Home Wir Reiseroute & -info Reiseberichte Fotos Kontakt & Links

Europa
Marokko
Mauretanien
Senegal & Gambia
Guinea
Mali
Burkina Faso
Ghana
Togo, Benin, Nigeria
Kamerun
Gabon
Republik Kongo
Cabinda & DRC
Angola
Namibia
Sambia
Botswana
Südafrika
Lesotho
Swaziland
Mosambik
Malawi
Tansania
Uganda
Kenia
Äthiopien
Sudan
Ägypten
Libyen
Tunesien

 

Namibia  7.6. - 5.11.2006 / 6.12 - 19.12.2006

Norden

Unsere Erwartungen an Namibia waren recht unterschiedlich: Karsten freute sich darauf, endlich wieder deutsch sprechen und Fleisch in rauen Mengen verdrücken zu können (bis jetzt  gabs vielleicht alle 2 Wochen mal Fleisch) und Barbara freute sich zwar auf Namibias Tierwelt, war aber sehr traurig darüber, Schwarzafrika (in ihren Worten: „das richtige Afrika“) zu verlassen und hatte eigentlich gar keine Lust auf Namibia. Schon auf der Namibischen Seite des kleinen Grenzübergangs sah alles anders aus als bis jetzt gewohnt. Es gab moderne Grenzgebäude mit .richtigen Schaltern. Nur die ganze Bürokratie verlief  gewohnt afrikanisch langsam und kompliziert. Zum ersten Mal wurden unsere Auto auf  Herz und Nieren bzw. auf Motor- und Chassisnummer  auf Übereinstimmung mit dem Carnet überprüft. Nicht ganz einfach, wenn die Motornummer im roten Toyota  erst abgelesen werden kann, wenn der Motor vollständig ausgebaut ist und unsere Chassisnummer unter dem Korrosionsschutz erst frei gekratzt werden muss… Natürlich wurde das Wageninnere auch genaustens unter die Lupe genommen. Ein Zollbeamter kontrollierten Karstens Kleiderkisten und eine Zollbeamtin kontrollierte Barbaras Kisten – noch nie gehabt zuvor. Wir waren uns nach über zwei Stunden einig: der schlimmste Grenzübergang, den wir in Afrika je hatten! 

Kaum waren wir in Namibia, mussten wir uns erst einmal an den Linksverkehr gewöhnen. Und  auch nach einem Monat Namibia müssen wir uns immer noch konzentrieren, wenn wir im Linksverkehr durch grosse Städte wie Windhoek kurven. Schon nach den ersten paar Metern in Namibia bewahrheiteten sich Barbaras Befürchtungen: Mit bester Teerstrasse und modernsten Verkehrs- und Strassenschildern alle paar Meter kamen wir uns vor wie in Europa. Ausser der flachen Buschlandschaft erinnerte nichts mehr an Afrika. Auch die folgende Piste entlang dem Grenzfluss Kunene, wie alle grösseren Pisten in Namibia, war in einem solch guten Zustand wie wir es in den letzten sechs Monaten nie erlebt hatten. 

An diesem ersten Tag in Namibia schafften wir es gerade Mal rund 70 km in die Kunene-River-Lodge. Eine richtige Lodge direkt am Kunene mit kleinen Bungalows, wunderschönem Campingplatz, richtigen und funktionierenden sanitären Anlagen, warmen Duschen!, Stromanschluss und einem Restaurant mit Terrasse auf den Fluss  so viel Luxus empfanden wir schon fast als dekadent – aber  wir genossen es natürlich trotzdem! Dieser Luxus hatte aber auch seinen Preis, der unserem afrikagewohnten Preisempfinden extrem weh tat: 75 N$ pro Person, also ganze 15.- CHF pro Kopf und das auf dem Campingplatz. Und dazu kam noch das auswärts essen. Das erste Mal auf unserer Reise waren alle unsere Frischprodukte schon seit langem aufgebraucht und die Büchsen gingen auch langsam zu Ende. Zu Kaufen gabs weit und breit nichts – und das passierte uns ausgerechnet in Namibia. Also knabberten wir morgens auf unserem trockenen Schweizer Zwieback rum und leisteten uns Abends das auswärts essen. 

Seit langem trafen wir auch wieder einmal andere weisse Touristen – so richtige Touristen aus Südafrika oder Europa, die für zwei oder drei Wochen durch Namibia kurvten. Auch Schweizer auf einer Busreise waren dabei und siehe da, die Welt ist klein,  Barbara traf jemand von ihrer früheren Arbeitstelle dem BFF bzw. BFM. Interessant ist es, wie wir unterschiedlich auf unser neues Umfeld reagierten: während Christoph und Sibylle sich freuten, andere Touristen zu treffen, fühlten wir uns recht unwohl und fehl am Platz. Aber wir mussten uns wohl oder übel daran gewöhnen, es wurde bzw. wird wohl nur noch schlimmer. Dafür freuten wir uns umso mehr, dass wir hier Jane und Tom mit ihrem Hund Alf trafen. Die beiden Engländer waren schon etwas länger in Afrika unterwegs und wir hatten häufige ihre Webseite für Infos konsultiert. Jetzt erfuhren wir auch, weshalb wir sie eingeholt hatten: sie hatten das selbe Problem mit dem Angola-Visum und hatten es kurzerhand eigenhändig auf Doubleentry geändert. Leider gibt’s schon seit längerem keine Doubleentry mehr, weshalb man an der Grenze ihre Fälschung sofort feststellte und sie Probleme kriegten. Schliesslich mussten sie sich in Kinshasa neue Pässe besorgen, damit sie ein neues Visum erhielten – und das dauerte natürlich… 

Wir waren von Angola so ausgepowert, dass wir trotz des Preises drei Tage in der Kunene-River-Lodge blieben. Hier verabschiedeten wir uns auch von unseren Reisegespänli. Die Holländer fuhren nach Windhoek um ihren Besuch in Empfang zu nehmen und Christoph und Sibylle planten noch eine Rundreise im Nordwesten Namibias. Entlang dem Kunene fuhren wir über eine kleine, sehr steinige aber wunderschöne Piste rund 86 km zu den Epupa-Wasserfällen. Statt der in der Lodge angedrohten 8-9 Stunden brauchten wir für diese Strecke gerade mal 5 Stunden. Ob sich da unsere Pistenerfahrung bezahlt machte? Das erste, was wir auf dem  Campingplatz – von diesen wimmelte es von nun an nur so- in Epupa sahen, war Sibylles und Christophs roter Toyota.  

Die Epupa-Fälle sind wirklich spektakulär, nicht wegen ihrer Höhe sondern wegen ihrer Fläche. In einem breiten Delta stürzt der Kunene an verschiedensten Stellen rund 60 Meter in die Tiefe durch eindrückliche Schluchten. Es war so schön, dass wir gleich zwei Tage blieben. Aufgrund unserer schlechten Versorgungslage – eine Einkaufsmöglichkeit hatten wir noch immer nicht gefunden – betätigte sich Barbara zum ersten Mal als Brotbäckerin. Über dem offenen Feuer im Boiky gelang ihr richtig schön knuspriges Brot. 

Ohne Umwege gings anschliessend südlich nach Opuwo, wo wir zum ersten Mal wieder richtig einkaufen konnten – und das gleich in einem Supermarkt wie zu Hause. Wir konnten sogar das dringend benötigte Geld einfach mit der Postcard aus einem Bancomaten beziehen und im Supermarkt mit Visa bezahlen. Überall sahen wir jetzt weisse Bevölkerung und die wenigen Autos auf der Strasse waren neue und moderne Geländewagen. Opuwo faszinierte uns aber aus einem anderen Grund: diese Kleinstadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen. In den Strassen und im Supermarkt trifft man nicht nur die weissen Farmer, sondern die in ihren traditionell bauschigen Röcken gekleideten schwarzen Herero-Frauen mit ihren speziellen Hüten. Der grösste Gegensatz dazu bilden die halbnackten Himba-Frauen. Diese tragen einzig Leder oder Fellschurze und streichen den ganzen Körper inklusive Haare mit erdfarbener Fett-Lehmpaste ein. Ihre Kinder tragen sie mit Leder- und Fellriemen auf den Rücken geschnallt. Da  treffen tatsächlich Welten aufeinander, wenn eine solche Himba-Frau im modernen Supermarkt einkauft! Genauso ungewöhnlich war das Bild, als wir im einzigen Fernseher von Opuwo in einer Bar zusammen mit allen Volksgruppen Fusball-WM schauten, Schweiz gegen Frankreich. 

Wir residierten mit Christoph und Sibylle auf dem Campingplatz des luxuriösen Country Hotels. Eigentlich wollten wir ja von der Grenze aus direkt nach Windhoek fahren um unsere Passerneuerung in die Wege zu leiten, einzukaufen und anschliessend gleich weiterzufahren nach Sambia, Simbabwe und Botswana um dann am 1. August nach Namibia zurück zu kommen und Uli in Windhoek abzuholen. Aber es kam natürlich wieder einmal anders: Nachdem wir alle Varianten durchgedacht hatten, liessen wir uns von Christoph und Sibylle davon überzeugen, mit ihnen gemeinsam erst noch den einsamen Nord-Westen von Namibia, das Kaokoveld, zu bereisen und erst anschliessend nach Windhoek zu fahren. Diese Routenänderung machte für uns Sinn, da wir uns eh schon im Norden Namibias befanden und mit Uli wohl nicht mehr so hoch in den Norden kommen würden. Es hiess aber auch, dass wir vor Ulis Ankunft nicht mehr in andere Länder fahren sondern gleich die gesamten 3 Monate bis nach Ulis Abreise ende August in Namibia verbringen werden. 

So liessen wir uns also genügend Zeit für das wunderschöne Kaokoveld.  Nachdem wir uns in Opuwo mit ausreichend Lebensmittel eingedeckt hatten – für die nächsten 2-3 Wochen sollten wir keine Lebensmittelgeschäfte mehr antreffen – gings über kleine Pisten wieder nordwärts Richtung Marienflusstal. Da wir ja mit zwei Autos unterwegs waren, trauten wir uns auch den berühmt-berüchtigten Van-Zyls Pass zu, von Ost nach West mit den schwierigsten Passagen in der Abfahrt. Nicht um sonst wird in allen Reiseführern strikte von dieser Strecke abgeraten – ausser man ist Offroad-Profi. Die Strecke über den Pass führte uns tatsächlich in zwei Tagen über knapp autobreite Feldwege über Stock und Stein, Geröllfelder und riesige Steinstufen. Entsprechend langsam kamen wir vorwärts. Alle paar Meter mussten wir aussteigen und nach der Geländebesichtigung erst einmal grosse Steine herbei schaffen um die Fahrspur mindestens im entferntesten fahrbar zu machen. Trotzdem krochen wir dann in der Untersetzung und durchgetrettener Bremse, also wortwörtlich im Schneckentempo, die steilen Abhänge runter. Wir hofften inständig, dass unsere Autos nirgends aufliegen werden, nicht soviel Schrägelage erhalten, dass sie kippen oder dass loses Geröll mit uns zusammen einfach wegrutscht in die Tiefe. Es war alles andere als einfach, die vorher festgelegte Fahrspur dann auch tatsächlich zu fahren. Christoph und Sibylle hatten noch ein Handicup mehr: Ihre Servolenkung war dabei, den Geist aufzugeben… Es war spannend, gab spektakuläre Fotos und Videos und hat sich xfach gelohnt. Mali genoss diese Route, weil sie fast alles nebenher spazieren konnte. Weil die Aussicht von der Passhöhe so faszinierend war, genossen wir den ganzen Nachmittag dort und übernachteten auch gleich an diesem schönen Ort.

          

Am Fusse des Passes angelangt, signierten wir erste Mal wie alle vor uns einen Stein und machten uns auf  durch das mit trockenen Buschgras und einzelnen Bäumen bewachsene Marienflusstal. Angestrengt hielten wir Ausschau  nach den versprochenen wilden Tieren und sahen tatsächlich etliche Impalas und Strausse. Am Ende des Tals kamen wir wieder an den Grenzfluss Kunene, der Namibia von Angola trennt. Hier verbrachten wir zwei erholsame Tage in einem schönen Camp am Fluss mit Aussicht auf Angola. Vom Camp aus unternahmen wir einen gemütlichen Spaziergang zusammen mit Himba-Frauen entlang des Krokodilverseuchten Flusses. Koos, der Campbesitzer hatte sich sogleich in Mali verliebt und wollte sie behalten … nichts da!  

Anschliessend fuhren wir ins Hartmannstal, das noch abgelegener und karger ist. Am End des Tals türmen sich goldige Sanddüne einige hundert Meter bis runter zum Kunene-Fluss. Wir waren vernünftig genug, nicht zu versuchen, durch das Dünenfeld zu fahren, sondern schlugen unser Camp nach dem ersten Steckenbleiben in den Dünen auf. Wunderschön!

   

In dieser abgelegenen Region hatten wir nur gerade mal zwei weitere Touristen gesehen, dafür viele wilde Tiere (Antilopen, Strausse, Chameleon etc.) Je weiter südlich wir nun kamen, desto mehr Touristen begegneten wir. Karsten und ich hatten schon lange nicht mehr das Gefühl in Afrika zu sein aufgrund der modernen Infrastruktur der Campingplätze – ja es gibt hier richtige Campingplätze! – und der guten Strassen.

Nach einer Fahrt durch die faszinierende Wüstenlandschaft mit vielen Oryx, den Wahrzeichen Namibias, übernachteten weiter südlich in Puros in einem wunderschönen Camp, wo jede Campsite eigens WC und eigene Dusche hatten – wunderschön eingebettet in die überwältigende Landschaft. Und zu unserer Überraschung spazierte am Nachmittag ein Elefant mitten durchs Camp, keine 30 Meter von uns entfernt. Mali hat ihn zuerst entdeckt… 

Wir fuhren Richtung Sesfontein während zwei Tagen über eine Hochebene und durch das Hoarusib-Flussbett und hielten angestrengt Ausschau nach Tieren. Hier sollte es  - ausserhalb von einem Park nota bene – alles geben: Elefanten, Giraffen, Löwen, Nashörner etc. Wir sahen viele verschiedene Antilopen, Strausse, Schakale und - Giraffen und Elefanten! Genial! 

Weiter ging es durch das Hoanib-Flussbett durch bezaubernde Landschaft Richtung Kamanjab. Auf dem Weg Richtung Outjo besuchten wir eine Geparden Farm. Auf einer Safari  konnten wir über 15 Geparde mit zwei zweiwochenalten, tapsigen Jungtieren in einem riesigen eingehagten Buschland beobachten, mit Fütterung. Sensationell, wie geschmeidig die Tiere nach dem Fleisch sprangen und es im Flug auffingen. Zum Höhepunkt durften wir drei von Hand aufgezogene erwachsene Geparde streicheln. Schon ein seltsames Gefühl. Mali fand das ganze Getiere hier recht suspekt. 

 

Von nun an waren wir wieder alleine unterwegs und fuhren auf die Farm Hohenfels, ca. 200 km nördlich von Windhoek. Wir wussten von Christoph und Sibylle, dass ein Ostdeutscher die Farm führt. Zu unsrem Schrecken waren auf der Farm keine Haustiere erlaubt wegen der vielen kleinen Wildtieren die sie dort haben. Trotzdem durften wir mit Mali bleiben und sie hat sich auch ganz brav verhalten und keine der Tiere gejagt. Wir waren die einzigen Gäste und hatten die ganze Infrastruktur für uns: einen Aufenthaltsraum und eine voll eingerichtete Küche. Es war wunderschön nach knapp sieben Monaten das erste Mal wieder in einer richtigen Küche mit viel Platz zu kochen. Wir waren extrem froh, abends nun drinnen sein zu können. Auch wenn es tagsüber gegen 30 Grad hatte, waren es nachts mittlerweile nur noch knapp null Grad. Mali kam mit Schlottern kaum mit trotz ihres mittlerweile kuscheligen Winterfells, so dass wir sie nicht mehr wie bisher in der Kälte zum Schlafen in eine Wolldecke einpacken konnten, sondern sie nun Barbaras Reserveschlafsack bekam.  

Bei Roland erlebten wir einen gemütlichen Abend mit einheimischen Jägern und bekamen als Mitternachtsmenue frische Oryx-Leber serviert (am selben Nachmittag geschossen) – ganz fein! Roland hat wie die meisten Farmer hier eine riesige Werkstatt und Karsten durfte die Werkzeuge benutzen um unser Auto umzubauen. Wir schafften im Inneren etwas mehr Platz, indem wir die hinterste Kistenreihe ausbauten. Wir brauchen doch weniger Stauraum als gedacht und sind froh, über mehr Platz im Auto für die kalten Abende, an denen wir drinnen sitzen und essen möchten. Wir sind am Schluss mal wieder länger geblieben, als gedacht. Dies auch, weil wir bei einem der Jäger in der Garage in Otjiworongo noch den Ölwechsel lassen machen konnten und die kaputte Batteriehalterung schweissen liessen.  

Anfangs Juli schafften wir es dann doch noch bis nach Windhoek. Hier sind wir 15 km ausserhalb auf einer schönen Farm – Elisenheim- bei Andreas. Wir trafen hier Christoph, Sibylle, Hoschi und Andrea wieder. Wir genossen die gemeinsame Zeit auf dem Campingplatz mit Fondue im Boiky (Gusseisenpfanne) über dem offenen Feuer und abendlichen Fussballmatches im Fernseher. Mali schloss mit dem zahmen aber frechen Kudu (kuhgrosse Antilope) Freundschaft. Bei den zahmen Wildschweinen war sie aber schon skeptischer und die wilden Pavianhorden waren ihr (und uns) ganz suspekt.  

In Windhoek mussten wir uns nun um die Passerneuerung kümmern und unser Namibia-Visum von einem Monat auf drei Monate verlängern lassen. Alles extrem kompliziert und zeitaufwendig. Zudem mussten wir mal wieder auf ausgedehnte Shoppingtour und unter anderem neue Campingstühle suchen. Unsere alten, in Burkina Faso neu überzogenen Stühle haben definitiv den Geist aufgegeben. Soviel zur afrikanischen Qualitätsarbeit! Mali hatte deshalb mal wieder etwas Stadttraining und war in den Shops auch ganz brav bis auf das eine Mal, als sie in den Laden pinkelt – und das obwohl Barbara mit ihr extra fünf Minuten zuvor raus gegangen war. Aber draussen auf der Strasse war es Mali wohl zu hektisch….  

Wir hingegen empfinden Windhoek aber überhaupt nicht als hektisch - ganz und gar keine typische afrikanische Stadt. Alles geht geordnet und ruhig zu und her, es hat überall Verkehrsschilder, die befolgt werden, Verkehrsampeln, Markierungen auf den breiten und sauberen Strassen, Troittoirs und moderne Einkaufspassagen. Windhoek erinnert uns am ehesten an eine amerikanische Kleinstadt. Dafür spricht auch die grosse Anzahl weisser Bevölkerung im Gegensatz zu den wenigen Schwarzen, die hier zu sehen sind. Alles sehr schön, für uns aber nicht mehr Afrika bzw. das was wir uns unter Afrika vorstellen. Wir freuen uns jetzt deshalb schon wieder auf das „richtige“ Afrika.  

Barbara nahm sich vor, in Windhoek unseren neuen Internetauftritt, an dem sie nun seit Wochen gearbeitet hatte, aufzuschalten. Während sie also tagelang am Computer sass, optimierte Karsten noch unseren Innenausbau weiter. So haben wir jetzt einen richtigen Wasserhanen, wo wir unser gefiltertes Wasser raus lassen können. Zudem haben wir an allen Türen zusätzliche Schlösser anschweissen lassen, damit unser Auto etwas einbruchresistenter wird. Es gibt also ständig etwas zu tun und wir beide sehnen uns mal wieder nach einem Tag süssen Nichtstuns! 

Sobald wir uns vom Elisenheim los reissen können, fahren wir in Namibias tiefen Süden, bevor wir dann ende Juli wieder nach Windhoek kommen um Uli am 1. August abzuholen. Mit ihm werden wir Namibias Mitte bereisen. 

Windhoek, 10. Juli 2006

 

Süden

Nach knapp zwei Wochen hatten wir in Windhoek alles organisiert, was es zu organisieren gab und unserer Fahrt in den Süden stand nichts mehr entgegen. Zwar war Karsten noch nicht im Besitz seines neuen Passes, da die Ausstellung rund 8 Wochen dauert. Aber die Dame von der Botschaft versicherte ihm nach anfänglichen Schwierigkeiten - die Botschaft wollte nur einen einjährigen provisorischen Pass ausstellen, sie musste erst in Erfurt um Erlaubnis anfragen für einen regulären Pass, Karsten hat sich durch vermeintlich arrogantes Auftreten unbeliebt gemacht – dass der regulären Passausstellung nichts mehr im Wege stehen würde und alles nur noch eine Frage der Zeit sei. Auch Barbara hatte noch keinen neuen Pass. Sie hatte zwar beim Schweizer Honorarkonsul das nötige Formular ausgefüllt, als sie aber erfuhr, dass sie selber den Versand des Formulars an die Botschaft nach Kapstadt und die Weiterleitung des neuen Passes nach Windhoek organisieren müsse, war es ihr doch zu mühsam und sie entschied sich, erst in Kapstadt direkt einen neuen Pass zu beantragen. Zumal ihr die Botschaft per Email versichert hatte, dass ein neuer Pass innerhalb 3 Wochen erhältlich sei. Mal sehen … 

Auch unsere Visaverlängerung für Namibia hat nicht so geklappt wie erwartet: Wir dachten, wir würden im Innenministerium gleich wie bei der Einreise an der Grenze einfach ruckzuck einen Stempel kriegen mit der neuen maximalen Gültigkeitsdauer von 3 Monaten (bei der Einreise planten wir noch erstmal nur ca. 3 Wochen in Namibia zu sein und später nochmals zurück zu kommen). Schliesslich dürfen sich Schweizer und Deutsche 3 Monate pro Jahr „visumsfrei“ in Namibia aufhalten. Aber die unfreundliche Dame (in Karstens Worten: die „fette Qualle“) am Schalter des zuständigen Amtes knöpfte uns erst einmal 25 Franken pro Person ab (bei der Einreise war der Visumstempel gratis!) und wollte unsere Pässe mindestens 7 Tage behalten, da es so lange dauere, bis über unser Gesuch entschieden werde. Nur, wir waren nicht mehr so lange in Windhoek und ohne unsere Pässe wollten wir nicht weiterreisen – auch wenn das gemäss den Aussagen dieser Dame kein Problem gewesen wäre. Nach immer heftig werdender Diskussion und länger werdender Schlange von Wartenden hinter uns, gab sie uns mürrisch die Pässe zurück zusammen mit einem Schreiben, dass unser Verlängerungsgesuch hängig ist. Wenn wir also das nächste Mal in Windhoek sind, sollten wir innerhalb eines Tages die Verlängerung im Pass erhalten – sofern unser Gesuch bis dahin entschieden ist. Irgendwie kann Barbara jetzt den Kunden im Migrationsamt etwas nachfühlen…
Wir sind jetzt also zwar mit unseren Pässen aber mit seit anfangs Juli abgelaufenen Visa und einem Fakel des Innenministeriums unterwegs – bis jetzt tatsächlich ohne Probleme.

Mit einiger Überzeugungsarbeit gelang es Barbara schliesslich, Karsten zum Aufbruch zu bewegen. Ihm gefiel es mittlerweile in Windhoek ausgezeichnet, da er alle Shoppingzentren, Baumärkte, Autogaragen und feinen Restaurants kannte. Vor allem der Abschied vom Café Zoo, wo er sich nachmittags jeweils für Kaffee und Kuchen einquartierte, fiel ihm schwer. Aber es war ja nur ein Abschied auf Zeit und am 11. Juli, nachdem Hoschi und Andrea und Christoph und Sibylle schon seit Tagen wieder unterwegs waren, ging es auch bei uns los Richtung Süden. Über beste Teerstrasse fuhren wir via Rehobot Richtung Mariental.

Seit wir den Veterinärszaun („Seuchenzaun“: Agrarprodukte, Fleisch und Tiere, die von Nordnamibia her kommen werden hier kontrolliert, da alles, was südlich vom Zaun produziert wird, Exportqualität aufweist), der sich unterhalb des Etoshaparks quer durch das ganze Land zieht, passiert hatten, fuhren wir nur noch entlang oder durch eingezäuntes Farmland. Entweder verliefen parallel links und rechts zur Strasse Zäune oder aber wir mussten alle paar Kilometer anhalten und die Tore der Zäune, die quer über die Strasse verliefen öffnen. Entsprechend schwierig bis unmöglich war es nun, jeweils ein Plätzchen zum Wildcampen zu finden. Wir verbrachten nun also zur Freude Karstens die meisten Nächte auf teuren Campingplätzen. Den absolute Rekord schafften wir bereits am ersten Abend unserer Südtour: Beim ersten angefahrenen Campingplatz wurden wir wegen Mali erst gar nicht rein gelassen. Dies sollte uns im zentralen und südlichen Namibia noch öfter passieren. Hier ist man nicht gerade hundefreundlich! Bei Sonnenuntergang erreichten wir mit der Anib Kalahari Lodge die nächste Übernachtungsmöglichkeit bei Mariental, schmuggelten Mali rein und hatten aufgrund der vorgerückten Stunde trotz des horrenden Preises von 100 N$ pro Person (15 €) keine Lust mehr noch zig Kilometer weiter zu fahren. Aber wir waren ja vorgewarnt: Barbara hatte am Nachmittag in dieser Lodge angerufen und sich erkundigt, ob der im Campingführer abgedruckte Preis eben dieser 100 N$ vielleicht ein Druckfehler sei oder ob andernfalls das Nachtessen im Preis inbegriffen sei – sie wurde nur ausgelacht! Barbara erklärte also, dass wir nicht kommen würden, da uns dies doch viel zu teuer wäre – und trotzdem landeten wir schliesslich genau dort. Aber dafür war es wirklich konfortabel. Es gab nur drei Campingplätze und die waren so weit auseinander, dass man vom einen nicht zum nächsten sah. Wir hatten unser eigenes Häuschen mit Feuerstelle, WC und Heisswasserdusche.

Am nächsten Tag gings weiter über Stampriet und dann Richtung Süden entlang zweier Riviere (ausgetrockentes Flussbett) nach Tweerivier. Wir fuhren teilweise durch kleine Canyons und hatten immer wieder Blick auf die roten Sanddünen der Kalahari. Zusammen mit dem zarten Grün-Gelb des Grases und dem dunklen Braun-Grau der Felsen und dem tiefblauen Himmel  bot sich uns eine eindrückliche Farbpalette. Gemäss Karte waren wir hier abseits jeder Zivilisation und deshalb hofften wir auf einen schönen Platz für ein Bushcamp. Tatsächlich begegneten uns keine anderen Autos, aber wir fuhren mal wieder auf besten Pisten die links und rechts eingezäunt waren. Wieder nichts mit einsamem Übernachtungsplatz! Es ging deshalb also weiter wieder Richtung Westen und damit quer über die Kalahari-Dünen. Die bewachsenen roten Sanddünen sind zwar nicht hoch und es führt eine breite, feste und gute Sandpiste, die wir mit etwa 70 kmh befahren konnten, darüber, aber das ständige in den Himmel hoch und ins Nichts runter fahren erinnerte stark an Achterbahn – entsprechend schnell rebellierte Barbaras Magen, obwohl sie selber am Steuer sass. Wegen unseren nicht ganz so genauen Karten wurde der Fahrttag mal wieder länger als geplant  - zugegeben, wir fahren nach ausgiebigem Frühstück jeweils auch erst nach 10 Uhr los - und wir schafften es gerade noch zum Sonnenuntergang bis zum Campingplatz beim Köcherbaumwald.

Aus den Ästen des Köcherbaumes schnitzten die San (Bushmänner) früher tatsächlich ihre Köcher, da sich das weiche Innere der Bäume einfach entfernen lässt. Jetzt zur Winterregenzeit konnten wir die zartgelben Blüten an den Astspitzen bewundern. Die Köcherbäume gefallen uns gut – man sieht sie in Namibias Süden immer wieder – aber von Wald konnte hier eigentlich nicht die Rede sein, obwohl eine kleine Ansammlung dieser Bäume vorhanden war. Entsprechend ärgerten wir uns auch über den hohen Eintrittspreis. Zumal wir auf dem Campingplatz auch keine ruhige Nacht hatten: Horden von Südafrikanern (es war gerade Ferienzeit) füllten den Campingplatz und liessen bis spät in die Nacht ihre Generatoren und Outdoor-Fernseher!!! laufen. So zu sagen zum Ausgleich brachen sie dann morgens um fünf Uhr ihre Wagenburgen unter lautem Hin und Her wieder ab und fuhren mit dröhnenden Motoren um 6 Uhr los. Entschädigt wurden wir dann aber dafür später auf dem ausgiebigen Spaziergang durch den Giants Playground. Überall standen hier grosse Steinhaufen in der Landschaft, als hätten Riesen einige Steinmännchen gebaut. Mali freute sich nicht nur darüber, über die Steine zu klettern sondern jagte mit Eifer den kleinen Murmeltieren in den Felsen hinterher – ohne jedoch die geringste Chance zu haben.

Als wir uns am Nachmittag unserem nächsten Ziel, dem Fish River Canyon nährten und uns nach einer geeigneten Übernachtungsmöglichkeit umsahen, entdeckten wir beim Canyon Roadhouse den roten Toyota von Sibylle und Christoph. Ungeplant hatten sich unsere Wege also wieder gekreuzt. Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und nutzten ein gemeinsames Abendessen um die News der letzten Tage auszutauschen. Nach einigem Hin und Her durften wir schliesslich auch mit Mali auf dem Campingplatz des Roadhouses übernachten, mussten aber versprechen, sie ständig an der Leine zu halten. Man warnte uns auch davor, dass wir mit Mali nicht in den Fish River Canyon eingelassen würden. In keinem der zahlreichen Parks Namibia sind Hunde erlaubt.

Am  nächsten Tag verabschiedeten wir uns einmal mehr von unseren Freunden. Sie wollten es an diesem Tag noch bis nach Südafrika schaffen. Unsere Ziel war der Fish River Canyon, der zweitgrösste Canyon unserer Erde (nach dem Grand Canyon) und der grösste überhaupt auf der Südhemisphäre. Um das Parkgate zu passieren, musste sich Mali flach auf ihr Plätzchen legen – und schon waren wir samt Hund im Park. Im Gegensatz zum Grand Canyon sieht man beim Fish River Canyon überall runter bis auf den Fluss, was das ganze wirklich spektakulär macht. Sogar Mali war von der Aussicht beeindruckt! Durch eindrucksvolle Hügellandschaft fuhren wir parallel zum Canyon Richtung Süden nach Ai-Ais. Ai-Ais sind heisse Quellen, die am Ende der spektakulärsten 86 km Canyonlandschaft mit über 60°C im Canyon an die Oberfläche sprudeln und in einem Schwimmbecken gefasst werden. Der riesige Campingplatz um die Quellen herum liegt direkt in der Talsohle des Canyons. Wir suchten uns ganz hinten einen freien Platz um mit Mali möglichst wenig aufzufallen. Barbara wagte mit ihr sogar einen Morgenspaziergang an der Leine im Canyon. Barbara hätte sowieso gerne die 4- Tageswanderung durch den Canyon gemacht, aber als sie in Ai-Ais, dem Ziel der Wanderung sah, welche Massen von übergewichtigen und untrainierten Touristen durch den Canyon geschleust wurden, verzichtete sie gerne darauf. Abends genossen wir unter Sternenhimmel das Bad in den warmen Quellen – bis eine Horde angetrunkner Südafrikaner schamlos das ganze Basin okkupierte um johlend Wasserball zu spielen.

In der Hoffnung auf ein ruhigeres Badeerlebnis fuhren wir –diesmal durch flache und eintönige Landschaft – am nächsten Tag nach Warmbad. In dem kleinen Nest fanden wir dann zwar die warmen Quellen, von einem Bad war aber nirgends was zu sehen und noch weniger vom Campingplatz, der auf unserer Karte eingezeichnet ist. Schöner Flop! Obwohl Karsten keine Lust mehr hatte weiter zu fahren, war er auch nicht zu haben für eine Übernachtung mitten im kleinen Dorf. Also nahmen wir die 130 km zurück zum nächsten Campingplatz in Grünau unter die Räder. Barbara wollte einen Teil dieser Strecke auf einer kleinen Sandpiste fahren, wozu Karsten nur unter lautem Murren zustimmte. Nach rund 15 km Geholpere durch schöne Landschaft und drei Zaungatter, die wir öffnen mussten, war unsere Fahrt abrupt  vor dem vierten mit drei Schlössern abgeschlossenem Gatter zu Ende. An diesem Tag ging wirklich alles schief. Auch jetzt war Karsten zu keinem Bushcamp zu überreden und so fuhren wir alles wieder zurück und schafften es zum Eindunkeln gerade noch auf den wenig einladenden Parkplatz – sorry Campingplatz – in Grünau.

Dafür wurden wir am nächsten Tag entlohnt mit einer landschaftlich faszinierender Rundfahrt durch die Karasberge. Anschliessend gings über kleine Pisten teilweise entlang dem Fish River Canyon Richtung Oranje River, dem Grenzfluss zu Südafrika. Unterwegs präsentierte sich die Landschaft in allen nur möglichen Farbtönen: silberweisses Buschgrass, kräftiges Grün der niedrigen Büsche, goldgelbe Blumenpracht, tiefrote Flechten, dunkelgraue Berge und über allem ein tiefblauer Himmel mit weissen Schäfchenwolken. In Aussenkehr, dem ersten Weinanbaugebiet Namibias, direkt am Oranje River mit Blick auf Südafrika übernachteten wir auf dem Campingplatz der schönen Lodge Norotshama. Für uns war nach mehr als 7 Monaten Reisen, die Badewanne des Campingplatzes das absolute Hightlight!

Der Oranje River ist zusammen mit dem nördlichen Grenzfluss Kunene und dem Fish River der einzige Fluss Namibias, der ganzjährig Wasser führt. Er trennt nicht nur Namibia von Südafrika sondern auch den Fish River Canyon vom Richtersveld Nationalpark in Südafrika. Entlang dieses Flusses durch das naturbelassene Parkgebiet schlängelte sich unser Weg nun wieder nordwestlich nach Lüderitz ans Meer. Einen Zwischen-Übernachtungsstop auf der Farm Klein-Aus-Vista nützten wir für ausgedehnte Spaziergänge auf den wunderschönen Wanderwegen der Farm – Hiking-Trips zwischen 1 und 7 Stunden. Das zeigt schon, dass Farmen hier einiges grösser sind, als wir es von zu Hause her kennen: viele der Farmen hier haben mindestens die Grösse des Fürstentums Lichtenstein!

Auf dem Weg nach Lüderitz legten wir noch einen Stopp ein bei den wilden Wüstenpferden in Garup. Die Geschichte besagt, dass vor langer Zeit einige Pferde auf dem weiter nördlich gelegnen Gestüt des Schlosses Duiswib ausgebüchst waren und sie sich, bzw. ihre Nachfahren seither als Wildpferde in der Wüste aufhalten. Regelmässig kommen sie allerdings zum Wasserloch in Garup. Heute sollen es noch etwa 120 Pferde sein. Am Wasserloch sahen wir dann auch vermutlich fast alle dieser Wildpferde und waren recht enttäuscht darüber, dass sie wie eine ganz normale Herde Pferde aussahen. Sie kannten keine Scheu vor dem Menschen und knabberten sogar unser Auto an. Von wegen wild...

In Lüderitz erwarteten uns tatsächlich die von allen angekündigten Wolken und der Nebel, aber vom befürchteten Wind merkten wir nichts. Seit längerem war es auch nachts zum ersten Mal wieder etwas wärmer – mindestens über Null Grad… Das Städtchen Lüderitz hat uns sehr gut gefallen und wir erkundeten es ausgiebig mit Andrea und Hoschi. Zu unserer Überraschung und Freude trafen wir die beiden beim Einkaufen im Lüderitzer SPAR. Ja, ihr lest richtig: den SPAR gibt’s hier in Namibia auch und unsere kleinen Filialen in der Schweiz können gegenüber diesen grossen Supermärkten hier gerade einpacken. Wie gesagt genossen wir gemeinsam das herzige Städtchen, wo damals der erste Deutsche seinen Fuss auf namibischen Boden setzte und wo die Sanddünen direkt im Meer versinken. In Lüderitz mit seinen vielen Fachwerkhäusern, den Kirchen und den deutschen Strassennamen scheint die Zeit still gestanden zu sein und im Café Diaz gabs für Karsten endlich wieder traditionsgemäss Kaffee und Kuchen. In Lüderitz nutzten wir auch gerade die Gelegenheit und liessen uns im Rahmen der Polio-Impfkampagne mit einer Schluckimpfung gegen einen neuen Polio-Virus aus Indien impfen. Anders als bei uns gibt’s hier keinen Eintrag ins Impfbüchlein sondern eine Markierung am Daumennagel.  Weils so schön war blieben wir gleich drei Tage in Lüderitz.

Gleich ausserhalb von Lüderitz liegt die Geisterstadt Kolmanskop. Hier wurden anfangs 20 Jahrhundert Unmengen von Diamanten gefunden, die dieses Städtchen mitten in der Wüste entstehen liessen. Sobald jedoch weiter südlich noch mehr Diamanten gefunden wurden, zogen die  Diamantsucher weiter und Kohlmanskop wurde seinem Schicksal überlassen und ist heute wieder halb unter dem Sand begraben. Trotzdem konnten wir auf einem Rundgang anhand der Überbleibsel der massiven, aus Deutschland importierten Möbel, der ersten Kühlschränke (um 1910 mitten in der Wüste!!!) und der Wandtapeten erahnen, welcher Reichtum damals hier geherrscht haben musste. Zufällig hörten wir in einem der Häuser, wie ein Reiseführer seiner Gruppe draussen erklärte, dass sich seit einiger Zeit eine Hyäne auf dem Gelände herumtreibe und hier ihre Pfotenabdrücke im Sand zu erkennen seien – er blickte recht überrascht und betrübt, als wir daraufhin mit Mali an der Leine aus dem Haus traten …

Andrea und Hoschi zog es nach Süden und uns nach Norden zurück nach Windhoek, weshalb wir uns in Lüderitz wieder verabschieden mussten – nur um uns einige Stunden später etwas ausserhalb wieder über den Weg zu laufen. Wir entschieden uns für einen weiteren gemeinsamen Abend, konnten aber wegen der Kälte und des eisigen Winds weder das gemeinsame Grillieren  - da half auch aller über dem Feuer gebraute Glühwein nichts – noch das gemeinsame Frühstück geniessen.

Nach einem erneuten Abschied fuhren wir wieder alleine nordwärts entlang der roten Sanddünen des Namib Naukluft Parks. In dieser wunderschönen grün-roten Wiesen-Sandlandschaft mit den rotbraunen Bergen im Hintergrund verbrachten wir auf der Namtib Farm zwei erholsame richtige Ferientage mit langen Spaziergängen und süssem Nichtstun.

Wir wussten, dass unsere holländischen Freunde mittlerweile auf dem Weg von Windhoek Richtung Süden sein mussten und hofften sehr, ihnen irgend wo über den Weg zu laufen. Wir überlegten lange hin und her, wo sie wohl am ehesten sein könnten, folgten dann aber mangels gesicherter Informationen unserer eigenen Route nordwärts – um am frühen Nachmittag bei unserem Ziel, dem Schloss Duiswib anzukommen und dort als ersten den beigen Landy der Holländer zu erblicken. Mali überschlug sich fast vor Freude, als sie Lakshmi wieder sah und sauste mit ihr auf dem Campingplatz herum. Wir hatten viele neue Reiseerlebnisse die wir bei nachmittäglichem Kaffee und Kuchen und Abendessen am Lagerfreuen (bei -4°C) und gemütlichem „Schweizer“-Frühstück mit unseren Freunden , die wir nun schon knapp zwei Monate nicht mehr gesehen hatten, austauschen konnten. Rielle nutzte gerade die Gelegenheit um sich von Barbara mal wieder die Haare schneiden zu lassen und dann hiess es auch schon wieder Abschied nehmen. Vielleicht treffen wir uns ja auf der Rückfahrt entlang der Ostküste wieder – wäre schön!

Wir steuerten auf unserem Weg nach Windhoek als letzte Station das Camp Geko an, von dem wir wussten, dass es auf einer von Schweizern geführter Farm liegt. Zuoberst auf dem Hügel mit fantastischer Aussicht über das ganze Tal schlugen wir unser Camp auf und gesellten uns nach einem selbst gekochten Abendessen (Klösse mit Fleischbällchen und Küribsmus) zu den anderen Gästen ins Restaurant und lernten schnell die Gastgeber Heidi und René kennen. Es war sehr spannend von beiden mehr über das Leben auf einer Farm in Namibia zu erfahren. Mali interessierte sich vor allem für ihre drei Hunde und die zwei Katzen und freute sich darüber, dass auch sie seit langem mal wieder ein wirklich von Herzen willkommener Gast war. Unsere Gespräche setzten sich auch am nächsten Morgen noch so lange fort, dass wir schliesslich erst am Mittag mit zwei Stunden Verspätung losfuhren. Aber es hatte sich auf jeden Fall gelohnt! Wir konnten noch Renés Sammlung seiner handgefertigten Messer, alles Unikate aus Materialen aus Namibia,  bewundern und selbst ein Messer in Auftrag geben mit dem Zahn eines Wildschweins, den wir auf Hohenfels geschenkt erhalten hatten,  als Griff. Als Wegzerrung nahmen wir noch eine von Heidis selbst gemachten Confis mit, Papaya und Ginger – fein!

Nach einer eindrücklichen Passfahrt wieder in Windhoek zurück, mussten wir erst einmal unsere Vorräte wieder aufstocken. Obwohl es in Namibia eigentlich alles zu kaufen gibt wie in Europa, haben wir hier zum ersten Mal auf unserer Afrikareise Probleme ausreichend Frischprodukte einkaufen zu können – paradox! Entlang der ganzen Westküste Afrikas fuhren wir meist täglich, spätestens alle zwei Tage an kleinen Märkten oder Shops vorbei, wo wir uns mit Brot, Eiern und lokalem Gemüse (mindestens Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln) und Obst eindecken konnten. Hier in Namibia gibts alles, aber nur in den Supermärkten der grösseren Ortschaften und diese sind in hier etliche Tagesreisen von einander entfernt.

Auf dem Weg zu unserem „Downtown“-Übernachtungsort in Windhoeks Zentrum, dem roof of africa, trauten wir unseren Augen kaum, als wir an Andreas und Hoschis Auto vorbei fuhren. Wir wähnten die Beiden in Botswana. Sie hatten das selbe Übernachtungsziel wie wir und so genossen wir nochmals einen gemeinsamen Abend und verabredeten uns für eine kleine 1. Augustfeier auf der Farm Hohenfels.

In Windhoek gingen wir jetzt wieder unseren üblichen organisatorischen Tätigkeiten nach: Karstens
neuer Pass ist noch immer nicht angekommen und mit der Visaverlängerung für Namibia klappte es natürlich wie erwartet nicht. Die dumme Kuh am Schalter stellte sich blöde und erklärte uns immer wieder, dass wir für eine Verlängerung die Pässe zwei Wochen bei ihr deponieren müssten. Erst als wir auf die Barrikaden gingen und nach dem Vorgesetzten verlangten, kam Bewegung in die Sache. Wir wurden in das Büro der Chefin gebracht und sie verstand sofort, worum es ging und entschuldigte sich für das unfreundliche und unprofessionelle Vorgehen. Als Karsten zwei Tage später wie abgesprochen die Pässe bei der Chefin abholen wollte, waren diese unauffindbar. Erst nach langem Suchen tauchten sie auf und natürlich war noch nichts gemacht. Die blöde Kuh vom Schalter erhielt dann den ausdrücklichen Befehl, sofort unsere Visa zu verlängern, was sie nur unter Protest machte. Als ihr Karsten dann noch erklärte, dass er demnächst mit seinem neuen Pass vorbeikommen werde für einen Übertrag des Visums, löschte es ihr vollends ab.

Als wir an unserem ersten Abend auf unserem Stamm-Campingplatz, dem Elisenheim ankamen, rannte Mali freudig und übermütig durch die Anlage, bis sie nach fünf Minuten hinkend zurück kam. Sie hatte sich am Zaune eine Kralle ausgerissen. Wir fuhren also gleich wieder zurück in die Stadt zum Tierarzt wo sie eine Antibiotikaspritze und ein Schmerzmittel bekam. Die Kralle musste entfernt werden, da Mali aber für zwei Tage später sowieso einen Termin hatte zur Sterilisation unter Vollnarkose wurde es bis dahin aufgeschoben. Am Freitag rückten wir also morgens früh um 7h30 im Tierspital ein. Barbara klärte mit dem Tierarzt noch verschiedene andere offene Fragen betreffend chippen, Impfungen, Bluttest, reisen mit Hunden etc. Sie durfte schliesslich sogar bei der Operation dabei sein. Karsten beobachtete das Geschehen lieber aus sicherer Entfernung. Mali war den ganzen Tag von der Narkose noch recht benommen und torkelte durch die Gegend. Jetzt ist sie aber schon fast wieder fit. Am meisten stört sie noch der Verband am Pfötli, den sie ständig versucht wegzureissen.

Im Elisenheim haben wir auch wieder das Baslerpaar Paul und Irène getroffen, die wir schon von unserem ersten Aufenthalt hier kannten. Wir genossen einen Abend in ihrem schönen und warmen Mercedes-„Wohnmobil“ bei Schoggipudding und vielen Informationen für unsere Weiterreise. Wir geniessen es, dass wir hier beim Reisen in Namibia immer wieder auf Freunde treffen und auch einfacheren Zugang zu der einheimischen Bevölkerung haben als in Westafrika. Auch wenn die Namibianer anfangs häufig etwas distanziert wirken, tauen sie sehr schnell auf und sind unheimlich nett und hilfsbereit. In langen Gesprächen mit unseren Gastgebern auf den Farmen erfahren wir immer interessantes zu Land und Leuten.

Am ersten August werden wir Uli morgens früh vom Flughafen abholen und dann gleich nordwärts aufbrechen um für vier Wochen die Hightlights von Namibias Mitte zu erkunden.

Windhoek, 31. Juli 2006

 

Mitte

Uli schreibt:

Nachtflug nach Windhoek. Die grelle Morgensonne beendet alle Versuche, Schlaf zu finden. „Ist das schön hier“, schiesst es mir bei der Landung durch den Kopf - Keine Hochhäuser, keine Gewerbegebiete. Nur Buschlandschaft soweit das Auge reicht. Und irgendwo dazwischen der winzige Airport! Die Freude wird noch grösser als mir Barbara und Karsten durch die Glasscheibe bei der Passkontrolle winken. Dort muss ich mich damit abfinden, dass der Ausspruch: „Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit“ nicht von ungefähr kommt. „So lange, wie die Leute hier warten, muss der Stempel im Pass handgemalt sein“, denke ich. „Ging doch zügig“, meint Barbara hinterher… Nächste Station: Windhoek. Mietwagen abholen. Dort das gleiche Spiel. Aber Geduld ist ja erlernbar… Ich bekomme einen Golf II, der vor zwanzig Jahren sicher ein Riesen-Hit war. Egal. Was gar nicht egal ist: Der Linksverkehr! „Mann, das konnten sich nur Leute ausdenken, die sich immer noch eine Königin leisten und Fish & Chips für die Grösste aller kulinarischen Errungenschaften halten“, fluche ich. Nach einem Frühstück und dem dringend benötigten Kaffee geht es hinaus aus der Stadt in Richtung Norden. Auch hier keine seelenlosen Glaspaläste und nur wenig Gewerbegebiets-Tristesse. Zum Glück. Dafür Savanne. Scheinbar endlos und nur durch die Strasse geteilt. Nach gefühlten zehn Stunden Fahrt und ein paar Mal Sekunden-Schlaf  kommen wir in der Nähe des Waterberg-Plateaus zu einem kleinen Campground.(Anmerkung: Mein Auto ist fast neu, läuft leise und scheint keinen Sprit zu verbrauchen. Das soll sich noch ändern…)  Der Ort, der idyllisch am Fuss einer Anhöhe liegt, heisst Hohenfels und ist das Reich von Roland. Er ist aus Dresden und hat seine Heimat irgendwann in den Achtzigern verlassen. Geblieben ist sein gemütlicher, sächsischer Dialekt, der mich angenehm an Zuhause denken lässt. Anders als Daheim ist es hier jedoch verdammt kalt und die Sonne geht in einer Geschwindigkeit unter, als ob jemand das Licht ausknipst. Auch die Temperaturschwankungen sind Gewöhnungssache: T-Shirt, kurze Hose und Schwitzen bei Sonnenschein. Schnell warm anziehen wenn Wind aufkommt! Und noch wärmer anziehen nach Sonnenuntergang!

Am nächsten Morgen machen wir eine Wanderung auf den nahen Hügel. Ich geniesse den Ausblick und versuche die Weite der Landschaft zu inhalieren. Doch nur die afrikanische Kletten an der Kleidung sind von Dauer. Garantiert unentfernbar. Noch mehr bleibende Eindrücke gibt’s bei einem Ausflug ins „Dorf“, wie Roland sagt. Das „Dorf“ heisst Otjiwarongo und liegt ungefähr 30 Kilometer entfernt. Für afrikanische Verhältnisse direkt um die Ecke. Hier merke ich, dass der Rassismus zwar offiziell schon längst abgeschafft, aber dennoch weiterhin präsent ist. Die Drecksarbeiten scheinen nur Schwarze zu machen und auch ihr lang gezogenes „Yeess, Sir“ lässt erahnen, welche Stellung sie hier haben. Skurril: Herero-Frauen in traditioneller Tracht wirken in dem riesigen Einkaufszentrum wie Ausserirdische aufm Weihnachtsmarkt. Was ist wohl von ihrer Kultur geblieben, würde ich gern wissen… Die Weiterfahrt bedeutet für mich das Kennenlernen der so genannten Gravelpads, den Schotterpisten. Endlos und schnurgerade ziehen sie sich durch die Savannenlandschaft, vorbei an kahlen Bergen und Weidezäunen. Die Piste ist breit und Gegenverkehr gibt’s alle paar Stunden einmal. „Also, gib’ ihm…!“, denke ich und trete aufs Pedal. Doch der Schotter macht das Auto ab einer gewissen Geschwindigkeit unkontrollierbar und es gibt Aquaplaning ohne Wasser. Eine falsche Lenkbewegung oder heftiges Bremsen und man parkt seinen Wagen auf dem Dach in einem Savannen-Busch…  Also, langsam fahren, überleben und geniessen! (Anmerkung: Ich habe noch keinen Platten gehabt, dennoch fahre ich mein Auto zum ersten Mal an einer Sandstelle fest) Wir kommen schliesslich in der Nähe von Grootfontein an. Der Hoba-Meteorit ging hier nieder und auch wir rätseln, wo der Krater blieb, den der riesige Eisenbrocken beim Aufschlag gemacht haben dürfte. Direkt neben diesem weltweit grössten, bekannten Meteoriten zu übernachten und dort ganz allein die Morgensonne zu geniessen, zählt zu den bleibenden Erlebnissen dieser Tour.

Weiter in Richtung Norden. Das Ziel hat bei Afrika-Kennern einen magischen Klang: „Etosha“! Eine Herde von knapp 50 Elefanten planscht ausgiebig an einem Wasserloch. Zebras, Kudus, Warzenschweine und sogar eine Giraffe und eine Hyaene gesellen sich dazu. Und es ist kein Traum. Und kein Safari-Park! Ein paar Löwen, die träge direkt am Wegrand in der Sonne dösen, machen das Erlebnis perfekt. Es braucht eine Weile, um das alles zu realisieren. Eigentlich ist ja jetzt Hochsaison in „Deutschsüdwest“, doch erst als wir uns die Besichtigung einer Geparden-Farm vor Kamanjab mit zwei Busladungen Touristen teilen müssen, bemerken wir, welches Glück wir bisher gehabt haben. Unser nächstes Ziel ist ein Geheimtipp, dort werden uns die lauten Horden wohl erspart bleiben. Und tatsächlich, auf der Ermo-Farm von Sigi, einer resoluten Oesterreicherin, sind wir zunächst die einzigen Gäste. (Anmerkung: Mein Auto hat einen Platten!) Später jedoch gesellen sich zu unserem Camp auf einem steilen Hügel noch Gabi und Klaus (Namen geändert…) dazu. Leute, die schon von allem gehört und sowieso alles gesehen haben. Man möchte schreiend weglaufen. Doch nicht mal so viel offen zur Schau gestellte Blödheit vermag, die traumhafte Aussicht beim Sonnenuntergang zu verderben. Und auch das auf dem Lagerfeuer unterm Sternenhimmel zubereitete Abendessen ist unter „Romantik, pur“ einzuordnen.

Entsprechend schwer fällt der Abschied und entsprechend spät brechen wir in Richtung Norden, nach Opuwo, auf. Fenster zu, Lüftung aus! Als wir nach stundenlanger, staubiger Pistenfahrt endlich einen Platz für ein Camp irgendwo im Busch finden, sind auch die Gläser meiner Sonnenbrille mit einer feinen Staubschicht überzogen. Als wir uns am nächsten Tag entschliessen, eine schmale Route durchs bergige Hinterland zu nehmen, wird daraus die „Nambia Offroad Challenge“. Steinstufen, Weichsand, Felsbrocken, tiefe Spurrillen, trockene Flussbetten. Wenn das die Autovermietung wüsste… Schweissnass (also, ich zumindest…) erreichen wir Opuwo. (Anmerkung: Hier lasse ich meinen platten Reifen reparieren. Ich lande bei  „Yellow Page Tyre Repairs“, freundliche Leute in einer gelben Wellblechhütte an der staubigen Hauptstrasse. Ich bin begeistert über die moderne, hydraulische Reifenwechsel- und Auswuchtmaschine, die in der Ecke eines Gitterverschlages steht. Sie dient als Werkzeugablage. Der Reifen wird –wie fast überall in Afrika- auf rustikale Art mit grossem Hammer und selbstgebautem Werkzeug von der Felge getrennt und mit einem Flicken abgedichtet. „Yes, Sir – selbstverständlich wird es halten!“ sind Abschiedsworte vom Buschmechaniker) Opuwo ist das Kontrastprogramm zur pittoresken Bergwelt vorher: Staub, umher wirbelnder Müll, ein moderner Supermarkt und eine grosse Tankstelle neben nackten Himbas, bunten Herero und löchrigen Wellblechhütten. Schwarze sitzen mit ihren Habseligkeiten am Strassenrand und oben, hoch über der Stadt feiern sich die Touristen in ihrem Luxus-Camp. Alles ganz normal für Westafrika. Wirkliche Armut sieht anders aus, wie mir Barbara später versichert. Trotzdem, das Gefühl, dass hier uralte Kulturen von den Segnungen unserer westlichen Zivilisation platt gemacht werden, bleibt… (Anmerkung: Ich habe den nächsten Platten und lande wieder bei „Yellow Page Tyre Repairs“. Die Frage nach einer Zehner-Rabattkarte drängt sich auf.)

Auf der Weiterfahrt zaubern  hohe Berge, bizarre Felsenlandschaft, Hochebenen mit leuchtendem Prärie-Gras, wilde Tiere, kurvenreiche und steinige Pisten, uralte Bäume, kahle Steinwüsten und zahlreiche Ausblicke tief ins Kaoko-Land Eindrücke, die ich sicher noch zu Hause verarbeiten werde. Das Staunen wird nur ab und zu durch das heftige Krachen der Stossdämpfer unterbrochen. (Anmerkung: Ich habe zum Glück keinen Platten. Nur ab und zu fahre ich den Wagen im weichen Sand in einem der trockenen Flusstäler fest. Wir bekommen langsam Erfahrung beim Schieben und Schaufeln und im Gebrauch der Sandbleche.)

 

Dann: Bush-Camp irgendwo in den Bergen. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Himba-Mädchen auf einem Maultier auf. Sie schenkt uns ihr strahlend-weisses Lachen. Die Kommunikation mit Händen und Füssen funktioniert irgendwie. Wird sie in zwanzig Jahren ihren Körper immer noch mit einer Mischung aus Lehm und Rinderfett einreiben und ihren traditionellen Schmuck tragen? Vielleicht werden bis dahin Coca-Cola und Kommerz auch ihre Welt bestimmen… Neben dem Himba-Mädchen sind es noch viele solcher Begegnungen, die einem das Land näher bringen und die Reise prägen. Da ist der junge Schwarze, der unbedingt seinen Schulabschluss machen will, um später einen guten Job zu kriegen. Oder der Busfahrer aus Simbabwe, der Touristen quer durch Afrika fährt und Robert Mugabe in Schutz nimmt. Oder die Rentnerin aus Stuttgart, die immer allein mit ihrem Auto unterwegs ist und sich endlich die früher so knappe Zeit nehmen kann, um ihre Traumziele in Afrika zu besuchen. Und der schwarze Tour-Guide vom Brandberg-Massiv, der seit zehn Jahren über die gleichen Wege geht und keine Antwort findet auf die Frage, ob es immer noch Spass macht. Als wir ihn im Dunkeln vor seiner löchrigen Wellblechhütte absetzen, kapiere ich, warum.

Nach der langen Bergetappe erreichen wir Puros. (Anmerkung: Schnell gefahrene Kurven auf Schotterpisten mit spitzen Steinen machen grosse Löcher in Reifen. - Ich habe einen Platten und Reifenwechseln geht inzwischen auch ziemlich schnell…) Das schönste Camp Namibias schlängelt sich an einem trockenen Flussbett entlang. Überall stehen uralte Bäume und saftiges, grünes Buschwerk im weichen Sand. Das Gelände ist so weitläufig, dass man die nächste Campsite nicht einmal sieht. Wir sind fast die einzigen Gäste. Der Elefanten-Dung, der überall herum liegt, steigert unsere Hoffnungen, die Dickhäuter hier in der Wildnis zu erleben. Als wir nach einem Abend-Spaziergang durch die wildwest-ähnliche Landschaft zurückkehren, steht tatsächlich so ein grauer Riese in einer Campsite und rammt seinen gewaltigen Schädel gegen einen Baum. Laut purzeln die Früchte zu Boden, die der Koloss dann genüsslich mit dem Rüssel ins Maul stopft. Ganz still beobachten wir ihn und trauen uns dann näher. Der Riese ist noch nicht mal zehn Meter entfernt. Wir vergessen, dass es hier keinen schützenden Graben wie im Zoo gibt und fotografieren unsere Speicherkarten voll. Dann wird es dem ausgewachsenen Bullen mit seinen gewaltigen Stosszähnen zu bunt. Er dreht sich langsam zu uns um und – rennt auf uns zu! In Panik bringen wir uns in Sicherheit. Erleichtert beobachten wir aus unserem Versteck, dass sich der Elefant wieder seiner Mahlzeit widmet. Auch wir bereiten nach diesem Schreck erstmal unser Abendessen zu. Es ist dunkel, der Kochtopf dampft überm Lagerfeuer und plötzlich schreit Karsten: „Der Elefant ist hinter uns!!“ Wir bleiben wie versteinert stehen. Lautes Krachen von Ästen, Schnaufen. Nur ein paar Meter hinter unserer Campsite. Und die Geräusche scheinen näher zu kommen. Das blanke Entsetzen treibt uns ins Auto. Was jetzt?! Locken wir Elefanten mit unserem Essen an? Und wer hat den Mut zur Feuerstelle zu gehen und es dort wegzunehmen, wenn doch die Elefanten offensichtlich auch auf Spinatauflauf stehen?! Sind unsere Stirnlampen gute Ziele für ihre meterlangen Waffen aus Elfenbein?! Die Geräusche kommen jetzt aus verschiedenen Richtungen. Es ist nicht nur ein Elefant! Es sind drei!! Verdammt!!! Wie vertreiben wir die Bestien?! Mit einer Maus?! Elefanten haben doch Angst vor Mäusen?! Oder nicht?! Wir können die grauen Riesen in der Dunkelheit nicht sehen. Wir riechen nur ihre Nähe und hören, wie sie um uns herum das Buschwerk platt walzen. Lautes Trompeten lässt uns erzittern. Ihre leisen, bedächtigen Schritte auf weichem Sand registrieren wir nicht. Es scheint uns, als kämen das Schnaufen und das Krachen von splitterndem Holz von allen Seiten. Ein Horrorszenario! Wir versuchen, nicht in Panik zu verfallen, nehmen den Topf vom Feuer und essen im Landcruiser. Langsam kehrt auch das Lachen zurück. Die werden uns schon nichts tun und sind sicher schon weg, wenn wir wieder raus gehen. Weit gefehlt! Die Randale um uns herum ist immer noch im Gange, Zelt und Autos bleiben zum Glück weiterhin verschont. Was jetzt?! Irgendwie schlafen. Karsten und Barbara verschwinden in ihrem Dachzelt. Mein Zelt steht jedoch auf dem Boden und hat den sechs Tonnen Gewicht eines solchen Brockens nichts entgegenzusetzen. Ich bleibe also draussen und verfolge das Spektakel. Im fahlen Mondlicht sehe ich dann einen riesigen Koloss langsam auf die freie Fläche vor unserer Campsite gehen. Der Elefantenbulle kommt näher. Genau auf mich zu. Ich klammere mich im Dunkeln an meinem Stuhl, unfähig zu einer Bewegung. Der Puls hämmert. Als das Untier nur noch wenige Schritte entfernt ist, hält er inne - und regelt in aller Ruhe seinen Stoffwechsel. Es hat etwas ungemein friedliches, wie er so dasteht und riesige Haufen auf den Boden klatschen und ein offenbar gewaltiger Urinstrahl den Platz zu überschwemmen droht. Ich gewinne in meinem Sessel wieder an Höhe und beobachte den grauen Riesen, wie er bedächtig an mir vorbei zieht. Ich gehe ins Zelt. Der Krach kommt näher und verschwindet im Wechsel. Trotzdem finde ich irgendwann Schlaf. Nach dem nächtlichen Adrenalin-Schock fragen wir am nächsten Morgen einen Angestellten vom Camp. Er lächelt. Nein, die sind doch ganz friedlich. Komm ihnen nicht zu nahe, locke sie nicht mit Essen an und sie lassen dich auf jeden Fall in Ruhe. Ganz easy! Was, nur drei?! – Wir haben hier ganz viele..!  (Anmerkung: In diesem Moment wünsche ihm einen Platten!) Wir sind sauer. Das hätten wir gern vorher gewusst. Und das „I survived Puros wild Elephants“ – T-Shirt bekommen wir wohl auch nicht… Übermüdet und erleichtert setzen wir unsere Reise fort.

Die staubige Bergwelt in der Nähe von Seisfontein erinnert an das Königreich von Mordor in „Herr der Ringe“. Die Vegetation wird immer spärlicher, je näher wir der Küste kommen. (Anmerkung: Ich lasse meinen platten Reifen flicken. Doppelt so teuer wie sonst. Aber das Loch ist ja auch doppelt so gross. Eine Zehnerkarte will ich trotzdem nicht.)  Wir machen einen Abstecher zu den Organ Pipes, Felsen vulkanischen Ursprungs, die wie versteinerte Pommes Frites wirken. Die Felszeichnungen von Twyfelfontein in der Nähe besichtigen wir nicht. Wenn man uns nur ohne Mali-Hund will, dann kriegt man uns gar nicht. Eine Prinzipfrage. So kommen wir schon früh zum Brandberg-Massiv. Ein Felsen-Klotz von riesiger Ausdehnung, mitten in der Wüste. Tal-Einschnitte mit dichter Vegetation gleichen tropischen Gärten. Wir bekommen Lust auf einen Abendspaziergang zur „White Lady“. Das Tempo des Tourguides, der uns zur berühmtesten Felsmalerei Namibias in ein lang gezogenes Tal bringt, würde locker als Jogging durchgehen, aber der Weg ist weit und die Dämmerung nah. Wir lernen, dass die„White Lady“ eigentlich ein Mann ist: Ein Schamane, der sich in Trance versetzt, um mit Hilfe des grossen Geistes seinen Job als Medizinmann tun zu können.

Immer noch beeindruckt setzen wir unseren Weg am nächsten Morgen in Richtung Küste fort. Die Wüste ist nur noch eine steinige, endlose Fläche als wir das Meer erreichen. Am Cape Cross schauen wir bei der riesigen Seelöwen-Kolonie vorbei: „Big Brother“, nur ohne Container und ganz nah! Wer raus gewählt wird, scheinen allein die umher streunenden Schakale zu bestimmen. (Anmerkung: Karsten hat einen Platten. Der erste seit acht Monaten. Ich war nicht in der Nähe, ehrlich…) Zurück im Landesinneren ist die bizarre Felsenlandschaft der Spitzkoppe unser nächstes Ziel. Rings um das „Matterhorn Namibias“ befindet sich ein riesiger Campground. Wer hier zur nächsten Campsite will, braucht ein Auto. Wir finden auf Anhieb den schönsten Platz, eingebettet zwischen zwei rund fünfzig Meter hohen, vom Wind rund geschliffenen Felsmassiven. Auf Berge klettern, Sonnenunter- und Aufgänge geniessen und Wandern lassen die Zeit völlig vergessen. Dass es doch noch Uhren und eine Zivilisation gibt, wird deutlich, als wir in Swakopmund reinkommen. Strassen im Schachbrettmuster, gerade Linien, rechte Winkel, Ordnung und Sauberkeit. Die Mischung aus deutscher und amerikanischer Spiesser-Idylle lässt Fluchtgedanken entstehen. Frischer Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte im deutschen Cafe „Anton“ entschädigen da nur wenig.

Die Erlösung kommt am nächsten Tag in Form des Namib-Naukluft Nationalparks. Wir erfahren dort, dass Wüste selten wüst, meist aber recht abwechslungsreich ist: Zunächst gibt sich die Namib in der „Moonlandscape“ so kahl und öde wie das Death Valley in Kalifornien, danach ist sie wieder dicht mit Gras bewachsen und bergig. Selbst einen Fluss tief unten in einem Canyon gibt es. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kuiseb River einmal durchgängig Wasser führt, soll aber geringer als ein Sechser im Lotto sein. Über einen Weg, der mit „4 x 4 only“ gekennzeichnet ist, kommen wir zu einer kleinen Felsengruppe mit einem Steinbogen. Malerisch! Wir übernachten direkt unterm Rock Arch und eine Beschreibung wäre eine Steigerung sämtlicher Superlative. (Anmerkung: Auf dem holprigen Trail übersehe ich einen grossen Stein in der Mitte, der sich hinter einem Grasbüschel versteckt. Ein mörderischer Knall lässt die Vermutung zu, dass sich soeben die Karosserie vom Unterboden getrennt hat. Nach dem ersten Schreck stelle ich fest, dass Auspuff und Oelwanne zwar noch intakt sind, mein Auto trotzdem irgendwie vibriert und komische Geräusche macht. Ein platter Reifen wäre mir lieber gewesen…)

Unsere nächste Übernachtung in der Nähe von Solitaire bleibt nicht nur wegen der phantastischen Aussicht von einer Bergkuppe auf eine weite Hochebene und die dahinter liegenden Berge im Gedächtnis: René, der Schweizer Verwalter von „Camp Gecko“ (und Hersteller von individuell und handgemachten Messern), ändert möglicherweise mit der  Frage „Wollt ihr nicht länger bleiben und hier auf der Farm ein bisschen arbeiten?“ die weiteren Reisepläne von Barbara und Karsten… Während die beiden überlegen, ob sie ihren Aufenthalt verlängern, geht meine Zeit hier langsam zu Ende.

Der letzte Höhepunkt einer Tour, die ausschliesslich aus Höhepunkten zu bestehen scheint, heisst Sossusvlei: In der Dunkelheit um fünf Uhr morgens brechen wir auf, um den Sonnenaufgang an den höchsten Sanddünen der Welt zu erleben. (Anmerkung: In der Eile vergessen wir, das Licht im Dachzelt des Landcruisers auszuschalten, bevor es zusammengefaltet wird. Die Lampen haben während des Tages genug Zeit, sich tief in die Kopfkissen zu brennen. Wir haben Glück: Es gibt keine Toyota-Fackel und es bleibt bei verkohlten Lampen, schwarzen Löchern und dem Geruch nach Zimmerbrand und reichlich verwendeten WC-Spray). Der Ansturm der vielen Besucher, die um diese Zeit schon unterwegs sind, verteilt sich im Gebirge aus Wüstensand. Als wir an der Grossen Düne, ganz hinten im trockenen Tal des Tsauchab River, ankommen, sind wir allein. Unglaublich! Der Sand zieht beim Aufstieg auf die Sanddünen alle Kraft aus den Beinen, unsere Gesichter färben sich bald so rot wie der weiche Untergrund. Oben auf dem Dünenkamm machen die Aussicht auf die riesigen Sandgebilde und ihre vom Wind geschaffenen Formen  sprachlos. Lange sitzen wir einfach da und geniessen das Schauspiel im Morgenlicht. So wie hier oben, habe ich während dieser Reise bei vielen Erlebnissen überlegt, ob überhaupt noch eine Steigerung möglich sei. Aber das ist sicher die falsche Frage. Die Dinge immer neu und ohne Vergleiche erleben zu können, gehört für mich zu den wichtigen Erfahrungen in Namibia.

Wir machen uns auf den Weg nach Windhoek, zurück zum Ausgangspunkt unserer Tour. Der Kreis schliesst sich. (Anmerkung: Die Geräusche meines Autos werden schlimmer und die Vibrationen sind inzwischen so stark, dass ich beim Fahren eine Rückenmassage bekomme. Als ich das Auto abgebe, ist längst klar, dass die Selbstbeteiligung für die Versicherung fällig wird. Ich bin dennoch überrascht, als ich vom Manager erfahre, wofür: „Sorry, die Reparatur der Steinschläge in der Windschutzscheibe wird leider nicht übernommen“… ) Das letzte Wochenende verbringen wir in aller Ruhe auf dem wunderschönen Campground vom Elisenheim. Noch einmal ein Abendessen am offenen Feuer. Noch einmal intensiv den Sternenhimmel betrachten, der hier viel heller scheint als Zuhause und an dem die Sternschnuppen um die Wette fliegen. Noch einmal eine Stadtbesichtigung, eine Wanderung auf einen der Berge gleich in der Nähe. Noch einmal dasitzen und in die Ferne schauen. Da hinten irgendwo muss der Flieger starten, der mich zurück bringt.

 (Anmerkung: Als das Flugzeug in Frankfurt landet, rumpelt es. Haben wir einen Platten?)

Windhoek, 30. August 2006

 

Camp Gecko

Ein paar Wochen in Namibia auf Camp Gecko arbeiten? – Das wärs doch! Jetzt mussten wir uns also nur noch darum kümmern, dass unser Namibiavisum, das anfangs September ausläuft, einmal mehr verlängert wird. Mit den Namibischen Behörden hatten wir ja schon so unsere Erfahrungen gemacht…

In Windhoek brachten wir also schweren Herzens erst einmal Uli auf den Flieger. Wir hatten die vier Wochen mit ihm und seinen Sprüchen, den interessanten Gesprächen am Feuer und die Paolo Fusi – Lesungen unheimlich genossen. Es hatte uns gut getan, Afrika zur Abwechslung mit afrika-ungewohnten Augen zu sehen und vieles, woran wir uns schon lange gewöhnt hatten, erneut in Frage zu stellen. Der Abschied viel uns dementsprechend schwer. Am Flughafen wurde uns so richtig  bewusst, dass Europa für uns gefühlsmässig viel weiter weg ist als nur 10 Flugstunden. Es war für uns einfach unvorstellbar, dass wir wie alle diese Leute, die fürs Einchecken anstanden, ebenso am nächsten Morgen wieder zuhause sein könnten. Obwohl fast alle Europäer waren, kamen sie uns vor wie aus einer anderen Welt. Mit ihnen verband uns genauso viel oder wenig, wie mit den fremden Kulturen, denen wir auf unserer Reise bisher begegnet sind. Das Gefühl, nirgends wirklich dazu zu gehören, hinterliess eine Leere, die zu unserer trüben Abschiedsstimmung passte.

In den folgenden Tagen in Windhoek prüften und ergänzten wir noch verschiedenes an unserer Ausrüstung und deckte uns mit  namibisch-europäischen Köstlichkeiten ein für eine allfällige Weiterreise. Falls es mit der Visaverlängerung nämlich nicht klappen sollte, würden uns nur wenige Tage für die Ausreise aus Namibia bleiben. 360 km weiter und zwei Tage später standen wir mit klopfendem Herzen in Walvisbay im Immigrationoffice. Hier sollte es gemäss Insiderinfos einfacher sein zu einer Verlängerung zu kommen als in Windhoek. Mittlerweile wussten wir, dass wir am Besten direkt mit dem Chef verhandeln. Wir erklärten ihm wortreich, dass wir nach unserer langen Reise durch Afrika in Namibia erst einmal unser Auto im grossen Stil hätten überholen müssen und uns deshalb die drei Monate nicht gereicht hätten, ganz Namibia zu bereisen. Unsere Reiseroute ging über die Vorstellungskraft des guten Mannes und er glaubte uns erst, als er unsere Pässe und die Autopapiere gründlich geprüft hatte. Aber dann ging es ruck-zuck. Unglaublich, nach nur 30 Minuten hatten wir unsere neuen Visa in den Pässen – zwar nur zwei anstatt drei zusätzliche Monate, aber wer will denn schon so lange arbeiten?

Wir gönnten uns noch ein paar letzte arbeitsfreie Tage. Da Walvisbay nicht gerade der Brüller ist, verbrachten wir eine Nacht im Nobelferienort Langenstrand. Hier sollen Brad Pitt und Angelina Jolie ihr Kind bekommen haben. Uns haben der schmutzige Strand und die eingesandeten Villen nicht sonderlich beeindruckt - aber vielleicht lag es auch nur am an diese Küste allgegenwärtigen Nebel. Daher zogen wir das uns mittlerweile bekannte Swakopmund vor – und siehe da, hier schien ausnahmsweise sogar die Sonne. Die 30 km zwischen Walvisbay und Swakopmund kannten wir noch nicht. Hätten wir vorher gewusst, dass hier hohe Sanddünen direkt ins Meer gehen, hätten wir Uli diese Strecke nicht vorenthalten. Ihm hätten diese Landschaft und der lange Dünenspaziergang sicher auch enorm gut gefallen. So tobten wir halt alleine mit Mali durch den Sand von Dünenkamm zu Dünenkamm. Wunderbar!                                                                                                       

Am späten Samstagnachmittag kamen wir auf der Gecko-Farm an. Gut gewählt – am Wochenende wird auf der Farm nur das Nötigste oder nur zum „Vergnügen“ gearbeitet und wir konnten so unseren neuen Arbeitsalltag äusserst gemütlich angehen lassen. Als wir dann aber hörten, mit welchen Arbeitszeiten es ab Montag losgehen sollte, mussten wir erst einmal leer Schlucken: Von früh morgens um 7.00 Uhr bis 12.00 und nachmittags von 13.30 bis 17.30 Uhr wird auf Gecko gekrampft. Haben wir uns das freiwillige Arbeiten wirklich so vorgestellt??? –Klar, wir kriegen Kost und Logis, aber trotzdem. Am Sonntagabend vor unserem ersten Arbeitstag hätten wir am liebsten gleich wieder alles eingepackt und wären weiter gefahren. Wie sind wir nur auf diese hirnrissige Idee gekommen freiwillig zu arbeiten? Zu allem Übel fand in dieser Nacht auch noch die Umstellung auf die Sommerzeit statt und wir mussten faktisch also noch eine Stunde früher aufstehen. Dem Ganzen konnten wir nur einen überzeugenden Vorteil abgewinnen: Auf die häufige Frage nach dem  schlimmsten Moment auf unserer Reise wussten wir nun erstmals eine Antwort. 

Bevor es aber mit Arbeiten so richtig zur Sache ging, konnten wir uns am Montag erst einmal mit Plänen zeichnen beschäftigen und uns etwas auf der Farm umsehen. Neben dem ursprünglichen Farmbetrieb lebt Gecko v.a. von den Einnahmen als Gästefarm. Über die eigentlichen Farmgebäuden – Wohnhaus, Workshop, Farmstore, Fleischraum und Angestelltenhäuser – läuft der Farmbetrieb. Für die Gäste stehen ein grosser Campingplatz im Orangengarten und ein kleiner Platz mit grandioser Aussicht auf dem Hilltop sowie 6 Bungalows zur Verfügung. Die 5 Zweierbungalows auf Gecko sind gebaut in einer Mischung aus Haus und Zelt mit einer atemberaubenden Sicht in die weite Buschgrasebene mit unzähligen Wildtieren. Kein Wunder wirbt Gecko mit dem Slogan „The real out of Africa feeling“. Die Bungalows stehen so weit von einander entfernt und durch einen Hügel von den übrigen Farmgebäuden getrennt, dass man sich wirklich vorkommt als sei man alleine mitten im Busch. Von der nahe gelegenen Wasserstelle werden Springböcke, Strausse, Kudus und Zebras angelockt. Geparden und Leopard bleiben allerdings meist unsichtbar. Mit etwas Glück sieht man die kleineren Tiere wie Perlhühner, Schakale und Löffelhunde. Auch Skorpione und Schlangen – die meisten davon giftig aber sehr scheu – kreuzen ab und zu den Weg. Auf dem nahen Hügel trohnt die Lapa (das Restaurant) mit einer atemberaubenden Sicht in die Ebene und auf die nahen Berge. Nicht nur die Lage ist toll, auch das luftige Gebäude selber aus Holz, Tuch und mit Sandboden ist einmalig. Die Schweizer Farmmanager Heidi und René haben sich hier wirklich ihr Paradies geschaffen. Unterstützt werden die beiden von Mabel und Jos aus Holland. Gemeinsam kümmern sie sich um den Gästebetrieb und bewirtschaften mit Hilfe der drei angestellten schwarzen Arbeitern (Mutter und Söhne) die 6000 Hektaren grosse Farm mit Kühen, Pferden, Schafen, Hühnern etc.

Wir bauten nicht wie ursprünglich vorgesehen an einem neuen Campingplatz. Die zwei bestehenden Plätze decken den momentanen Bedarf an Campingmöglichkeit ausreichend. Zudem ist auf Gecko leider auch immer alles eine Kostenfrage und der neue Platz wäre wohl nicht nur unheimlich arbeits- sondern auch kostenintensiv geworden. Stattdessen bauten wir den sechsten, erst halb fertig gestellten Bungalow von einer 2-Personen Schlafmöglichkeit in einen Familienbungalow um. Unser Bungalow sollte nun im bereits teilweise bestehenden “Hauptgebäude” Dusche / WC, Küche, Feuerstelle und Sitzmöglichkeit und in zwei neu zu bauenden seitlichen Stelzenhäusern Schlafplätze für vier Personen bieten.  Wir zeichneten, berechneten, diskutierten, probierten und entschieden uns schliesslich für zwei ovale Hüttchen links und rechts des Hauptgebäudes auf je acht Stelzen mit Strohdach und Zeltwänden. Wir konnten es kaum erwarten mit Arbeiten zu beginnen. Karsten war sich trotz des wissenden Schmunzelns von René sicher, dass wir die beiden Hüttchen innerhalb zwei Wochen fertig gestellt hätten.

Eifrig begannen wir mit dem Bau der ersten Plattform. Herausforderungen gab es genug: Nicht um sonst kam uns der Spruch in den Sinn „auf Sand gebaut“. Unser Untergrund bestand aus lockerem Weichsand und nur schon die Löcher für die Stelzen auszuheben kam einer Sisyphus-Arbeit gleich. Alles richtig Auszumessen war mit den vorhandenen Hilfsmitteln auch kein Zuckerschlecken. Und schon bald sahen wir uns zum ersten Mal mit dem immer wiederkehrenden Problem konfrontiert, dass wir so sparsam wie nur möglich - oder eben unmöglich – mit dem teuren aber qualitativ dürftigen Baumaterial umgehen mussten. Werkzeug ist auf Gecko zwar vorhanden, aber das allermeiste natürlich nur einmal, was ein paralelles Arbeiten unmöglich machte. Die drei angestellten Arbeiter, Titus, Martin und Nehemia halfen uns häufig bei der Arbeit – was dazu führte, dass wir viel Zeit und Geduld in vorgängige Erklärungen und anschliessende Kontrollen investierten. Das führte aber immerhin dazu, dass sich Karstens englisch rapide verbesserte und Barbara nun auch bautechnische Fachausdrücke in dieser Sprache kennt.

Mit viel Enthusiasmus massen, schaufelten, mauerten, sägten, bohrten, schraubten, nagelten, feilten und hobelten wir tagelang in der prallen Sonne. Auch wenn Barbara zuerst v.a. die planerischen, organisatorischen und dolmetschen Aufgaben übernahm, erprobte sie nach kurzer Zeit auch mehr oder weniger erfolgreich ihr handwerkliches Geschick. Mali genoss es, in dieser Zeit alleine oder mit Pala, einem der drei Farmhunde, über unsere Baustelle zu flitzen und uns vom Arbeiten abzuhalten. Zu Renés Erstaunen standen nach der ersten Arbeitswoche bereits die beiden Plattformen und die Verbindungsstege zum Hauptgebäude. Jetzt fehlte uns aber das Material um weiter zu bauen. Und der nächste Baumarkt ist hier auf Camp Gecko nicht gleich um die Ecke sondern im 200 km entfernten Windhoek. Wenn immer uns zukünftig Baumaterial fehlte, mussten wir also warten, bis jemand nach Windhoek fuhr zum Einkaufen. Genaustens mussten wir uns überlegen und berechnen was wir brauchen würden, um nicht gleich wieder ohne Material auf dem Trockenen zu sitzen aber auch nicht überschüssiges teures Material zu bestellen. Gar nicht so einfach! Da nicht nur einzig wegen unserer Baubestellung der weite Weg nach Windhoek unter die Räder genommen wurde, warteten wir teilweise einige Tage auf unser Material. Diese Zeit überbrückten wir mit Steine Sammeln fürs Mauern, Grasschneiden fürs Dach, Mauern von Küche und Feuerstelle, Vergrössern der Terrasse und Spannen von Schattennetzen als Dach oder sonstigen Arbeiten auf der Farm.

Und sonstige Arbeiten gibt’s auf einer Farm immer genug. Karsten werkelte tagelang – insbesondere an den Wochenenden - im Workshop herum und half René und Jos bei der Reparatur der Farmfarzeuge, bei der Herstellung von Renés handgemachten Messern und, und, und. Er nutzte natürlich auch gerade die Gelegenheit, einige Dinge für unser Auto zu basteln wie Reservekanisterhalterung, Halterung fürs Regendach, Verstärkung der kaputten Batteriehalterung und ein Sitzplatz für Mali zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Als Folge davon musste er sich von René und Jos immer wieder damit aufziehen lassen, dass er laufend das beste Material abzügle und an unser Auto packe. Unser Auto sei vermutlich mittlerweile so schwer, dass wir gar nie mehr losfahren könnten... Barbara half beim Kochen und Waschen, Putzen der Bungalows und Versorgung der Tiere. Ihr gelang es, den widerspenstigen Truthahn und seine Henne dazu zu erziehen, dass sie auf Händeklatschen quer über die Farm in ihr Gatter und anschliessend in ihre Schlafhütte marschierten. Die vier kleinen, erst ein paar Wochen alten Strausse starben leider trotz der intensiven Fürsorge von Heidi. Dafür gediehen die beiden kleinen Stinktiere „Stinki“ und „Screamy“ bestens. Auch diese waren erst ein paar Wochen alt, als sie Titus verwaist fand und ins Haus brachte. Die beiden mussten wie kleine Kinder alle paar Stunden gefüttert werden mit Babynahrung, Ei und später Fleisch. Im eingezäunten Garten kamen sie täglich zu ihrem Auslauf indem sie unter Aufsicht miteinander spielten oder tapfer hinter unseren Füssen her rannten.

Was es heisst, für eine solche Farm verantwortlich zu sein, erfuhren wir, als wir zwei Tage alleine mit den Angestellten zusammen die Farm und die Gäste betreuten. Eine tolle, interessante und lehrreiche Erfahrung. Das Schwierigste dabei war wohl der Umgang mit den Angestellten. Diese nutzten es nach Strich und Faden aus, dass ihre richtigen Chefs alle ausgeflogen waren. Sie liessen sich von uns kaum etwas sagen, benutzten Maschinen und Telefon die sonst für sie tabu sind und logen uns bei unserem Einschreiten frech ins Gesicht. Kein Wunder waren wir froh, als Heidi und René wieder zurück waren. Auf unsere Klagen hin erklärte uns René desillusioniert, dass dies die besten Arbeiter seien, die man hier kriegen würde. Schliesslich würden sie nicht saufen oder klauen und seien im Grossen und Ganzen anständig. Als wir hörten, in welchem Ausmass René und Heidi die Familie unterstützen, welche Privilegien sie im Vergleich zu Arbeitern auf anderen Farmen haben und welchen kameradschaftlichen Umgang auf Gecko herrscht, wuchs unsere Enttäuschung über dieses Verhalten nur noch mehr.

Als Ausgleich zu unserem Schaffen nahmen uns Heidi und René mit auf Farmdrives, wo wir die unberührte Natur geniessen und nach den zahlreichen Wildtieren Ausschau halten konnten – und nicht zu Vergessen: den flammenden Sonnenuntergang bei Erbbeeren mit Schlagrahm erleben durften! Zweimal gönnten wir uns auch einen Ausflug nach Solitaire zum besten Apfelkuchen Namibias und ins 60km entfernte Rostock Ritz. Mitten in der Wüste gibt’s da Meeresfrüchte zu essen – bei sensationellem Blick von der Terrasse auf das vom Sonnenuntergang rot gefärbte Land. Nicht nur beim Nageln und Hämmern war unsere Treffsicherheit gefragt – mit René erprobten wir uns im Revolver- (zum Leidwesen der Hunde) und Bogenschiessen. Wenn denn auch Karsten Hood die Scheibe nicht immer traf, so schaffte er es, mit seinem Pfeil einer der noch wenigen ganzen Wasserleitungen einen glatten Durchschuss zu verpassen! Nach dem Arbeiten erkundete Barbara die Farm ab und zu auf dem Pferderücken und konnte danach für einige Tage jeweils kaum mehr sitzen oder gehen. Karstens erster Ausritt endete früher als geplant. Vergeblich suchte er in luftiger Höhe nach Steuerrad, Gangschaltung und Handbremse. Unsere Nervosität übertrug sich vermutlich auf die Pferde und so kehrten wir auf halber Strecke bereits wieder um, um Karsten ein Flugerlebnis ohne Fallschirm zu ersparen. Wunderschön waren unsere Grillabende im Flussbett, besonders bei Vollmond. Wir hatten wieder das Gefühl irgendwo auf Reisen und mitten im Busch zu sein. Diese Ausflüge gefielen auch den Hunden, konnten sie doch nach Herzenslust durch das dichte Buschgras rund um den Grillplatz stromern. Und sogar Miau, die graue Katze war immer mit von Partie. Sie konnte es jeweils kaum erwarten, ins Auto zu springen und zusammen mit den Hunden auf der Ladefläche mitzufahren. Zu Malis Entzücken begleitete uns Miau auch gelegentlich auf Spaziergängen.

Für Mali waren diese sechs Wochen Gecko das wahre Paradies. Mit den drei Hunden Stony, Pala und Look standen ihr immer genügend Spielgefährten zur Verfügung. Das erklärte Lieblingsspiel war definitiv „alle auf Mali“ und es ging manchmal schon recht zur Sache. Aber in aller Regel verfeilte unser Rennhund die anderen drei grösseren Hunde nach Strich und Faden und blieb auch in Sachen Zähnefletschen und Raufen nichts schuldig. Mit Pala konnte sie Abende lang „Ich beiss dich in die Ohren, du beisst mich ins Bein“ spielen. In Miau verliebte sich Mali auf den ersten Blick. Es kostete sie aber einige Kratzer bis sie lernte, dass man mit Katzen anders spielt als mit Hunden. Am Schluss durfte sie aber zärtlich an Miaus Ohr knabbern und sie ablecken. Mali musste auch lernen, dass Truthähne nicht zum Jagen da sind. Schliesslich half sie Barbara sogar, abends die Truthähne in ihr Häuschen zu treiben. Barbaras grosse Angst war, dass Mali vielleicht von einer Giftschlange oder von einem Skorpion gebissen werden könnte. In dieser Gegend leben einige der giftigsten Schlangen überhaupt. Seit wir eine Kobra gesehen hatten, die erst blitzschnell vor uns über die Strasse flitzte und sich nachher in Drohhaltung aufrichtete und so bis auf Höhe unserer Autoscheiben kam, hatte  auch Karsten einen gewissen Respekt vor Schlangen. René und Heidi hatten auf der Farm bereits einen Hund an eine schwarze Mamba verloren. Mali bewies aber, dass sie offenbar den Unterschied zwischen Geckos, hinter welchen sie immer hinter her jagt, und Giftschlangen kennt: Im Garten vor dem Hauseingang stöberte sie eine Hornnatter auf und teilte uns dies durch lautes Bellen mit, hielt aber einen grossen Abstand zur giftigen Schlange. Karsten konnte die Schlange daraufhin mit der Grillzange einfangen und ins Terrarium sperren. Ebenso haben wir einen grossen schwarzen Skorpion fürs Terrarium gefangen. Unsere giftige Korallenschlange hingegen hat es doch tatsächlich geschafft, gleich am ersten Tag wieder aus dem Terrarium auszubüchsen.

Natürlich haben wir in unserer Geckozeit auch einige der interessanten Gäste beim gemeinsamen Abendessen in der Lapa kennen gelernt. Sie waren immer ganz fasziniert, wenn wir von unserer Reise erzählten und löcherten uns mit allerlei Fragen. Bei einer dieser Gelegenheiten haben wir auch wieder einmal mehr festgestellt, wie klein doch die Welt ist: einige der Gäste kannten unser geliebtes Fextal bestens und verbringen regelmässig Ferien dort. Riesig freuten wir uns über die Besuche von Freunden. Mit Bettina und Raaschad, die wir in Swakopmund kennengelernt hatten und die seit zehn Monaten durch das südliche Afrika reisten, verbrachten wir einen gemütichen Grillabend. Nicht schlecht staunten wir, als die Schweizer Freunde von René und Heidi, Eva und Fabian, auf der Farm aufkreuzten und uns grinsend erklärten, sie würden uns kennen und hätten schon Fotos von uns gesehen. Wie sich heraus stellte, hatten sie einige Wochen zuvor zufällig Sibylle und Christoph kennen gelernt, die damals auch gerade Botswana unterwegs waren. Schnell stellte sich offenbar heraus, dass sowohl Eva und Fabian die Gecko Farm kannten und Sibylle und Christoph Freunde haben, die zur Zeit gerade auf Gecko arbeiteten. So klein ist die Welt!

Auf Gecko staunten wir immer wieder wie sparsam und überlegt mit den Ressourcen umgegangen wird. Gecko ist wie viele andere Farmen nicht ans Stromnetz angeschlossen. Der Strom für Licht und Telefon kommt täglich über drei Solarpanels und wird in vier Batterien zwischen gespeichert. Nur zweimal wöchentlich wird für ein paar Stunden der Generator angeworfen. In dieser Zeit wird im Haus alles erledigt, was Strom braucht: der Kühlschrank wird runtergekühlt, die Waschmaschine angestellt, wenn nötig die Nähmaschine in Betrieb genommen etc. Wasser – reines Trinkwasser - wird permanent über ein Windrad aus dem 120 Meter tiefen Bohrloch gepumpt. Wenn möglich werden die Waschtage mit den Bewässerungstagen kombiniert und neben der Windpumpe wir gleichzeitig mit dem Generator Wasser gepumpt und alle Wassertanks aufgefüllt. Ein grosser, offener Wasserspeicher dient auch gleichzeitig als Oeko-Swimmingpool, dessen Wasser anschliessend für die Bewässerung des Orangengartens gebraucht wird. Auch in der Werkstatt wird der kleine Generator erst in Betrieb genommen, wenn mindestens zwei Personen gleichzeitig Strom brauchen. Uns wurde auch erst auf Gecko wieder bewusst, welche Bedrohung ein Gewitter auch heutzutage noch darstellt. Falls ein Blitz irgendwo auf dem Farmgelände einschlägt, brennt das trockene Buschgras sofort lichterloh und die Sturmwinde tragen ihres dazu bei, dass das Feuer rasend schnell um sich greift. Kein Wunder, wird man auf einer Farm immer nervös, wenn ein Gewitter im Anzug ist. In der Lapa auf dem Berg, wo die ganze Farm überblickbar ist, wird dann jeweils Feuerwache gehalten – immer in der Hoffnung, dass das ausgeklügelte Notfall-Löschkonzept nicht zum Einsatz kommen muss.

Nach gut 4 Wochen war dann unser Hauptbungalow und das erste Stelzenhäuschen samt Strohdach fertig. Beim zweiten Stelzenhaus fehlte aus Materialmangel nur noch das Dach – aber dies gehört sowieso in Nehemias Spezialgebiet. Karsten vermittelte uns aber ohne Wimpernzucken gleich den nächsten Job. Er schwärmte Heidi und René solange vor, wie toll es doch wäre, bei den Bungalows einen kleinen Pool mit Aussicht auf die Ebene zu haben, bis wir mit dem Poolbau beginnen durften. Innert kürzester Zeit  waren wir mit dem 4-Personen-Sitzpool und der kunstvoll geschwungen Plattform fertig und konnten unser erstes Testbad nehmen. Sensationell!!! Im Natursteinpool im lauwarmen Wasser sitzend lässt sich die ganze Ebene mit den vielen frei lebenden Tieren bewundern – dazu der rotglühende Abendhimmel und einen kühlen Drink. Das absolute Non-plus-ultra!!! Heidis und Renés Reaktion nach ihrem ersten Bad im Pool bestätigte uns, dass wir hier wirklich etwas wunderbares geschaffen hatten.

Mit der Fertigstellung unserer Bauten näherte sich aber auch unsere Gecko-Zeit ihrem Ende. Auch wenn Barbara in den sechs Wochen ab und zu den Drang zur Weiterreise verspürt hatte, fiel uns der Abschied von Gecko schliesslich unheimlich schwer. Wir hatten auf Gecko nach neun Monaten Reisen erstmals wieder so etwas wie ein zu Hause gefunden und fühlten uns dort wohl. Um viele Freundschaften, Erfahrungen, Erlebnisse und zwei handgemachte Gecko-Messer reicher, verabschiedeten wir uns schliesslich Mitte Oktober von der Gecko-Crew und waren „on the road again“ Richtung Windhoek.

In Windhoek blieb uns aber keine Zeit Trübsal zu blasen, da erwartete uns nämlich schon die nächste Überraschung in Form eines roten Toyotas. Nachdem wir uns vor drei Monaten im Süden Namibias endgültig von Sibylle und Christoph verabschiedet hatten in der Annahme, dass wir uns das nächste Mal wohl in der Schweiz treffen werden, staunten wir nicht schlecht, als die Beiden uns im Elisenheim erwarteten. Von den vielen Eindrücken gesättigt, haben sie ihre Pläne geändert und fliegen Mitte November nach einem Jahr Afrika von Namibia nach Hause zurück. Ihren Toyota werden sie hier verkaufen – falls also jemand Interesse hat … - oder für eine ihrer nächsten Reise unterstellen. So schnell ändern sich die Pläne in Afrika!

Durch welche Länder es bei uns weiter geht, ist noch offen. Auf jeden Fall läuft unser Namibiavisum am 7. November ab und für uns steht nach wie vor fest, dass wir auf dem Landweg in die Schweiz zurück kehren wollen. 

Windhoek, 18. Oktober 2006

 

Caprivi

Die Namibische Einwanderungsbehörde überlegte sich bereits, uns das "Residence Permit" (Niederlassungsbewilligung) zu erteilen - doch nach fünf Monaten konnten wir uns am  5. November doch noch von Namibia losreissen. Den bekannten Caprivi Zipfel hoben wir uns für unsere letzte Namibia Woche auf – so zu sagen als Wiedereingewöhnungsprogramm für das richtige Afrika.

Zuerst mussten wir uns aber einmal mehr vom Elisenheim in Windhoek los reissen. Aus unseren geplanten zwei, drei Tagen Windhoek wurde wieder mehr als eine Woche. Wir genossen die Annehmlichkeiten der Stadt (sprich Café Zoo etc.) nach der Abgeschiedenheit auf Camp Gecko sehr. Als mittlerweile Stammgäste im Elisenheim, nahm Andreas, der Besitzer, uns und Sibylle und Christoph auf zwei nachmittägliche Farmdrives mit. Elisenheim ist mit seinen 5000 Hektaren etwas kleiner als Gecko und um vieles gebirgiger. Entsprechend schüttelte es uns im alten Farmauto auch durch  – Van Zyl’s Pass lässt grüssen - aber im fremden Auto und mit einem oder zwei Bier intus ist auch das kein Problem sondern ein Riesenspass. Auf einer seiner Fahrten schoss Andreas ein Kudu und Karsten gelang es, ihm die Leber abzuluchsen. So kochte Barbara an diesem Abend frische Kuduleber an Butter-Zwiebelsauce mit Polenta aus dem Potje. Lecker! Und da Barbara den Potje gerade schon mal in den Händen hatte, gabs am anderen Morgen selbstgemachten, über dem offenen Feuer gebackenen, frischen Zopf.  Unglaublich, was sich mit diesem gusseisernen Topf alles zubereiten lässt!

Auf unseren Ausflügen und abends in der Bar erzählte Andreas vom Leben als Farmer. Viel kam uns von unserer Geckozeit bekannt vor, nur dass Andreas noch die zusätzliche Schwierigkeit der Nähe zu Windhoek hat. So ist Diebstahl hier ein viel grösseres Problem als „auf dem Land“. Fast täglich werden entweder Holz vom Farmgebiet abgezügelt, Schwimmer der Wassertränke geklaut, Werkzeuge kommen weg und die letzte Diebesbande hatte nachts alle vier Räder eines 4x4 Fahrzeuges gestohlen während die Besitzer friedlich im Dachzelt schliefen! Deshalb patroullierte nachts seit Neustem ein bewaffneter Wächter im Elisenheim. Um sicherzustellen, dass die eigenen Angestellten nicht klauen liess sich Andreas eine wirksame Methode einfallen: Sind Ende Monat jeweils immer  noch alle Werkzeuge gemäss Liste vorhanden, erhält jeder Angestellte einen Bonus. Genauso, wenn Ende der Mähsaison die Mähmaschine immer noch funktionstüchtig ist. Ein Farmer ist zudem auch gleichzeitig Kummeronkel, Vermittler und Friedensrichter für seine Angestellten, – da nicht jugendfrei, verzichten wir an dieser Stelle auf das von Andreas angeführte Beispiel…

Zu unserer Freude – und ihrem Leid? – trafen wir im Elisenheim zufällig Thomas und Michi. Den beiden gehört die Autoumbaufirma Desert-Tec in Deutschland und sie haben das Hubdach von unserem Auto gemacht. Karsten stand natürlich sogleich bei den Beiden auf der Matte: „Ihr habt unser Dach gemacht – könnt ihr bitte mal schauen, weshalb es sich nicht mehr ganz öffnen lässt? – Und ihr kennt euch ja auch mit Motoren aus, denn wir haben da ein so seltsames Geräusch – und mein Luftfilter… - und…“. Ihre letzten beiden Ferientage verbrachten Thomas und Michi also unter ihrem, unserem und Christophs Auto. Die Folge davon ist, dass wir im Dezember nochmals zurück nach Namibia müssen um in Windhoek die neuen Gasdruckdämpfer für unser Dach abzuholen, die jemand aus Deutschland mitbringt.

Wie immer im Elisenheim liessen wir uns von abreisenden Feriengästen mit reichlich übrig gebliebenen Lebensmittel beschenken. Unglaublich was da alles zusammen kam und uns den Grosseinkauf in der Stadt ersparte! Dieses Mal gehörte sogar ein Zweierzelt zu unserer Beute. – allerdings mit der Idee, dass wir es sinnvoll weiter verschenken. Aber bis dahin können wir jetzt also sogar allfälligen Gästen von zuhause eine Unterkunft bieten!

Mit Sibylle und Christoph zusammen machten wir uns schliesslich einmal mehr auf nach Swakopmund. Während sich das Wetter in Windhoek seit unserem letzten Besuch verändert hatte und es nun fast jeden Nachmittag regnete, war es in Swakopmund wie immer: neblig und kühl. So hatten wir einen guten Grund, stundenlang in den Cafés und feinen Seafood Restaurants rumzuhängen.

Für Karstens Geburtstag liessen wir uns etwas Besonderes einfallen: ein gediegenes Geburtstagsfrühstück mit Käse, Wurst, Müesli, frischen Früchten, Gipfeli, Geburtstagskuchen – und Lachs mit Meerretichschaum! Und um alle die angefressenen Kalorien wieder loszuwerden, gings am Nachmittag Skifahren. Ja, richtig gelesen, wir haben die Skisaison dieses Jahr schon am 27. Oktober eröffnet! Barbara schwärmt nun vom Skifahren mit garantiert warmen Füssen. Karsten war ganz angetan vom Sulzschneegefühl und den jungfräulichen Hängen. Wenn nur das Hochkraxeln nicht ganz so anstrengend und die Abfahrten etwas länger gewesen wären!  Umso mehr genossen wir zum Aprés-Ski am Pistenrand den eisgekühlten Amarulla. Endlich die Skischuhe ausziehen, den Sand aus den Schuhen klopfen und die verschwitzten Füsse in den angenehm warmen Sand graben. Dünenskifahren ist geil! Zur Abrundung des Tages gönnten wir uns nach der dringend benötigten Dusche ein gediegenes Abendessen in der Stadt.

    

Im Sophia Dale Restcamp etwas ausserhalb von Swakopmund fühlten wir uns so wohl, dass wir unsere Weiterfahrt Tag um Tag verschoben. Hier löst sich der Nebel etwas früher auf und es ist wärmer als in der Stadt. Zudem stammen die Besitzer, Hendrik und seine Mutter aus Karstens Heimat Thüringen. Für Karsten heimatliche Klänge, für Barbara heimatliche Gerüche: aus Hendriks Skiraum breitete sich der unverkennbare Duft von eingebügeltem Skiwachs aus. Hendrik bietet nicht nur das Dünenskifahren an, sondern trainiert selber regelmässig in den Dünen um das jährlich Infernosskirennen (15 km) in der Schweiz mitzufahren (www.ski-namibia.com) . Ganz wichtig für unsere Heimatgefühle waren auch die gemütlichen Kino – sorry, Videoabende im roten Toyota. Während draussen der kalte Wind bliess, kuschelten Barbara und Karsten mit Mali zwischen sich gemütlich auf dem Sofa der Toyota-Estrade und Sibylle und Christoph genossen ihre Balkonplätze auf dem Bett während auf dem Labtop die ausgeliehenen Filme liefen. Anstatt Popcorn und Cola gabs Schoggi und Eierlikörcreme, dazu Amarulla und Tee. Mali wollte nach diesen Filmabenden gar nicht mehr ins eigene Auto zurück und wünscht sich jetzt sehnlichst auch so ein grosses Kuschelsofa.

Aus Sibylles und Christophs verzweifeltem Versuch, wenigstens ein einziges Mal länger an einem Ort zu bleiben als wir, wurde auch dieses Mal nichts. Nach einer Woche Swakopmund brachen wir schliesslich am selben Tag auf – wir wegen unseren morgentlichen Mali-Spaziergängen und dem ausgedehnten Zmorgen allerdings zwei Stunden nach ihnen. Jetzt trennten sich unsere Weg definitiv: Sie zog es zurück nach Windhoek und in die Schweiz, uns zog es erst mal Richtung Norden in den Caprivi und dann nach Südsambia.

In Omaruru wollten wir eigentlich die Herausgeber des Reiseführers „Namibia –en route“ besuchen. Wir hatten sie in Lüderitz kennen gelernt. Aus dem Besuch wurde allerdings nichts, die beiden waren wohl gerade „en route“. Dafür schauten wir beim einzigen Weingut Nambias vorbei. Trotz nicht idealer Weinbedingungen wird hier Wein angebaut, der, wie wir bei der Degustation feststellten, gar nicht mal so schlecht schmeckt – schon gar nicht nach dem dritten Glas… Zwar nicht mit Wein dafür mit einer Flasche Grappa im Gepäck ging es für uns weiter Richtung Norden.

Nach mehrfacher Empfehlung freuten wir uns schon auf das feine Essen im Roys Camp. Als wir aber nach 400km Teerstrassen-Blochen und 2 Stunden Einkaufen in Otjworngo erschöpft am späten Nachmittag im Camp ankamen, zerplatzen unsere Dinnerträume wie Seifenblasen: Hunde sind im Camp absolut verboten. Der jungen Frau an der Reception war es überhaupt nicht recht und sie setzte alle Hebel in Bewegung, um uns doch noch im Camp übernachten zu lassen – leider ergebnislos. Und auf den nächsten 120 km bis nach Rundu gibt es kein weiteres Restcamp mehr. Also seit langem mal wieder ein Bushcamp, wohl oder übel. Die Receptionistin hatte solches Mitleid mit uns als sie in unsere enttäuschten, müden Gesichter schaute, dass sie uns drängte, mindestens rasch die WCs und Duschen des Campings zu benützen. Immer noch müde, aber zumindest wohlriechend, machten wir uns wieder auf den Weg ohne die geringste Chance, in den Zäunen entlang der Teerstrasse eine Lücke zu finden um in den Busch zu gelangen. Nach 70 km überquerten wir endlich den Veterinärszaun, in der Hoffnung, nun wieder „Zaunfrei“ zu sein. Tatsächlich erwarteten uns unmittelbar hinter dem Veterinärszaun wieder die typischen afrikanischen Lehm- und Strohhütten in kleinen Siedlungen mit lachenden Kindern, Ziegen, Esel und Kühen auf den Strassen und streunenden Hunden. Der Veterinärszaun kam uns regelrecht vor wie eine Staatsgrenze. Nach der Überquerung erwartete uns eine andere Welt – aber immer noch Zäune entlang der Strasse und zusätzlich Siedlungen. Weitere 30 km später fanden wir dann doch noch ein Plätzchen, mehr schlecht als recht. Aber es reichte immerhin aus, dass wir zwischen unseren nächtlichen zwei- und vierbeinigen Besuchern doch noch ab und zu mal ein Auge zu tun konnten.

Mit Erreichen des Okavango-Flusses waren wir nun endlich im Caprivi. Schon einige Kilometer nördlich hatte sich die Landschaft allmählich zu verändern begonnen und jetzt wähnten wir uns zurück in den feuchten, immer grünen, üppigen Tropen – und das im Wüstenland Namibia! Nur fünf Flüsse in Namibia führen ständig Wasser, drei davon befinden sich im Caprivi. Deshalb und wegen der höchsten Niederschlagsmenge hat der Caprivi den grössten Wasserreichtum des Landes. Der Okavango, Kwando und Sambezi sind auf weiten Strecken Grenzflüsse. In Jahren mit hohem Niederschlag überfluten sie riesige Gebiete im Caprivi. Nur schon ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass der Caprivi eine Spezialität ist: Der Caprivi-Zipfel erstreckt sich als ein nur ca. 40 km schmales Band rund  400 km nach Osten. Der Reichskanzler von Caprivi erhandelte diesen Landstreifen 1890 von Grossbritannien um über den Sambezi eine schiffbare Verbindung zwischen Namibia und den deutschen Kolonien in Ostafrika zu schaffen. Allerdings wusste er nicht, dass nur wenige Kilometer nach dem Caprivi die berühmten Victoriafälle diesen ausgeklügelten Plan zunichte machen. Der Caprivi ist wieder „richtig“ afrikanisch – leider auch im Bezug auf Krankheiten wie Malaria und AIDS.

Unsere erste Nacht am Okavango verbrachten wir auf einem schönen Lodge-Campingplatz direkt am Flussufer. Im gemächlich dahin fliessenden Wasser konnten wir in nur wenigen Metern Entfernung immer wieder auftauchende Hippos beobachten. Ihr Schnauben und Plantschen geleitete uns nachts sachte in den Schlaf. In dieser Lodge merkten wir wieder einmal, wie klein doch die Welt ist: Wir trafen Schweizer mit nahen Verwandten im Fex, die auch wir gut kennen.

Am nächsten Morgen schmuggelten wir Mali in den Buffalo (bzw. Bwabwata) National Park und rollten drei Stunden kreuz und quer durch den Park auf Pirschfahrt. Nachdem am Vortag mit dem ersten grossen Regen bereits die Regensaison eingeläutet wurde, sahen wir nicht ganz so viele Tiere, wurden aber mit einer bezaubernden ursprünglichen Landschaft belohnt. Direkt am Okavango enrdeckten wir aber doch einige uns bereits bekannte Zwei- und Vierbeiner und in der weiten Ebene grosse Büffelherden. Erst beim zweiten oder dritten Hinschauen waren wir sicher, dass, die Inseln im Fluss sich bewegten und die Rücken von unzähligen Hippos waren. Diese Nacht verbrachten wir wieder direkt am Okavango, nur auf der anderen Seite und einige Kilometer nördlicher – ein ganz anderes Bild! Vor unserer eigenen Holzterrasse über dem Uferschilf rauschte das Wasser mit weissen Schaumkronen über die Stufe der Popa-Falls. Den ganzen Nachmittag sassen wir einfach da und schauten aufs Wasserspiel während sich in der Ferne mit Blitz und Donner bereits der nächste Regen ankündigte.

Auf der Transitstrasse (hier ist es mit Mali kein Problem) ging es durch den Bwabwata National Park weiter Richtung Osten. Die Elfanten, vor welchen mit Strassenschildern immer wieder gewarnt wurde, sahen wir nicht, aber dafür kreuzte eine ganze Herde der seltenen Rappenantilopen direkt vor uns die Strasse. Fantastisch! Am Ende des Parks, in Kongola, wollten wir in dem im Reiseführer angekündigten Supermarkt unsere Vorräte aufstocken. Ausser Büchsen gabs nichts… Als Entschädigung gönnten wir uns ein superfeines Znacht in der luxuriösen Namshushame-Lodge mit Blick auf den Kwando-River. Trotz oder gerade wegen Mali wurden wir von der Managerfamilie ganz herzlich aufgenommen (trotz Hundeverbot…). Sie warnten uns aber eingehend vor dem aggressiven Hippo, das neuerdings nachts zum Grasen auf den Campingplatz kommt. Es hätte schon mehrfach Leute angegriffen und sie hätten es deshalb bereits versucht zu schiessen – obwohl sie hierfür erst eine Bewilligung des entsprechenden Amtes in Windhoek bräuchten. Mit vor Angst zitternden Knien und mit Mali an ganz kurzer Leine schlichen wir in der Dunkelheit vom Restaurant zurück auf den Campingplatz und retteten uns rasch ins sichere Auto. Vom Hippo sahen und hörten wir allerdings die ganze Nacht über nichts.

Um noch etwas mehr vom Caprivi zu erleben, führte uns unsere weitere Fahrt über kleine Nebenstrassen quer durch Parks und immer wieder vorbei an ursprünglichen Siedlungen. Die Lehm-Schilfgras-Hütten sind hier umgeben von fast zwei Meter hohen Schilfgras Zäunen, so dass nur gerade die Spitzen der Dächer hervor schauen. Überall wird gebaut und alles wirkt recht sauber und aufgeräumt – und dies trotz der riesigen Wasserpfützen und des Schlamms. Wir erleben jetzt tatsächlich zum ersten Mal so richtig Regenzeit. Der morgentliche Regen verwandelte die Erdstrasse in eine Rutschbahn mit Wasserlöchern und es tröpfelte immer wieder. Wir kamen nur langsam und ab und zu im Strassengraben vorwärts. Unser in Windhoek frisch geputztes Auto war innert Kürze mit einer dicken Schlammkruste überzogen – etwa mit gleicher Geschwindigkeit verschlechterte sich auch Karstens Laune. Tja, es ist nicht so einfach, wieder unterwegs zu sein – und das im richtigen Afrika während der Regenzeit…!

Der Grenzort Katima Mulilo entschädigte uns dafür mit einem riesigen Supermarkt und einem schönen Campingplatz direkt am Sambezi. Malis erste Heldentat auf dem Camping war es, gleich ein am Flussufer dösendes Krokodil aufzuschrecken und ihm hinterherzujagen - begleitet von Barbaras hysterischen Schreien. Erst die im Sambezi schwimmende Bar verhalfen uns dreien dann wieder zu etwas gemässigterem Herzschlag und Ruhe.

Die Ausreise aus Namibia verlief unspektakulär und zügig. Der Beamte interessierte sich keinen Deut für unsere Visa und deren Ablaufdatum – bei Barbara stempelte er das vor bereits 2 Monaten abgelaufene Visum ab…

Good bye Namibia - wir haben die Zeit auf der „europäischen Insel“ in Afrika genossen und unsere Batterien für die Weiterreise wieder aufgeladen!

   Lusaka, 13. November 2006

 

 

In der Chronologie geht es hier weiter mit den Reiseberichten über Sambia und Botswana, bevor anschliessend unten der letzte Reisebericht über Namibia folgt.

 

Namibia - zum Letzten

Mit zittrigen Knien standen wir vor dem Einreiseschalter. Lassen sie uns nochmals nach Namibia rein oder merken sie, dass wir anstatt der erlaubten 3 Monate bereits 5 im Land waren? Aber die junge Frau hinter dem Schalter in ihrer weisen Uniformbluse ist so ins Gespräch mit ihrer Kollegin vertieft, dass sie nicht merkt, dass Barbaras Pass voller Namibiastempel ist. Ruck-zuck und ein weiterer Namibiamonat ist gebongt. Wir verzichten grosszügig auf die erneute Bezahlung der 25.- €  Raod Tax. Dafür legten wir unsere alte, abgestempelte Road Tax-Quittung später einige Minuten ins Wasserbad und schon war der Ausreisestempel weg. Noch ein wenig Zerknittern und alle späteren Checkpoints glauben uns, dass dies die Originalquittung ist, die leider in der Hosentasche einen Waschgang mitgemacht hatte.

Nach einer direkt an der Grenze verbrachten Nacht glitten wir die restlichen 350 km über den blumengesäumten Trans-Kalahari-Highway westwärts sanft und rasch nach Windhoek. Und dort wurden wir von einem Phänomen eingeholt, wie es wohl jeder nach seinem Urlaub kennt: Kaum zurück, kommt es einem vor, als wäre man nie weg gewesen. Sofort holte uns der Windhoek-Alltag wieder ein und die Wochen Sambia und Botswana rückten als schöne Erinnerungen in weite Ferne. Wieder trautes Elisenheim, wieder bekannte Gesichter unter Einheimischen und Reisenden, wieder Autobasteleien, wieder geliebtes Kaffee Zoo, wieder ewig lange Internetbesuche, wieder Einkaufshektik, wieder Organisationsstress, wieder Take Away-Pizza, aber neu: Filmabende mit ausgeliehenen DVDs. Dieses Mal in
Windhoek beschäftigte uns v.a. die Anpassung unseres nicht korrekten neuen Carnets (die schliesslich doch nicht klappte) und den Umtausch unserer neuen aber defekten externen Festplatte für den Labtop (was schliesslich nach einer Woche mühsamstem Hin und Her funktionierte). Die neuen Gasdruckdämpfer, der eigentliche Anlass für unseren erneuten Namibiaaufenthalt, warteten wie versprochen im Elisenheim auf uns. Euphorisch montierte Karsten die alten am ersten Abend gleich aus – ohne allerdings zu wissen, wie die neuen eingebaut werden, und ohne diese hält das Dach nun mal nicht offen … Aber mit vereinten Kräften schafften wir es doch noch, sonst hätte es wohl eine Nacht im Freien gegeben.

Wenn schon wieder Namibia, dann natürlich auch Gecko. Um einem Ramba-Zamba Wochenende im Elisenheim auszuweichen zogen wir unsere Stippvisite auf Camp Gecko kurz entschlossen vor und kehrten Windhoek für drei Tage den Rücken. Überraschung und Wiedersehensfreude waren gross – nicht zuletzt wegen mitgebrachter Pizza und Apfelkuchen. Auf Gecko ist das Meiste gleich geblieben, einiges hatte sich aber auch verändert: Bei den gemütlichen gemeinsamen Znachts und dem Spielabend gings wie immer hoch zu und her. Es war fast wie ein nach Hause kommen.  Sogar der obligate nächtliche Sturmwind stellte sich pünktlich ein und bescherte und den typischen unruhigen Gecko-Schlaf. In Heidis Sohn Luca, der seine Sommer-Weihnachtsferien auf der Farm genoss, hatten wir einen treuen Begleiter und Mali einen nimmer müden Spielgefährten gefunden. Die drei Gecko-Hunde glänzten mit Kurzzeitgedächnis und knurrten Mali zur Begrüssung erst einmal an. Erst am zweiten Tag gestanden sie ihr ihren alten Platz im Rudel wieder zu. Die zwei kleinen Stinktiere wurden in die grosse Wildnis entlassen und der armeegrüne Pinzgauer hatte sich mittlerweile in ein attraktives Pijamapferd verwandelt. Und wäre nicht ausgerechnet dieser Montag ein staatlicher Feiertag gewesen, hätten wir vielleicht doch noch die grosse Gecko-Vieh-Impf-Aktion miterlebt … Gecko eben, wie wir es kennen und lieben. Entsprechend schwer viel uns der Abschied, aber unsere To-Do-Liste in Windhoek wartete.

Zufällig hatten wir leider erst in den letzten Tagen einen Namibianischen Lederhändler kennen gelernt, der etwas von der Schuhmacherei versteht und sich auf für orthopädische Schuhe interessiert. Er hatte sogar vor einiger Zeit mit einem von Karstens ehemaligen Lehrern mehrere Kurse in Namibia durchgeführt. Gerne hätte er auch gleich Karsten engagiert. Aber ein oder zwei weitere Monate in Namibia? Nein, was zu viel ist, ist zu viel – aber vielleicht eine Chance für einen von Karstens Berufskollegen zu Hause, wer weiss?

Mit der Begründung noch auf Post von zu Hause warten zu müssen, konnten wir unsere Abfahrt vom Elisenheim mit gutem Gewissen von Tag zu Tag hinaus schieben. Aber dann traf zumindest ein Teil der Weihnachtspost ein (allerdings nötigten wir die arme Frau auf der Post, die gesamten eben mit dem Flugzeug eingetroffenen Postsäcke nach unserem Paket aus Deutschland zu durchsuchen) und das Elisenheim gab zu unseren Ehren eine rauschende Abschiedsparty – oder so…   Jedenfalls waren zu diesem Anlass alle von Mittags bis Mitternacht schwer in Fahrt. So störte es uns wenig, dass wir bei dieser Party wohl eher die Zaungäste waren und im Mittelpunkt die Namibischen Jugendlichen (mit ihren Eltern) standen, die in Deutschland ihre Lehre absolvieren und über Weihnachten nach Hause gekommen waren. Insgesamt lassen sich rund 350 junge Namibische Männer und Frauen in Deutschland ausbilden. Interessanterweise erklärten die allermeisten der Partygäste, dass sie nach ihrer Ausbildung selbstverständlich nach Namibia zurück kehren werden. Nach dieser Party können wir nur sagen: die Namibier wissen, was feiern heisst! Mali kann das nur bestätigen – so viele Knochen hatte sie in ihrem Leben noch nie erhalten.

Auf direktem Weg gings nun mit nur einer Zwischenübernachtung südwärts bis an den Oranje-River, der die Grenze zu Südafrika bildet. Die letzten 300 km führte die Strasse wieder durch einsame Halbwüste mit bizarren Gebirgsformationen und vorbei an flimmernder Salzpfanne. Wir kannten Teile dieser Region bereits, nun im Hochsommer hatte sie aber wieder ein ganz anderes Gesicht. Es ist spannend ein Land von Winter bis Sommer zu erleben und die Verwandlung der Natur mit zu verfolgen. Ehemals grüne Regionen wurden nun im Sommer trocken, dürr und gelb-braun. Andere trockene Regionen hatten eben ihre ersten Regengüsse erhalten und verwandelten sich in ein blühendes Blumenmeer. Ganz überwältigt waren wir zum Beispiel auch von Windhoek im Frühling (Oktober) als die zahlreichen Jaccarandabäume blühten und die ganze Stadt in violett tauchten. Ja, wir haben wirklich ein wunderschönes, vielfältiges Namibia erlebt!

Cape Town, 24. Dezember 2006

 

In der Chronologie geht es hier weiter mit dem ersten Reisebericht über Südafrika.