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Tansania
1.4. - 2.5.2007
/ 24.5. - 11.6.2007
Süd- und
Zentraltansania
Tansania –
hier gibt’s alles. Wenn wir als Kinder zu Hause Bilderbücher angeschaut und über
die Fotos der gelben Savannenlandschaft mit den furchterregend schönen Tieren,
der imposant geschmückten Masai, des schneebedeckten Kilimanjaro, der riesigen
Seen, der paradiesischen Strände und der Wolkenkratzer direkt am Meer gestaunt
hatten, so erlebten wir dies alles und viel mehr eins zu eins hier in Tansania.
In diesem riesig grossen Land findet jede Vegetationszone (ausser die Wüste) ihr
Plätzchen. Tansania erstreckt sich von knapp südlich des Äquators (1° südliche
Breite) bis an die Grenze Mosambiks auf 11° südlicher Breite und von Meereshöhe
bis zum Gipfel des Kilimanjaros auf 5’895 Metern. Das Land misst 945’000 km2,
oder anders gesagt es ist rund 23mal so gross wie die Schweiz oder doppelt so
gross wie Schweden. Es werden über 100 Sprachen gesprochen. Jeder Stamm hat
seine eigene Sprache und die Sprachen sind nur teilweise mit einander verwandt.
Und dies alles ist nur ein kleiner Teil der Vielfältigkeit, die uns in Tansania
erwartete.
Vom
Grenzübergang zwischen Malawi und Tansania hatten wir bisher nur negative
Stories gehört: mühsam, unfreundlich, langwierig und teuer. Einmal mehr war
unsere eigene Erfahrung eine ganz andere. Zwar wurden auch wir von einem Büro
ins andere geschickt, wurden aber überall äusserst freundlich, rasch und
kompetent behandelt. Anstatt der teuren Raodtax bezahlten wir nur 5.-$
Transitgebühren und glücklicherweise merkte niemand, dass wir anstatt 7 Tagen
einen ganzen Monat in Tansania rumgekurvt waren. Ganz verblüfft stellten wir
fest, dass sogar der Preis der Haftpflichtversicherung Verhandlungssache ist.
Für die Yellowcard mit sechs Monaten Gültigkeit bis nach Ägypten wollte der
eifrige Versicherungshengst zuerst 200.-$, verkaufte sie uns dann aber
schliesslich doch für 100.-$. Auf dem ganzen Zollgelände wurde in grossen
Schildern darauf hingewiesen, dass Geldwechseln auf der Strasse verboten ist.
Dies hielt aber die fliegend Händler nicht davon ab, uns ganze Bündel von
Geldscheinen unter die Nase zu halten. Aber wir hatten zum Glück bereits auf der
Malawiseite in einer offiziellen Wechselstube (wohl zum ersten Mal) getauscht.
Unsere
erste Nacht in Tansania verbrachten wir in Tukuyu auf einem Schulgelände. Die
Region um Tukuyu ist das regenreichste Gebiet Tansanias. Entsprechend grün und
üppig ist die Vegetation, die sich über die hügelige, schon fast bergige
Landschaft zieht. Riesige Bananenbäume, Reis-, Mais-, Tabakfelder und endlose
Teeplantagen zieren das Bild. Einfach wundervoll!
Von Ruarwe Tea and Tour
erfuhren wir alles Wissenswerte über Tee. Wir besuchten Cecilia, eine der vielen
Tee-Kleinbauern. Eingequetscht zwischen ihrem kleinen Haus, den Ställen für die
Tiere und dem nächsten Wohnhaus bewirtschaftet sie eine Aare Teestauden. Sie
erklärte uns, dass der Tee dann geerntet wird, wenn zwei saftig grüne Blätter
die Krone zieren und dass nur diese Blätter gepflückt werden dürfen. Eine Ernte
ist zwei- bis dreimal monatlich möglich und bringt ihr mit ihrer einen Aare
Teestauden 8’000 bis 10’000 Shilling (ca. 8 bis 10.- Fr.) monatlich ein. Alle
Kleinbauern sind in einer Vereinigung zusammengeschlossen und haben entsprechend
gewichtigeres Mitspracherecht, wenn es um die Weiterverarbeitung des Tees in der
Fabrik und um die Preispolitik geht.
Der Tee wird unter dem Label „faretrade“ zu
einem fairen Preis verkauft. Anschliessend besuchten wir eine riesige
Teeplantage etwas ausserhalb. Hier pflücken 200 Leute täglich irgendwo auf den
18'000 Hektaren. Die Teepflücker – meistens Frauen – werden pro Kilo gepflücktem
Tee bezahlt. Für ein Kilogramm Tee erhalten sie 35 Shilling (35 Rappen). Geübte
Teepflücker schaffen bis zu 100 kg pro Tag und verdienen dafür Fr. 3.50. Der
Plantagenmanager, der in seiner weissen Kleidung, den Gummistiefeln und dem
Holzstock über die Felder marschierte, erinnerte uns stark an einen ehemaligen
Kolonialherren …
Zügig
nahmen wir anschliessend den Weg Richtung Dar-es-Salam unter die Räder. In
einigen Tagen wollten wir Marcel dort am Flughafen abholen und der Weg war noch
viele hundert Kilometer weit.
Er führte uns vorbei an endlosen Wiesen,
Sonnenblumenfelder und auf ein Hochplateau hinauf, wo wir durch dichte
Pinienwälder fuhren. Auf knapp 1900 Metern frohren wir diese Nacht ganz schön
vor uns hin bei kalten 15°C. Entschädigt wurden wir aber durch ein exquisites
drei Gängemenu im Old Farmhouse bei romantischer Kerzenlicht Ambiance und heissen
Kohlebecken an den Füssen. Auf der Teerstrasse gings am nächsten Tag vorbei an
kleinen Dörfer und schnell viel uns auf, dass in Tansania offenbar ein weit
höherer Standard herrscht als in anderen Afrikanischen Ländern. Die allermeisten
Häuser waren solide gebaut mit Wellblechdach oder Ziegeln, Veranda und, wir
glaubten es kaum, mit richtigen Glasfenstern. Auch die Kleidung der Leute wirkte
neurer und teurer.
Dieser relative Reichtum mag vielleicht daher kommen, dass Tansania im
Unterschied zu den meisten anderen Afrikanischen Ländern keinen Bürgerkrieg
hatte und Innenpolitisch über viele Jahre stabil war. Denn rein wirtschaftlich
gesehen, gehörte Tansania lange zu den ärmsten Ländern der Welt bis es anfangs
der 90 Jahre erhebliche Unterstützungshilfe erhielt. 1961 erlebte Tansania einen
friedlichen Übergang von der britischen Kolonie Tanganyika in die
Unabhängigkeit. Der erste Präsident Julius Nyerere, ein ehemaliger
Volksschullehrer, setzte auf den Sozialismus
mit dem chinesischen Kommunismus als Model. Er übernahm ein Land das sowohl an
Rohstoffen wie an ausgebildeten Arbeitskräften arm war. Die sozialistische
Politik erwies sich bald als wirtschaftlicher Fehlschlag. Als Nyerere 1978 offen das
mörderische Regime Idi Amins in Uganda verurteilte, führte dies zu einem Krieg
zwischen den beiden Ländern. Städte in Tansanias Westen wurden bombardiert, im
Gegenzug marschierte Tansania in Uganda ein und beendete Amins Herrschaft.
Dieser Krieg trocknete das Land wirtschaftlich noch weiter aus, so dass sich
Nyerere schliesslich 1985 dazu entschloss, zurück zu treten. Er ist wohl einer
der ganz wenigen afrikanischen Präsidenten der aus eigener Initiative und
friedlich aus dem Amt schied. Ebenso dürfte seine öffentliche Rechenschaft über
begangene Fehler und Erfolge in seiner Amtszeit in der afrikanischen Geschichte
einzigartig sein. Kein Wunder wird der 1999 verstorbene Nyerere bis heute in
Tansania verehrt. Hier wird er „Mwalimu“ (Lehrer) genannt, ausserhalb bezieht
man sich auf ihn als das „Gewissen Schwarzafrikas“. Nyereres grösster Erfolg war
es mit Sicherheit, das Stammesdenken der Bevölkerung, das in vielen anderen
afrikanischen Ländern zu Bürgerkriegen geführt hatte, zu unterdrücken zugunsten
einem Nationendenken. Die Leute in Tansania fühlen sich in erster Line als
Tansanier. Die Stammeszugehörigkeit steht an zweiter Stelle.
Friedlich ging es innenpolitisch weiter mit der Entwicklung zum demokratischen
Mehrparteiensystem.
Ein
imposanter Pass führte uns schliesslich wieder ins Tiefland hinunter und durch
das gespenstische Baobab-Valley – Berghänge gesäumt von regelrechten
Baobab-Wäldern – entlang des Ruahariver zum Mikumi Nationalpark. Die geteerte
Transitstrasse nach Dar-es-Salam führt über 50 km mitten durch den Park hindurch
und wird von donnernden Lastwagen stark frequentiert. Und trotzdem, auf dieser
Strecke durch den Nationalpark sahen wir unglaublich viele Tiere. Da der Transit
kostenfrei ist, fuhren wir gleich dreimal hin und her (zweimal am Abend und
nochmals am nächsten Morgen).
Riesige Elefantenherden, weit über 50 Stück
grasten friedlich in der Ebene neben zahlreichen Giraffen und Zebras. Überall
wimmelte es von Impalas. Eine Pavianhorde mit einigen Männchen und vielen
Weibchen mit ganz kleinen Jungen am Bauch oder auf dem Rücken machte uns ihre
Aufwartung am Strassenrand. Sogar die eher seltenen Büffel entdeckten wir keine
30 Meter von der Strasse entfernt, wie sie sich in einem Schlammloch suhlten.
Die Tiere scheinen sich an den stinkenden und lärmenden Schwerverkehr gewöhnt zu
haben. Keine drei Meter neben der Strasse liessen sich die Elefanten nicht
stören beim Grasen und eine Giraffe stand seelenruhig am Strassenrand, während
ein 40 Tonner zwei Meter neben ihr mit etwa 60 kmh vorbeidonnerte. Als
wir allerdings langsam heran rollten und dann stehen blieben, suchte sie
erschreckt das Weite.
Und
dann, wir trauten erst unseren Augen nicht, entdeckten wir doch tatsächlich
keine 10 Meter neben der Strasse eine Löwin. Unser Glückstag! Sie trottete
gerade von einem Baum in den Schatten des nächsten Baumes, wo sie sich faul ins
meterhohe Gras fallen liess und somit wieder unsichtbar wurde. Mit einem
Schaudern kam uns doch gleich wieder der Velofahrer in den Sinn, den wir am
Vortag über die Transitstrasse durch den Park hatten trampeln sehen. An
wie vielen Löwen ist der wohl vorbei gekeucht?
Unterwegs
besichtigten wir eine Schlangenfarm mit den gefährlichsten Exemplaren des
Afrikanischen Kontinents. Im ersten Moment erschien uns zwar die ausgewachsene
Python wenig gefährlich da ungiftig, aber diese tag- und nachtaktive
Würgeschlange überwältigt einen Teenager innert Minuten. Mit den verschiedenen
Kobras, viel sind zum Glück vor allem nachtaktiv, ist auch nicht zu Spassen,
kann das Gift der meisten doch für ausgewachsene Menschen innert weniger Stunden
zum Tod führen. Die Puffotter ist für die meisten tödlichen Schlangenbisse in
Afrika verantwortlich. Sie ist sehr gut getarnt und eine der wenigen Schlangen,
die nicht ausweicht. Sie bleibt träge und bewegungslos am Boden liegen und wird
deshalb häufig erst gesehen, wenn es zu spät ist. Das Gift der Gabon Otter ist
noch gefährlicher und am meisten gefürchtet wird die Mamba. Die grüne Mamba lebt
vorwiegend in Bäumen und ist sehr scheu, weshalb es glücklicherweise zu wenigen
Unfällen mit Menschen kommt. Anders die schwarze Mamba. Sie ist sowohl am Boden
wie in den Bäumen anzutreffen, ist blitzschnell und soll recht aggressiv sein.
Sie ist dunkelgrün, braun oder grau gefärbt, sehr lange und dünn, mit bis zu 4.5
Metern die längste Schlange überhaupt. Ihren Name hat
sie vom tiefschwarzen Gaumensegel. Sie ist hoch giftig und gemeinerweise beisst
sie ihr Opfer in den höchsten erreichbaren Punkt. Unglaublich aber wahr: Sie
kann sich soweit aufrichten um einen Menschen in den Brustbereich oder Kopf zu
beissen – was die tödliche Wirkung des Gifts noch unterstützt. Unser Guide
erzählte uns, dass die Einheimischen die Schwarzen Mambas fangen würden, indem
sie mit Töpfen mit heissem Brei auf den Köpfen unter den Bäumen entlang gehen
würden. Die Mambas würden sich aus den Bäumen auf ihr Opfer stürzen und kopf
voran in den heissen Brei eintauchen. Dadurch würden sie erblinden und könnten
leicht getötet werden. Schon möglich, wir möchten es aber sicher nicht
ausprobieren! Die Boumslang und die Vinesnake, beides Baumschlangen, sind sehr
gefährlich, weil es bis heute kein Serum gegen ihr Gift gibt. Neuerdings soll
aber in Südafrika ein wirksames Mittel entwickelt worden sein, das aber nirgends
erhältlich ist. Der einzige Trost ist, dass diese Schlangen scheu sind und sich
ihre Fangzähne ganz hinten im Rachen befinden. Um ihr Gift ein zu spritzen,
müssen sie also ihren ganzen Rachen öffnen und um einen Körperteil des Opfers
wickeln können, wie zum Beispiel um einen Finger, einen Handkante oder
Handgelenk. Barbara, die riesigen Respekt vor Schlangen hat, hatte sich
eigentlich erhofft, mit dem Besuch der Schlangenfarm etwas von dem ungutes
Gefühl abzubauen, aber weit gefehlt….! Da half es auch nichts, als sie erfuhr,
dass auf der Schlangenfarm kein Schlangenserum für die Mitarbeiter vorhanden
ist, weil zu teuer und noch nie etwas passiert!
Schon weit
vor Dar-es-Salam begannen sich die unzähligen Laster auf der Strasse zu stauen
und im Zentrum ging gar nichts mehr. Ein solches Verkehrschaos hatten wir in
Afrika noch selten erlebt! Es dauerte Stunden bis wir endlich die Nordbeach
erreichten, wo Marcel für uns drei ein schönes Haus gemietet hatte. Uns blieb
gerade noch Zeit, schnell einiges vom Auto ins Haus zu räumen, etwas essbares
hinunter zu schlingen und schon mussten wir uns wieder ins Verkehrschaos
stürzen, dieses Mal Richtung Flughafen. Gar nicht so einfach, in der Finsternis
ohne Strassenbeleuchtung und –beschriftung und ohne Stadtplan den Flughafen zu
finden. Zum Glück hatten wir grosszügig zwei Stunden Fahrzeit eingerechnet (für
ca. 25 km!) und schafften es so gerade noch Marcel pünktlich am Flughafen in
Empfang zu nehmen. Wir freuten uns riesig über unseren Besuch aus der Schweiz!
Wieder zurück in unserer Villa gings dann erst einmal ans Geschenke auspacken:
Schoggi und Käse – ja sogar ein Fondue – von zu Hause. Ein Fixleintuch für unser
Bett (unseres hat sich nach über einem Jahr täglichen Gebrauchs in seine
Bestandteile aufgelöst) und Imprägnierspray für unser Dach (die Regenzeit
erwartet uns) - beides in Afrika in vernünftiger Qualität nicht vorhanden. Und
vieles mehr – Weihnachten an Ostern! Wir waren so begierig darauf, möglichst
viel von zu Hause zu erfahren, dass es weit nach Mitternacht wurde, bis wir
erschöpft ins Bett torkelten. Und welch böses Erwachen am nächsten Morgen:
Unserem vor der Haustür im eingezäunten und bewachten Grundstück parkierten Auto
fehlten beide Rücklichter (die Kabel waren kurzerhand durchgeschnitten worden),
der linke Blinker vorne war weg und dem Aussenspiegel fehlte bereits eine von
zwei Schrauben. Und das Schlimmste: im vorderen Blinker war unser Reserveautoschlüssel versteckt! Nach 16 Monaten diebstahlfreiem Afrika nun eine
solche Begrüssung in Dar-es-Salam! Für Barbara bedeutete es den ganzen Vormittag in der lottrigen Polizeistation zu
verbringen zwecks Rapporterstattung und in aller Ruhe Tansanias Rechtssystem in der Praxis studieren zu
können. In einer heruntergekommenen Besenkammer nahm ein Beamter den Rapport
auf, handschriftlich - wegen seinen mangelhaften Englischkenntnissen gemäss
Barbaras buchstabierendem Diktat. Rundherum stapelten sich verstaubte
Papierberge – vermutlich Akten – bis an die Decke. Ob da jemals ein Dossier
wieder gefunden wird? Gerade als Barbara etliche Stunden später mit einem
offiziellen Diebstahlsrapport das Polizeigebäude verlassen wollte, rief der
Wächter an und teilte aufgeregt mit, dass verdächtige Leute ums Haus streichen
würden. Ruckzuck trommelte der Polizeichef einige Helfer zusammen um die
Verdächtigen gleich vor Ort fest zu nehmen. Angeblich waren gerade alle
Polizeifahrzeuge im Einsatz, so dass erst ein Pick-up-Taxi organisiert werden
musste – selbstverständlich zu unseren Kosten (wir erhielten später aber vom
Hauseigentümer eine Rückerstattung). Mit dem Pick-up mit rund zehn Helfern auf
der Ladefläche gings zurück zum Haus, wo tatsächlich ein Stadtstreicher darauf
wartete, von der Polizei mitgenommen zu werden. Wer sich nun wirklich an unseren
Autoteilen bereichert hatte, werden wir wohl nie erfahren. Am gleichen
Nachmittag konnte Karsten jedoch alle Ersatzteile in neuwertiger Qualität für
nur 30.- $ auf Dars Märkten auftreiben. Einzig unser abhanden gekommener
Reserveschlüssel machte uns etwas Sorgen. Zum ersten Mal waren nun unsere in
Namibia an allen Türen angebrachten zusätzlichen Schliessvorrichtungen mit
Hängeschlössern Gold wert. Alles in allem sind wir nochmals mit einem blauen
Auge davon gekommen!
 Die zehn
Tage in unserer luxuriösen Villa mit grossem Garten verging wie im Flug mit
Plaudern, langen Strandspaziergängen, Baden, Lesen, Spielen und Faulenzen. Nach
einem ersten Versuch, der in stundenlangem Anstehen im Stau endete (immerhin
schafften wir es bis ins Mövenpick-Hotel zu einem feinen Caramelita-Glace –
Luxus pur!) verzichteten wir auf weitere Stadtbesuche. Auch unseren 2tägigen
Sansibar-Besuch bliesen wir verärgert ab, nachdem wir im Hafen aufs mühsamste
bedrängt wurden, uns der Spass ganze 70.-$ pro Person für Hin- und Rückfahrt (je
zwei Stunden) mit dem Schiff hätte kosten sollen (ein Vermögen in Afrika!), wir
zusätzlich für Mali hätten bezahlen müssen und sie für die Überfahrt auf einer
moslemischen Fähre in eine Box hätten packen oder auf ein christliches Schiff
hätten warten müssen. Touristenabzocke par Exellence - zum Kotzen! [Anmerkung
zum Preisvergleich: später erkundigten wir uns, was eine Verladung unseres Autos
per Kran für eine 9stündige Schiffsüberfahrt auf dem Victoriasee kosten würde –
34.-$ fürs Auto und je 15.-$ pro Person in einer Erstklass-Kabine, insgesamt
also 64.-$!!!].
Dafür
setzten wir unser Safari-Vorhaben trotz widriger Regenzeitbedingungen in die Tat
um. Die Anfahrt in das im Süden gelegene Selous Game Reserve dauerte anstatt der
versprochenen sechs Stunden ganze zehn Stunden - unter anderem einmal mehr wegen
Stau in Dar. Wir mussten uns auf kleinen Pisten durch tiefe Wasser- und
Schlammlöcher kämpfen. An manchen Stellen hatte sich die Piste mitten in den
Dörfern in kleine Seen verwandelt, in denen fröhlich Enten umher schwaderten.
Erst in der Dunkelheit erreichten wir das zwei Kilometer ausserhalb des Parks
gelegene Mbega-Camp. Was uns in der Dunkelheit als abweisend und ungepflegt
erschien, entpuppte sich am nächsten Tag bei Licht als herziger Campingplatz
mitten im Dschungel und direkt am Ufer des breiten Ruaharivers.
 Das Highlight
von Marcel und Karstens morgentlicher Bootssafari war sicher die Hippo-Mutter
mit ihren ganz kleinen zwei Jungen an Land beim Grasen. Aber natürlich fehlten
auch Krokodile und die verschiedensten Vogelarten nicht. Am Nachmittag liessen
sich Barbara und Marcel im offenen Landrover auf einen Game Drive in den Park
chauffieren. Kleine Waldelefanten mit einer erfahrenen Leitkuh (Weibchen führen
Herden an, Bullen sind meist Einzelgänger), Paviane, Warzenschweine, Impalas
(Marcels Kommentar: ein Impala müsste man sein - 30 Weibchen auf ein Männchen
…), grosse Herden bis zu 40 Stück von Masai- und Netzgiraffen in unmittelbarer
Nähe, unzählige Webervögel mit ihren Nestern (Barbaras Kommentar: so ist’s
richtig – die Männchen bauen ein Nest und das Weibchen sucht sich das schönste
Nest aus), und zum Abschluss eine Löwin als Shooting Star. Das Selous Game
Reserve ist einer der beiden Parks in Tansania, wo die seltenen Baumlöwen
vorkommen. Wir entdeckten unsere Löwin im hohen Gras. Nachdem sie lange für uns
in nur zwei Metern Entfernung posiert hatte, strich sie ums Auto herum und
kletterte flink auf einen nahen Baum um sich nochmals in Pose zu werfen. Hatten
wir jetzt tatsächlich einen Baumlöwen vor uns? Unglaublich, unser Glück!

Die letzten
Ferientage mit Marcel verbrachten wir an der sauberen, langen und weisssandigen
Südbeach von Dar-es-Salam im Sunrise Beach Bungalow/Camping Resort. Nach zähen
Verhandlungen bezahlte Marcel für seinen schönen Executive-Bungalow mit täglich
50.-$ gleich viel, wie uns die 8 Personen-Villa an der Nordbeach pro Tag
gekostet hatte! Die Villa war ein richtiges Schnäppchen!
Dafür war der Strand im
Süden nun viel sauberer und das Wasser kristallklar. Und Marcel konnte in vollen
Zügen der indischen Küche frönen. Obwohl nur sieben Kilometer von Tansanias
grösster Stadt (3 Millionen Einwohner) entfernt, war von der Metropole weder
etwas zu sehen noch zu spüren. Wunderbar! Trotzdem waren wir in kürzester Zeit
mit dem Auto im Stadtzentrum, sofern wir nicht allzu lange auf die Fähre warten
mussten, die Autos, Waren und Menschen innerhalb zehn Minuten vom Südufer ins
Zentrum spedierte.
Wir stellten aber rasch fest, dass es in Dar-es-Salam
eigentlich nichts zu sehen gibt – eine nicht sehr afrikanische Grossstadt mehr.
Da blieben wir doch lieber an der Beach und lernten dort die Belgier Bret und
Lieven kennen, die mit ihrem Toyota die Ostküste herunter gefahren waren und uns
viele wertvolle Infos geben konnten. Schnell fanden wir heraus, dass die beiden
unterwegs „unsere“ Holländer und Rick getroffen hatten. In Afrika kennen sich
die Reisenden untereinander - wie klein ist doch die Welt! Gemeinsam genossen
wir entspannte Tage an der Beach. So richtig Ferien im Liegestuhl. Brets
anfänglich unangenehme und schmerzhafte Bekanntschaft mit einem Seeigel
entwickelte sich rasch zu einem interessanten medizinischen Experiment:
Natürlich schafften wir es nicht, die unzähligen Stacheln aus ihrem Fuss zu
entfernen. Diese brachen bei der kleinsten Berührung sofort ab und die Spitzen
blieben im Fuss stecken. Wir erwogen schon Arzt und Antibiotika, als ein zu
Hilfe geholter Angestellter uns die Wirksamkeit der afrikanischen Naturmedizin
demonstrierte. Zuerst brach er alle Stacheln ab und reinigte die verletzte
Stelle mit einer aufgeschnittenen Limone. Dann träufelte er die Milch aus der
Schale einer unreifen Papaya auf den verletzten Fuss. That’s it! Nach 30 Minuten
fühlte sich der Fuss an wie eh und je und die dunkel verfärbten Einstiche
begannen zu verblassen. Die Stachelspitzen blieben im Fuss drin und lösten sich
nach einigen Tagen von selbst auf oder schufen sich heraus. Alles ohne
Infektion, obwohl Bret am nächsten Tag bereits wieder im Wasser planschte und
barfuss durch den Sand spazierte!
Wie immer
hat alles Schöne mal ein Ende. Nach zweieinhalb tollen Wochen brachten wir
Marcel schweren Herzens wieder zum Flughafen.
Wir blieben noch ein paar Tage in
Dar und feierten unseren Hochzeitstag mit einem feinen Käsefondue, das uns
Marcel aus der Schweiz mitgebracht hatte. Mmhh – nur das pampige englische
Weissbrot wollte nicht so richtig dazu passen. Nachdem unser Auto von
sintflutartigen Regenfällen fast vom Campingplatz gespült worden war, brachen
dann auch wir auf. Schwer fiel uns und vor allem Mali der Abschied von
„Stinkhund“. Obwohl – wie der Name schon verrät – nicht gerade der gepflegteste
Hund, haben wir drei die treue und brave Hündin, die uns auf Schritt und Tritt
gefolgt war, ins Herz geschlossen. Aber zum Glück kommen wir ja demnächst
nochmals nach Dar zurück.
Durchs
Landesinnere gings zügig über gute Teerstrasse nordwestwärts Richtung Hauptstadt
Dodoma. Dodoma ist 10mal kleiner als Dar-es-Salam. Einzig seiner zentralen Lage
verdankt es Dodoma, dass es nach der Unabhängigkeit Tansanias zur Hauptstadt
wurde – ein Akt mit vorwiegend Symbolcharakter. Die zentrale Lage soll die
Offenheit der Regierung gegenüber allen Volksgruppen und die Gleichbehandlung
demonstrieren. Nur gerade wenn das Parlament
tagt, läuft in Dodoma etwas. In der gesamten restlichen Zeit ist Dar das
pulsierendes Zentrum Tansanias. Uns kam Dodoma wie ein kleines Provinznest vor.
Allerdings mit einiger Militärpräsenz, wie wir am Morgen in unserem Bushcamp
etwas ausserhalb von Dodoma feststellen mussten. Wir waren gerade am Aufbrechen,
als drei Militärfritzen aufmarschierten und uns aggressiv nach woher und wohin
fragten und uns vorwarfen, hier auf dem Militärgelände Fotos gemacht zu haben.
Unangenehme Situation! Die drei sprachen kaum englisch und erst als wir mit
ihnen alle Fotos auf unserer Kamera durchgingen, entspannte sich die Situation.
Zum Glück hatten wir keine Bilder gemacht. Warum auch? – Der Platz war eine
stinknormale Lichtung in einem buschigen Feld. Dass wir uns auf Militärgelände
hätten befinden sollen war uns neu und erschien uns mehr als nur unglaubwürdig!
Die
Landschaft entlang der rund 800 km bis in den Norden Tansanias besteht
vorwiegend aus flachem Land - teilweise bewirtschaftet (v.a. Mais), teilweise
buschig – das jetzt am Ende der Regenzeit mit einer beeindruckenden Blütenpracht
überzogen war. In weiss, gelb, lila, rot, blau und grün leuchtete uns die
Landschaft entgegen. Einzelnen Häusern und Dörfern säumten die Strasse und immer
wieder reckten sich riesige Baobabs in die Höhe. Bei Singida wurde die Umgebung
hügliger und interessante Steinformationen und –haufen prägten das Bild mit dem
tiefblauen See im Hintergrund. Die Fahrt ging nun stundenlang auf holpriger und
zermürbender Sandpiste weiter, während gleich daneben die neue breite
Teerstrasse am Entstehen war. Besonders frustrierend war es für uns, wenn wir
ewig lang neben einem bereits vollständig fertig gestellten aber noch nicht
freigegebenen Streckenabschnitt her rumpeln mussten. Allerdings schlichen wir
uns zwischendurch schon mal auf die neue Strasse. So gelang es uns
unwissentlich, den schlimmsten Streckenabschnitt, den „Van Zyls-Pass für
Lastwagen“ zu umfahren. Während zwei endlose Schlangen von Laster langsamer als
im Schritttempo den Pass hoch bzw. runter kletterten, brausten wir auf der neuen
noch ungeteerten Strasse durch die Schlucht. Die Brücken fehlten zwar noch, aber
die Durchfahrten durch die kleinen Flüsse nahmen wir gerne in Kauf. Wir hofften
nur, dass uns die aufbrausenden Chinesen nicht erwischen würden. Der Strassenbau
in Tansania steht voll und ganz unter der Herrschaft der Ingenieure aus China.
Diese planen, messen, kalkulieren, diskutieren und stehen in ihren blütenweissen
Kleidern mit den Händen in den Hosentaschen herum, während sich die einheimische Bevölkerung mit der harten
Knochenarbeit abrackert.
Im kleinen
Nest Igunga fragten wir uns, wie von den Holländern empfohlen, nach Father Bolle
von der katholischen Mission durch. Der 74jährige belgische Missionar lebt seit
47 Jahren in Tansania, seit 12 Jahren in Igunga als einziger Weisser. Father
Bolle freute sich über unseren Besuch und nahm uns gleich mit auf einen kurzen
Ausflug zu einem Spaziergang am nahe gelegenen Stausee. In seiner alten
Klapperkiste, die nur noch vom Rost zusammen gehalten wurde, brauste er über die
holprige kleine Piste – der afrikanische Fahrstil scheint nach einer gewissen
Zeit abzufärben. Wir hofften nur, dass unsere Schutzengel mit Father Bolles
Tempo mithalten können. Obwohl für den nächsten Tag ein grosses Meeting
angesetzt war, bot uns Fahter Bolle an, uns zu einem der ursprünglichen
Volksstämme in der Nähe mitzunehmen.
 Dafür blieben wir natürlich gerne einen
weiteren Tag in der Mission, zumal wir genötigt wurden, dreimal täglich am
feinen Essen teilzunehmen. Father Bolle begleitete uns auf einen Marktbummel und
später chauffierte uns sein Fahrer auf den grossen wöchentlichen Rindermarkt.
Das Happening in Igunga! Wir vertrieben uns anschliessend die Zeit mit
Murmel-Spielen mit den Kindern bis wir am Nachmittag mit Father Bolle zu den
Wtaturu (oder so ähnlich…) aufbrachen.
Die Wtaturu leben und kleiden sich noch in traditioneller Art und Weise. Im
Schwemmland leben sie als Selbstversorger von Viehzucht und Ackerbau. Sie wohnen
über die riesige Ebene verteilt einzeln in Familienverbänden, ein Mann mit
seinen Frauen (Anzahl je nach Vermögen des Mannes) und den gemeinsamen Kindern,
mit ein paar Hunden, Katzen und Hühnern. Sie leben in einfachen Lehmhütten mit
einem gemeinsamen Vorplatz, alles geschützt durch eine runden Zaun aus
Dornbüschen. Die Wtaturu sollen bisher kaum mit Weissen in Kontakt gekommen
sein, erklärte uns Father Bolle. Ihre Traditionen und Bräuche seien noch wenig
bekannt. Father Bolle wusste einzig, dass ein junger Mann vor der Heirat drei
Jahre bei der Familie der Braut wohnen und arbeiten muss. Erst nach diesen drei
Jahren Fronarbeit entscheidet die Familie der Braut, ob es zu einer Ehe kommt.
Ist sie mit der geleisteten Arbeit nicht zufrieden, kann sie den jungen Bewerber
kommentarlos abweisen. Ganz schön hart! Da die Wtaturu Father Bolle kannten, durften auch wir
uns ihnen nähern. Es waren nur die Frauen und Kinder zu Hause. Die Männer waren
noch unterwegs mit dem Vieh. Nachdem die erste Scheu überwunden war, wurden wir
sogar herzlich begrüsst und erhielten als Gäste kleine Holzhocker als
Sitzgelegenheit. Die Wtaturu und wir bestaunten uns gegenseitig. Sie berührten
vorsichtig unsere weisse Haut und streichelten uns fasziniert über den Kopf mit
den hellen und weichen Haaren. Wir kamen uns vor wie Hunde, die flattiert
werden. Wir konnten uns dafür an ihrem gesamten Erscheinungsbild kaum satt
sehen. Die Wtaturu tragen ein meist rot kariertes Tuch um die Hüfte, der
Oberkörper von Frauen und Männern ist nackt, jedoch reich mit Schmuck behangen.
Plastikperlenketten in allen Farben und Längen baumeln vom
Hals. Die Frauen tragen zudem einen speziellen spiralförmigen Halsschmuck aus Messingreifen,
die horizontal vom Hals abstehen und bei jeder Bewegung mitwippen. Die Löcher in
den Ohrläppchen werden mit immer grösseren Lehmklumpen gedehnt, bis am Schluss
riesige Silberscheiben platz darin finden. Ziert gerade kein solches Silber die
Ohren, stülpen die Frauen ihre Ohrläppchen mit den grossen Löchern einfach hoch
und hängen sie über die Ohrmuschel. Die Schneidezähne feilen die Frauen so zu,
dass in der Mitte eine nach unten breiter werdende Zahnlücke entsteht. Handgelenke
und Oberarme sind behangen mit Messingreifen. Die Knöchel der Wtaturu zieren -zig
Kupferdrähte. Gegen Hitze und Kälte schlingen sie einfach ein grosses schwarzes
Tuch um Kopf und Körper. Die Männer sind immer mit ihrem langen Hirtenstab
unterwegs – immer, auch wenn sie über den Markt spazieren oder auf einem Velo
den Weg entlang pedalen. Father Bolle erklärten sie, dass sie nie ohne ihren
Stab weg gingen – er trage schliesslich auch immer seine Armbanduhr, auch wenn
er sie gerade nicht brauche. In einer
Grossfamilie – dieser Mann vermag vierzehn Ehefrauen und zahllose Kinder
durchzufüttern! – waren zwei junge Frauen gerade dabei in grossen Kalebassen, die
an der Wand hingen, Milch zu Butter zu schütteln. Ein langwieriges und mühsames
unterfangen. Barbara schaffte es nicht einmal, den richtigen Schüttelrhythmus
hinzubekommen. Die beiden Frauen aber schüttelten gedankenlos mit einer Hand,
während sie nebenbei schwatzten und ihre Kinder stillten. Leider waren die Wtaturu sehr kamerscheu, bis auf die Kinder, die nicht genug bekommen konnten
vom posieren und sich nachher in der Kamera anzuschauen. Welch ein
eindrücklicher Nachmittag für uns!

Da der
nächste Tag ein Sonntag war, packte Barbara die Gelegenheit beim Schopf eine
Messe in Afrika zu besuchen, inspiriert von dem Kirchenchor, dessen Proben sie
schon am Vorabend bewundernd verfolgt hatte. Die Sängerinnen und Sänger waren
mit so viel Herzblut bei der Sache, dass die Messe nur schon deshalb ein Erfolg
werden musste. Father Bolle las die Messe in Kisuaheli und Barbara verstand
natürlich kein Wort. Sie versuchte deshalb einfach alles nachzumachen was die
anderen Messebesucher machten – gar nicht so einfach, wenn man mit dem Ablauf
einer katholischen Messe überhaupt nicht vertraut ist. Und in Afrika läuft sie
sowieso nochmals ganz anders ab. Als Barbara um punkt 7.00 Uhr (die erste von
drei Messen) in der Kirche erschien, war diese bereits zum Bersten voll.
Rund
500 Leute sassen andächtig in den Holzbänken. Erst nach einigen Minuten merkte
Barbara, dass sie auf der falschen Seite des Kirchenschiffes sass: Männer und
Frauen sitzen getrennt, links die Männer, rechts die Frauen. Hier trugen die
Leute wortwörtlich noch ihre Sonntagskleidung. Sie waren herausgeputzt mit
wunderbaren Stoffen, Schmuck, fantasievollen Frisuren und gewagten Hüten. Einige
der Frauen hatten ihre Kleinkinder dabei, entweder auf dem Schoss oder auf den
Rücken gebunden. Wurden die Kleinen unruhig, kramten die Mütter kurzerhand ihre
Brust hervor und stillten (auch hier wieder wortwörtlich) die kleinen
Schreihälse. Das sollte frau mal bei uns in der Kirche machen…
Nach einem
letzten herzhaften Frühstück mit Father Bolle machten wir uns auf in die
zweitgrösste Stadt Tansanias.
Mwanza ist wunderschön gelegen auf mehr als sieben
Hügeln direkt am verzahnten Südufer des Victoriasees. Von den kleinen Hütten bis
hin zu den grossen und protzigen Villen schmiegen sich die Bauten mit grandioser
Aussicht an die Hügelflanken. Der Viktoriasee ist riesig. Mit 68'800 km2
(133mal Bodensee!) der grösste See Afrikas und der zweitgrösste Süsswassersee
weltweit! Erstaunlicherweise ist er an den tiefsten Stellen nur gerade 85 Meter
tief und erreicht im Durchschnitt eine Tiefe von nur 40 Metern. Und nochmals
erstaunlich: der Viktoriasee liegt auf einer Höhe von 1134 Metern.
Leider wurden wir von Father Bolles Ordensbruder in Mwanza nicht ganz so
herzlich empfangen und mussten den einzigen Campingplatz 20 km ausserhalb
aufsuchen. Ein Campingplatz mit 15 Hunden … Wir erkundigten uns am nächsten Tag
über die Möglichkeit einer Überfahrt mit dem Schiff nach Bukoba am Westufer des
Victoriasees. Uns und Father Bolle erschien eine solche Schifffahrt sicherer,
nachdem die Holländer uns gewarnt hatten, dass auf der Strasse entlang dem
Westufer des Sees (Grenzgebiet) häufig Raubüberfälle stattfinden würden. Rielle
und Jeroen hatten Glück gehabt, aber zwei Tage nach ihnen ist ein Minibus
angehalten und überfallen worden wobei einige Passagiere getötet wurden.
Schliesslich kam es dann aber für uns doch zu keiner Schiffsfahrt. Wir hätten
zwar das Auto per Kran aufs Schiff verladen können und der Preis für uns vier
von 64.-$ für die neunstündige nächtliche Überfahrt wäre auch ok gewesen, nur
hätten wir der Schiffsbesatzung die Autoschlüssel übergeben müssen und hätten
nicht mehr zum Auto gedurft. Dafür war nun Karsten überhaupt nicht zu haben!
Also doch Strasse.
Nach einer
kurzen 30minütigen Fährüberfahrt quälten wir uns über schlechte Piste entlang
des Südufers des Sees westwärts und mussten in dem kleinen Nest Katoro einen
Übernachtungsstopp einlegen. Nur leider sprach der Besitzer des einzigen
eingezäunten Hotels
mit Innenhof kein einziges Wort englisch. Mit Händen und Füssen und unserem
Suaheli-Wörterbuch schafften wir es schliesslich nach ewig langer Zeit den Preis
und das Vorhandensein von Wasser abzuklären. Dass wir im Auto schlafen wollten,
verstand er erst, als wir das Dach aufklappten und ihm unser Bett zeigten. Wir
waren echt verblüfft, dass die Leute aus Tansania so schlecht englisch verstehen
und sprechen. Bisher konnten wir uns in allen Ländern in einer „Kolonialsprache“
relativ gut verständigen, auch auf dem Land. Zu unserem grossen Erstaunen nicht
so in Tansania. Die erste, stärkste und offizielle Sprache ist hier Kisuaheli-
Sie hat Englisch komplett verdrängt. Präsident Nyerere förderte in seiner
Amtszeit das Nationendenken mit der Vereinigung von Tansanias x-verschiedenen
Stammessprachen unter einer gemeinsamen Sprache. Nicht die Sprache der
ehemaligen Kolonialherren sollte es sein, sondern die Sprache, die zuerst an der
Küste gesprochen wurde und die sich durch den Handel schon frühzeitig ins
Landesinnere ausgedehnt hatte. Kisuaheli ist die Sprache, die sich entwickelt
hatte, als sich die arabischen Handelsleute seit dem 8. Jahrhundert an der
Ostküste niederliessen und mit der einheimischen Bevölkerung vermischten. Sie
wurden Suaheli genannt, abgeleitete vom arabischen Wort „swahil“ für Küste.
Im Hotel erhielten wir später Besuch von einigen Teenagern, die uns über das
Woher und Wohin ausquetschten, versuchten uns etwas Geld abzuluchsen da sie arme
Studenten seien, sich dann aber zufrieden gaben mit einer Kostprobe rohen
Broccolis. Etwas später suchten sie uns nochmals heim, nun mit einem
Prüfungsfragebogen aus der Schule. Ob wir ihnen damit helfen könnten? Vor allem
Frage 6 müssten wir doch beantworten können: “Was hat dazu beigetragen, dass sich
der Tourismus in der Schweiz so gut entwickeln konnte?“ – Gar nicht so einfach!
Früh
morgens machten wir uns auf, um die gefährliche Strecke möglichst rasch hinter
uns zu bringen. Schnell merkten wir, dass wir nicht wie geplant der Hauptstrasse
auf der Karte folgten, sondern der sich neu im Bau befindlichen grossen Strasse,
die teilweise bereits geteert war. So kamen wir erst ein gutes Stück später auf
den gefährlichen Abschnitt. Tatsächlich gabs auf der schmalen, schlechten und
einsamen Piste schon den einen oder anderen Ort, der sich für einen Überfall
geeignet hätte – da passte der Häftlingstransport, den wir kreuzten, gerade
richtig ins Bild.
Aber alles ging gut und wir konnten die Fshrt durch die
hügelige grüne Landschaft mit den schönen Ausblicken auf den See sogar
geniessen. Weniger genussvoll war dann der Nachmittag und Abend auf dem an sich
schönen Campingplatz im Lake Hotel. Ausgerechnet in diesem Hotel fand die grosse
1.Mai-Feier statt. Am Nachmittag dröhnten aufwieglerische Reden übers Gelände,
die am Abend abgelöst wurden von scherbelnder Livemusik – selbstverständlich wie
immer in Afrika alles über Lautsprecher in ohrenbetäubendem Lärm. Wie angenehm
war da die Ruhe am nächsten Morgen beim Frühstück – wenn sich der Himmel nur
nicht so rasant mit schwarzen Wolken überzogen hätte. In Rekordzeit räumten wir
alles auf und verstauten es notdürftig und schon vielen die ersten Tropfen. Wir
flüchteten ins Auto und liessen die Sintflut über uns herein brechen. Wir kamen
uns vor wie in einer Waschstrasse, sogar das Rütteln und Dröhnen war
authentisch. Leider hatten wir noch einige Kleinigkeiten draussen vergessen und
keiner von uns beiden wollte sich in das kalte Nass stürzen. Ewig lange warteten
wir, bis der Regen etwas schwächer wurde. Des Regens wegen entschieden wir uns
für den grossen Grenzübergang nach Uganda in Mutukula mit Aspahltstrasse und
verzichteten auf die Abkürzung über die Piste mit dem wenig frequentierten
Grenzposten. In der Regenzeit ändert sich die Routenwahl halt manchmal rasch.
Obwohl wir in Tansania nun mitten in die von März bis Mai dauernde Regenzeit
hinein gefahren waren, waren uns die Wettergötter immer noch gut gesinnt. Ausser
einigen sintflutartigen Regengüssen in Dar-es-Salam und in Bukoba waren wir
trocken durch Tansania gekommen.
Problemlos
reisten wir an der Grenze in Mutukula aus Tansania aus Richtung Uganda – aber nicht für
lange, denn wir werden in einigen Wochen nach Tansania zurück kommen um uns in Dar-es-Salam das Sudan-Visum zu besorgen. Dar-es-Salam ist zur Zeit der einzige
Ort, wo dieses schwer erhältliche Visum innert vernünftiger Frist und mit
vertretbarem Papierkram besorgt werden kann. Leider bleiben uns dann aber vom
Ausstellungsdatum nur gerade 30 Tage bis zur Einreise in den Sudan. Aus diesem
Grund schauen wir uns Tansania, Uganda und Kenia vorher in Ruhe an und machen
dann den Umweg und fahren nochmals nach Dar-es-Salam zurück.
Glücklicherweise hatten wir für Tansania ein 3monatiges Multiple-Entry-Visum
erhalten. Dieses gilt allerdings nur, sofern wir uns zwischenzeitlich
ausschliesslich in Uganda oder Kenia aufhalten. Aus diesem Grund hatten wir auch
die zwei kleinen Nachbarländer im Westen, Burundi und Ruanda, auf unserer Reise
auslassen müssen.
Kwa heri
Tansania – bis bald!
Kampala, 8. Mai 2007
In der Chronologie geht es
hier weiter mit den Reiseberichten über Uganda und
Kenia. Anschliessend folgt unten der
zweite Bericht über Tansania.
Osttansania
Karibu tena - welcome again in Tanzania! Die
erlösenden Worte, als wir den Schlagbaum passierten und wieder nach Tansania
rollten. In Windeseile hatten wir die Einreiseformalitäten erledigt. Nur so
schnell wie möglich die Kenianische Ausreise mit den ganzen Problemen hinter uns
lassen, hiess die Devise - bevor wir vielleicht noch nach Kenia zurück gepfiffen
werden. Aber wir hatten es geschafft und das flaue Gefühl im Magen und die
weichen Knie waren schnell vergessen.
Kurz nach der Grenze bogen wir im kleinen Nest
Longido von der Teerstrasse ab auf eine unscheinbare und unbeschilderte Piste.
Vor einigen Jahren noch wäre man wohl glatt an dieser Abzweigung vorbeigerauscht
und hätte sich anschliessend mühsam danach durchfragen müssen, um den kleinen
Weg am Ende dann doch nicht zu finden. Heute sucht man am Vorabend auf der
elektronischen Karte auf dem Labtop die Abzweigung und die gewünschte Route
heraus und überträgt die Koordinaten aufs GPS. Simpel und schnell - und so
findet man dann auch die gewünschte Strecke. Häufig sind wir im Vorfeld
allerdings zu faul, um die Route herauszusuchen und müssen uns
dann doch nach alt bewährter Sitte durchfragen. Was aber dafür für Spannung
sorgt und zu interessantem Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung führt.
Auf dieser Strecke von Longido quer durch den unbewohnten Busch zum Lake Natron
waren wir allerdings doch froh, hatten wir die Route im GPS.
Die kleine Piste
verzweigte sich immer wieder und selbstverständlich war weit und breit keine
Menschenseele zu sehen, die hätte "Wegweiser" spielen können. Und gerade das ist
ja eines der tollen Dinge in Afrika: stundenlang durch die unberührte Wildnis zu fahren und
ausser einigen scheuen Vierbeinern, die sofort die Flucht ergreifen, niemandem
zu begegnen.
Natur pur! Natur pur präsentierte sich uns in endlosen weissen
Blütenfeldern, fast undurchdringlicher Buschvegetation, steiniger Halbwüste
durchsetzt von tief eingefressenen aber trockenen Wasserläufen, die es irgend
wie zu umfahren galt und mit feinstem Staub überzogene Ebenen, die in sämtlichen
Pastellfarben schimmerten - alles überragt von zwei mächtigen Vulkankegeln in
weiter Ferne. Fantastisch! Wir freuten uns auf ein ruhiges Bushcamp in der
Wildnis und entschieden uns den Fahrtag früher zu beenden als ursprünglich
gedacht. Zum einen hatten wir nämlich auf dem steinigen Untergrund die Piste
verloren und unser GPS zeigte schon seit einiger Zeit beharrlich in eine andere
Richtung - nur sah es dort noch viel weniger nach fahrbarer Piste aus. Zum
andern hatten wir offenbar ein Problem mit unserem Stromkreislauf. Die beiden
Bordbatterien luden sich während der Fahrt nur
ungenügend auf. Barbara kramte also den Computer hervor und stellte bald
erleichtert fest, dass wir uns sehr wohl punktgenau auf der richtigen Piste
befanden. Sie holte nur gerade in einer weiten Schlaufe aus um uns auf den
nächsten Hügel zu führen. Weniger erfolgreich waren Karstens Diagnosebemühungen.
Alles Schrauben und Überprüfen half nichts, der Strom blieb weg. Kein Licht im
Auto, kein Wasser über die strombetriebene Pumpe, anstatt Kühlschrank
Warmhaltebox und im schlimmsten Fall kein Power um das Auto am nächsten Morgen
wieder zu starten. Und das mitten im Nichts!
Aber
so nichtig war dieses Nichts dann doch nicht: irgendwoher tauchte plötzlich eine
Gruppe Kinder auf, die unsere Mechanikerimitationen interessiert verfolgte,
natürlich aus nächster Nähe. Erstaunlicherweise trugen die meisten dieser Kids
sogar richtige Schuluniformen, die Minderheit traditionelle Masaikleidung.
Während wir noch mit den Kindern scherzten sprang plötzlich der Kühlschrank mit
einem leisen Surren wieder an. Der Strom war zurück - woher, wie und weshalb
sollte uns auf immer schleierhaft bleiben. Nun konnten wir also unser grandioses
Bushcamp doch noch so richtig geniessen und uns schliesslich vom meckernden
Lachen der Hyänen in einen ruhigen und ungestörten Schlaf begleiten lassen.
Am nächsten Morgen machte uns die erwachsene Masaifraktion ihre Aufwartung.
Die
beiden Dorfältesten fläzten sich in unsere Stühle. Beide in traditioneller
Masaitücher-Kleidung, der eine allerdings mit einer braunen Wollskimütze und
einem blechernen Köfferchen ausgerüstet, der andere mit einer Pillendose durchs
übergrosse Loch im Ohrläppchen gesteckt - auch eine Art, Medikamente (oder hier
wohl eher Wertsachen wie Geld) immer auf Mann zu tragen. Stolz tauschten wir mit
ihnen die wenigen Worte aus, die wir in Ma (Sprache der Masai) im Amboseli
gelernt hatten: "Sopa" - "Epa" als gegenseitige Begrüssung. Über alles weitere versuchten wir uns in Zeichensprache zu
unterhalten - Karstens Scharaden führten zu ausgelassenem Gelächter. Später
gesellten sich noch die schmuckbehangenen Frauen dazu. Nach zahlreichen
Fehlinterpretationen der Gesten begriff Barbara endlich, dass unter den Frauen
oder Respektspersonen gegenüber die Begrüssung anders ablief. Anstatt Handschlag
Segnung. Barbara musste sich leicht Vorneigen und jede der Frauen legte ihr nacheinander wie zum
Segen die Hand auf den Kopf. Ein tolles Gefühl - wenn man dabei Vergessen kann,
dass den Masai wohl nur äusserst selten Wasser zur Verfügung steht um sich die
Hände zu waschen. Eine der Frauen hatte eine hässliche entzündete Wunde am Fuss,
die wir desinfizierten, mit Wundsalbe bestrichen und mit einem Pflaster
abdeckten. Stolz zeigte sie anschliessend ihren Fuss herum - und wir konnten uns
kaum mehr retten vor all den Leuten, die irgend ein Leiden behandelt haben
wollten. Aber der Frau mit dem grauen Star konnten wir beim besten Willen nicht
helfen, was sie einfach nicht einsehen wollte. Und Barbara musste
standhaft beteuern, dass auch sie das Kind der Mutter, die zu wenig Muttermilch
hatte, nicht stillen könne. Schliesslich durften wir dann doch noch aufbrechen.
Je näher wir dem Lake Natron kamen, desto mehr
erinnerte uns die Landschaft an Namibias Nordwesten. Trockenes, kniehohes,
golden schimmerndes Gras im leicht gewellten Gelände, soweit das Auge reicht.
Immer wieder entdeckten wir wilde Tiere: Piroutten drehende Strausse, hochmütig
in die Ferne schauende Giraffen, in hohen Sprüngen davon stiebene Antilopen,
friedlich weidende Zebras und übermütig durch die Gegend galoppierende Gnus. Wie
im Nationalpark - aber ohne Nationalpark und gratis! Mittlerweile waren wir am
Fuss der beiden Vulkankegel, auf die wir seit zwei Tagen zugefahren waren,
angelangt.
Richtig runde Kegel, die sich drohend aus der Ebene erheben - wie man
es eben kennt aus dem Bilderbuch. Der eine Vulkan soll noch immer aktiv sein
und regelmässig kalte Lava ausstossen. Tatsächlich konnten wir auch weisse
Lavaströme ausmachen, die sich wie erstarrte Bäche über die Flanken zogen.
Von weitem hätte man meinen können es handle sich um Schnee. Wir hatten uns im
Vorfeld überlegt, diesen Vulkan, den Ol Doinyo Lengai zu erklimmen. Vor Ort schreckte
uns dann aber doch ab, dass wir uns einen kostenpflichtigen Führer hätten nehmen
müssen, dass wir das Auto unbewacht im nirgendwo hätten stehen lassen sollen und
dass wir um Mitternacht hätten aufbrechen müssen um am frühen Morgen den Gipfel
zu erreichen. Zudem hätten Malis Pfoten wohl nicht gerade Freude am
scharfkantigen Lavagestein gehabt. Also nicht drüber sondern im Auto im
Schneckentempo rund um den Vulkan herum zum Lake Natron und dafür einen gemütlichen
Nachmittag im Camp, sagten wir uns. Von weitem schon sahen wir den blau
leuchtenden See - surreal, in der braunen, öden Wüstenlandschaft. Und plötzlich
versperrte uns eine Schranke die Weiterfahrt. 50.-$ hätten wir berappen müssen
um ans Seeufer und ins Camp zu fahren. Lake Natron scheint neuerdings eine Art
Park zu sein. Das Camp war von der Schranke aus in einer Distanz von nur
gerade einem Kilometer bereits zu sehen. Trotz unserer Versicherung, dass wir
nur in dieses Camp fahren wollen, blieb der Barrierenwärter hart. Wenn wir die
Schranke passieren, koste das 50.-$, egal wie weit wir nachher fahren
würden. Das Camp koste zudem pro Person 10.-$. Das war uns entschieden zu viel.
Schliesslich ging es uns nie um den See selber sondern um die schöne Fahrt
dahin. Wir drehten also kurz entschlossen wieder um und der Barrierenwärter
verstand die Welt nicht mehr: den zwei Wazungu waren 50.-$ Eintritt zuviel!
Auf dem Rückweg über die Hauptpiste kriegten sich Barbara und
Karsten derart in die Haare - ja, ja, es ging mal wieder um die
unterschiedlichen Fahrstile und die Belastbarkeit des Autos auf schlechten
Strassen - dass Barbara fluchtartig aus dem noch rollenden Auto sprang und sich
erstmal auf einem längeren Fussmarsch in der sengenden Mittagssonne "abkühlen"
musste. In einigem Abstand fuhr Karsten im Auto hinterher.
Bestimmt ein witziges Bild - daran dachten wir in unserer Wut aber
nicht. Nachdem sich Barbara endlich bequemt hatte, wieder einzusteigen, ging es
in so rasantem Tempo weiter, dass uns Karsten um ein Haar über eine wohl hundert
Meter hohe Felswand in den Abgrund eines erloschenen Vulkans gefahren hätte.
Streiten lohnt sich einfach nicht, und schon gar nicht während der Autofahrt!
Zwei Stunden später und einige wenige Stimmungsbarometergrade besser trafen wir auf die
nächste Schranke. Hier hätten wir 10.-$ bezahlen müssen für die Durchfahrt
durchs Land der Masai, durch das die Strasse offenbar auf den letzten Kilometern
geführt hatte. Uns platzte der Kragen - schon wieder sollten wir abgezockt
werden und der Kerl an der Schranke erdreiste sich noch zu betonen dass es ja
NUR 10.-$ seien.
Ein solcher Typ hatte uns gerade noch gefehlt! Er kriegte nun
unseren geballten Ärger und Frust ab. Wir dachten nicht im Traum daran, wegen
eines handgepinselten Schildes und einer provisorischen Schranke zu bezahlen -
und schon gar nicht in Dollar. Die bösen Worte flogen in ohrenbetäubender
Lautstärke hin und her. Schliesslich drohte der Barrieremensch uns ins
lokale Gefängnis zu stecken und rief bereits nach Verstärkung. Nun wurde es uns
doch etwas mulmig und wir lenkten zähneknirschend ein, allerdings nur unter der
Bedingung, dass wir in Tansaniashilling bezahlen können und dass wir die Adresse
des obersten Chefs erhalten würden um uns bei diesem persönlich beschweren zu
können. Beide unsere Forderungen wurden erfüllt und endlich durften wir
weiterfahren. Allerdings merkten wir bald, dass aus unsere Beschwerde wohl
nichts werden würde: Wer arbeitet in Afrika schon am späten Freitag Nachmittag
und am Wochenende? Natürlich niemand und schon gar nicht der oberste Chef.
Am nächsten Tag fuhren wir auf der
Hauptverbindungsstrasse zwischen Arusha und dem Serengeti Nationalpark nach
Arusha. Welch krasser Gegensatz zu den letzten beiden Tagen: hier führte eine
teilweise vierspurige, allerneuste Teerstrasse durchs flache Land. Alle paar
Minuten kamen uns modernste Jeeps der Safariunternehmen vollgepackt mit Wazungu
entgegen, alle auf dem Weg in die Serengeti und den Ngorongoro-Krater. Wir hätten
uns eigentlich beides auch gerne angesehen, aber waren nicht bereit alleine
schon für den Ngorongoro-Krater über 200.-$ Eintritt pro Tag zu bezahlen. Da kann
er noch so schön sein und als achtes Weltwunder gelten. Für uns eine
Prinzipfrage - irgendwo hat schliesslich alles eine Grenze!
Arusha als Safariausgangsort war dann auch erwartungsgemäss überfüllt von
"abendteuerlustigen" Weissen, die in den riesigen Overlandbussen oder den
extralangen Jeeps durch die Gegend gekarrt wurden. Und selbstverständlich ist an
solchen Orten immer alles doppelt so teuer, die Belästigungen doppelt so häufig,
die Leute aber nur halb so freundlich wie anderswo. Für uns die einzigen
Pluspunkte an Arusha: Hier gab es die speziellen Reserveradhalterungen zu kaufen
und einen grossen Shoprite mit einer riesigen Palette an Lebensmitteln. Nur hatte
der Shoprite bei unserer Ankunft am Samstag bereits seit einer Stunde
geschlossen wegen Stromausfalls. Und so typisch für Afrika: nur einer der beiden
Notstromgeneratoren war funktionstüchtig. Der andere war gerade defekt oder
eines anderen Gerüchts zufolge in der vorhergehenden Nacht geklaut worden. So
blieb der Shoprite halt den ganzen Tag geschlossen. Dafür anerbot sich der
"Fahrzeugingenieur" auf unserem Campingplatz uns eine dieser in Tansania
gängigen selfmade Reserveradhalterungen für wenig Geld zu schweissen. allerdings
erst am Montag. Also blieb uns nichts anderes übrig als trotz schlechten Wetters das
Wochenende in Arusha zu verbringen und auf Montag zu warten. Nicht gerade
angenehm machte die Warterei, dass es auf dem einzigen Campingplatz in Arusha,
dem Masai-Camp, von Hunden, die auf Mali los gingen, wimmelte und dass Bar und
Restaurant auf dem Areal jede Nacht bis früh um 2 Uhr den ganzen Platz mit
dröhnender Musik beschallten, so dass wir am anderen Ende im Bett liegend immer
noch die Vibrationen des Basses fühlen konnten. In den kurzen
Musik-Verschnaufpausen, dröhnte als Lückenfüller sogleich die Musik vom
Nachbargrundstück herüber. Wir sehnten den Montag herbei! Und dann das böse
Erwachen: der "Fahrzeugingenieur" hatte am Montag Null Bock auf Arbeit und
blockte unseren Auftrag sogleich ab. Als Karsten insistierte, verschwand der Typ
von der Bildfläche und tauchte erst am späten Nachmittag wieder auf. Stocksauer
mussten wir auf unsere neue Halterung verzichten. Wir trösteten uns damit, dass
es schliesslich ja die letzten eineinhalb Jahre auch ohne gegangen war. Wir
hatten nur einmal das Türscharnier auswechseln mussten, weil das schwere Reserverad an
der Tür durch die Schläge der schlechten Strassen das Scharnier ausgeschlagen hatte. Viel mehr ärgerte
uns, dass wir wegen dieser blöden Halterung vergebens drei Tag auf dem mühsamen
Camp hatten verbringen müssen.
Nur gerade knapp 70 km ist Moshi, das
"Bergsteigerzentrum" von Arusha entfernt. Von Moshi starten die Touren auf
Afrikas höchsten Beg, den Kilimanjaro. Der Vulkankegel mit der ganzjährig
schneebedeckten Kuppe wird nicht um sonst das Dach Afrikas genannt. Kilimanjaro
bedeutet in Suaheli "Berg des bösen Geistes". In der Sprache der Masai heisst er
Nga-ja-Ngai, was Haus Gottes bedeutet. Bereits die Häuptlinge der Chagga
schickten vor Jahrhunderten ihre Späher los, das vermeintliche Silber zu holen,
das den Gipfel des Kili bedecken sollte. Doch die Kundschafter hatten enttäuscht
entdecken müssen, wie der Schnee in ihren Händen zerrann. Schon 1848 kamen die
ersten Berichte vom "Schnee unter der Äquatorsonne" bis nach Europa. Jedoch
schenkte man diesen Schilderungen lange keinen Glauben. Erst rund 40 Jahre
später begannen die ersten Expeditionen auf den Kili. Der Höhenkrankheit wegen
scheiterten diese jedoch regelmässig. Am 6. Oktober 1889 schliesslich bezwangen
ein deutscher Geograph aus Leipzig und ein österreichischer Alpinist aus
Salzburg den Kibo als höchsten und verreisten Gipfel des Kilimanjaros auf 5895
Metern. Mit dem Recht der Erstbesteiger tauften sie diese bisher namenlose
Spitze als höchster Punkt deutscher und afrikanischer Erde "Kaiser Willhelm
Spitze". So kurios und kennzeichnend für das Selbstverständnis der Europäer
diese Szene sein mag, der Kilimanjaro blieb fast drei Jahrzehnte lang (bis 1918)
der höchste Berg "deutscher Erde".
Wir hatten ursprünglich vorgehabt, uns am Kili zu versuchen. Technisch gleicht
die Besteigung ja nur einer Bergwanderung. Nicht zu unterschätzen dabei ist aber
die Höhe. Deswegen erreichen weniger als die Hälfte der Bergsteiger überhaupt
den Gipfel. In den vier Tagen, die wir im Kiligebiet waren, sahen wir den Berg
nie. Ständig verhüllte eine dichte Wolkenschicht den Himmel und feiner
Nieselregen ging auf uns herab. Das gab dann wohl noch den letzten Ausschlag
dazu, dass wir auf die Besteigung verzichteten. Aber ehrlich gesagt hatten wir
im Vorfeld die Sache sowieso schon fast abgeschrieben.
Erstens hätten wir Mali
nicht mitnehmen dürfen auf diese mehrtätige Tour, zweitens hatten wir seit
Ewigkeiten nun keinen Sport mehr gemacht und kamen nur schon bei den
kleinsten Hügeln ausser Puste, drittens machte uns der ganze Touristenrummel um
den Kili nicht gerade an und viertens ist das ganze Unternehmen mit über 1000.-$
pro Person auch recht teuer. So blieb der Kilimanjaro für uns unbestiegen
und von tansanischer Seite her auch ungesehen. Zum Glück hatten wir das
eindrückliche Massiv zumindest von Kenia aus bewundern können.
Bei strömendem Regen ging es weiter Richtung Küste.
Lange überlegten wir hin und her, ob sich der Abstecher in die Usambaraberge
wohl trotzdem lohnen würde. Wer wagt gewinnt - oder verliert! Afrikas Switzerland, wie die Usambaraberge auch genannte werden, verhüllte sein Antlitz
vor uns mit dichten Wolken und undurchdringlichem Nebel. Wir mussten unsere
Fantasie gewaltig spielen lassen um uns aus den einzelnen grünen Flecken und
Bergspitzen, die kurzzeitig aus dem Nebel ragten, eine saftig grüne
Berglandschaft mit Wasserfällen und grandioser Aussicht ins rund tausend Meter
tiefere Flachland auszumalen. Schade, bei schönem Wetter hätte es uns hier
bestimmt gut gefallen. Immerhin konnten wir uns im Shop der Irente Farm, auf
der wir übernachteten, mit fantastischen Köstlichkeiten eindecken: Frisches
Müesli, Sourcreme, Rahm, hausgemachte Konfi, feines Roggenbrot, Quark (noch nie
zuvor gehabt in Afrika!) und kaum zu glauben - richtigem Tilsiterkäse!
Im festen Vertrauen darauf, dass an der Küste immer
die Sonne scheint, zog es uns weiter westwärts. Schliesslich ging es auf einem
kleinen Feldweg durch dichte Palmenhaine und vorbei an kleinen Lehmhäusern bis
ans Meer. Von Peponi Beach hatten wir von anderen Reisenden schon viel
tolles gehört. Und tatsächlich entpuppte sich Peponi als kleines Paradies. Ein
grosszügig angelegter Campingplatz unter schattenspendenden Palmen direkt am
einsamen Sandstrand. Ruhig und kein Touristenrummel. Jeder Platz mit eigenem
Sonnen- bzw. Regenschutzhäuschen. Und für Afrika eher eine
Seltenheit: blitzblanke sanitäre Anlagen mit heisser Dusche. Obendrein ein
feines Restaurant und sehr hundefreundliche Besitzer.
Ja, hier liesse es sich
aushalten - wenn da nicht der Regen wäre... Jeden Tag mussten wir stundenlangem
Regen trotzen. Zusammen mit den heftigen Sturmböen war es auch empfindlich kühl
und das windgepeitschte graue Meer lud nicht zum Baden ein. Nach kurzer Zeit
stand die halbe Campinganlage unter Wasser und der Gang zum WC endete
regelmässig in einer gut knöcheltiefen Plantscherei. Auch unser geplanter
Schnorcheltrip zum vorgelagerten Riff viel dem schlechten Wetter zum Opfer. Aber
ein Gutes hatte der Regen: Der Überschwemmung wegen konnten unsere neuen Freunde
nicht weiterfahren und leisteten uns noch etwas Gesellschaft. Bea und Christian
mit Söhnchen Lion aus Basel (kurz: ChriBeLi) sind mit ihrem Toyota mit Dachzelt
unterwegs nach Südafrika. Schnell schlossen wir drei die drei in unsere Herzen.
Mali fand im viereinhalbjährigen Lion einen quirrligen zweibeinigen
Spielkameraden. Mit Bea und Christian konnten wir uns über Gott und die Welt
unterhalten. Die gemeinsamen Frühstücks (unter dem Regenhäuschen wohlgemerkt)
dehnten sich bis in die Mittagsstunden aus und die Abende waren lang - nicht nur
deswegen, weil wir Mühe hatten, am Strand ein vernünftiges Feuer für unseren
frischen Fisch hinzukriegen.
Über Lion staunten wir immer wieder: nicht nur dass
er sich schon die Schuhe selber Binden konnte, selbständig über die ganze Anlage
aufs WC ging, sich stundenlang am Strand alleine beschäftigen konnte oder sich
fröhlich mit fremdsprachigen Leuten unterhielt, sondern auch einen riesigen
Wissensdurst an den Tag legte und uns alle durchreisten Länder aufzählen konnte
inklusive der Sprachen, die dort gesprochen werden. Am meisten verblüffte uns
aber, als er in unserem Tierbestimmungsbuch die einzelnen Tiere mit Name
benennen konnte - oft sogar noch in englisch. Wir mussten ab und zu mal auf den
Text blinzeln, bevor wir Lion bestätigen konnten, dass es sich zum Beispiel
tatsächlich um eine Rappenantilope und nicht um eine Säbelantilope handelt. Mit
viereinhalb Jahren ein solches Interesse, soviel Selbständigkeit und Artigkeit
und trotzdem noch soviel unbeschwerte Kindlichkeit - obwohl wir nicht gerade die
absoluten Kinderfans sind, schlossen wir den Zwerg ganz fest ins Herz. Wüssten
wir, dass unsere eigenen Kinder ebenso sind, könnte man sich das glattweg
überlegen... Karsten hatte nun in den beiden Physiotherapeuten die perfekten
Ansprechpartner für seine Rückenschmerzen (eingeklemmter Muskel oder Nerv oder
was auch immer) gefunden. Christian steckte Karsten schliesslich einige Nadeln
und siehe da, obwohl die Behandlung schmerzhaft war, gings anschliessend besser.
ChriBeLi's hatten einen Tag vor uns die Nase voll vom Regen und fuhren in der
Hoffnung auf mehr Sonne weiter nach Dar-es-Salam. Wir wollten am nächsten Tag
nachkommen. Für solche Freunde verkürzt man die verregneten Badeferien gerne um
ein paar Tage.
Zwischenzeitlich waren auch Kim und Tanja in Peponi
eingetroffen. Wir hatten die beiden bereits auf der Strasse ausserhalb Nairobis
getroffen. Da sie ihr Auto am selben Ort (Toms Fahrzeugtechnik) gekauft hatten,
war es witzig, mit ihnen über Vor- und Nachteile unserer Autos zu philosophieren
und etwas über Toms Verkaufsethik zu lästern (jedem verkauft er nur das Beste -
allerdings ist das Beste immer etwas anderes, nämlich das, was gerade weg
muss...). Wir sind mittlerweile zum Schluss gekommen, dass wir heute vieles an
unserem Auto anders machen würden. Wir hätten uns vor der Reise vielleicht doch
ein oder zwei Autoausbauten mehr anschauen sollen zur Ideensammlung. Und wenn
man das Auto selber ausbauen würde, ginge man mit dem vorhandenen Platz wohl
sparsamer um. Aber das sind nun mal Erfahrungen, die man erst unterwegs auf
einer längeren Reise macht. Fürs nächste Mal wissen wir es... In Kim fand
Barbara jemanden, der ihre Ansichten über Freuden und Leiden einer eigenen
Website teilte. Der Zeitaufwand ist enorm und die Ansprüche, die man an sich
selber stellt in Sachen Inhalt werden immer höher. Auf der einen Seite soll's
leserfreundlich, spannend und persönlich bleiben, auf der anderen Seite möchte
man auch dem Land gerecht werden und Wissenswertes über Kultur und Leute
vermitteln. Eigene Erlebnisse, Ansichten und Meinungen gehören natürlich dazu,
sollen aber auch als subjektive Einschätzung hervorgehen und nicht
verallgemeinert werden. Und dann noch das ganze Kapitel "Fotos" ... Ganz
zu schweigen von den Internetmöglichkeiten in Afrika. Alles nicht so einfach!
Dafür macht man hoffentlich den Zuhausgebliebenen und anderen Reisefans eine
Freude und kann das Erlebte beim Schreiben der Berichte würdig verarbeiten. Kim
und Tanja berichten über ihre Erlebnisse auf
www.hinter-dem-horizont.net .
Unsere auf den frühen Morgen geplante Abfahrt aus
Peponi verzögerte sich erheblich, weil erstens Barbara nach einer langen
Reisebericht-Schreibnacht nicht aus dem Bett kam und zweitens als wir endlich
abfahrtbereit waren, unser Auto wieder einmal keinen Wank machte.
Zum Glück
konnte Kim mit einem Überbrückungskabel helfen. Nur, als Barbara schliesslich
den Gang einlegte und los fahren wollte, hätte der Motor ausnahmsweise wohl
etwas mehr Gas gebraucht und starb gleich wieder ab. Ganze Übung nochmals! Aber
jetzt half alles Überbrücken nichts. Macun rührte sich nicht. Also doch kein
Batterienproblem sondern ein defekter Anlasser? Mit einigen helfenden
Mannstärken gelang es uns dann aber doch Macun schiebenderweise zum Starten zu
überreden. Jetzt den Motor einfach nicht mehr ausgehen lassen bis wir auf dem
Campingplatz in Dar ankommen! Gesagt, getan, im strömenden Regen brausten wir
die gut 300 km südwärts - in eisigem Schweigen, denn natürlich hatten die
morgentlichen Schwierigkeiten wieder schlechte Laune gefolgt von einem
handfesten Krach ausgelöst. In Dar fanden wir schliesslich den einzigen Händler,
der unsere Optimabatterien im Angebot führt - allerdings erst einige Minuten
nach Ladenschluss um fünf. Als Tüpfelchen aufs "i" standen wir jetzt in der
Stosszeit ganze zwei Stunden an der Fähre an um an die Südbeach zu kommen - und
alles mit laufendem Motor...
Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit
Autoanschieben, Anstehen an der Fähre und Rumkurven im hektischen Zentrum von
Dar. Alle unsere drei Batterien waren hinüber. Die Starterbatterie hatten wir
bereits schon einmal in Namibia erneuern müssen. Die beiden Gel-Bordbatterien
sollten aber shockresistent sein und hätten eine Lebensdauer von vier Jahren.
Mühsam war es, diese beiden Batterien zu ersetzten. Der einzige Optima-Händler
in ganz Dar führte unser Modell nicht. Wir versuchten es mit einer anderen
Modell. Dieses erwies sich schnell als untauglich und nach einigem Hin
und Her entschieden wir uns am nächsten Tag schliesslich für zwei ganz normale Batterien, in der
Hoffnung, dass sie das häufige Tiefentladen und das Gerüttle bis Europa
durchstehen. Dort hoffen wir auf Ersatz unserer ehemaliger Batterien aus
Garantieleistung. Trotz vorheriger Abmessung stellte sich beim Einbau der neuen
Batterien heraus, dass diese um einige Millimeter nicht in den vorgesehenen Platz
passten. Einen weitern ganzen Tag Arbeit für Karsten um alles passend zu machen.
Und dann hatten wir ja unser Sudanvisum, weswegen wir überhaupt ein zweites Mal
nach Dar gekommen waren, immer noch nicht.
Für das Sudanvisum brauchte es mehrere Anläufe.
Zuerst mussten wir uns auf unsren eigenen Botschaften ein Empfehlungsschreiben
organisieren. Nur leider stellt die Schweizer Botschaft kein solches aus.
Barbara musste sich mit einer beglaubigten Passkopie zufrieden geben, in der
Hoffnung, dass die Sudanbotschaft dies akzeptiert. Einziger Vorteil: die Kopie
war gratis wohingegen Karsten für sein dreizeiliges Empfehlungsschreiben
knappe 30.- € bezahlen musste. Karsten hatte schon bei unsrem letzten Aufenthalt
in Dar bei der Vorsprache auf der sudanesischen
Botschaft einen guten Draht zur Sekretärin entwickelt. Sie schien sich fast ein
bisschen verliebt zu haben. Diesen Umstand schamlos ausnützend, machte sich
Karsten deshalb nun immer alleine auf zur Botschaft. einfachheitshalber mit
öffentlichen Verkehrsmitteln. So kam Karsten in den Genuss Dalla-Dalla zu
fahren. Die erste Herausforderung bestand darin, das "Bussystem" zu begreifen.
Simpel: einfach einen vorbeifahrenden Toyotaminibus mit Handzeichen stoppen und
einsteigen. Die Preise sind fix und spottbillig, man bezahlt direkt im Auto.
Dafür ist der Sitzkomfort auch etwas eingeschränkt. Der für vierzehn Personen
zugelassene Minibus wird bis um Platzen gefüllt - Karsten zählte 24 Personen!
Nicht so einfach, sich da einen Sitzplatz zu ergattern... und erst recht nicht
im richtigen Moment wieder an der Schiebetüre zu sein um auszusteigen. Aber mit
afrikanischer Freundlichkeit und Gelassenheit alles hakuna matatta. Wir
vertrauten darauf, dass wir das Visum dank Karstens Charme innert Kürze erhalten
werden, vielleicht sogar etwas nachdatiert. Da hatten wir aber leider die
Rechnung ohne den Wirt gemacht: die Sekretärin
riss sich für uns bzw. für Karsten zwar tatsächlich ein Bein aus, nur spielte ihr Chef
nicht mit. Er werde kein Visum ausstellen und beharrte darauf, dass wir, da auf
dem Landweg reisend, das Visum in Äthiopien beantragen müssten. Karsten glaubte
sich verhört zu haben. Alle unsere Reisekollegen hatten das Visum problemlos in
Dar erhalten. Zudem waren wir extra für dieses Visum nach Dar zurück gefahren.
Von Äthiopien wussten wir, dass die Visaausstellung zwei bis drei Wochen dauert.
Das alles erklärte Karsten der Sekretärin ausführlich. Auch sie verstand die
Welt nicht mehr. Das sei noch nie vorgekommen und sie könne sich die Weigerung
ihres Chefs nur damit erklären, dass er wohl zur Zeit komplett überarbeitet sei.
Immer wieder verschwand sie mit unseren
Pässen im Büro des Vorgesetzten in der Hoffnung doch noch eine Wende herbei zu
führen. Kurz vor Mittag sah es dann doch erfolgsversprechend aus - der Chef
hatte unsere Pässe zumindest im Büro behalten. Da wir nicht wussten, wie es
weitergehen würde, stand Karsten am nächsten Mittag bereits wieder auf der
Matte. Der Botschafter wolle persönlich mit ihm sprechen, liess ihn die
Sekretärin wissen, konnte aber nicht sagen weshalb. Mit einem flauen Gefühl in
der Magengegend schlich Karsten also ins betreffende Büro. Dort musste er sich
nochmals anhören, dass wir spätestens in 30 Tagen im Sudan einreisen müssen und
siehe da, er erhielt unsere Pässe mit Sudanvisum ausgehändigt. Glücklich doch
noch zu diesem Visum gekommen zu sein, störten wir uns kaum mehr daran, dass die
30tägige Frist gemäss Ausstellungsdatum des Visums bereits am Vortag zu laufen
begonnen hatte.
Schade war nur, dass wir uns nun schleunigst
Richtung Norden aufmachen mussten.
Gerne hätten wir noch einige Tage an der
Beach verbracht. Immerhin hatten wir die wenige Zeit, die wir am schönen
Sandstrand im Süden von Dar verbrachten hatten mit ChriBeLi's geniessen können.
Lange Strandspaziergänge, erneute Nadelbehandlung für Karsten, gemütliche
gemeinsame indische Abendessen im Kerzenschein am Strand - so hätte es noch lange weiter gehen können!
Schweren Herzens verabschiedeten wir uns schliesslich von unseren Freunden, die
ja südwärts unterwegs sind. Zum Glück sind Zürich und Basel nicht so weit von
einander entfernt und dank dem von ihnen geliehenen Stapel Reiseführer für
unsere Weiterreise nach Norden ist ein Wiedersehen gesichert.
Ebenfalls schwer viel uns der Abschied von Stinkhund, der mittlerweile gar nicht
mehr stank.
Während
unserem letzten Aufenthalt in Dar hatten wir die Campingplatzhündin zusammen mit
Mali mit Frontline, dem Antibrumm für Tiere (gegen Flöhe, Zecken etc.),
eingesprüht - erfolgreich: ihr Fell hatte sich regeneriert und das Kratzen hatte
nachgelassen. Sie sah wieder viel besser aus. Stürmisch hatte sie uns und Mali
bei unserer Ankunft begrüsst und war uns seither nicht mehr von der Seite
gewichen. Traurig trottete sie hinter unserem Auto her, als wir losfuhren. Wir
konnten uns einzig damit trösten, dass sie es grundsätzlich ganz gut hat im Sunrise Beach und zufrieden ist.
Ausnahmsweise ging es bei der Fähre dieses Mal
äusserst zügig. am Sonntagmorgen scheint niemand in die Stadt zu wollen. Der
Fährbetrieb zwischen der Stadt und der Südbeach könnte nicht typischer sein für
Afrika. zwei altersschwache Kähne pendeln die rund 200 Meter zwischen den Ufern
hin und her. Bei unserem ersten Dar-Aufenthalt war bei der grösseren Fähre auf
der einen Seite die Laderampe verklemmt - vermutlich schon seit Ewigkeiten.
Hakuna matatta: dann fahren halt die Autos rückwärts von der Fähre, auch wenn
das dreimal so lange dauert. Und weil die auf die Fähre wartende Autoschlange
die Ausfahrt blockiert, bleibt einem nur, das gesamte Hafengelände
rückwärtsfahrend zu verlassen oder ein Wenden in hundert Zügen mitten im Gewühl
zu praktizieren. Jeder Zentimeter auf der Fähre wir ausgenutzt und der freie
Platz zwischen den Autos mit Velos, Schubkarren und Menschen gefüllt. Für die
Überfahrt lehnten die Leute sich und ihr Gepäck selbstverständlich gegen unser Auto, setzten
sich auf die Stossstange oder stützten ihren Ellenbogen neben unserem Ellenbogen
auf der heruntergekurbelten Fensterscheibe auf. Bei diesem Gedränge gar nicht
anders möglich und in Afrika ganz normal! Für uns bot sich so immer die
Gelegenheit, ungeniert die Leute mustern zu können und mit den einen oder
anderen ein Schwätzchen zu halten.
Die Fähren sind oft so voll, dass sie am Ufer
aufliegen und erst nach zwanzigminütigem Hin und Her Geschwanke los kommen -
derweilen die zweite Fähre seelenruhig einige Meter entfernt im offenen Wasser
vor sich herdümpelt und auf ihre Entladung wartet. Kein Wunder mussten wir
häufig bis zu zwei Stunden anstehen, um auf die Fähre zu kommen. Aber immer noch
besser als sich im endlosen Stau durch die Stadt an die Nordbeach oder auf der
25 km langen Umfahrung an die Südbeach zu quälen. Und schliesslich standen auch
alle anderen in stoischer Ruhe an. Was die Afrikaner können, schaffen wir auch.
Wenn man etwas lernt in Afrika, dann ist es Geduld zu haben. Ändern lässt es
sich nicht, lächelnd erträgt es sich leichter!
So leer wie die Stadt war, so voll war die
Küstenstrasse. Alle schien's am Wochenende ans Meer zu ziehen. Nach einigem
Anstehen im Stau entschlossen wir uns schliesslich auf die Fahrt entlang der
Küste nach Bagamoyo zu verzichten und auf der Inlandroute nordwärts nach Tanga
zu fahren. Barbara hätte sich Bagamoyo gerne angesehen, soll es doch als einzige
Stadt in Tansania mit schönen Bauten noch an die Kolonialzeit erinnern. Und nur
schon der Name hat Charme: Bagamoyo heisst "leg dein Herz nieder". 1888 wurde
Bagamoyo Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika bis diese Funktion drei Jahre später
an Dar ging. Schon früh interessierte sich das Deutsche Reich für die Gebiete in
Ostafrika südlich des Kilimanjaros. Für das deutsche Reich gründete de
Historiker und Geograph Carl Peter schliesslich die Deutsch-Ostafrikanische
Gesellschaft mit dem Ziel "zur Annexion und später zur Verwaltung möglichst
grosser Kolonialländer unter deutscher Flagge". Er ergaunerte ein dutzend
Verträge mit den Häuptlingen unter zweifelhaften Methoden, etwa einem "Trunk
guten Grogs", einem "Vertrag in deutschem Text", Fahnenhissen und Salven,
die "den Schwarzen ad oculus" demonstrieren sollten, "was sie im Fall einer
Kontraktbrüchigkeit zu erwarten hätten". In der Berliner Konferenz und im
Helgoland-Zanzibar-Vertrag erhielt das Deutsche Reich 1890 schliesslich
Deutsch-Ostafrika als Kolonie zugesprochen. Im Gegenzug akzeptierte es die
britische Souveranität über Uganda und Sansibar und Gebiete im heutigen Kenia.
Im selben Vertragswerk ging auch die "Verhandlungsmasse" Helgoland an
Deutschland. Nach dem ersten Weltkrieg ging 1920 Deutsch-Ostafrika unter dem
Namen Tanganyika als Mandat an den Völkerbund. (Für die folgende geschichtliche
Entwicklung siehe erster Bericht zu Tansania). Interessanterweise erinnert heute
in Tansania - ganz im Gegensatz zu Namibia - überhaupt nichts mehr an die
ehemaligen deutschen Kolonialherren.
Bei der Fahrt nach Tanga staunten wir über die
ansprechende, hüglig grüne Landschaft.
Beim letzten Mal versank alles in der
regnerischen, grauen Nebelsuppe. Riesige Ananasplantagen wurden abgelöst von
Mais- oder Zuckerrohrfeldern, alles immer wieder unterbrochen von sanft wogenden
Palmenhainen. Im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Usambaraberge. Die
bunten Kleider der Frauen sorgten für interessante Farbtupfer in der Landschaft.
In kleinen Grüppchen in Einerkolonnen waren die Leute am Strassenrand unterwegs.
Wie überall in Afrika balancierten sie mühelos alles möglich und unmöglich auf
dem Kopf: bis an den Rand gefüllte Wassereimer, riesige Feuerholzbündel und
halbe Baumstämme, Früchte in Schalen, fest verschnürte Tiere, zig mit rohen
Eiern voll gepackte Kartons, einzelne Äxte, Handtaschen, Koffer (mit Rollen!),
Schulhefte, einzelne Bleistifte oder Kugelschreiber, bereits offene und halb
ausgetrunkene Getränkedosen, einzelne Zigaretten, und, und, und. Es gibt
nichts, was in Afrika nicht auf dem Kopf getragen wird!
In Tanga übernachteten wir auf dem Campingplatz von
Sepp aus dem Emmental. Zum Znacht gab es für Barbara eine Emmentaler Platte mit
Speck, Cervelat und mit Emmentaler überbackenen Spiegeleiern. Dazu wieder einmal
richtig feines knuspriges Brot. Ein Gedicht!
Von Tanga aus holperten wir über mehr Löcher als
Piste bis zur Kenianischen Grenze. Die Ausreise verlief razfaz. Niemand wollte
unsere Quittung für die bezahlte Raodtax sehen. Glück gehabt. Schliesslich hatten wir
wie schon das letzte Mal in Tansania nur das Minimum, nämlich 5.-$ für 7 Tage
bezahlt und waren ganze drei Wochen im Land gewesen. Für einen Monat hätten wir
25.-$ berappen müssen und das erste Mal für zwei Monate 50.-$.
Im Niemandsland zwischen Tansania und Kenia passierte dann, was wir schon immer
befürchtet, aber bisher hatten vermeiden können (wenn zig Male auch nur knapp).
Eines der vielen frei weidenden Tiere, eine Ziege, lief uns ins Auto. Vorher
hatte die ganze Herde die Strasse überquert und Barbara hatte auf Schritttempo
abgebremst. Als sie wieder beschleunigte, sprang ein Nachzügler aus dem Gebüsch.
Trotz Ausweichmanöver und Vollbremsung reichte es nicht mehr. Obwohl wir in
Afrika schon unzählige tote Tiere auf der Strasse und daneben hatten liegen
sehen, wirft einem ein solches Erlebnis aus der Bahn. Barbara plagten noch
tagelang Schuldgefühle. Ein trauriges Erlebnis zum Abschluss einer schönen Reise
durch ein interessantes Land.
Nairobi, 15. Juni 2007
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