen, dass wir bei unserer Ankunft gleich nochmals das selbe Antragsformular ausfüllen und zwei Fotos abgeben mussten wie vor zwei Wochen. Aber immerhin hatten sie nun unsere Pässe behalten und bezahlen durften wir auch. Wo lag nun das Problem? Ganz simpel aber deshalb nicht weniger ärgerlich: Das Konsulat hatte nur noch gerade einen einzigen Visumsaufkleber. Trotz herzerweichendem Betteln von Barbara war man nicht bereit, anstelle des fehlenden Klebers einen Visumsstempel in den Pass zu machen. Die Stempel seien nicht mehr gültig und würden uns bei der Einreise nur Probleme geben. Wir könnten entweder bis Sonntag (heute war Mittwoch!) auf den angeforderten Nachschub von der Botschaft in Kairo warten oder aber selber nach Kairo fahren (wo wir gerade herkamen!) und dort das Visum machen lassen. Frustrierend - und das alles nach der langen Wartezeit! Barbara liess als letztes Druckmittel reichlich Tränen fliessen, mit gar nicht schlechtem Erfolg. Das Konsulat schickte schliesslich sofort einen Wagen los nach Kairo um die Visakleber zu holen. Uns wurde versprochen, dass wir allerspätestens am nächsten Tag um zehn Uhr unsere Visa abholen könnten. Uns wurde auch versichert, dass eine Grenzüberquerung am Freitag überhaupt kein Problem sei. An dieser Grenze werde täglich rund um die Uhr gearbeitet.

Ein Problem blieb uns allerdings: Wir hatten nach wie vor keine Übernachtungsmöglichkeit in und um Alexandria. Kurz entschlossen stellten wir uns einfach in die hinterste Ecke des riesigen Parkplatzes der Shoppingmall, in der Hoffnung, dass wir nachts nicht von dort vertrieben würden. Den ganzen Nachmittag tummelten wir uns mangels einer anderen Beschäftigung abwechslungsweise im Einkaufsparadies. Etwas, das wir seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatten, das aber zumindest Barbara auch in keiner Weise vermisst hatte! Aber natürlich war es nicht erlaubt auf dem Parkplatz zu übernachten. Wir mussten erst mitten in der Nacht beim Management einen offiziellen Antrag stellen. Immerhin wurde er sofort bewilligt, einzig mit der Auflage, dass wir vom Parkplatzrand neben den Haupteingang umziehen, wo der Nachtwächter für unsere Sicherheit sorgen konnte. Gut und schön, nur war die Shoppingmall mit allen Verkaufsläden bis morgens früh um zwei Uhr geöffnet und die einheimische Bevölkerung machte mit Kind und Kegel regen Gebrauch vom Mitternachtsshopping. Alle mussten mit ihren quengelnden Gören und quietschenden Einkaufswagen an unserem Auto vorbei. Das und das gleissende Flutlicht wären schon genug gewesen um uns am Schlaf zu hindern. Zu allem Übel aber standen wir offenbar genau in der Anflugsschneise des Flughafens. Stündlich (jeweils immer wenn wir endlich wieder eingenickt waren) donnerten riesige Maschinen nur gerade 50 Meter über unsere Köpfe - die ganze Nacht über. Müder als am Abend zuvor ins Bett krochen wir schliesslich am Morgen wieder aus dem Bett.

Pünktlich um zehn standen wir beim Konsulat auf der Matte: "wait one minute!" hiess es - daraus wurde one hour. Dann aber ging es vorwärts. Kurze Zeit später konnten wir unsere 10tägigen Libyenvisa endlich in den Händen halten. Gekostet haben sie uns 12.- $, zwei Wochen Zeit und unendlich viel Nerven. Aber jetzt durften wir wie geplant auf eigene Faust durch Libyen reisen; kein Guide - 1000.-$ gespart für die nächste Reise! 

Entlang der Mittelmeerküste kamen wir zügig vorwärts Richtung Westen, vorbei an unzähligen Siedlungen mit leeren Ferienwohnungen und gigantischen verlassen wirkenden Resorts. Ein schmaler Küstenstreifen ist hier wo bewohnt auch begrünt, unmittelbar dahinter beginnt die Wüste. In Marsa Matrouh, dem mondänen Ferienort der Ägypter, hätten wir zwar auf einem Hotelparkplatz übernachten dürften, hätten das zweifelhafte Vergnügen aber mit 20.- $ berappen sollen. Nein danke, nicht schon wieder eine laute Nacht und auch noch für teures Geld. Da zogen wir den 100 Kilometer entfernten ungemütlichen aber ruhigen und kostenlosen Autobahnrastplatz vor, auch wenn wir mitten in der Nacht Besuch erhielten von der Polizei - was allerdings nur Karsten und Mali mitbekamen. Ein etwas ungewöhnliches Bushcamp, aber es liess sich in der topfebenen Landschaft einfach kein anderer Platz finden.

Am frühen Morgen schon standen wir zusammen mit den Südafrikanern an der ägyptisch-libyschen Grenze. Auch hier erwartete uns ein dichter Bürokratiedschungel, bevor wir endlich unsere Nummernschilder abgeben und den Pass ausstempeln durften. Immerhin hatten wir auch hier wie schon in Nuweiba Unterstützung von einem englischsprachigen Angestellten der Tourist Police und alles verlief zeitaufwendig aber problemlos.

Masalama Ägypten - für Barbara ganz bestimmt "auf Wiedersehen", für Karsten wohl auf "Nimmerwiedersehen" !

Tripoli, 5. September 2007