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Äthiopien
26.6. - 7.7.2007
You, you, you! - so begrüsste, begeleitete und
verabschiedete uns Äthiopien. Zwölf interessante aber anstrengende Tag in diesem
Land. Äthiopien geht unter die Haut - wenn vielleicht auch nicht bei allen aus
den selben Gründen.
Äthiopien ist in vieler Hinsicht anders als die
meisten afrikanischen Länder, teilweise sogar einzigartig:
Völlig korrekt wirbt
Äthiopien mit dem Slogan: "13 months of sunshine". Äthiopien folgt dem
julianischen Kalender, der von Julius Cäsar 46 v.Chr. eingeführt worden war. In
Europa wurde der julianische Kalender durch die gregorianische Kalenderreform
unter Papst Gregor XXII 1582 abgelöst. Der julianische Kalender galt schon im
alten Ägypten und hat 12 Monate an 30 Tagen und einen Monat an 5-6 Tagen (je
nach Schaltjahr). Aufgrund der unterschiedlichen Berechnung der Weltschöpfung
und damit der Geburt Christi lieg die äthiopische Jahreszählung hinter der
europäischen zurück - sieben oder acht Jahre, je nach dem ob das äthiopische
Neujahr am 11. September bereits stattgefunden hat. Das führte dazu, dass wir
Eintrittstickets erhielten mit dem Datum 1999. Auch die Zeitrechnung ist eine
andere: der Tag beginnt bei Sonnenaufgang mit der Stunde 0 (6 Uhr europäische
Zeit) und dauert 12 Stunden. Die Nacht hat ebenfalls 12 Stunden und beginnt um
18 Uhr europäische Zeit. 09.00 Uhr europäischer Zeit ist also 3 Uhr äthiopischer
Zeit. Kein Wunder waren wir zu Beginn recht verwirrt, als wir uns nach der
Öffnungszeiten der Banken erkundigten und zur Antwort erhielten, die Bank mache
am nächsten Morgen um 2 Uhr auf ...
Äthiopien erstreckt sich auf einer Höhe von -125 Metern bis 4620 Meter, wobei
ein grosser Teil des Landes weit über 2000 Metern liegt. Mit einer Fläche von
1'097'000 km2 ist Äthiopien gut dreimal so gross wie Deutschland. Die
Landessprache ist amharisch - für unsere Ohren ein Kauderwelsch, das wir auch in
geschriebener Form nicht entziffern konnten. Die amharische Schrift sieht mit
ihren schön geschwungenen und mit Schnörkeln verzierten Buchstaben toll
aus, hätte für uns aber ebenso gut chinesisch sein können. Um das ganze zu
erschweren, ist englisch nicht gerade weit verbreitet.
Äthiopien ist das einzige Land in Afrika, das nie einen Kolonialherren besass.
Bei der Aufteilung Afrikas 1890 unter den europäischen Kolonialmächten gelang es
dem damaligen äthiopischen Kaiser Menelik II riesige Gebiete, insbesondere im
Hochland für sich zu beanspruchen. Er erkannte dafür die Küsten (heutiges
Eritrea, Somalien und Djibouti) den Kolonialmächten zu. Nach dem ersten
Weltkrieg verstärkte allerdings Italien sein Engagement in seinen Kolonien
Eritrea und südliches Somalien und streckte die Hände nach dem äthiopischen
Hochland aus. 1935 marschierte das faschistische Italien in Äthiopien ein und
besetzte es fünf Jahre lang. Aus diesem Grund wohl sind Spaghettii und
italienische Restaurants im Land weit verbreitet, ist in den Supermärkten in
Addis Parmesan und Colomba zu finden, werden die Ausländer "farengi" genannt und
betteln die Kinder um "caramelle". Hingegen kommt man mit italienisch etwa
gleich wenig weit wie mit englisch.
In Äthiopien gab es für uns seit langem zum ersten Mal wieder Kulturgüter -
sprich gut erhaltene alte Steine - zu besichtigen, die auf eine blühende
Hochkultur um 1700 schliessen lassen. Wahnsinn, was die Leute damals schon alles
zu Stande brachten! Wieso nur klappt dies heute nicht mehr?
Nirgendwo sonst in Afrika wurden wir mit so vielen Hinweisen über internationale
Hilfe bombardiert. Projekt hier, Unterstützung da und Hilfe überall - auch wo
sie nicht nötig ist. Hilfsgüter lagen säckeweise rum.
Hier sahen nun auch die Leute entschieden anders aus. Der arabische Einfluss ist
stark spürbar. Viele Leute sind feingliederig, haben fein geschnittene
Gesichtszüge und eine mittel- bis hellbraune Hautfarbe. Schöne Menschen!
Speziell im Südwesten des Landes leben aber auch noch sehr traditionsbewusste
Stämme, die sich mit Fellen, Tüchern und bunten Perlenschnüren kleiden und ein
sehr einfaches Leben führen. Ganz anders, als wir es uns aus Europa und dem
restlichen Afrika gewohnt sind, ist das Distanzgefühl der Äthiopier. Den für uns
natürlichen Abstand gegenüber Personen, die wir nicht kennen gibt es hier nicht.
Die Leute kommen einem beim Sprechen sehr nahe, drücken ihre Gesichter
hemmungslos an der Fensterscheibe platt, lassen einem kaum aus dem Auto aus und
wieder einstiegen, weil sie so dicht an der Karosse kleben und scheuen engsten
Körperkontakt mit Fremden in keinster Weise. Für uns drei häufig schwierig und
unangenehm!
Ganz im Südwesten Äthiopiens reisten wir ein,
ideal um die verschiedenen Stämme zu besuchen. Vorher mussten wir aber noch 40
km Umweg fahren um unsere Pässe in Omorate mit einem Einreisestempel
versehen zu lassen. Einen Zoll für unsere Carnet gab es da allerdings nicht. Das
könnten wir später in Arba Minch oder Addis machen, hiess es. Am Mittag
erreichten wir das kleine Nest Turmi. Hier hofften wir, Dollarcash wechseln zu
können, mussten dafür aber in ein Restaurant, etwas zu Mittag essen und
schliesslich mit dem Manager herumdiskutieren. Er wechselte zwar zu einem
akzeptablen Kurs, beharrte aber nach Abschluss des Geschäfts auf einer saftigen
Provision. Da gaben wir unsere Dollar lieber einem Strassenjungen mit, der sie
uns in einem kleinen Supermarkt am anderen Ende des Dorfs wechselte wollte.
Unsere Reisefreunde waren entsetzt darüber, dass wir dem Jungen unsere 30 Dollar
einfach so anvertraut hatten. "Den seht ihr bestimmt nie wieder", mussten wir
uns anhören. Aber wir hatten bisher in Afrika nur gute Erfahrungen gemacht. Die
Leute sind ehrlich und stolz auf das Vertrauen, das sie erhalten und
missbrauchen es nicht. So kam auch unser "fliegender Geldwechsler" nach gut
einer halben Stunde verschwitzt und keuchend zurück mit unseren Birr
(äthiopische Währung). Im Gegensatz zum faulen aber gewinnsüchtigen Manager
hatte sich dieser Junge eine kleine Provision wirklich verdient.
Wir wollten gerne den einen oder anderen
Wochenmarkt in diesem Landesteil besuchen in der Hoffnung, dort Vertreter der
verschiedenen traditionellen Stämme zu treffen. Wir verabschiedeten uns von den
Südafrikanern. Sie hatten genug von den kleinen Holperpisten und wollten schon
vorfahren Richtung Addis. Zum Abschied musste Barbara noch zum letzten Mal
Ericas dick angeschwollenen Finger mit dem dunkelblau verfärbten Fingernagel
bearbeiten. Der südafrikanische Landy war auf einem grossen Stein aufgehockt und
beim Steineräumen hatte sich Erica ihren Finger heftig eingeklemmt. Barbara
musste ihren Vorschlag, den Fingernagel mit einer Nadel aufzustechen um den
Druck des gestauten Blutes abzulassen am selben Tag gleich in Tat um setzten.
Täglich wiederholten wir dann die Prozedur um die Schmerzen für Erica
erträglich zu halten.
Mit nur zwei Autos gings nun zügig vorwärts über
kleine Buschpisten und durch hässliche Schlammlöcher aber durch wunderbare Natur
in die Provinzhauptstadt Jinka. Enttäuscht mussten wir feststellen, dass keines
der anvisierten Restaurants offen hatte und wir einmal mehr selber kochen
mussten. Auch mit dem Handyempfang war es in Jinka nicht weit her. Holländischem
Satellitentelefon sei dank, konnten wir uns aber trotzdem darüber versichern,
dass Barbaras Mamis Gesundheitszustand stabil war und Peter konnte nach einer
Telefonkonferenz mit seinem Arzt mit der Antibiotikakur beginnen. Vor einigen
Tagen war ihm beim Kochen heisses Wasser auf den Fuss gespritzt und hatte eine
grosse Brandblase hinterlassen, die sich mittlerweile entzündet hatte.
Jinka ist der Ausgangspunkt für Fahrten in den Mago Nationalpark, der vor allem
berühmt ist wegen dem Stamm der Mursi. Die Mursifrauen
schmücken sich, in dem sie immer grösser Tonscheiben in die Unterlippe klemmen,
bis diese so weit gedehnt ist, dass eine Scheibe mit 15 cm Durchmesser Platz hat.
Unglaublich! Zum Essen müssen diese Tonscheiben jeweils entfernt werden, weshalb
Männer und Frauen auch getrennt essen. Natürlich hätten wir uns diese
Tellerlippenfrauen auch gerne angeschaut, wurden aber von einem gewissen "Zoo-Feeling"
abgeschreckt. Zudem hatten wir von anderen Touristen gehört, dass die Atmosphäre in
diesem Mursidorf nicht gerade angenehm war. Sehr unfreundlich und aggressiv
hätten die Mursi Geld gefordert. Klar, für Fotos muss an solchen Orten bezahlt
werden,
aber auch dann ist es immer noch eine Frage des Wie und Wieviel. Und dazu hätten
wir auch noch einen bewaffneten Ranger und einen Führer im Auto mitnehmen
müssen. Da kam es uns äusserst gelegen, dass der junge Nachtwächter auf unserem
Camping anbot uns in ein Mursidorf ausserhalb des Parks direkt auf unserer
weiteren Fahrstrecke zu bringen. Es sei das Dorf seines Onkels. Wir verabredeten
uns mit dem Jungen auf den nächsten Morgen auf 10 Uhr 30. Es ginge nicht früher,
er müsse noch einen Abschlusstest schreiben in der Schule. Dafür hatten wir
natürlich Verständnis, auch wenn wir gerne früher losgefahren wären. Als der
Junge am nächsten Morgen kurz vor 11 Uhr erschien, wollte er uns auf 12 Uhr
vertrösten. Wir erinnerten ihn an die Abmachung vom Vortag. Ohne einen Anflug
schlechten Gewissens und in einer unglaublichen Selbstverständlichkeit erklärte
er uns, dass dies eben gestern gewesen sei. Heute sei ein neuer Tag - da
sehe alles wieder anders aus. Ja, genau das ist das Leben in Afrika - jetzt ist
jetzt, heute ist heute und morgen ist ein neuer Tag und alles ist anders. Aus
unserer Mursi-Tour wurde leider nichts. Wir hatten an diesem Tag noch einige
Fahrstunden vor uns und wollten unterwegs noch zwei Märkte besuchen. Wir standen
zudem unter einem gewissen Zeitdruck, da uns für Äthiopien nur noch genau 10
Tage blieben vor der Einreise in den Sudan. Wir wollten noch einiges sehen.
Der Wochenmarkt in Kayafer war ein Highlight für
die Sinne. So farbenfroh und ursprünglich, von hunderten Gerüchen durchzogen (auch wenn der typisch säuerliche Fell-Tier-Fett-Ungewaschen-Geruch dominierte)
unzählige Naturprodukte zu bewundern und zu betasten. In dieser Region
dominieren Angehörige des Stammes der Hamer. Die Männer sind bis auf einen
Lendenschurz nackt. Dafür zieren unzählige Schmuckbänder aus meist blauen und
roten Glasperlen ihre Waden, Arme und Oberkörper. Häufig sind die Haare von der
Stirne her bis Mitte Schädel geschoren. Die Frauen tragen drei unterschiedliche
Lederschurze. Der Oberkörper wird bedeckt von einem mit Muscheln verzierten
Felldreieck. Von der Hüfte über den Hintern bis auf Kniehöhe hängt ein mit
bunten Glasperlen besticktes Lederdreieck. Das Pendant dazu auf der Vorderseite
besteht wieder aus muschelverziertem Fell. Zudem tragen auch die Frauen
Glasperlenschmuck.
Als
besonderes Ehrenzeichen ziert eine schwere Metallkette mit einem Revolvermagazin
ähnlichen Gegenstand als Anhänger den Hals der 1. Ehefrauen. Sobald eine Frau
verheiratet ist, lässt sie ihre Haare wachsen und dreht sie zu hunderten ganz
feinen Zöpfchen.
Als
Kopfbedeckung führen die Frauen ausgehöhlte Kürbishälften spazieren. Jede Frau
trägt weiter einen ausgehöhlten, getrockneten und bemalten Kürbis an einem
Lederband, Bändel oder einer Reissverschlusshälfte über die Schulter als
Handtasche. Darin finden Geld und die kleinen Einkäufe und Esswaren Platz. Und
das Schönste am Ganzen: Es ist keine Show für die Touristen, sondern es wimmelt
einfach von hunderten traditionell gekleideten Stammesleuten, die hier ihren
Einkäufen nachgehen. Weil es auf dem Markt auch diese Fell- und Lederbekleidung
zu kaufen gab, geriet Barbara in einen regelrechten Kaufrausch. Sie ergatterte
zwei solche Umhängeschurze und hätte sie problemlos auf dem weiteren Bummel über
den Markt weiterverkaufen können. Schliesslich beschwatzte sie noch ein junges
Mädchen ihr ihre Kürbishandtasche zu verkaufen. So, jetzt kann zu Hause das
Kostümfest losgehen. Erst als wir unsere Schätze im Auto verstaut hatten,
merkten wir, wie sehr sie nach "Afrika" rochen - zu unserem Leid aber ganz zur
Freude Malis. Mittlerweile haben wir unsere Errungenschaften in die Kiste auf
dem Dach verbannt.
Die Weiterfahrt Richtung Osten führte uns durch
eine atemberaubende grüne Berglandschaft. Hohe Berge, tiefe Täler, saftig
grüne üppige Tropenvegetation, vereinzelte kleine Rundhütten und als
Gratiszugabe ein intensiver Regenbogen, der den ganzen Himmel überspannte - alles auf einer Höhe von rund 2000 Metern.
Fantastisch - genau so wie Barbara sich an die Bilder von Äthiopien
erinnern konnte. Schnell fanden wir heraus, dass Karsten ganz andere Bilder mit
Äthiopien verband: ausgemergelte Leute, aufgeblähte Hungerbäuche, Trockenheit,
Wüste und grenzenlose Armut. Mit solchen Bilder wurde vor Jahren um
Hilfeleistungen aus dem Ausland gebettelt. Wir sahen kein einziges solches Bild
in der Realität! Die Leute sind zwar unbestritten arm und sehr dürftig
gekleidet, aber für unser Empfinden nicht ärmer als in anderen afrikanischen
Ländern. Sie wissen sich sehr gut zu helfen und das optimale aus ihrem Boden
herauszuholen. Uns war schleierhaft, wozu die hunderten prallgefüllten Säcke von USAid dienen sollten, die ausserhalb eines Dorfes auf die Verteilung warteten.
Uns kam es vor, als würde Äthiopien auch heute noch von Hilfsgütern
überschwemmt, die gar nicht benötigt werden. Da spielte wohl das westliche
Phänomen der Gewissensberuhigung durch Spende eine gewichtige Rolle. Es erstaunt
nicht, dass ein solches Verhalten zu einer gewissen Erwartungshaltung bei der
lokalen Bevölkerung führt sobald ein weisses Gesicht auftaucht. Nicht nur Kinder
sondern auch Erwachsene standen am Strassenrand und brüllten uns entgegen: "You,
you you - give me, give me, give me!" Dazu zogen sie ihre T-Shirts hoch,
streckten ihre Bäuche heraus, deuteten mit der Hand darauf und setzten eine
mitleidserregende Miene auf - während sie schnell die andere Hand mit dem
angeknabberten Maiskolben hinter dem Rücken verschwinden oder das Essen ganz und
gar einfach auf den Boden fallen liessen. Da haben wohl die internationalen
Hilfsgüter nicht gerade die beste Wirkung erzielt. Die Kinder schrieen uns
häufig nach: "give me highland, highland, give me, highland!" und rannten über x
Meter neben unserem Auto her. Sie hatten die leeren Wasserflaschen der Marke
Highland im Visier. Am Mineralwasser selber sind sie nicht interessiert - Wasser
gibt es schliesslich genug. Dies stellten unsere belgischen Freunde Brit und
Lieven fest, als sie einem Mädchen in gutem Glauben eine halbvolle Flasche
Highland-Mineralwasser schenkten und dieses ohne mit der Wimper zu zucken in
einer arroganten Bewegung vor den Augen der Belgier das Wasser ausleerte und mit
der leeren Flasche davon stolzierte. Da wir weder Kindern noch Erwachsenen etwas
gaben, wurde schon ab und zu mal rasch ein Stein aufgehoben um unserem Auto
nachzuwerfen. Karstens böser Blick aus dem Fenster genügte aber immer, die
Übeltäter schleunigst von ihrem Vorhaben abzubringen. Manchmal wäre es
wirklich einfacher gewesen, irgend etwas zu verschenken nur um Ruhe zu haben.
Das ging nun aber mit unseren Prinzipien, diese Bettelei nicht weitere
anzukurbeln ganz und gar nicht einher. Auf unserer Reise haben wir auch immer
wieder Beispiele vor Augen geführt erhalten, wo Hilfswerke oder einzelne
Personen aus dem Westen für die lokale Bevölkerung Infrastruktur wie Spitäler,
Schulen oder Bewässerungssysteme aufgebaut und Gebrauchsgegenstände wie
Maschinen und Gerätschaften zur Verfügung gestellt hatten, was alles allerdings nur
solange funktionierte, wie die Geber auch vor Ort waren und alles in Stand
hielten. Mit der Übergabe an die lokale Bevölkerung waren die Errungenschaften
dem Verfall Preis gegeben. Es scheint, dass in Afrika kaum etwas Wert und
Bestand hat, das die Bevölkerung nicht aus eigenem Antrieb und mit eigener Kraft
ihrer Kultur und dem Wissensstand entsprechend selber geschaffen sondern einfach
als
Geschenk erhalten hat. Da kann man schon über den Sinn und Unsinn
internationaler Hilfeleistung ins Grübeln kommen! Die Overlander Tanja und Kim
aus Deutschland ( www.hinter-dem-horizont.net ) haben am Beispiel Äthiopien
genau zu diesem Thema einen interessanten Artikel verfasst. Ihre Text
fasst unsere Gedanken in Worte
und bestätigen unsere Erfahrungen in Afrika. Einfachheitshalber stellen wir hier ihren Artikel als Download zur Verfügung und
verzichten auf eigene Ausführungen. Wir sind uns allerdings bewusst, dass die
vertretenen Ansichten zu Hause vielerorts auf Unverständnis stossen werden - das
wäre uns wohl eben so ergangen, hätten wir die Erfahrungen nicht selber gemacht.
Hier also der Artikel als gedanklicher Anstoss: Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?
Die Konsequenz für uns ist, dass wir nur noch
für Projekte spenden werden, die wir persönlich kennen oder zu welchen wir einen
direkten Draht haben. Auch haben wir uns angewöhnt unsere kleinen Geschenke, die
wir nun bereits durch ganz Afrika transportiert haben, nur gegen eine, wenn auch
nur noch so geringe, Gegenleistung abzugeben. Erstaunlicherweise wird das in
Afrika auch problemlos akzeptiert. Auf die Aufforderung "give me... (pen, bottle,
sweets...)" erklären wir den (meistens) Kindern, dass sie uns dafür zum
Beispiel einen
kleinen Blumenstrauss pflücken oder beim Gemüsehändler dolmetschen sollen.
Das
klappt bestens. Werden die Wünsche und Forderungen der Kinder unverschämt,
steigen auch unsere Anforderungen. Dann müssten sie schon unser Auto waschen um
etwas zu erhalten - worauf sich die kleinen Plaggeister in aller Regel wortlos
trollen. Ein schönes Beispiel für die Akzeptanz eines solchen Vorgehens hatten
wir erhalten, als eine Horde Kinder unser Auto belagerte und die Tüte mit
Luftballons entdeckte. Jetzt hiess es nicht mehr "give me one birr!" sondern "give
me this!" Worauf Barbara die Luftballons hinhielt und ihrerseits sagte "give me
one birr!" Allerdings staunte sie nicht schlecht, als ihr einer der Zwerge
tatsächlich ein Geldstück in die Hand drückte - 0.05 Birr, etwa ein halber
Rappen oder ein Drittel Eurocent - und dafür dann glückstrahlend mit zwei
Handvoll Luftballonen abzog. Die anderen Kinder liessen ihn erstaunlicherweise in
Ruhe und auch gegenüber uns war das Thema Luftballone mit einem Schlag erledigt
und die Kinder verzogen sich.
Für den Markt in Konso waren wir mittlerweile
definitiv zu spät. Als wir beim Eindunkeln in das Städtchen rollten, kamen uns
die letzten Händler mit schwer bepackten Eseln und Wagen entgegen. Die in weisse
mit bunten Volants verzierten Röcke gekleideten Frauen trugen riesige in Tücher
geschlagene Bündel auf dem Rücken. Uns wurde bewusst, dass wir in Äthiopien noch
kaum jemanden gesehen hatten, der die Lasten auf dem Kopf getragen hatte, wie
das in Afrika sonst so üblich ist. Die vollen Wasserkanister, Feuerholzbündel,
schwere Getreidesäcke etc. werden hier auf den Rücken geschnürt, wobei sie durch
einen Riemen, der über Oberarme und Brust läuft an Ort und Stelle gehalten
werden. Aber gleich wie im restlichen Afrika sind es auch hier die Frauen, die
alles schwere schleppen müssen, während der Mann mit einem leeren Plastiksack
oder einem Schirm in der Hand vorne weg oder hinterher stolziert. Auch wenn der
Markt in Konso schon lange fertig war, wurde noch in Hochstimmung und mit
dröhnender Musik aus der Konserve weitergefeiert bis spät in die Nacht - nicht
gerade zu unserer Freude. Wir standen im Zentrum des Städtchens im Hof des
besten Hotels und versuchten nach einer eher missglückten Annäherung an das
äthiopische Essen trotz des Lärms in unserem Auto etwas Schlaf zu finden. Manon
und Peter schliefen im Hotelzimmer, allerdings auch nicht besser. Auch wir
hatten uns ein Hotelzimmer geleistet um mindestens ein einigermassen sauberes WC
und Dusche (Wasser hatten wir zwar nur spät nachts für etwa 30 Minuten) zur
Verfügung zu haben, zumal es nur gerade 10 Birr (knapp 1 Euro) mehr kostete als
Camping. Schlafen wollten wir dann aber doch lieber in unserem eigenen Dreck. Der
Manager besass jedoch die Frechheit, uns deshalb Hotelzimmer und Camping
verrechnen zu wollen, aber nicht mit uns!
Auf dem Hunde-Morgenspaziergang erregten wir die übliche Aufmerksamkeit. Innert
Minuten folgte uns eine ganze Horde lärmender Kinder, die so dicht aufschlossen,
dass sich auch Mali und Durban kaum mehr bewegen konnten. Einerseits haben
Kinder und Erwachsene in Afrika der begründeten Tollwutgefahr wegen Angst vor
Hunden und vertreiben sie mit Steinwürfen und Tritten. Andererseits aber sind
die Kinder doch so neugierig, dass sie kreischend auf die Hunde zuhüpfen um dann
im letzten Moment rechtsumkehrt zu machen und heulend davon zu rennen.
Nicht nur uns zerrte dieses Verhalten an den Nerven. Auch die beiden Hunde zogen
den Schwanz ein, liessen die Ohren hängen und wollten nur noch so rasch wie
möglich zurück ins Auto. Als dann aus dem Garten eines Hauses auch noch ein
grosser Stein geflogen kam, der die brav an der Leine laufende Mali nur um
Haaresbreite verfehlte, tickte Barbara komplett aus und beschimpfte den jungen
Mann, der den Stein geworfen hatte, aufs Übelste. Der miese Typ verstand
vermutlich kein Wort. Wäre Manon nicht dabei gewesen, wäre Barbara ihm
vermutlich an die Kehle gegangen.
Für Mali war die Zeit in Äthiopien kein
Zuckerschlecken. Unseres kreischenden Begleittrupps und der rücksichtslosen
Autofahrer wegen musste sie auf den allermeisten Spaziergängen an der Leine
laufen. Bushcampen reizte uns der aufdringlichen Leute wegen wenig, so dass wir
regelmässig auf Parkplätzen von Hotels, eingeklemmt zwischen anderen Autos
übernachteten. Auch hier konnten wir Mali nicht frei lassen, befanden sich die
Hotels doch mitten in Dörfern und Städten und waren nie umfassend eingezäunt.
Mali war mit einer langen Leine am Auto angebunden und zog es gar meistens vor,
sich im Autoinnern zu verstecken vor den Gaffern, die sich sogar hier einfanden.
Auf der Fahrt nordwärts von Konso nach Arba
Minch mussten wir auf der eh schon holprigen Piste immer wieder abbremsen um in
den riesigen Kuhherden, die auf der Strasse von A nach B getrieben wurden, auf
ein Loch zur Weiterfahrt zu hoffen. So weit das Auge reichte nur Kühe - und da
waren es bei Leibe noch nicht 5'000, wie sie am Lake Turkana gestohlen wurden
... Die Hirten waren alles andere als eine Hilfe. Unkoordiniert versuchten
sie mit ihren Stöcken irgendwo eine Schneise in die Tierleiber zu schlagen, die
sich sofort mit den nächsten Tieren wieder schloss. Die allermeisten Hirten aber
spazierten einfach neben der Strasse her und kümmerten sich keinen Deut um ihre
Tiere. Noch schlimmer wurde es, als wir später die Teerstrasse erreichten. Der
einzige "Fortschritt" war das glatte Asphaltband, dass den Fahrzeugen erlaubte
mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die Gegend zu rasen. Ansonsten war
die Zeit stehen geblieben.
Die
Strassen (nicht die Strassenränder!) waren bevölkert mit Fussgängern und
einspännigen Taxi-Kutschen und Karren die von ausgemergelten Mähren gezogen
wurden. Hunde, Hühner, Ziegen, Schafe, Esel, Kühe und Kamele kreuzten nach
belieben die Strasse oder liessen sich auf dem angenehm warmen Asphalt auf ein
Nickerchen nieder.
Weder
Tier noch Mensch hielten es in Äthiopien für Nötig in irgend einer Weise auf die
Autos zu achten. Häufig kam es sogar vor, dass Hirten ihre Tiere vor unserem
Auto auf die Strasse trieben und sich selber dann mit einem Sprung an den
Strassenrand in Sicherheit brachten, ohne sich weiter um die Tiere zu
kümmern. Tiere und uns überliessen sie dem Schicksaal - wie wir einige Male
böswillig unterstellten mit der Absicht, dass die reichen weissen Touristen
hoffentlich ein Tier überfahren und anschliessend entsprechend zur Ader bzw. zum
Geldbeutel gelassen werden können. Karsten trieb dieses Verhalten zur Weissglut.
In Arba Minch machten wir nur einen kurzen
Zwischenhalt um Geld zu wechseln, unsere bis fast auf den letzten Tropfen
geleerte Tanks zu füllen und die Zollbehörde zu suchen, die uns die Carnets
abstempeln sollte.
Nur gab es eine solche Behörde in Arba Minch nicht, was wir
aber erst nach langem Suchen herausfanden. Dafür gönnten wir uns von einer
Hotelterrasse mit grandiosen Blick auf die beiden Seen, zwischen welchen Arba
Minch liegt, ein kühles Getränk, bevor wir die nächsten sechs Stunden Fahrt
unter die Räder nahmen. Müde und geschafft erreichten wir schliesslich in der
Abenddämmerung Awasa. Zum Glück hielt der deutsch-äthiopisch geführte
Campingplatz Adenium, was uns schon viele Reisende versprochen hatten: kleine
aber fein, richtige und hygienische WC, saubere und warme Duschen,
eine kleine Küche und im herzigen Restaurant ein feines Abendessen. Wir kamen
uns fast vor wie im Paradies. Mit wie wenig ist man unterwegs doch zufrieden. Da
das ganze Gelände eingezäunt war, konnten wir endlich Mali und Durban wieder
einmal frei herumrennen und spielen lassen. Nur schade, dass sie sich mit den
zwei Adenium-Hunden nicht verstanden. Manon und Peter entschieden sich, an
diesem schönen Ort den lang ersehnten Ruhe- und Waschtag einzulegen. Da sie noch
kein Sudanvisum hatten, standen sie auch nicht unter Zeitdruck. Auch wir hätten einen
Ruhetag gebrauchen können, wollten uns aber unseren einzigen solchen in
Äthiopien auf den Schluss aufbewahren. Man weiss schliesslich nie was noch
kommt. In der Hoffnung, uns unterwegs bald wieder zu treffen, verabschiedeten
wir uns und waren nun nach über 2 Wochen "Gruppenreisen" wieder alleine
unterwegs - auch schön.
Nach kurzen vier Stunden Fahrt waren wir bereits
in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Schnurstracks machten wir uns auf die
Suche nach der Zollbehörde. Wir hatten immer noch keinen Stempel im Carnet und
wussten von Rielle und Jeroen, dass dieser oder der ihn ersetzende Brief der
Zollbehörde bei der Ausreise kontrolliert wird. Dank GPS-Koordinaten war die
Zollbehörde schnell gefunden. Komplizierter war da schon die Verständigung mit
der nur ahmarisch sprechenden Wächterin. Wegen zu geschlossen - heute war
Samstag und morgen demnach Sonntag, wir sollten am Montag Morgen wieder kommen.
Scheisse! Unser Zeitplan erlaubte uns nur eine Nacht in Addis aber wir brauchten
den blöden Stempel oder Wisch. Nach einigem Hin und Her fanden wir schliesslich
heraus, dass die Zollstation am Südende der Stadt, an welcher wir bei der
Ankunft vorbei gefahren waren, am Wochenende arbeitet. Also wieder 10 km durchs
Verkehrschaos zurück. Als "Rot-Kreuz-Fahrzeug" durften wir wenigstens gratis auf
dem Zollgelände parkieren. Das war es dann aber auch schon. Nach langen
Diskussion stand schliesslich fest, dass nur das geschlossene Zollhauptbüro in
der Stadt uns weiter helfen kann. Genervt entschieden wir uns schliesslich, die
blöden Zollformalitäten zu vergessen, in der Hoffnung, nicht allzu grosse
Probleme bei der Ausreise zu kriegen. Und wenn, dann ist es früh genug, sich
dann damit zu befassen. Im gut assortierten Supermarkt stockten wir unsere
Vorräte mit vorwiegend italienischen Luxus-Produkten auf. Mmmhhh! Wieder einmal
verbrachten wir die Nacht auf einem Hotelparkplatz eingequetscht zwischen
anderen Autos und dem öffentlichen Durchgang. Kein bisschen Privatsphäre. Wir
dachten nicht einmal im Traum daran, unseren Tisch und die Stühle auszupacken,
sondern verkrochen uns gleich im Autoinneren, zumal es auch zu regnen begann.
Wir brieten uns feine Hamburger und nach der sauberen, heissen Dusche sah die
Welt schon wieder anders aus. Die kühlen Nächte in Äthiopien genossen wir sehr -
allerdings fanden Barbara und Mali es schon fast etwas zu kühl. Mali jedenfalls
kuschelte sich dankbar in ihr Schaffell.
Von Addis Abeba selber hatten wir nicht viel
gesehen. Die Stadt schmiegt sich auf einer Höhe von 1800 und 2460 Metern an eine
Bergflanke. Damit ist Addis die dritthöchst gelegene Hauptstadt der Welt. Ihre
Einwohnerzahl differiert je nach Berechnung zwischen 3 bis 5 Millionen. Die
Stadt ist mir ihren 250 km2 grossflächig angelegt und wirkt an
manchen Orten verschlafen, an anderen Orten hektisch. Sie ist eine Mischung aus
Wolkenkratzern, Vorortvillen und Wellblechhütten, städtisch und ländlich
zugleich. Strassennamen existieren in Addis zwar auf den Stadtplänen, nicht
aber in der Realität. Man orientiert sich an den vier Hauptverkehrsachsen oder
an Hotels. Die Hauptverkehrsachsen sind riesige mehrspurige und
richtungsgetrennte Strassen. Nichts schönes aber ihrer Dimensionen wegen doch eindrücklich.
Addis ist gerade mal 100 Jahre alt. König Menelik II hatte sein Zeltlager Ende
des 19. Jahrhunderts auf dem Bergzug nördlich der heutige Stadt aufgeschlagen.
Des dortigen rauen Klimas wegen, liess sich die Königin einiges tiefer an einer
heissen Quelle ein Haus bauen und nannte 1887 den Platz Addis Abeba - neu Blume.
Diesen Mädchenname soll sie ausgesucht haben, weil sie entweder nie die
erwünschte Tochter hatte oder aber weil um die Quelle herum so
schöne Blumen blühten. Menelik liess sich überreden ebenfalls an diesen schönen
Ort zu ziehen. Nach seiner Kaiserkrönung 1889 wurde mit dem Bau des Palasts
begonnen, der grosse Aufmerksamkeit auf sich zog, weil in ihm die ersten
Wasserleitungen verlegt worden waren. Bald gab es im Palast sogar Elektrizität,
die Stadt verfügte auch über ein Telegraphenamt, eine Pferderennbahn, ein Kino, die erste
Bank und ein kleines Elektrizitätswerk. Das einzige Problem war das fehlende
Bau- und Brennholz. Dieses Problem wurde Ende des Jahrhunderts damit gelöst,
dass der schnell wachsende Eukalyptusbaum bzw. dessen Samen von Australien
importiert wurde. Städtebauliche Anstrengungen wurden va. unter der
italienischen Besatzungsmacht unternommen, allerdings nur in einigen wenigen
Stadtteilen. Die topographische Lage der Stadt ist dafür verantwortlich, dass
bis heute vieles im Argen liegt. Der Höhenunterschied zwischen manchen
Stadtteilen beträgt mehrere hundert Meter. Die technischen Voraussetzungen für
Strassenbau, Kanalisation und sogar Wasserversorgung sind deshalb schlecht und
werden noch dadurch verschlimmert, dass manche Stadtteile auf blanken Fels
gebaut sind, in dem kaum Leitungen angelegt werden können.
Die Strom- und
Wasserversorgung ist für eine Stadt mit nur halb soviel Einwohnern ausgelegt.
Viele der Häuser verfügen über keinen eigenen Wasseranschluss oder sanitäre
Einrichtungen.
Wir staunten über die Zeugnisse aus der sozialistischen Zeit Äthiopiens: Auf
Kaiser Haile Selassie folgte 1974 das Militärregime unter Mengistu Haile Maryam,
der sich dank der sowjetischer und kubanischer Unterstützung an der Macht halten
konnte. Mit dem Ende der sowjetischen Militärhilfe 1990 ging es auch mit seiner
Macht abwärts, bis er ein Jahr später nach Simbabwe floh. Erstaunlicherweise
ziert aus dieser Zeit heute noch das Revolutionsdenkmal, ein Obelisk mit rotem
Stern an der Spitze mit Arbeitern und Soldaten davor, das Stadtbild.
Unsere Abfahrt am nächsten Morgen verzögerte
sich erheblich, weil wir in einem Internetcafe 30 Minuten lang ergebnislos
versuchten unsere Mails zu öffnen. Kein Wunder ist die Verbindung zum
Einschlafen langsam, wenn fünf Computer an einer einzigen normalen
Telefonleitung hängen. Wir verabschiedeten uns von den beiden schwedischen
Töfffahrern Stellan und Thomas, die dieselbe Reise hinter sich hatten wie wir,
allerdings in der Hälfte der Zeit. Sie waren in Addis nun dabei, Holzkisten für
ihre Töffs zu zimmern, um sie nach Europa zu fliegen, weil ihnen die Zollpapiere
für Ägypten fehlten. In einem langen Fahrtag kletterten wir über Pässe und
durchquerten Täler auf unserm Weg nordwärts. 375 km über Teerstrasse sollten
nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen, sollte man meinen. Dem ist aber nicht
so, wenn der Asphalt einem löchrigen Schweizerkäse gleicht. Wir trauten aber
auch unsren Augen kaum, als wir auf der Passhöhe plötzlich auf eine ultramoderne
Asphaltstrasse nach europäischen Normen mit Tunnel, Bodenmarkierungen und
Strassenschildern trafen. Gespendet und erbaut von der Europäischen Union,
informierte uns ein Schild. Wir genossen die rasante Fahrt den Pass hinunter und
über die nächsten 100 km und wähnten uns schon fast wieder zu Hause. Dieses
Hochgefühl vermochte aber unsere kritischen Gedanken nicht zu verdrängen. Was in
aller Welt hatte die EU nur dazu veranlasst, Millionen in Äthiopien in den
Strassenbau zu buttern? Die Autofahrer sind sicher dankbar dafür, nur sind es so
wenige Fahrzeuge, die täglich über diese Strasse rollen. Es scheint fast, als
hätte die EU zu viel Geld!
Mit der Abfahrt vom Pass auf rund 1000 Meter hinunter änderte sich auch die
Landschaft. Von der sattgrünen, wenn in der Höhe manchmal auch eher kargen
Landschaft, kamen wir nun in trockene ockerfarben Halbwüste. Der allgegenwärtige
Esel verlor seine Vormachtstellung ans Kamel. Die Temperaturen schnellten in die
Höhe. Diese Nacht war es auch den zwei Gfrörli in unserer Familie genug warm.
Stundenlang musste unser armer Macun am nächsten
Tag dafür wieder in die Höhe klettern, bis auf 3450 Meter. Lange fuhren wir
einer Bergflanke entlang.
Die Aussicht auf die tief eingefressenen Täler und das
Tiefland waren spektakulär! Wir wussten, dass uns bis zu unserem Ziel Lalibela
ein weiterer langer Fahrtag bevorstand und verzichteten deshalb, die letzten 80
km über landschaftlich grandiose, aber schwierige und bei Nässe gefährliche Piste
zu fahren, sondern wählten die neuere Hauptverbindung. Der schwarze Himmel liess
darauf schliessen, dass uns noch einiges Nass von oben bevorstand und auch die
Hauptverbindung war nur eine mit Steinen durchsetzte Erdpiste. Wir hatten uns
noch keine zehn Minuten durch den strömenden Regen und über die matschige
Strasse gekämpft, als wir auf eine Lastwagen- und Buskolonne trafen, die die
Strasse blockierte. In wagemutigen Manövern schlängelten wir uns im Schlamm auf
der einspurigen Strasse zwischen den Trucks hindurch.
Als Barbara einige grosse
Steine am Strassenrand zur Seite räumen wollte, sank sie mal wieder bis zu den
Knien in der schlammigen Brühe ein. Igitt! Zu allem Übel war es dieses Mal aber
auch eisig kalt: keine zehn Grad und Dauernieselregen. Niemand wusste so genau,
was eigentlich los war. Vermutlich stecke ein Truck im Schlamm fest und
blockiere die Strasse. An den letzten der fast 50 Lastwagen schlängelten wir uns
schliesslich zu Fuss vorbei. Von wegen ein Truck steckt im Schlamm fest - das
Problem war dadurch entstanden, dass ein Truck und ein entgegenkommender Bus auf
der schmalen Strasse nicht kreuzen konnten und sich nun gegenseitig an der
Weiterfahrt hinderten. Typisches Afrikanisches Verkehrsverhalten: keiner der
beiden hatte so viel Weitsicht und Grosszügigkeit besessen, an einer breiten
Ausweichstelle anzuhalten und den anderen durchzulassen. Lieber beschimpften
sich nun die Fahrer und Passagiere beider Fahrzeuge stundenlang im Regen. Auf
beiden Seiten stauten sich auf der einspurigen Strasse mittlerweile über 50
weitere Lastwagen. Mit unserem "kleinen" Auto gelang es uns unter einigem
Zittern bis in die entgegenkommende Kolonne vorzustossen.
Aber auch für uns war
es definitiv fertig, als wir eine kleine Brücke hätten überqueren sollen, die
von einem der angestauten Lastwagen komplett blockiert wurde. Hier gab es kein
Ausweichen mehr. Mittlerweile waren fast zwei Stunden vergangen und es war
bereits am Eindunkeln. Uns standen bis Lalibela noch gut zweieinhalb Fahrstunden
bevor. Wir konnten uns auch nicht vorstellen, wie sich dieser gordische Knoten
je lösen sollte, schon gar nicht nachts. Dafür hätten sämtliche Fahrzeuge einer
Lastwagenkolonne soweit zurücksetzten müssen, dass die gesamte entgegenkommende
Kolonne hätte passieren können. Abgesehen von den fahrtechnischen
Schwierigkeiten konnten wir uns nicht vorstellen, dass sich die Streithähne
jemals darauf einigen können, wer nun nachgeben und zurückfahren muss. Wir
entschieden uns deshalb, hier mitten auf der Strasse zwischen den Lastwagen
zu übernachten. Was blieb uns auch anderes übrig? Wir klappten das Dach auf und
machten es uns im Auto gemütlich. Barbara rüstete das Grünzeug für eine feine Gemüse-Spaghettii-Sosse
und Karsten setzte das Wasser auf. Kurz bevor alles gar war, kam plötzlich
Bewegung in die Lastwagen neben uns. Das durfte jetzt aber nicht wahr sein!
Irgendwie hatten sie wohl doch eine Lösung gefunden (die allgegenwärtigen
chinesischen Strassenbauer hatten auf die Schnelle ein zweites Strassentrasse
aufgeschüttet) und wollten jetzt alle in der Dunkelheit weiterfahren. Langsam
rollte die entgegenkommende Kolonne auf uns zu. Zum Glück hatten wir auf
einem kleinen "Ausstellplätzchen" am Strassenrand angehalten, so dass die
Lastwagen an uns vorbei fahren konnten. Es dauerte noch fast zwei Stunden, bis
die unzähligen entgegenkommenden Laster an uns vorbei gerollt waren - genügend
Zeit um in aller Ruhe unsere Spaghetti zu verdrücken. Kurz vor neun Uhr, nach
insgesamt fast fünf Stunden Wartezeit, war es dann so
weit. Die Strasse vor uns war frei. Schnell machten wir uns auf den Weg, bevor
die Lastwagen hinter uns die Spur womöglich von neuem versperrten. In
stockfinsterer Nacht holperten wir fluchend auf der mit grossen Steinbrocken
übersäten und mit tiefen Schlammspurrillen durchzogenen Strasse weiter. Im
kleinen Dorf, wo die Strasse nach Lalibela abzweigte, erwogen wir, uns zwischen
die am Strassenrand parkierten Laster zu stellen und wie diese die Nacht hier zu
verbringen. Nicht gerade einladend. In der Hoffnung auf ein ruhigeres Bushcamp
bogen wir auf die Strasse nach Lalibela ein und waren erstaunt über deren gute
Schotterqualität. Diese gewundene Bergstrasse - zuerst ging es unzählige
Haarnadelkurven hinunter und dann wieder hoch - liess sich sogar im Dunkeln gut
fahren, weshalb wir uns entschlossen, uns gleich bis Lalibela durchzukämpfen.
Nur einige nachtaktive Tiere kreuzten unseren Weg: Hasen, Hyäne, Füchse und
Eulen. Kurz vor Mitternacht trudelten wir in Lalibela ein und fanden auch
sogleich unser anvisiertes Hotel. Allerdings waren dessen Tore zugesperrt und
Lalibela schien sich im Tiefschlaf zu befinden. Fast überschwenglich bedankten
wir uns beim irgendwann doch noch herbeieilenden Helfer und dem eben erwachten
Nachtwächter, die uns schliesslich das Tor öffneten und uns auf dem engen und
schlammigen Parkplatz übernachten liessen. Das war bisher unsere einzige und
hoffentlich auch letzte späte Nachtfahrt in Afrika!
Am nächsten Morgen waren wir die ersten Stunden
über erst einmal damit beschäftigt, das Innere des Autos vom vortägigen Schlamm
und Dreck zu befreien. Keine einfach Arbeit, wenn es aussieht, als hätte jemand
einen Kübel Schlamm in unserem Auto aus gegossen. Dann konnten wir uns endlich
aufmachen, die berühmten Felsenkirchen zu besuchen. Im 12. und 13. Jahrhundert
wurden die elf berühmten Felskirchen aus dem Stein gehauen. Bei dieser
eigenwilligen Bauweise wurden nicht nur Räume in die Fassade einer Felswand
getrieben, sondern dieser Block anschliessend noch freigestellt, so dass
schliesslich ein echtes Gebäude im Fels entstand. Dabei kann die Kirche mit
einer der Seiten oder über ihr Dach noch mit dem Mutterfelsen verbunden bleiben,
sie kann aber auch gänzlich freistehen.
Bei dieser letzten Form steht die Kirche
in einer Art Grube im Fels und man kann vom umgebenden Bodenniveau auf sie
herabsehen. Solche Felsenkirchen zu bauen war mit riesigem Aufwand verbunden: Der
Bauplan musste bei Baubeginn bis ins kleinste Detail vorliegen, da jede Säule,
jede Wölbung, jede Treppe und sogar jedes Fenstergitter im Gestein modelliert
wurde. Vermutlich wurde zuerst der den Hof bildenden Schacht heraus gemeisselt
und dann die Kirche ausgehöhlt. Durch die schmalen Tür- und Fensteröffnungen
wurde der Abraum entfernt. Ebenfalls in den Stein geschlagen wurden die
allermeisten Dekorationselemente.
Die Kirchen waren nur schon einfach schön
anzusehen, wenn wir dabei aber bedachten, welch riesige Arbeit dahinter steckt
... Nur schon die Vorstellung über Kopf zu meisseln, die Arme nicht mehr zu
spüren und ständig den Gesteinssand ins Gesicht gerieselt zu bekommen, liess
Karsten schaudern. Die kinderpo- glatten Decken mit den wunderschönen
Dekorationen erhielten so gleich unsere doppelte Bewunderung. Die
meisten der elf Kirchen wurden unter König Lalibela gebaut. Die Legende besagt,
dass er in seiner 40jährigen Regierungszeit diese Wunderwerke in das weiche rote
Tuffgestein habe hauen lassen und dabei hätten nicht nur Menschen sondern auch
Engel mitgewirkt. Diese hätten in der Nacht weiter gearbeitet und da ungestört
von den Menschen, sogar die doppelte Arbeitsleistung vollbracht. Bis heute ist
nicht klar, weshalb an einem so abgelegenen Ort eine solche Ansammlung von
Felskirchen errichtet wurden.
Eine Überlieferung besagt, dass König Lalibela
gerne nach Jerusalem gezogen wäre um dort begraben zu werden. Gott sei ihm aber
ihm Traum erschienen und habe ihn aufgefordert, in Lalibela ein neues Jerusalem
zu bauen. Nach einer Variante dieser Überlieferung habe Gott Lalibela im Traum
nach Jerusalem geführt und ihm die heiligen Stätte gezeigt mit dem Auftrag,
diese zu Hause nachzubauen. Ausser Frage steht, dass Lalibelas Bauten
tatsächlich Bezüge zu Jerusalem aufweisen. So gibt es einen Platz Golgata und
Sinai und der Fluss Yordanos trennt die beiden Gruppen von Felsenkirchen. Das
Christentum ist in Äthiopien schon seit Urzeiten verankert - seit den ersten
paar Jahrhunderten nach Christus. Bis heute sind rund 35-40% der Bevölkerung
orthodoxe Christen.
Wir fanden Lalibela faszinierend. Wir wurden
nicht, wie von anderen Touristen gehört, mit Leuten bedrängt, die unsere Führer
sein wollten. Wir erklärten einmal, dass wir alleine unterwegs sein wollen und
wurden in Ruhe gelassen.
Allerdings nahmen wir uns für ein paar Birr einen
Schuhträger mit, der uns die Schlüssel für verschlossene Kirchen besorgte, uns
die unterirdischen Verbindungsgänge - darin ist es wirklich stockdunkel -
zeigte, einige allgemeine Infos geben konnte und uns die Schuhe um die Kirche
herumtrug, wenn wir zu einer anderen Tür herauskamen als wir hinein gingen. Die
Kirchen dürfen nicht mit Schuhen betreten werden. Dafür ist aber der nackte,
kalte Steinboden mit dicken gewobenen Teppichen ausgelegt. Das verleiht den
Kirchen eine "heimelige" Atmosphäre. Wir staunen auch heute noch darüber, wie
vor fast 1000 Jahre solche Kunstwerke gebaut werden konnten. Sensationell!
Aber damit noch nicht genug Kultur und Tradition: Anschliessend nahmen wir an
einer traditionellen Kaffeezeremonie teil. Für uns wurde ganz frischer Kaffe
zubereitet. In einem winzigen Restaurant rösteten Mutter und bildschöne Tochter über ein paar
glühenden Kohlen langsam eine Portion grüner Kaffeebohnen für uns. Dann wurden
sie unter mühseliger und langwieriger Körperarbeit in einem Möser zerstampf, bis
nach knapp 30 Minuten das Pulver endlich fein genug war. Über den selben Kohlen
kochte mittlerweile in einer kürbisförmigen Kanne Wasser. Das Pulver wurde damit
vermischt. So wurde das ganze einige Minuten stehen gelassen um zu ziehen, bevor
uns das herrlich duftende schwarze Gebräu mit etwas Zucker in allerkleinste
Kaffeetässchen abgefüllt wurde. Der Geschmack, ein Traum! - fand Barbara.
Karsten war der Kaffe des ersten Durchgangs schon fast zu stark und mit jedem
Durchgang wurde das Gebräu stärker. Unsere Kaffeeportion reichte für drei
Durchgänge. Wen wundert es, dass wir zwei Stunden später mit einem
ausgewachsenen Koffeinflash zum Auto zurück schwebten...
Mit dem vielen Koffein im Blut dünkte uns der Sonnenuntergang über Lalibela noch
spektakulärer, als er sonst schon war. Von der auf 2600 Meter gelegenen
Ortschaft sahen wir über die wiesengrünen Bergflanken und Täler in die Tiefe bis
zum Horizont, wo sich nackte Felswände bis auf 3500 Metern auftürmen und auf
ihrem Rücken das Hochplateau balancieren, über welches wir hergekommen waren.
Der Himmel war leuchtend orangerot gefärbt, einzig unterbrochen von einigen
gespenstisch wirkenden schwarzen Regenwolken. So kitschig-schön!
Die Rückfahrt auf das Hochplateau konnten wir am
nächsten Morgen - nun bei Tageslicht - so richtig geniessen. Barbara verliebte
sich schlagartig in die gestufte, eher karge aber doch grüne, einsame
Berglandschaft.
Der ungehinderte Blick in den tiefblauen Himmel, die Ruhe und
der uneingeschränkte Blick in die endlose Ferne rührten tief in der Seele. Die
Strasse führte uns weiter über die Bergrücken des Hochplateaus, die zuweilen so
schmal waren, dass wir gleichzeitig auf beiden Seiten hunderte Meter in die
Tiefe blicken konnten, wo sich braune Flüsse tief in die Landschaft eingefressen
haben. Nicht ganz so angenehm waren solche Streckenabschnitte allerdings, wenn
es wie aus Kübeln goss - was etwa im Stundenrhythmus der Fall war. Die Piste war
zwar befestigt, aber der Untergrund war so uneben und mit Felsen und grossen
Steinen durchsetzt, dass unser Macun in einem spastischen Tanz durch die Gegend
holperte und wir kräftig durchgeschüttelt wurden. Das war dann wohl eine der
viel gefürchteten äthiopischen Pisten. Wirklich nicht gerade angenehm.
Irgendwann dann aber wurde die Piste wieder weicher und wir schraubten uns aus
der Höhe auf "nur" noch 2000 Meter hinunter. Zwischen den eigenartigen
"Fingerhuthügeln" sahen wir in der Ferne schon den Lake Tana blitzen. An seinen
Ufern auf der wunderschönen Anlage des Ghion Hotels in Bahir Dar wollten wir nun
endlich unseren wohlverdienten Ruhetag einlegen. Barbara liebäugelte mit einem
halbtägigen Bootsausflug auf einige Inseln im See um dort die alten Klöster zu
besichtigen. Der Nieselregen am nächsten Morgen nahm ihr aber die Entscheidung
ab. Nicht gerade die Wunschbedingungen für einen Ruhetag. Das dringend nötige
Wäschewaschen konnten wir glattweg vergessen. Immerhin konnte Barbara so den
ganzen Tag nutzen um wieder einmal Reiseberichte zu schreiben - einzig
unterbrochen von einem exquisiten Fisch-Fleisch Abendessen im Hotel, das uns
unser negatives Urteil über die äthiopische Küche revidieren liess. Nach einer
langen Schreibnacht war am anderen Morgen sogar alles bereit für den Upload auf
unsere Seite - leider streikte das Internetcafe...
Der Lake Tana ist Äthiopiens grösster See und
mit seiner Fläche von etwa (je nach Regenzeit) 3600 km2 ist er
siebenmal grösser als der Bodensee, aber nur gerade mal ca. 50 Meter tief.
Viele kleine Flüsschen speisen den See, weltbekannt ist allerdings der Fluss,
der aus dem See abfliesst: der Blaue Nil. Er fliesst in einem grossen Bogen aus
dem äthiopischen Hochland hinab in den Sudan um sich bei Khartoum mit dem
Weissen Nil zu vereinigen. Der Fluss spielt bis heute eine wichtige Rolle in der
Beziehung Äthiopiens zu seinen Nachbarn, insbesondere zu Ägypten. Die Kontrolle
über den Zufluss zum für Ägypten lebenswichtigen Nil war ein Ziel der
ägyptischen Expansion 1820 in den Sudan und bis in die jüngste Zeit wurden in
ägyptisch-äthiopischen Verträgen die Versicherung aufgenommen, dass Äthiopien
nicht den Abfluss des Nilwassers verhindere. Und es ist nicht nur das Wasser -
für Ägypten ebenfalls essentiell sind die fruchtbare Erde und der Schlamm, die
der Fluss aus dem Hochland in die Wüste transportiert.
Über neusten Asphalt rollten wir in nur gerade
mal 3 Stunden entlang dem Seeufer nordwärts und zurück in die Berge nach Gondar.
Wir campierten dort im Innenhof eines kleinen, herzigen und sauberen Hotels,
zusammen mit einer schottischen Familie, die im Auto mit Dachzelt unterwegs ist
nach Cape Town - mit zwei kleinen Kindern wohlgemerkt. Es geht alles, wenn man
nur will! Ihr Homepage gibt sicher Aufschluss über das Thema "reisen mit
Kindern" www.2c2k.net . Die beiden Mädchen
hielten unsere arme Mali in dem kleinen Innenhof so auf Trab, dass wir sie
später ruhigen Gewissens für einige Zeit ins Auto packen konnten und uns in Ruhe
die berühmten Palastruinen anschauen konnten.
Weithin sichtbar erhebt sich der Gemp, der
Palastbezirk in der Mitte der Stadt. Gondar ist die berühmte äthiopische
Königsstadt des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Zeit der ersten Gondar-Kaiser gilt
als eine der bedeutendsten Periode der äthiopischen Geschichte, nicht nur im
Bezug auf die territoriale Ausdehnung und politische Geschlossenheit des Landes.
Sie war vor allem auch eine Blütezeit der Kunst und Literatur. Von der Zeit der
Kaiserin Mentewab (1730-55) wird berichtet, dass jeder der lernen wollte, eine
Mahlzeit am Hof erhalten habe, jeder der lesen und schreiben konnte, bekam die
Mahlzeit und dazu Bier, für Dichter gab es statt Bier Honigwein. Zu ihrer
Blütezeit soll die Stadt 80'000 Einwohner, Schulen und Ausbildungsstätte für
Recht, Theologie und Kirchenmusik gehabt haben. Dazu kam eine prunkvolle
Hofhaltung. Den wenigen Reisenden, die Gondar sahen, glaubte man in Europa
einfach nicht, dass es mitten in Afrika einen König geben soll, dessen Hof den
europäischen in nichts nachstand. Im (allerdings nie vollendeten) Palast des
Sohns der Kaiserin Mentewab, , soll einer der Innenräume vollständig mit
Elfenbein ausgekleidet gewesen sein, ein weiterer bis zur Hälfte und ein dritter
gänzlich mit venezianischen Spiegeln.
Heute
sind im Palastbezirk nur noch Ruinen dieser Prunkbauten zu sehen. Sie sind
jedoch erstaunlich gut erhalten und beeindrucken auch heute noch durch ihre
stabile aber doch formvollendete und Detail liebende Bauweise. Es wird aber auch
viel für die Erhaltung der Ruinen unternommen. Bei unserem Besuch beobachteten
wir Heerscharen von mehr oder weniger fleissigen Arbeitern, die in mühseliger
Kleinarbeit Fassaden reinigten, Fusswege anlegten und Steine herumschleppten.
Beim Bestaunen der alten Bauten drängte sich uns unweigerlich die ketzerische
Frage auf, was sich denn in Afrika verändert hatte, dass die Leute heute nicht
mehr im Stande sind, nur annähernd ähnlich Gutes zu schaffen - ganz zu schweigen
von Schönheit und Stabilität.
Bevor wir am nächsten Morgen weiter fahren
konnte, kämpfte Barbara nochmals einige Runden im Internet. Nach geschlagenen
zwei Stunden war wenigstens der neuste Bericht hochgeladen. Das Experiment
"Foto-Transfer" starteten wir erst gar nicht. So viel Zeit hatten wir nicht.
Heute lief unsere Deadline für die Einreise in den Sudan ab. Zügig nahmen wir
also die letzten 160 km Äthiopien Richtung Westen unter die Räder. Als
Abschiedsgeschenk erhielten wir nochmals bilderbuchhafte
Äthiopienhochland-Landschaft auf dem Silbertablett serviert. Während sich die
Strasse nun endgültig in die tiefen Regionen unter 1000 Meter schlängelte, zogen
an unseren Fensterscheiben nochmals imposante Felswände, grüne Bergflanken,
Wasserfälle und Täler vorbei - alles untermalt vom allgegenwärtigen "you, you,
you!"-Geschrei. Einige Kilometer vor der eigentlichen Grenze beschleunigte sich
unser Puls nochmals. Hier war der Zoll, wo wir unser nicht vorschriftsgemäss
eingestempeltes Carnet ausstempeln lassen und das nicht vorhandene
Begleitschreiben der Zollbehörde von Addis abgeben mussten. Da die zuständige
Dame gerade nicht da war, liess man uns warten. Währenddessen blätterte ihr
Assistent interessiert in unserem Carnet herum und fragte uns nach dem
Begleitschreiben. "Nein, so was haben wir nicht", erklärten wir kurz angebunden
und rechneten schon mit dem Schlimmsten. Aber nein, einige Minuten später
drückte er uns das Carnet in die Finger und winkte uns weiter. Der gute Mann
hatte seinen äthiopischen Ausreisestempel einfach neben den Einreisestempel
Kenia (wo uns ja auch der Ausreisestempel fehlte) gesetzt - vermutlich ohne das
Ganze zu realisieren. Geschafft! Erleichtert fuhren wir die letzen 35 km bis zur
Grenze und erledigten rasch - es dauerte zwar eine ganze Weile, bis die Beamten
unsere Pässe abgemalt hatten - die Ausreiseformalitäten bei der Immigration.
Äthiopien, das war's.
Wir waren einerseits traurig, dass wir aus
Zeitgründen nur so wenig von der fantastischen äthiopischen Landschaft gesehen
hatten. Andererseits aber ist das campierende Reisen in diesem Land der vielen
und aufdringlichen - wenn auch netten - Leute wegen sehr anstrengend und bei dem
vielen Regen, den wir abbekamen kein Zuckerschlecken. Aber wie auch immer:
You, you, you!, Äthiopien, gehst unter die Haut!
Khartoum, 14. Juli 2007
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