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Lesotho 13.1. - 17.1.2007 Life is a rollercoaster – zumindest bei einer Fahrt durch das bergige Lesotho trifft dies zu 100% zu. Wir hatten in so kurzer Zeit wohl noch nie so viele Pässe überwunden und Höhenmeter zurückgelegt wie in diesen 5 Tagen Lesotho – es ging tatsächlich zu und her wie auf der Achterbahn. Unser armer Macun quälte sich auf der einen Seite im ersten Gang mit dampfenden Innereien auf über 3000 Meter hoch um auf der anderen Seite mindestens genau so weit wieder runter zu sausen – mit glühenden Bremsscheiben. Nur um nach ein paar Kilometern mit dem selben Spiel wieder von neuem zu beginnen. Wir befanden uns meistens auf einer Höhe von rund 2500 Metern. Das Mountain Kingdom Lesotho hat seinen tiefsten Punkt gerade mal auf etwas mehr als 1000 Metern und streckt sich weit über 3000 Meter hinaus. Es ist weltweit das einzige Land, dessen gesamtes Staatsgebiet über 1000 Metern liegt! Da ist doch der Name „Königreich im Himmel“ absolut zutreffend. Lesotho hat nur gerade drei Viertel der Fläche der Schweiz und nur einen Viertel der Bevölkerung der Schweiz. Nur eben 10% der Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Als Binnenland grenzt es nur an ein einziges anderes Land, an Südafrika, das es ganz umschliesst. Wie heisst es so schön? – Wie ein Kuhfladen auf einer grünen Wiese - oder wie das Fünffrankenstück im Kuhfladen? Dieser Spruch visualisiert wohl auch recht gut das politisch schwierige Verhältnis zum übermächtigen Nachbarn. Lesotho gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Als 3. Weltland wird es von seinem Nachbarn gefördert oder unterdrückt – je nach dem mit wem man spricht … Für uns
begann Lesotho mit dem erfreulichen Anblick auf das Schild der Sani Passhöhe und
die dahinter liegende Grenzbarierre. Die Einreiseformalitäten im kleinen
Grenzhäuschen waren flugs erledigt und wir hatten unsere 14tägige
Aufenthaltserlaubnis im Pass. Unser Carnet interessierte niemanden, gehört doch
Lesotho zur Zollunion. Dummerweise wussten wir das bei der Ausreise aus
Südafrika nicht und beharrten trotz Protest des Zöllners darauf, dass unser
Carnet ausgestemptelt wurde.
Als wir
allmählich wieder etwas tiefer und in besiedelte Gebiete kamen, fuhren wir im
ersten Versuch doch glatt weg an unserer Unterkunft vorbei. Erst nach über 20 km
bemerkten wir unseren Irrtum und mussten alles wieder zurück fahren über die
holperige Piste, aber da Unterkünfte in Lesotho sehr dünn gesäät sind, war es
sicher besser so. Doch es hatte sich gelohnt: Die Molumong-Backpacker-Lodge ist
ein Bijou! Sie ist an ein kleines Dorf angegliedert und steht am Hang mit toller
Aussicht. Wir durften hinter dem Gebäude campieren und Bad, Küche und
Aufenthaltsraum benutzen, was bei dem kalten Wetter sehr angenehm war – und sehr
romantisch, da Kerzen hier den Strom ersetzen. Der Mali-Spaziergang durch das
Dorf war eindrücklich. Die Leute grüssten und winkten freundlich und ein älterer
Reiter hielt extra an um Barbara die Hand zu schütteln und in gebrochenem
englisch nach dem Wohin und Woher zu fragen. Von Tom, dem deutschstämmigen
Kanadier, der in Botswana wohnt und vorübergehend die Lodge in Lesotho führt,
erhielten wir noch ein paar gute Tipps. Bei schönstem Wetter gings nun weiter
nordwärts, immer auf ca. 2500 Metern. Die recht gute Teerstrasse führte vorbei
an kleinen Dörfern, Schafherden, Reitern und wo Ackerbau möglich, vorbei an
riesigen Maisfeldern. Mais scheint das einzige zu sein, das hier angebaut wird.
Vom Moteng
Pass gings schliesslich senkrecht 1000 Meter ins Flachland runter, natürlich mit
sensationellem Blick in die Ebene. Unten reihten sich dann plötzlich Dörfer an
Dörfer. Die Gegend war bedeutend dichter besiedelt als das karge Bergland. Die
steilen Berghänge wurden nun abgelöst von bizarren windgeschliffenen
Sandsteinformationen.
Weder hier im Flachland noch in den Bergen hatten wir Touristen gesehen. Deshalb wunderte es uns sehr, dass die Strassen von bettelnden Kindern jedes Alters gesäumt waren. Normalerweise ist das das typische Zeichen für Touristenstrecken. “ Sweets, sweets – give me, give me!“ schrieen die Kinder im Chor (die kleinsten konnten noch nicht einmal richtig stehen), streckten uns die leeren Hände entgegen und zeigten auf ihre Bäuche. Da sie von uns ausser einem freundlichen Winken nichts erhielten, reagierten manche recht aggressiv. Aber wir blieben auch hier unserem Prinzip treu, bettelnden Leuten nichts zu geben. Aus unserer Sicht verändert es das soziale Gefüge, wenn ein bettelndes Kind oder Jugendlicher plötzlich mehr verdient als seine hart arbeitenden Eltern. Kein Wunder werden Kinder nicht mehr in die Schule sondern zum Betteln geschickt. Klar würden wir einem herzigen Kind gerne mal etwas Süsses oder einen Malstift geben um ein strahlendes Lächeln und ein tolles Foto zu ernten. Aber in unseren Augen setzt das ein völlig falsches Zeichen. Der Tourist stellt sich in einem falschen Licht dar. Er kurbelt das ganze Bettel-Business dadurch nur noch mehr an. Deshalb ist unsere Geschenkkiste, die wir von zu Hause mitgebracht haben, auch noch fast voll. Wir haben die kleinen Geschenke bisher nur als Dankeschön für einfache Dienstleistung eingesetzt. Bettelnden Leuten mögen wir sie nicht geben. Dafür bezahlen wir (Barbara lieber als Karsten) gerne etwas für Dienste wie Autobewachung, Service an der Tankstelle etc., denn dabei müssen die Leute etwas für ihr Geld tun. Sollte unsere Geschenkkiste auch gegen Ende unserer Reise noch gefüllt sein, werden wir sie wohl einer Schule oder einem Kinderheim schenken.
Eigentlich
planten wir neben dem Katse-Visitorcenter zu übernachten. Wir wurden aber, bevor
wir überhaupt fragen konnten, recht unfreundlich hinauskomplimentiert, weil wir
uns nur an den Schautafeln informieren und die geführte Tour nicht mitmachen
wollten. Also versuchten wir es zuerst im Katse-Village. Das Village besteht aus
den Einfamilienhäusern, die für die Dammarbeiter errichtet wurden. Sie werden
jetzt als Ferienhäuser vermietet.
Nachdem wir
uns am nächsten Tag endlich von unserem Haus los reissen konnten, holperten wir
bei strahlendem Wetter weiter über eine nun recht nasse und löchrige Piste, die
sich den Bergflanken entlang wand. Nach einer Stunde hatten wir gerade mal 17 km
Luftlinie geschafft. Strassenkilometer waren es aber doch mehr als das Doppelte
gewesen. Selbstverständlich führte uns auch heute der Weg wieder über Pässe hoch
und runter durch das einsame Hochland mit vereinzelten Siedlungen. Lesothos
Landschaft weckt Erinnerungen an die Anden. An
verschiedenen Orten auf der Strecke zwischen Katse- und Mohale-Stausee war die
schlechte Piste zum Glück bereits verbreitert und ausgebessert worden und an
anderen Stellen waren Strassenbauer am Arbeiten. Wir kamen schneller vorwärts
als erwartet – aber immer noch 10 Minuten zu langsam: Wir hörten einen lauten
Knall, ein Rumpeln, sahen eine riesige Staubwolke vor uns aufsteigen und schon
wedelte uns ein Strassenarbeiter mit einer roten Fahne vor der Scheibe rum.
In einem
bis in die tiefe Nacht dauernden Gespräch erfuhren wir, dass Basil in Lesotho
zur Welt kam und aufwuchs. Er besitzt die Staatsbürgerschaft und fühlt sich als
richtiger Basotho, dies trotz seiner englischen Mutter und dem
deutschenstämmigen Vater. Wir erfuhren viel über sein Land. Wir wussten bereits,
dass Lesotho heute nur deshalb ein eigenständiges Land ist, weil es 1910 als
Südafrika gegründet wurde unter dem von Nationalisten verhassten, aber
schliesslich die Unabhängigkeit rettenden Protektorat Grossbritanniens stand.
Als es 1965 unabhängig wurde, folgte ein jahrelanges Hickhack zwischen
demokratischen Ansätzen und Monarchie. Nur dem auf Unabhängigkeit bedachten
König gelang es jeweils für Stabilität zu sorgen. Allerdings verstarb er 1996
nach seiner erneuten Machtübernahme durch einen Autounfall. Sein Sohn wurde
König und trat alle Macht ans Parlament ab. 1998 fanden freie Wahlen statt, dass
Ergebnis wurde jedoch massiv manipuliert. Der Wahlbetrug führte zu Unruhen
und Aufständen und Lesotho stürzte ins Chaos. Südafrika marschierte deshalb im
Jahr 2000 ein, was alles nur noch schlimmer machte. In der Hauptstadt Maseru
tobten Kämpfe. Es gelang erst 2002 erneut Wahlen durchzuführen – wie
regelkonform bleibe dahingestellt. Was wir allerdings nicht wussten war, dass
ein grosser Teil der Bevölkerung nicht an den Unfalltod des Königs glaubt. Nicht
nur, dass der Unfallhergang bis heute nicht klar sei und der einzige Zeuge des
Unfalls anschliessend auf unerklärliche Weise ums Leben gekommen sei, nein, auch
das Timing sei zu perfekt gewesen. So habe der Nachfolger rechtzeitig alle
königlichen Rechte an ein neues südafrikafreundliches Parlament abtreten bzw.
verkaufen können. Für den Wahlbetrug lieferte Basil ein eindrückliches Beispiel:
Er habe von der nachträglichen Möglichkeit gebrauch gemacht, das Wahlregister
einzusehen. Und siehe da, er und alle seine Verwandten (Grossvater, Mutter,
Vater und Geschwister) seien wählen gegangen. Nur – sein Grossvater und seine
Eltern seien schon länger verstorben, seine Geschwister würden alle im Ausland
leben und er selber habe während der Wahl als Terrorist im Gefängnis gesessen.
Interessant, mal einen etwas anderen Einblick in die Geschichte zu erhalten! In
einigen Tagen, am 17. Februar, finden in Lesotho die nächsten Wahlen statt.
Wieder werden Unruhen befürchtet. Viele Ausländer verlassen vorsichtshalber das
Land und ausländische Firmen stellen ihre Arbeit für eine Woche ein. Wir werden
das Ganze verfolgen, wir sind gespannt. An unserem letzten Tag in Lesotho gings über den „God help me – Pass“ wieder in die etwas tieferen, sandsteinhügel gespickten Gefilde. Wir drehten eine kleine Runde durch die eher provinziell wirkende und unspektakuläre Hauptstadt Maseru und fuhren entlang der Grenze ostwärts. Über den Grenzübergang Maputsoe-Ficksburg verlief unsere Ausreise aus Lesotho gleich zügig und unkomplizierte wie vor fünf Tagen die Einreise. Wir nehmen eindrückliche Erinnerungen an das fantastische „Königreich im Himmel“ mit und für einige Tage auch noch ein Rauschen in den Ohren und das typische flaue Achterbahngefühl im Magen. Pretoria, 27. Januar 2007
In der Chronologie geht es hier weiter mit dem zweiten Bericht über Südafrika. |