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Malawi
16.3. - 1.4.2007
Malawi, the warm Heart of
Africa! – Wenn ein Werbeslogan eines Landes zutrifft, dann wohl dieser. Wir
haben uns bisher in Afrika wohl selten so willkommen gefühlt wie in Malawi. Die
fröhlichen Malawier kamen mit einer ungewohnten Herzlichkeit auf uns zu – jedoch
ohne uns auch nur ein einziges Mal zu Bedrängen oder zu Belästigen. Für uns ganz
ungewohnt in Afrika, wo die meisten Gespräche mit Einheimischen darauf
abzielten, irgend einen kleinen Profit aus uns Weissen zu schlagen – seien es
kleine Geschenke, Adressaustausch oder der gewinnbringende Verkauf der eigenen
Produkte. Und sehr häufig erwiesen sich diese Gesprächspartner dann auch noch
als sehr „klebrig“. Nicht so in Malawi. Hier wurden wir angesprochen um des
Gespräches Willen. Die Leute interessierten sich für unsere Heimatländer und
deren Strukturen. In Malawi konnten wir zum ersten Mal mit Leuten auf der
Strasse über die unterschiedlichen Sozialstrukturen unserer Länder, über
Kindererziehung und Rechtssysteme diskutieren. Und das absolut verblüffende:
nach einigen Minuten bedankten sich die Malawier fürs Gespräch und zogen
friedlich von dannen. Nie mussten wir ein Gespräch beenden. Lange bevor es uns
zu mühsam und aufdringlich wurde, hatten sich die Leute bereits wieder aus
eigenem Antrieb verabschiedet. Erstaunt stellten wir fest, dass für uns auf dem
Markt die selben Preise galten wie für die Einheimischen und entsprechend ein
Handeln weder nötig noch möglich war. Hier akzeptierten die Strassenhändler noch
ein freundliches Nein mit einem Lächeln und ohne weitere Überzeugungsversuche.
Nachdem wir uns nun über ein Jahr im Abwimmeln geübt hatten, freuten wir uns
über diese unterschiedliche Mentalität unheimlich – allerdings viel uns die
Umstellung unseres eigenen Verhaltens recht schwer.
Aber nicht nur der Bevölkerung
wegen gefiel uns Malawi ausnehmend gut. Auf engem Raum – Malawi ist mit seinen
118'000 km2 gerade knapp dreimal so gross wie die Schweiz - bietet
dieses Land enorme landschaftliche Abwechslung. Von der tropischen Vegetation
mit Bananenbäumen und Zuckerrohr um den riesigen Malawisee, über dichte
Buschvegetation und grasbewachsene sanfte Hügeln mit Maisfeldern zu dichten
nordisch anmutenden Nadelwäldern und kargem Tundra ähnlichem Hochland findet
sich alles. Und trotz der dichten Besiedlung bleibt Raum für einige
Nationalparks mit ansehnlichen Wildbeständen. Und als Gratiszugabe die
fantastische Unterwasserwelt des Malawisees.
Kurz gesagt: Malawi war der
Hammer!
Vor der Einreise nach Malawi
hatten wir etwas Bammel. Wir hatten gehört, dass gemäss einem Praxiswechsel neu
keine Visa mehr an der Grenze ausgestellt werden. Andere Reisende wurden
tatsächlich an der Grenze zurückgeschickt oder erhielten nur mit viel Glück und
manchmal mit etwas extra Geld „grosszügigkeitshalber“ doch ein Visum. Für
Karsten alles kein Problem, deutsche Staatsbürger brauchen kein Visum, Schweizer
hingegen schon. Barbara hätte sich ihr Visum zwar auf der Botschaft in Mosambik
ausstellen lassen können, allerdings für sage und schreibe 70.-$. Da wollten wir
dann doch lieber Diskussionen an der Grenze in Kauf nehmen. Und im Diskutieren
waren wir ja mittlerweile gut. Wir standen also frühzeitig an der Grenze bei
Mandimba und stellten uns auf einen langen Tag im modernen Grenzhäuschen ein.
Das Ausfüllen des Carnets brauchte tatsächlich einige Zeit, da es gerade als
Schulungsbeispiel für eine junge Beamtin (mit Kleinkind auf dem Arm) genutzt
wurde. Allerdings konnten wir ihren „erfahrenen“ Kollegen nur mit Mühe davon
abhalten, die falsche Seite auszufüllen … Und dann mit weichen Knien weiter zur
Immigration: Pässe abgegeben, Formulare ausgefüllt, Karstens Pass abgestempelt
und – Barbara diskussionslos das bisher übliche temporäre Visum bzw. die
dreitägige Aufenthaltsbewilligung für Malawi in die Hand gedrückt. Und alles
innerhalb 10 Minuten: Wieder einmal mehr zeigte sich: Glaube nie, was du nicht
selber erlebt hast – in Afrika ist alles möglich!
Vier Tage später beantragte Barbara dann in Malawis Hauptstadt Lilongwe, das
reguläre dreimonatige Visum und erhielt es noch am selben Tage für den
Schnäppchenpreis von 25.- Fr.
Vom auf über 1000 Meter
gelegenen Grenzdorf aus wand sich eine steile Bergstrasse in die Ebene des
Malawisees hinunter. Bald sahen wir das dunkle Blau verlockend in der Ferne
glitzern. Aber erst einmal mussten wir uns in Mangochi, der nächsten Stadt, um
die obligatorische Autoversicherung kümmern. Da die Versicherung an der Grenze
teurer sein soll als in der Stadt, drückten wir uns um den Abschluss an der
Grenze. Die Prime-Versicherung als einzige Versicherung in Mangochi wollte uns
aber nur eine Police mit minimaler Laufzeit von drei Monaten verkaufen für 35.-
Fr. Viel zu lange und deshalb auch zu teuer entschieden wir. Wir hofften, die
Versicherung in Lilongwe günstiger abschliessen zu können und bis dahin nicht
kontrolliert zu werden. Aber Pech gehabt: einige Tage später auf der Fahrt nach
Lilongwe wollte jeder Kontrollposten – und davon gabs viele – unsere
Versicherung sehen. Jedes Mal kramten wir unser Carnet hervor und erklärten mit
treuherzigem Blick, dass es sich dabei um eine internationale Versicherung
handle. Vielleicht sollten wir nach unserer Rückkehr in die Schweiz unser Glück
als Schauspieler versuchen, unsere Vorstellungen in Malawi mussten auf jeden
Fall sehr überzeugend gewesen sein, denn wir kamen ohne Busse davon. In Lilongwe
schlossen wir dann aber zur Beruhigung unseres Gewissens doch noch eine
Versicherung ab, ebenfalls bei Prime für 30 Tage und 15 Fr.-. Interessanterweise
wurde uns am Hauptsitz erklärt, dass Prime gar keine Zweigstelle in Mangochi
besässe …
Nachdem wir uns vor der Post
in Mangochi wieder einmal piratenmässig kostenlos ins Internet stehlen konnten
(und uns dabei leider die wirelesscard abrauchte), gings endlich an den „See der
Sterne“, wie der schottische Entdecker David Livingstone den Malawisee 1859
nannte. Der Malawisee ist riesig. Für unsere europäische Vorstellungskraft viel
eher ein Meer als ein See. Malawis grösster Schatz ist 575 km lang und bis zu 85
km breit! Kein Wunder sieht man das gegenüberliegende Ufer nicht und hat eine
Brandung wie am Meer.
Mit seinen 28'500 km2 ist er hinter dem
Victoria-, und Tanganjikasee der drittgrösste See Afrikas oder anders
ausgedrückt: grösser als die halbe Fläche der Schweiz oder rund 55 mal die
Fläche des Bodensees! Mosambik und Tansania haben ebenfalls Anteil am See, der
allergrösste Teil (24'000 km2)gehört aber zu Malawi. Der Malawisee
liegt im unteren Ende des Zentralafrikanischen Grabenbruchs. Der Afrikanische
Grabenbruch zieht sich wie ein gewaltiger Riss von Norden nach Süden durch den
Kontinent. In Äthioipien teilt er sich in den Zentralafrikanischen (Western Rift
Valley) und Ostafrikanischen Graben (Great Rift Valley). Im
Zentralafrikanischen Graben liegen die drei grössten Seen Afrikas. An seiner
tiefsten Stelle misst der Malawisees 700 Meter und ist somit der vierttiefste
See weltweit. Bekannt allerdings ist der Malawisee weniger dieser Dimensionen
wegen, als vielmehr durch seinen Artenreichtum. Annähernd 1000 Fischarten sollen
hier leben. Rund 90% davon sind endemisch, kommen also nur im Malawisee vor.
Durch seine isolierte Lage im Grabenbruch konnten sich im Malawisee vor allem
die Buntbarsche entwickeln. Diese kann man als Zierfische in den Aquarien auf
der ganzen Welt bewundern.
Und wie im Aquarium kamen wir
uns beim Schnorcheln im Malawisee vor. Im Süden ragt das Cape Maclear weit in
den See hinein. Die Halbinsel mit ihren zwölf vorgelagerten Insel wurde zum
Marine Nationalpark und von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.
Wir erkundeten
das Gebiet vom Boot aus. Ben und Tobi, unsere zwei Führer, ruderten uns durch
die hohen Wellen ins Schnorchelparadies. In glasklarem Wasser zwischen Felsen
planschten wir zwischen zig bunten Fischlein. Mittels einiger Brotkrummen
verwandelte sich unser Aquarium in eine von Fischleibern brodelnde schwarze
Masse – und wir mitten drin. Als nächstes ruderten uns die Jungs um die
Inselspitze herum zum nächsten Schauplatz. Die beiden stiessen schrille Pfiffe
aus und warfen einen kleinen toten Fisch ein paar Meter neben dem Boot ins
Wasser. Einen durchdringender Schrei, ein Rauschen und einen dunklen Schatten
über dem Wasser.
Und dann sahen wir ihn: den imposanten, weissköpfigen
Schreiseeadler, wie er mit ausgestreckten Krallen genau auf unser Boot
zusegelte, sich blitzschnell den Fisch aus dem Wasser griff und in einem
eleganten Bogen zurück in die Bäume flatterte. Wohl noch ewig hätten Mali und
wir dieses eindrückliche Schauspiel atemlos bewundern können, doch irgend wann
gingen die Fische aus. Für unseren Nachmittag auf See wollten die beiden Jungs
15.-$. Die hatten sie sich mit harter Ruderarbeit im hohen Wellengang auch
redlich verdient. Hier zeigte sich einmal mehr, wie preiswert in Afrika die
Arbeitskraft ist. Die selbe Bootsfahrt mit einem kleinen Motorboot hätte uns das
Dreifache gekostet. In Europa wäre es wohl genau umgekehrt.
Wir hatten uns vorgängig lange
überlegt, ob wir im Malawisee wirklich baden wollen. Wie die meisten stehenden
oder träge fliessenden Gewässer in Afrika ist auch der Malawisee Billharziose
verseucht. Im Uferbewuchs lebt eine spezielle Wasserschnecke, die als
Zwischenwirt der Erreger funktioniert. Die Larven der mikroskopisch kleinen
Saugwürmer lösen sich von der Schnecke um im Wasser menschliche Haut aufzuspüren
und unbemerkt zu durchbohren. Über die Venen nisten sie sich in Darm oder Blase
ein und wachsen zu Würmern heran, die bis zu 15 Jahre überleben können.
Unangenehme Vorstellung - und unangenehm sind auch die Symptome: Fieber,
Schwachheit und später blutiger Urin. Man geht davon aus, dass in Malawi
praktisch die gesamte Bevölkerung in Seenähe billharzioseinfiziert ist.
Glücklicherweise gibt es heute eine einfach medikamentöse Behandlung. Und an
Orten ohne Uferbewuchs, also an Sand- und Felsstränden und im offenen Wasser
besteht grundsätzlich keine Billharziosegefahr. Unter diesen Voraussetzungen und
mit dem Wissen, dass in den Hotelanlagen meistens auch nur Seewasser aus den
Duschen fliesst, konnten wir dem kühlen, samtweichen Süsswasser-Nass an langen
Sand-, oder Felsstränden nicht mehr widerstehen. Aber wir werden uns zu Hause
sicherheitshalber auf Billharziose überprüfen lassen …
Für die eher kurze Fahrt vom
Cape Maclear in die Hauptstadt Lilongwe planten wir eine kleine Piste als
abkürzende Querverbindung zu benutzen und fuhren deshalb auch erst gegen Mittag
los. Die Strecke führte uns über eine kleine aber gute Fahrspur über Hügel,
entlang von Bananenbäumen und Maisfeldern und mitten durch kleine, ursprüngliche
Dörfer. Aus den verwunderten Gesichtern und grossen Augen mit denen uns die
Dorfbewohner betrachteten, schlossen wir, dass hier wohl nie Touristen
langfahren. Nach gut einer Stunde Fahrt wussten wir auch weshalb: Wir hatten
wohl irgendwo eine oder mehrere falsche Abzweigungen erwischt und uns
hoffnungslos verfahren. Keiner der Dorfbewohner- sofern sie uns überhaupt
verstanden – konnten mit den Namen der Dörfer, durch die unsere Piste gemäss
Karte langführen sollte, etwas anfangen. Also blieb uns nichts anderes übrig als
den Computer heraus zu kramen und das GPS anzuschliessen, obwohl wir doch die
Abzweigung zur Piste und diese selber in unserer Karte mit genauen
Kilometerangaben aufgeführt hatten. Aber unsere Karte war trotz Jahrgang 2004
komplett veraltet, wie sich eine Stunde später herausstellte, als wir endlich
wieder auf Asphalt stiessen. Unsere kleine Piste verlief nun irgendwo weiter
nördlich und hatte sich zu einer veritablen Teerstrasse gemausert. Damit hätten
wir uns einige Kilometer und viel Zeit ersparen können, aber nie soviel
unverfälschtes Malawi erlebt. Und schliesslich schafften wir es auch so an
diesem Tag noch bis nach Lilongwe, wenn auch erst beim Eindunkeln.
In Lilongwe feierten wir erst
einmal Wiedersehen mit unseren Reisefreunden Janey, Tom und Hund Alf. Die drei
fuhren kurze Zeit vor uns in ihrem gelben Unimog von England über Afrikas
Westküste in den Süden. Ihre Homepage hielt uns insbesondere bezüglich
hunderelevanten Grenzformalitäten immer auf dem Laufenden. In Namibia traffen
wir uns dann zufällig auf einem Campingplatz und erfuhren einige Monate später,
dass Tom und Janey mittlerweile stolze Besitzer des Mabeya Camps (ehem. Kiboko)
in Lilongwe sind. Knapp eine Woche lungerten wir auf dem gemütlichen Camp herum
und erledigten das üblich Anfallenden in einer Hauptstadt mit guter
Infrastruktur (Visa, Einkaufen, Internet, Post, Waschen etc.). Da Tom und Janey
uns hier auch eine gute Tierärztin vermitteln konnten, frischten wir auch gleich
noch Malis Impfschutz auf. Seit längerer Zeit zum ersten Mal trafen wir im Camp
nun auch wieder andere Reisende. Wir genossen es, mit den deutschen Töfffahrern
und den Bernern Carla und Marcel Reisegeschichten auszutauschen und erhielten
von den von Ägypten südwärts gereisten Wienern Christine und Marc topaktuelle
Info zur Ostküste. Und ihr Tipp zur Visabeschaffung für Libyen scheint Gold wert
zu sein.
Lilongwe hat uns als Stadt
sehr gut gefallen, obwohl nicht typisch afrikanische (vielleicht hat sie uns zur
Abwechslung auch gerade deshalb gefallen). In erster Linie genossen wir
natürlich das angenehme Klima auf einer Höhe von gut 1000 Metern. Aber auch die
Weitläufigkeit der Stadt mit dem vielen Grün und die für eine afrikanische
Grossstadt fehlende Hektik waren angenehme Überraschungen. Da Lilongwe eine
„geplante“ Hauptstadt ist, fehlt ihr die pulsierende Eigendynamik alte
gewachsener Städte. Die verschiedenen Stadtviertel liegen weit auseinander und
sind durch breite Strassen entlang grossen Grünflächen und Parks miteinander
verbunden. Vermischt haben sie sich aber bis heute nicht. Als Malawi 1964
unabhängig wurde, war Lilongwe mit rund 20'000 Einwohnern noch eine kleine,
nette Stadt. Die Hauptstadt befand sich damals noch ganz im Süden des Landes, in
Zomba. Malawis erster Präsident Kamuzu Banda erkannt rasch das Süd-Nord-Gefälle
seines Landes und überzeugte internationale Geberstaaten von der Notwendigkeit
einer zentralen Hauptstadt. Die Wahl viel auf Lilongwe und 1969 begann das
ehrgeizige Bauprojekt mit erheblichen finanziellen Mitteln aus Südafrika. Für
die Geschäfts- und Regierungsviertel mussten riesige Flächen Busch- und
Waldlandschaft gerodet und planiert werden. Jedoch wurden zum Erhalt der
ursprünglichen Natur von Anfang an Naturreservate und Erholungsgebiete
vorgesehen. 1975 wurde Lilongwe zur neuen Hauptstadt.
Von Lilongwe aus gings
anschliessend im Zick-Zack-Kurs nordwärts– gar nicht so einfach in einem Land,
das gerade mal zwischen 70 und 170 km breit und dafür rund 850 km lang ist, das
sich in der Breite von 500 Metern über Meer am Ufer des Malawisees bis auf 3000
Meter Höhe an der Ostgrenze erstreckt und das bei einer Gesamtfläche von 118'000
km2 (knapp dreimal die Fläche der Schweiz) 20% Wasseroberfläche hat.
Bei unserem Hin und Her zwischen See und Inland galt es ständig zahlreiche
Höhenmeter zu überwinden, dafür boten sich traumhafte Ausblicke auf die tiefer
liegenden Regionen. Dank der verschiedenen Vegetationszonen ist es in Malawi nie
eintönig.
Vom angenehm kühlen Lilongwe mit europaähnlicher Vegetation schlängelte sich
unsere Strasse ans tropisch feuchte Malawiufer runter. Auf der guten Teerstrasse
kamen auch die in Malawi allgegenwärtigen Velofahrer mit ihren schwer bepackten
Vehikeln zügig voran – zumindest abwärts.
Nichts das nicht aufs Stahlross
gepasst hätte: Meterhohe Brennholzstapel, zentnerschwere Holzkohle-, Getreide-
oder Tabaksäcke, unzählige gestapelte Kartons mit rohen Eiern, ewig lange
Schilf- und Bambusrohre, hunderte von Bastkörben, lebende Ziegen und am Schluss
irgendwo noch der Fahrer. Während sich die einen auf der halsbrecherischen
Talfahrt mit überlasteten oder nicht funktionierenden Bremsen krampfhaft
versuchten auf der Strasse zu halten, schlichen die anderen auf der
gegenüberliegenden Strassenseite ihre schweren Lasten schiebend im
Schneckentempo den Hang hoch. Nicht selten nahmen die Velos mit ihren Lasten die
ganze Fahrspur ein, wurden aber durch energisches Hupen der stärkeren
Strassenbenützer rücksichtslos in den Strassengraben gedrängt.
Was dieses Mal dem
Campingplatz am See an Stil und Charme fehlte, machten die Fischer wett, die vor
unserer Nase am Strand ihre grossen Netze einholten. Das ganze Dorf war dabei,
als die Männer singend und mit rhythmischen Bewegungen ihren Fang an Land zogen.
Leider war die Ausbeute mickrig. Durch zu feinmaschige Schleppnetze sind die
Uferbereiche häufig völlig überfischt. Nicht selten werden in Afrika die Netze
aus den dichten Moskitonetzen zusammengeflickt, die vom Staat preiswert oder
gratis abgegeben werden – selbstverständlich natürlich mit anderem
Bestimmungszweck …
Durch das Nkhotakota Wildlife
Reserve kletterten wir zurück in höhere Regionen. Ausser einigen Pavianen
bekamen wir auf der mittlerweile ebenfalls geteerten Transitstrasse leider kein
Wildlife zu Gesicht. Immerhin liess aber der grosszügig über die Strasse
verteilte Elefantendung mehr erahnen. Durch sanfte Hügellandschaft gings weiter
über das dicht besiedelte Hochplateau. Mit einer Wachstumsrate von rund 4% zählt
Malawi zu den am dichtesten besiedelten Ländern Afrikas. Jedoch ist die
Bevölkerungsdichte sehr unausgeglichen. Im Norden leben rund 34 Menschen pro km2
, in der Landesmitte sind es bereits 96 und im Süden müssen sich 125 Menschen
einen km2 teilen (im Vergleich dazu Namibia als Land mit weltweit
zweitniedrigster Bevölkerungsdicht von 2 Einw./ km2, Mosambik mit 20
Einw./ km2 und Deutschland mit ca. 220 Einw./ km2 ). In
krassem Gegensatz dazu erreichten wir nur einige Kilometer nordwärts die
einsamen Bergwälder entlang der rund 2000 Meter hohen Viphya-Bege.
Im Viphya
Forest Reserve sind gigantische Pinienwälder über mehr als 50'000 ha Fläche
angelegt worden, die gezielt gehegt und gerodet werden. Mitten in den Pinien
fanden wir die von Wiesen und blühenden Blumen umgebene Luwawa Forest Lodge. Da
kam doch gleich etwas Heimweh nach dem Engadin auf. Der Senic-Drive, eine kaum
sichtbare Piste, sollte uns am nächsten Tag 38 km nordwärts quer durch das
Forest Reserve führen gemäss dem handgezeichneten Plänchen. Offenbar gabs doch
die eine oder andere Abzweigung mehr als eingezeichnet und nach einer Stunde
fantastischer Fahrt kam uns die Landschaft plötzlich erstaunlich bekannt vor.
Und als wir auch noch jemanden fanden um nach dem Weg zu fragen, merkten wir,
dass wir wieder vor der Lodge standen und einen grossen Kreis gedreht hatten –
aber schön wars. Beim zweiten Versuch wählten wir dann die offizielle 12 km
lange Piste zurück zur Teerstrasse.
Nach einem kurzen
Einkaufsstopp in Mzuzu führte uns ein zu Beginn breites und dann immer enger
werdendes Tal (allerdings immer noch auf über 1000 Metern Höhe) entlang dem
South Rukurufluss weiter in den Norden. Unterwegs bewunderten wir die wohl
letzte Hängebrücke aus Bambus. Sie führt über das braune brodelnde Wasser –
allerdings nur für Fussgänger und auch nur für solche mit Trittsicherheit und
Gottvertrauen. Etliche Querstreben fehlen und die Längsrohre verschieben sich
unter den tastenden Füssen. Eine schaukelnde und wacklige Angelegenheit! Früher
waren solche Hängebrücken häufig, nach und nach wurden sie jedoch durch Holz-
und Stahlkonstruktionen ersetzt. Selbstverständlich haben die geschäftstüchtigen
Malawier aus ihrer letzten Bambushängebrücke gleich ein Museum gemacht.
In
weiten Kurven gings nun erst aufwärts um dann in engen Serpentinen gut 1000
Meter zum Malawisee abzufallen. Die Aussicht auf das endlose Blau war
fantastisch. Wir fragten uns zum kleinen und abgelegenen Fischerdorf Mlowe
durch. Dort sollte am nächsten Morgen früh Barbaras „Kreuzfahrt“ auf dem
Malawisee starten. Vergeblich suchten wir einen Hafen oder Anlegesteg bis uns in
Zeichensprache klar gemacht wurde, dass die Leute mit dem Beiboot am Ufer
abgeholt werden. Allerdings hätte das Schiff etliche Stunden Verspätung und
niemand konnte uns sagen, um welche Zeit es am nächsten Morgen wohl ankommen
würde. Wir parkierten deshalb direkt am Ufer und waren natürlich einmal mehr die
Dorfattraktion. Allerdings hielten die Kinder hier respektvollen Abstand und
widmeten sich bald wieder ihren Spielen. Ein so angenehmes Buschcamp hatten wir
schon lange nicht mehr.
Am frühen Abend traf dann das
Schiff auf seinem Weg nordwärts ein mit vierstündiger Verspätung. Es war schön
mit anzusehen wie der hell erleuchtete Weihnachtsbaum – sorry, das Schiff - in
der Bucht ankerte. Schnell stampfte es aber wieder los nordwärts um im nächsten
Hafen den Rückweg anzutreten. Die Ilala gondelt seit 1951 in einem wöchentlichen
Rhythmus mit festem Fahrplan vom Südende des Sees bis fast ans Nordende und
zurück. Für viele Fisherdörfer entlang der Nordküste und die zwei Inseln
Chisumulu und Likoma ist sie die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Sie kann 100
Tonnen Fracht und 360 Passagiere laden. Meistens ist sie berstend voll mit
Menschen, Tieren und Gepäck. Dieses Spektakel wollte sich Barbara nicht entgehen
lassen. Fast hätte sie aber die Abfahrt am nächsten Morgen verschlafen, hätten
nicht die anderen Passagiere an unser Auto geklopft. Das Schiff hatte seine
Verspätung fast wieder gutgemacht und lief um 05h30 in der Bucht ein.
Mit schwer
beladenen Frauen mit schreienden Kindern auf dem Rücken und herausgeputzten
Männern drängelte sich Barbara am Strand vor dem Beiboot. Jeder wollte zuerst
aufs Boot und setzte dazu kräftig die Ellebogen ein. Stand man dann aber endlich
im knietiefen, heftig wellenden Wasser am Bootsrand, fanden sich viele helfende
Hände, die einem flugs ins Boot und auf einen Sitzplatz spedierten. Genauso nur
in umgekehrter Reihenfolge ging es zu und her beim Wechsel vom Beiboot aufs
Schiff. Allerdings musste hier mehr als ein Meter hochgekletterte werden unter
ständigem Geschaukle und Geschubse. Verwunderlich, dass dabei niemand ins Wasser
stürzte. Ein solcher Unfall wäre vermutlich auch nicht gerade glimpflich
ausgegangen, da sehr viele Leute in Afrika nicht schwimmen können. Schön war es
mit anzusehen, wie dick eingepackte Babys mit äusserster Vorsicht von Hand zu
Hand ins Schiff gereicht wurden um dort der nachkletternden Mutter sanft in die
Arme gelegt zu werden. Kaum war das Beiboot hochgezogen wurden die Anker
gelichtet und los gings. Karsten und Mali beobachteten das Ganze vom Strand aus.
Sie würden mit dem Auto zurückfahren und Barbara am Abend in Nkhata Bay in
Empfang nehmen.
Wie sich bald herausstellte
war Barbara nicht auf der Ilala sondern auf der Mtendere gelandet. Augerechnet
jetzt war die Ilala in Revision und wurde durch das zweite Frachtschiff ersetzt.
Aber ausser Baujahr und Namen gibt’s vermutlich keine Unterschiede.
Ganz unten
befindet sich die vollgestopfte Economy-Class einzig mit festgeschraubten
Plastikstühlen ausgerüstet, im zweiten Stock die halbleere Middle-Class mit
Plastikstühlen und Tischen und zuoberst die verwaiste Deck-Class mit Bar,
Sonnendeck, „Restaurant“ und vier Passagierkabinen. Bei Barbaras
Einschiffen am frühen Morgen lagen die meisten Passagiere der Economy- und
Middle-Class noch tief schlafend auf mitgebrachten Bastmatten kreuz und quer am
Fussboden oder auf Stühlen ausgestreckt.
Langsam erwachte das Schiff aber zum
Leben. An den offenen Bullaugen wurden Zähne geputzt, gegenseitig flochten sich
die Frauen kunstvolle Frisuren, Säuglinge wurden gestillt und das mitgebrachte
Frühstück wurde auf dem Boden ausgebreitet. Wie in Afrika üblich ohne ein
Quäntchen Privatsphäre. Und das je nach Reiseroute für drei bis vier Tage.
Schnell stieg der Lärmpegel auf das normale afrikanische Mass an und irgendwo
aus einem Radio plärrte laute Musik. Mit Händen und Füssen verständigte sich
Barbara mit den Frauen an Bord und erntete viel Gelächter. Schnell wurde sie in
die Mitte genommen und erhielt mit der typischen afrikanischen Herzlichkeit
einen Becher Wasser, wurde umarmt und an der Hand gehalten wenn sie nicht gerade
ein Baby im Arm wiegen musste. Später stiegen einige Geschäftsherren in modernen
Nadelstreifenanzügen, schönen Hemden und Krawatten zu. Ein witziges Bild, wie
sie mit ihren bis zu den Knien hochgekrempelten Anzugshosen, Schuhe und Socken
in der einen und das lederne Aktenköfferchen in der anderen Hand an Bord
kletterten. Etwas später entdeckte Barbara ein altes Männchen, das in seinen
dunkelgrünen Anzug stolz in der Middel-Class spazieren ging. Zum dunkelgrünen
Dreiteiler trug er schneeweisse Lederturnschuhe, weisse Sportsocken, ein weisses
Basecape und natürlich ein weisses Pochettli (Einstecktuch). Avantgarde auf der
Mtendere?
Auch landschaftlich war die Fahrt ein Erlebnis. Viele Küstenabschnitte sind
gebirgig, dicht bewaldet, fallen steil ins Wasser ab und nur mit dem Boot
zugänglich. Vereinzelt kleben Hütten mit einem winzigen Garten auf einem kleinen
Vorsprung über der Wasserlinie. Dann wieder wird die Küste flacher mit tollem
Sandstrand. Hinter jeder Landzunge sieht die Landschaft anders aus.
Nachmittags um drei, viel früher als erwartet, lief die Mtendere im natürlichen
Hafen in Nkhata Bay ein, wo eine riesige Menschenmasse mit Karsten und Mali
mitten drin hinter dem Anlegesteg (dem ersten auf der ganzen Reise) wartete.
Mali war glücklich, ihre kleine Familie wieder vereint zu haben. Von unserem
Übernachtungsplatz mitten in der Stadt hatten wir einen tollen Ausblick auf den
Hafen und das im dunkel hell erleuchtete Schiff. Aus der nahen Disco scherbelte
erstaunlich gute Musik – wenn auch eher Weihnachtsmusik. Aber zur
Lichterstimmung am Wasser passte es bestens.
Wir wollten noch ein paar
Badetage am See geniessen und fuhren deshalb von Nkhata Bay nochmals ein Stück
südwärts nach Kande Beach. Das erste Teilstück führte uns durch riesige
Gummibaum Wälder. Auf beiden Seiten der Strasse sahen wir die schräg
eingeritzten Baumstämme und die Kautschuk-Rinnsaale, die aus diesen Wunden
flossen – wie Tränen. An der Strasse boten Kinder und Jugendliche allerlei
Produkte aus Kautschuk an, in erster Linie Bälle aus Kautschukfäden gewickelt in
allen Grössen.
In Kande Beach kamen wir uns dann tatsächlich vor wie am Meer.
Eine richtige Bungalow-Strandanlage, ein ewig langer Sandstrand, Brandung,
vorgelagerte Inseln und Wasser bis zum Horizont. Die angrenzende Tauchbasis –
von einem Schweizer-Südafrikanerpaar geführt - bot Ausflüge in die malawische
Unterwasserwelt an, nur war Barbaras Ohr leider trotz mehrtägiger Antibiotikakur
immer noch heftig vereitert und nicht in Tauchvefassung. Doch die
Wunder-Ohrtropfen (der absolute Overkill) der Tauchbasis machten der
wochenlangen Ohrenentzündung innerhalb eines Tages den Gar aus – allerdings zu
einem hohen Preis: für die nächsten 2 Wochen bedeckte ein roter und heftig
juckender Ausschlag Barbara von Kopf bis Fuss. Ausschlag bei Barbara, immer
noch eingeklemmter Nerv und verspannte Beinmuskulatur bei Karsten – unser Auto
mutiert langsam zum Lazarettfahrzeug.
Nach langem Hin und Her
entschieden wir uns dazu, doch noch einen Abstecher in den Nyika Nationalpark zu
unternehmen. Auf der Anfahrt ins Hochplateau übernachteten wir in Rumphi im
Matunkha Center for Community based Orphan Care (www.matunkha.com
). Das Center existiert seit gut 10 Jahren unter Kanadischer und Holländischer
Leitung. Community health, education und rural developement sind die
Schwerpunkte. Auf christlichen Grundwerten basierend bilden die Mitarbeiter die
einheimische Bevölkerung im Rumphi-District in verschiedenen Bereichen aus. Im
Gesundheitsbereich werden unter fachmännischer Anleitung von Krankenschwester
und Arzt eigenständig funktionierende kommunale Gesundheitswesen ins Leben
gerufen. Das Zentrum unterstützt Familien, die ein oder mehrere der zahlreichen
(Aids)Waisen bei sich aufnehmen in allen Fragen des Alltagsleben. Das Zentrum
selber verfügt über eine Schule und bietet zudem offiziell anerkannte
Lehrausbildung im landwirtschaftlichen oder bautechnischen Bereich. Mit einem
eigenen kleinen Tierspital sorgt das Zentrum für die Tiere in der Umgebung. Auf
dem riesigen Gelände finden aber auch ein Campingplatz, Bungalows,
Konferenzräume und ein Restaurant platz. Die Einnahmen daraus fliessen alle ins
Zentrum zurück. Wir liessen uns zu einem Abendessen im Restaurant überreden und
landeten damit einen Haupttreffer. In gediegener und doch heimeliger Atmosphäre
wurde uns für 6.- Fr. ein Dreigänger stilvoll serviert, der jedem Vergleich mit
europäischem Standart locker mithält: Feiner, liebevoll angerichteter Salat,
fantasievoll zusammengestelltes und dekoriertes Dessert und als Beilage zum
Hauptgang die weltbesten Pommes! So richtig knusprig – solche hatten wir in
Afrika noch nie und zu Hause wohl nur ganz selten. Im schwarzen Gesicht des
Kochs blitzten seine weissen Zähne mit seiner weissen Kochmütze um die Wette,
als er unser Lob über Afrikas beste Pommes Frites bescheiden aber
freudestrahlend entgegen nahm.
Unseren ursprünglichen Plan, am nächsten Morgen gleich aufs Nyika-Plateau weiter
zu fahren, schoben wir zugunsten einer Wanderung durch die Umgebung um einen
halben Tag auf. Für Gäste des Zentrums werden verschie dene Aktivitäten
angeboten, wie zum Beispiel eine kulturelle Tour in eines der nahen Dörfer oder
ein-, bzw. mehrtägige Wanderungen in die Vwaza-Sümpfe oder in den Nyika
Nationalpark. Manager Tiem und seine Frau rekognoszierten an diesem Morgen eine
neue dreistündige Selfguided-Tour mit GPS vom Zentrum aus auf einheimischen
Trampelpfaden durch den Busch und entlang Feldern und Dörfern. Sie luden uns
ein, sie zu begleiten. Die Querfeldein-Tour durch wilde Landschaft, knietiefe
Flüsse und vom Tourismus unberührten Dörfer war ein eindrückliches Erlebnis. Es
war spannend zu beobachten, wie die lokale Bevölkerung unterwegs freudig und
respektvoll „ihre“ weisse Krankenschwester begrüsste – meistens verbunden mit
einem gegenseitigen kleinen Knicks – zu hören wie „Yhevo“-Rufe (Hallo) hin- und
hergegeben wurden und das unbeschwerte Lachen und Scherzen zu erleben. Unterwegs
erfuhren wir von Tiems Frau viel über die aktuelle medizinische Situation in
Malawi und die brennenden Probleme. Aids ist nach wie vor ein riesiges Problem.
Immerhin ist mittlerweile in Malawi ein Medikament gratis erhältlich für alle
HIV-Infizierten, wenn auch eines mit erheblichen Nebenwirkungen. Die Verteilung
des Medikaments für die Betroffenen in den abgelegenen Dörfern ist aber ein
grosses Problem. Dafür hatte sich in den letzten Jahren gezeigt, dass
erstaunlicherweise nur ein Drittel der Kinder (im Alter von 18 Monaten) mit
infizierten Müttern auch HIV positiv sind. Das Matunka-Center kann hier nur auf
Aufklärung setzen – was aufgrund unterschiedlicher Sprache und Kultur sehr
schwierig ist. Gegen eine Ansteckung im Mutterleib oder während der Geburt ist
man hier machtlos. Allerdings versucht man eine nachträgliche Übertragung durch
die Muttermilch zu verhindern. Eine Alternative zur Muttermilch gibt es in
diesen Regionen nicht (Milchpulver / Tiermilch: nicht vorhanden oder
unerschwinglich). Aber folgendes Vorgehen bringt Erfolg: eine strikte Trennung
von Muttermilch und fester Nahrung. Die ersten 6 Monate werden die Säuglinge nur
gestillt, dann erhalten sie keine Muttermilch mehr sondern nur noch feste
Nahrung. Denn mit der ersten festen Nahrung können kleinste Verletzungen im Mund
der Kleinkinder entstehen. Deshalb dürfen sie von diesem Moment an nicht mehr
mit der Muttermilch in Kontakt kommen. In der Theorie einfach, in der Praxis, wo
die Kinder in Afrika lange und in jeder Situation gestillt werden, unheimlich
schwierig.
Grosse Fortschritte wurden in den letzten Jahren bei Polio verzeichnet. Die
allermeisten Kinder werden regelmässig geimpft, auch in den abgelegenen
Gegenden. Wie bei uns besteht die Kontrolle hier über den Impfausweis. Kinder
mit Polio gibt’s deshalb nur noch selten. Die allermeisten Poliofälle kommen
heutzutage bei Erwachsenen vor.
Am Schluss der Wanderung
wurden wir bei einem Gesundheitsverantwortlichen des Dorfes zum Zmittag
eingeladen. Er bat uns in sein kühles Haus, wo für uns am Boden eine Bastmatte
ausgelegt wurde zum Draufsetzen. Seine Frau brachte uns Wasser und Schüssel um
die Hände zu waschen und daraufhin Mais und Kürbis von dem offenen Feuer hinter
dem Haus. Zu unseren Ehren gabs sogar Teller und Löffel. Unser Gastgeber ist
stolzer Besitzer einiger Tabakpflanzen. Vor dem Verkauf müssen die Blätter über
mindestens ein Jahr vollständig getrocknet werden – bei unserem Gastgeber hingen
sie im einzigen Raum des Wohnhauses von der Decke.
Am Nachmittag machten wir uns
dann doch noch auf Richtung Nyika. Über mehr schlechte als rechte Piste
schraubten wir uns langsam bis auf 2500 Meter hoch. Die Landschaft wurde karger,
der Wald wich einer offenen Hügelgraslandschaft.
 Der Nyika NP besticht nicht
unbedingt durch eine vielfälltige Tierwelt – auf dieser Höhe auch nicht
erstaunlich, können hier die Nachttemperaturen jederzeit unter 0°C fallen, wie
wir später schlotternd feststellen mussten – sondern über seine so gar nicht
afrikatypische Landschaft. Hätten wir es nicht besser gewusst, hätten wir wohl
gedacht, über die schottischen Highlands zu kurven. Wunderschön, diese Weite!
Gerade beim Eindunkeln erreichten wir das leere Camp – ganz gut so, denn Mali
wäre natürlich weder im Park und schon gar nicht im Camp erlaubt gewesen. So
aber sah der Wächter sie erst am nächsten Morgen, als wir schon wieder
abfahrtbereit waren. Auf einer kleinen Rundfahrt durch den Süden des Parks,
kamen wir ganz nahe an eine grosse Herde Elandantilopen heran und sahen auch
einige Zebras. Obwohl der Nyika NP Afrikas grösstes Leopardenpopulation
verzeichnen soll, kam uns keiner dieser gefleckten Jäger unter die Augen. Schade
– so vom sicheren Auto aus hätte das Beobachten sicher Spass gemacht.
Auf dem Rückweg konnten wir
uns einen kurzen Pommes-Zwischenstopp in Matunka nicht verkneifen, fuhren dann
aber zügig weiter Richtung Livingstonia – dieses Mal allerdings über die Old
Livingstonia Road.
Diese schmale Piste schlängelt sich, anders als die
Teerstrasse die in der Talsohle verläuft, durch attraktive Landschaft entlang
der Nyika-Berghänge nordwärts nach Livingstonia. Häufiger Steigungsregen an den
steilen Berghängen und klare Gebirgsbäche sorgen für üppigen grünen Bewuchs und
Urwald mit riesigen Bambusstauden. Livingstonia liegt auf einem Plateau auf
einer Höhe von 1200 Meter mit einer überwältigenden Aussicht auf den Malawisee.
Fast senkrecht fällt das Escarpment 600 Meter ab bis zum See und die steile
Naturstrasse windet sich in 20 Haarnadelkurven in die Tiefe.
Livingstonia erhielt seinen
Namen von der Livingstonia-Mission. Unter diesem Namen wurde 1873 eine
Expedition zu missionarischen Zwecken nach Zentralafrika geschickt, um das
begonnene Werk des mittlerweile verstorbenen Afrikaforschers David Livingstone
fortzusetzten. Auf seiner zweiten Afrikareise war Livingstone 1858 mit seinem
Dampfschiff den Sambesi von der Küste her landeinwärts geschippert, da er die
Flüsse Afrikas für britische Aktionen öffnen wollte. Als Gegner der Sklaverei
sah er die britische Kolonialisierung Afrikas als wirksamste Möglichkeit diese
zu beenden. Am 16. September 1859 erreichte er als erster Europäer den
Malawisee. Als er fragend auf den See deutete, erklärten ihm die Einheimischen,
dass dieser „Nyasa“ genannt werde. Ob Livingstone nun realisert hatte, dass „Nyasa“
in der einheimischen Sprache einfach „See“ bedeutet oder ob er es tatsächlich
als Eigenname verstand, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls taufte er das Gewässer
Nyasasee. Auf seiner dritten Reise 1861 wurde er von Missionaren begleitet.
Erschreckt stellte er fest, dass seine Berichte der vorherigen Reise die Wege
für neue Sklavenjäger geöffnet hatten. Die Küstenregionen Ostafrikas litten seit
Jahrhunderten unter dem Sklavenhandel und die menschliche Ware wurde dort knapp
und teuer. Daher dehnten die swahili-arabischen Menschenhändler die Beutezüge
und Handelsrouten ins Landesinnere aus. Die Sklavenjäger hatten zwei
Segelschiffe am Malawisee stationiert, auf denen die geraubten Menschen über den
See transportiert wurden. Bis zu 30'000 Sklaven nahmen jährlich diesen
qualvollen Weg. Überlebten sie die Überfahrt, mussten sie den endlosen Marsch zu
den Sklavenmärkten auf Sansibar antreten. Städte am Ufer des Malawisees, wo
tausende Sklaven zusammengetrieben und stationiert wurden, waren zeitweilig die
grössten menschlichen Ansammlungen in Afrika. Erst mit der Gründung der
britischen Kolonie Nyasaland anfangs des 20. Jahrhunderts wurde die Sklaverei
endgültig beendet. Mit der Beendung der einen Form der Sklaverei kam jedoch
einfach eine neue: die ins Land gerufenen britischen Siedler nahmen der lokalen
Bevölkerung das Land weg. Die Einheimischen wurden gezwungen eine
Verwaltungssteuer, bzw.eine Hüttensteuer zu bezahlen und wurden dadurch
lohnabhängig. Kein Wunder musste dies früher oder später zum Aufstand führen.
Unter Dr. Kamuzu Banda wurde Nyasaland 1964 schliesslich unabhängig und in
Malawi umbenannt. Kamuzu Banda genoss seine Ausbildung in der Livingstonia
Mission, bevor er dank amerikanischen Missionaren in der USA Medizin und
Geschichte studieren durfte. Nach 40 Jahren als praktizierender Arzt im Ausland
führte er Malawi in die Unabhängigkeit und ernannte sich zum Präsidenten auf
Lebenszeiten. Banda betrieb eine Politik des Dialogs mit den verbliebenen
weissen Kolonialregims Afrikas, Mosambik und Südafrika. Dies brachte zwar
Nachbarländer gegen Malawi auf, bescherte diesem aber einen minimalen Wohlstand.
Banda konzentrierte seine Wirtschaftspolitik immer auf die Landwirtschaft. Als
eines der ärmsten Länder der Welt hat Malawi dadurch keine grösseren Hungersnöte
erlitten. Auch heute ist Malawi noch ein reines Agrarland. Die Hungersnot 2002
ereignete sich nur deshalb, weil ein profitversessener Beamter die Maisvorräte
des Landes unter dubiosen Umständen an Nachbarländer verkaufte. Nach 30jähriger
Ära musste Banda dem nationalen und internationalen Druck weichen und es kam
1994 zu den ersten demokratischen Wahlen. Als eine der ersten Amtshandlungen
liess der neue Präsident Bakili Muluzi die politischen Gefangenen frei und
führte Meinungsäusserungs- und Pressefreiheit ein.
Auch wurde Bandas notorischer
Dress-Code aufgehoben – Frauen durften neuerdings Hosen tragen und Männer lange
Haare. In Bandas Zeit galten diese Vorschriften für alle ohne Pardon. Da wurden
auch den europäischen Herren Touristen am Flughafen vor der Einreise die Haare
auf die „richtige“ Länge gekürzt. Muluzi führte ein strenges Strukturprogramm
ein. Die Folge davon war eine deutliche Verschärfung der Lebensbedingungen der
einfachen Bevölkerung. Die Preise der Grundnahrungsmittel stiegen,
Arbeitslosigkeit nahm überhand und die Kriminalität wuchs. Das letzte Mal in
Schlagzeilen geriet Malawi als Madonna kürzlich ein Kind aus diesem Land
adoptierte - um ihm eine bessere Zukunft zu bieten. Uns erschien es allerdings,
als ginge es den Kindern in Malawi verhältnismässig gut, insbesondere
hinsichtlich Schulbildung.
Für uns war Livingstonia das
letzte vieler, vieler Highlights in Malawi. Am nächsten Tag ging es nach Karonga
und Ibanda zum Grenzübergang nach Tansania. Unsere Ausreise aus Malawi am 1.
April kam uns tatsächlich schon fast wie ein Aprilscherz vor. Malawi hatte uns
so begeistert, dass wir gut und gern noch einige Tage hätten bleibe können. Aber
in Tansania wartete Besuch aus der Schweiz auf uns und dafür muss natürlich auch
das schönste afrikanische Land hinten anstehen. Und wir haben ja schliesslich
die tollen Erinnerungen an das warme Herz Afrikas fest in unseren Herzen
eingeschlossen.
Dar-es-Salam,
19. April 2007
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