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Tunesien          6.9. - 15.9.2007

Eine sanfte Einstimmung auf Europa. Für uns ist Tunesien das mediterranste Land Afrikas. Die Olivenbäume und Zitrusplantagen, die Pinien- und Eichenwälder, der zivilisierte hupfreie Verkehr mit guten Teerstrassen und Strassenschildern ihn jedem noch so kleinen Nest in arabisch und französisch, die vielen Strassencafés und natürlich die Verständigung in Französisch gab uns das Gefühl irgend wo durch Südfrankreich zu gondeln. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir dann aber doch ein paar entscheidende Unterschiede: Die Gesichtszüge der Leute haben einen unverkennbar arabischen Einschlag, es wird nicht Goloise geraucht sondern Schischa, der Süden des Landes ist geprägt von eindrücklichen Dünen und endlosem Sandmeer und der Tagesablauf wird bestimmt vom Muezzin.

Die  Einreise nach Tunesien verlief so glatt und problemlos, wie man das von einem Land erwartet, das auch atuoversicherungstechnisch Europa gleich gestellt ist - die grüne Versicherungskarte war hier zum ersten Mal wieder gültig. Hätten wir es nicht verpennt, hätten wir unserer Autohaftpflichtversicherung in Deutschland einfach mitteilen können, dass wir durch Tunesien fahren und hätten die Versicherungspapiere mit dem entsprechenden Hinweis (gültig auch für Tunesien, bzw. Tunesien nicht ausgeklammert) erhalten. So mussten wir uns halt vorgängig in Libyen aus der aktuellen und der abgelaufenen Versicherungskarte ein neues Dokument zusammenkopieren, das wir aber zum Glück nie vorweisen mussten. Ein Stempel in den Pass, eine spezielle Fahrbewilligung für Tunesien - ruck-zuck, innerhalb fünfzehn Minuten war alles erledigt und wir waren in unser 33igstes und letztes Land in Afrika eingereist.

Um noch etwas Ursprünglichkeit zu geniessen und den Touristenströmen entlang der Ostküste auszuweichen bogen wir bald ins Landesinnere ab. Schon kurz darauf wurden wir belohnt mit einer ersten Sehenswürdigkeit Tunesiens: Ghorfas heissen die bis zu sechs Stockwerken übereinander gebauten Tonnengewölbe, die in langen Reihen und oft um einen oder mehrere Höfe gruppiert einen Kasar bilden. Es  waren Gemeinschaftsspeicher und Fluchtburgen der Nomaden. Zum Schutz vor Überfällen sind sie dick und hoch ummauert und verfügen über nur einen Eingang. Uns beeindruckte nicht nur die Bauweise, sondern auch die Cleverness Vorratsräume und Fluchtburg in einem Bauwerk zu vereinen. Auch heute noch werden die Tonnengewölbe genutzt; wenn erstaunt's - als Souvenirbuden und Fressstände für Touristen. Und Touristen sahen wir jetzt wieder en Mass. Vollbesetzte Reisebusse, ganze Kolonnen neuster Geländefahrzeuge im Besitz von Reiseveranstaltern, Wohnmobile und normale kleine Mietautos. Wieder einmal bestätigte sich unsere Theorie, dass viele Leute - wenn sie sich nicht sowieso einfach einer heimatlichen Reisgruppe anschliessen und in einen Car quetschen - als (Individual)Touristen nur in die Länder reisen, wo sie sich in ihrer Muttersprache verständigen können. So wimmelte es hier, wie schon in Westafrika festgestellt, wieder von Franzosen, während wir kaum welche im englischsprachigen Ostafrika getroffen hatten - dafür dort umso mehr Briten. Auf unserer kleinen Nebenstrasse ins Gebirge um Matmata waren wir dann aber irgend wann zum Glück doch wieder alleine unterwegs. Bei unzähligen Stopps am Strassenrand konnten wir in Ruhe die grandiose Aussicht ins Flachland und das als Silberstreifen am Horizont glitzernde Meer geniessen. In dieser wilden, rauen  und unbewohnten Hügellandschaft gefiel es uns so gut, dass wir uns rasch einen gemütlichen Übernachtungsplatz suchten und uns auf einem langen Abendspaziergang von der Stille und Einsamkeit einhüllen liessen.

Matmata ist bekannt für seine Schachthöhlen. Karsten war in seinen Tunesienferien vor etlichen Jahren schon einmal hier, Barbara wollte sich diese eigenwillige Wohnweise aber auch gerne anschauen. Im Gegensatz zu horizontal in Fels oder Erdwände getriebene Höhlen, sind die Schachthöhlen von Matmata bis zu 10 Meter tiefe runde Schächte, oben offen und mit einem Durchmesser von bis zu 15 Metern. Die Wohnräume sind in die rings um den Schachtboden aufragenden Felswände gegraben, oft mehrstöckig über einander. Barbara war ganz erstaunt darüber, dass man sich in diesen "Wohnungen" gar nicht wie in einer Höhle vorkommt. Der Eingang ist ebenerdig und führt durch einen breiten Torbogen, der eigentlich einfach eine Felswand ist, in den licht durchfluteten runden Innenhof. Alle Wände sind mindestens bis auf Kopfhöhe weiss gestrichen, Durchgänge und Türrahmen blau hervorgehoben. Die bunten kuscheligen Berberteppiche machen die Schachthöhlen wohnlich. Jetzt im Herbst herrschten in der Schachtwohnung die selben angenehmen Temperaturen wie draussen, im Sommer hingegen hält der Fels die Kühle zurück und im Winter speichert er die Wärme. Alles ganz einfach und ohne Heizung - so zu sagen "Erdwärme". Viele dieser Schachtwohnungen stehen mittlerweile leer und zerfallen, weil die Regierung diese Wohnweise als unwürdig empfand und viele "Höhlenbewohner" umsiedelte ins Flachland. Auf unserer Weiterfahrt begleiteten uns die grossen Löcher im Fels noch über weite Strecken. "Hier sieht's ja aus wie bei den Wühlmäusen", war Karstens Kommentar; Barbara erinnerte die Landschaft an einen Emmentalerkäse. Vielen würde vermutlich beim Anblick dieser Höhlen "Star Wars" in den Sinn kommen. Tunesien bot nämlich verschiedenen erfolgreichen Filmproduktionen eine grandiose Kulisse - so unter anderem "The English Patient", "Monty Python's Life of Brian" und eben "Star Wars". In einer dieser Schachthöhlen in Matmata wurden die Innenaufnahmen der Wohnung der Lars-Familie gedreht. Die wenigen, damals unspektakulären Wochen im Jahr 1976, in denen in Matmata für "Star Wars" gefilmt wurde, haben dieses Dorf für immer verändert. Seither pilgern unzählige Star Wars-Fans durch Matmata auf ihrer geführten Rundreise von einem tunesischen Star-Wars-Drehort zum anderen.

Auf den nächsten Kilometern wurde es immer flacher und vegetationsloser bis wir schliesslich südlich von Douz auf die ersten schneeweissen Sanddünen stiessen. Auf der einen Seite der Strasse grenzenloser Sand auf der anderen Seite dichte, wogende Dattelplmenhaine. Wir hangelten uns von Oase zu Oase und wunderten uns immer wieder über die Extreme, die hier aufeinander treffen. Mitten im weiten Sandmeer stehen die kräftig grünen Palmen, schwer beladen mit den süssen Früchten. Allerdings waren sie jetzt im September noch weit entfernt von süss - wie Datteldieb Karsten mit zur erschreckender Grimasse verzogenem Gesicht feststellte. Erntezeit ist im November und Dezember - gerade rechtzeitig für unter die europäischen Weihnachtsbäume. Mittlerweile hatte sich der Himmel zugezogen und aus der Ferne war dumpfes Donnergrollen zu hören. Das liess uns von der Idee, in einer dieser Palmenhaine unser Bushcamp aufzuschlagen Abstand nehmen. Da wollten wir doch lieber noch ein Stück weiterfahren - im Auto drinnen ist es schliesslich schön trocken. Es hat aber nicht sollen sein. Ein penetrantes Pfeifgeräusch liess uns am Strassenrand anhalten, während bereits vereinzelte Regentropfen vielen. Mit Schrecken stellten wir fest, dass das Pfeifen vom vorderen linken Reifen kam. Schnell sackte unser Auto ab - alle Luft war raus. So ein Pech - und das ausgerechnet bei ersten Regen seit zwei Monaten. In Windeseile wechselte Karsten den Reifen. Zum Glück hatten wir mindestens den einen Reservereifen im Sudan flicken lassen. Also doch nicht mehr weiterfahren sondern einen Übernachtungsplatz unter schützenden Bäumen suchen. In einem kleinen Wäldchen wurden wir fündig, erhielten aber, kaum hatten wir uns installiert, auch schon hoch offiziellen Besuch. Eine Polizeipatrouille sah nach dem Rechten. Schon befürchteten wir, wieder einmal mitten beim Znachtessen zusammenpacken und unser Camp gleich neben der Polizeistation aufschlagen zu müssen wie in Mosambik. Aber nein, die Polizisten gaben sich damit zufrieden, unsere Pässe abzumalen. Sie wünschten uns eine angenehme und ruhige Nacht und machten sich von dannen. Da hatten wir für diese Nacht ja so zu sagen ein Camp mit Polizeibewachung - endlich konnte auch Karsten einmal ruhig schlafen in einem Bushcamp. 

Der nächste Tag sollte gleich mit einem Highlight beginnen: die 40 Kilometer lange Fahrt durch den Salzsee Chott el-Fejej. Hier allerdings anders als in Kenia auf einer gut befestigten Teerstrasse. In unserem  Reiseführer wurde diese Fahrt als "best journey" in Tunesien hervorgehoben. Unendliche weite und flimmernde Fata Morganen über der heissen Salzkruste. Na ja, es war schön ... Einmal mehr hatte sich gezeigt, dass wir nach unserer langen Reise mittlerweile doch sehr verwöhnt und deshalb anspruchsvoll geworden sind. Wir hatten schon so viel Tolles gesehen, dass uns mittlerweile viele der so genannten Highlights nicht mehr aus den Socken hauen. Darin dürfte vermutlich einer der wenigen guten Gründe für eine Rückkehr nach Hause liegen - wir werden die zahlreichen Schönheiten auf einer nächsten Reise wieder schätzen lernen.
In Tozeur auf der anderen Seiten des Salzsees, wollten wir unseren kaputten Reifen reparieren lasen. Tozeur schien eine grössere Stadt zu sein und Karsten versprach sich deshalb einigermassen moderne Reifenfirmen. Bald schon musste er seine Hoffnung begraben. Wir fanden gerade mal zwei kleine Buden, die Reifen reparierten und auch das nur auf die in Afrika übliche Art - mit Stemmeisen und Hammer, etwas Klebstoff und altem Gummi. Aber wir trauten uns nicht, ohne tauglichen Ersatzreifen weiter zu fahren. Alle unsere sechs Reifen hatten mittlerweile zig-tausende Kilometer ab, hatten verschieden tiefe Risse, spröden Gummi, kein Profil mehr und an einigen  Stellen schaute bereits das Drahtgeflecht hervor. Den zweiten Ersatzreifen mit der aufgerissenen Wand hatten wir im Sudan nicht mehr flicken lassen. Auch jetzt blieb uns nur, einen Schlauch in unseren Tubeless-Reifen einzuziehen. Karsten war mit der Qualität der Reparatur ganz und gar nicht zu frieden und hoffte inständig, dass wir diesen neu reparieren Ersatzreifen nie würden einsetzten müssen. Da hätte man ja sogar in dem kleinen Nest im Sudan professioneller Reifen geflickt ...
Bevor wir weiter fuhren nahmen wir uns in der Oase Tozeur noch Zeit, die für diese Region typischen Hausfassaden zu bewundern. Vor und zurück versetzte Lehmziegel schaffen schmückende geometrische Ornamente mit plastischem Licht - und Schatteneffekt. Erstaunlicherweise zieren diese kunstvollen Fassaden nicht nur die Altstadt, sondern auch bei Neubauten wird diese traditionelle Technik angewandt. Wie bei jeder Ortsausfahrt mussten wir auch in Tozeur an einem Polizeicheckpoint vorbei. Überall in Tunesien wurden wir als Touristen von der Polizei überaus zuvorkommend behandelt und nie gestoppt, auch wenn jedes einheimische Fahrzeug kontrolliert wurde; ganz im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern, wo die Polizei regelrecht Jagd auf Touristen machte. In Tozeur aber winkte uns der Polizist zur Seite. Nach dem üblichen Begrüssungs Bla-bla und einem abschätzenden Rundblick über unser Wageninneres, fragte uns der Polizist doch tatsächlich, was wir ihm denn als Geschenk mitgebracht hätten. Im ersten Moment waren wir sprachlos. Das passte nun überhaupt nicht nach Tunesien. Wir konnten uns nicht erinnern, wann wir das zum letzten Mal erlebt hatten. Was in Westafrika gang und gäbe war, hatten wir im letzten Jahr im südlichen Afrika und in Ostafrika nie mehr erlebt. Zum Glück kam Barbara dann doch noch eine unserer Standartantworten in den Sinn: Nach so langer Zeit in Afrika, hätten wir unsere Geschenke schon lange alle verteilt an seine Berufskollegen. Nicht gerade begeistert liess uns der Polizist ziehen.

Der Abstecher nach Westen über Tamerza führte uns direkt an die algerische Grenze. Wir hatten uns für diese Route entschieden, weil diese Strecke durch eindrückliche Berg- und Schluchtlandschaft führt. Als wir nur gerade einen Kilometer neben dem Grenzübergang vorbei fuhren, spekulierten wir darüber, ob wir hier an diesem kleinen Übergang wohl ohne Visa nach Algerien einreisen könnten. Irgendwie wäre es ja schon schön, wenn wir auch Algerien auf unserer Afrikareise noch mit einschliessen und somit den "Afrikakreis" schliessen könnten. Wir hatten uns aber nach reiflicher Überlegung aus verschiedenen Gründen gegen Algerien entschieden: Wenn schon Algerien, dann wollten wir den Kreis auch ganz schliessen und nach Marokko weiter reisen, aber leider ist die Landgrenze für Touristen nach wie vor geschlossen. Zudem soll die Visa-Beschaffung für Algerien ähnlich kompliziert sein, wie sie es für Libyen lange Zeit war. Und der Einreisestempel in unseren Pässen von Malawi mache das Vorhaben sowieso praktisch unmöglich - aus welchem Grund auch immer. Zudem überzeugte uns auch die Sicherheitslage in Algerien nicht wirklich und auf den Schluss unserer Reise wollten wir nichts mehr riskieren. Also liessen wir den Grenzübergang links liegen und drehten wieder ab ins Landesinnere von Tunesien. Wir hatten vor, die heutige Nacht in der Nähe der Sakketschlucht zu verbringen, auf einem Bushcampplatz, von dem ChriBeLis geschwärmt hatten. Wir besassen sogar die GPS-Koordinaten, fanden aber im kleinen Nest Sened den Abzweig auf die richtige Piste trotzdem nicht. Als wir suchend durchs Dorf kurvten, tauchte hinter uns plötzlich ein weisser Landy mit zwei Dachzelten auf. Die Südafrikaner - das gibt's wohl nicht! Wir hatten uns seit Leptis Magna in Libyen nicht mehr gesehen, waren aber gegenseitig über sms einigermassen auf dem Laufenden über unsere Fahrrouten. Wir hatten unsere Freunde schon lange in Tunis gewähnt oder irgendwo verschollen an einem Badestrand an Tunesiens Ostküste. Und jetzt tauchten sie in irgend einem kleinen Kaff im Landesinneren hinter uns auf.  Am Strassenrand tauschten wir uns schnell über unsere jüngsten Erlebnisse aus, während Mali vor Freude über das Wiedersehen ganz aus dem Häuschen war. Karsten erklärte einmal mehr neidisch, dass er auch gerne einmal so freudig und stürmisch von Mali begrüsst werden würde. Was uns beiden an Gruppenfeeling abgeht, macht Mali wett: mit je mehr Leuten wir zusammen sind, umso glücklicher ist Mali; sie ist schliesslich überall der Mittelpunkt. Während die Südafrikaner weiter fuhren Richtung Küste, nahmen wir unsere Suche nach der Sakketschlucht wieder auf - dieses Mal mit mehr Erfolg. Eine immer schmaler, steiler und schlechter werdende Piste führte uns erst durch ein Tal und schliesslich eine abschüssige Bergflanke empor durch wunderbar unberührte mediterrane Berglandschaft. Barbara hinter dem Steuer freute sich riesig darüber, endlich wieder einmal anspruchsvolle Piste zu fahren und das erst noch durch traumhafte Landschaft. Einzig ihrer Freunde abträglich war das Wissen, das Karsten auf dem Beifahrersitz vor Wut am liebsten aus der Haut gefahren wäre. Er hatte nicht mit einer solchen Pistenfahrt gerechnet, war auf den letzten 8'000 Kilometern wieder zum "only-Asphalt-Fahrer" mutiert und machte sich gerechtfertigterweise Sorgen um unsere schlechten Pneus. Nach gut 8 Kilometern und einer knappen Stunde Fahrzeit, hatten wir unseren Übernachtungsplatz endlich erreicht. Und auch Karsten musste - wenn auch widerstrebend - zugeben, dass sich die Schinderei gelohnt hatte. Wir standen unterhalb der Bergspitze auf einem kleinen Plateau und hatten einen atemberaubenden Blick über die zerklüfte Gebirgslandschaft unter uns mit den Ausläufern in eine weite Ebene, die am Horizont in den dunkelblauen Streifen des Mittelmeers überging. Die parallel verlaufenden Gebirgszüge unter uns mit ihren erstaunlich regelmässigen Längseinschnitten erinnerten uns an die Tastatur eines überdimensionalen Klaviers. Der Wind, der durch die Täler pfiff sorgte für die passende Hintergrundmusik. Die reine, kühle Bergluft war erfüllt mit dem intensiven, typisch alpinen Geruch von Wachholder. Wow, wenn das mal kein mystischer Ort ist!  Der Platz gefiel Karsten gleich noch besser, als Barbara nach dem Hundespaziergang zu berichten wusste, dass die Piste in wenigen hundert Metern in eine gute Teerstrasse übergeht. Trotz des überwältigenden Naturschauspiels mussten wir uns an diesem Abend das erste Mal seit langem für das Abendessen wieder einmal ins Auto verkriechen. Draussen war es auf dieser Höhe für unser Gefühl empfindlich kalt.

An der Sakketschlucht fuhren wir am nächsten Tag schliesslich vorbei - zuerst unabsichtlich weil wir die Abbiegung verpassten hatten, dann bewusst nachdem uns die Dorfbewohner erklärt hatten, dass der letzte Regen die Piste weggewaschen hätte. Mit unserem Auto würden wir zwar bestimmt durchkommen, meinten sie. Wir hatten aber mittlerweile gelernt, solchen Aussagen von Nichtautomobilsten nicht zu trauen und Barbara wagte es nach der gestrigen Pistenfahrt nicht Karstens Nerven noch mehr zu strapazieren. Wir rollten also gemütlich auf der Teerstrasse weiter durch kleine Dörfer und vorbei an abgeernteten Kornfeldern. Jetzt im Herbst sind in Tunesien von der ehemaligen Kornkammer des antiken Roms nur noch stoppelige beige Felder übrig. Dafür stehen überall wie zu mehrstöckigen Häusern aufgetürmte Strohballen in der Landschaft. Im Frühling und Sommer bietet sich hier sicher farblich ein ganz anderes Bild. Aber auch jetzt mit den vorherrschenden Braun- und Goldtönen gefiel uns die Umgebung gut. Wir wollten eine als landschaftlich schön markierte Strasse in einigen Kilometern Abstand entlang der algerischen Grenze nordwärts fahren. Gemäss unseren Karten hatten wir die Abzweigung aber schon lange Verpasst - nur hatte es nie eine Abzweigung gegeben. Wir waren deshalb gar nicht sonderlich erstaunt, als uns plötzlich ein schwer bewaffneter Soldat die Weiterfahrt versperrte. Wir standen wieder einmal am Grenzübergang zu Algerien, zum Glück noch auf der tunesischen Seite. Es war gar nicht so einfach, dem Zöllner zu erklären, was uns in dieses kleine Nest Bou Chebka verschlagen hatte. Schliesslich zeigte sich, dass wir die Abzweigung nicht verpasst hatten, sondern unsere Karten wieder einmal ungenau waren. Der Zöllner liess uns weiterfahren, schärfte uns aber ein, 20 Meter vor dem algerischen Grenzübergang rechts auf einen kleinen Weg abzubiegen und dann darauf zu achten, ja die Strasse nicht zu verlassen und keinesfalls in algerisches Hoheitsgebiet hinein zu fahren. Da könne er für unsere Sicherheit nicht mehr garantieren. Diese Aussage liess uns dann doch gerade mal leer schlucken. Wir hatten geplant in einigen Kilometern Abstand zur Grenze zu fahren und waren jetzt genau auf der Grenzlinie unterwegs. Natürlich war vom geplanten Bushcamp in diesem Gebiet keine Rede mehr. Dafür war es aber landschaftlich hier wirklich schön. Kleine Pinienwäldchen lockerten eine saftig grüne hüglige Wiesenlandschaft auf, durch die sich der schmale Fahrweg wand. Als sich die Strasse dann schliesslich endlich wieder etwas landeinwärts drehte, fanden wir in einem kleinen Pinienwald doch noch ein schönes Überachtungsplätzchen. Aber auch hier ging es nicht lang, bis der erste offizielle "Waldwächter" (mit entsprechendem Badget) einfand. Ein paar freundliche Worte und er zog weiter. Ein friedliches Bushcamp mehr.

Am nächsten Tag kaum unterwegs, liess uns ein verdächtiges Geräusch an den Strassenrand fahren. Oh nein, nicht schon wieder ein Platten! Der im Sudan mit einem eingezogenen Schlauch geflickte Reifen hatte gerade mal 3 Tage gehalten. Da blieb uns jetzt wohl trotz Karstens Bedenken nichts anderes übrig, als den eben in Tozeur reparierten Reifen aufzuziehen - auf dass er länger halten möge! (Anmerkung: Karstens Bedenken waren unbegründet, der Reifen hält noch immer.) Den kaputten Reifen liessen wir zwei oder drei Ortschaften später wieder flicken. Auf der Weiterfahrt nordwärts kurvten wir durch das herzige, an den Berghang geklebte Dorf El Kef (was auf arabisch "Fels" bedeutet) und suchten vergeblich nach dem restaurierten römisch-irischen Hammam. Gerne hätten wir uns in diesem für Tunesien typischen Dampfbad gründlich den Reisestaub aus den Poren geschwitzt. Aber vermutlich waren unsere Karten mal wieder zu ungenau ... Stattdessen blieb uns nun genug Zeit der Ausgrabungsstätte Bulla Regia einen ausgedehnten Besuch abzustatten. Der erste Eindruck enttäuschte uns. In dieser Ruinenstadt steht kaum noch etwas aufrecht. Wie andere Römerstädte in Tunesien gelangte Bulla Regia im 2. und 3. Jahrhundert durch gewinnbringenden Getreide- und Olivenanbau zu Reichtum und verlor beides später wieder durch den Zerfall des Römischen Reiches. Die arabische Eroberung sowie Erdbeben, beides im 7. Jahrhundert, taten ein Übriges. Bei Beginn der Ausgrabungen mussten erst meterhohe Schichten beseitigt werden, um wenigstens die Fundamente freizulegen. Das Sehenswerte entdeckten wir dann aber unter der Erde, denn in Bulla Regia wurden Häuser mit Souterain gebaut. Im Sommer lebte es sich dort kühler, wie wir beim Abstieg in die "Unterwelt" problemlos selber feststellen konnten. Wir staunten über die gut erhaltenen unterirdischen Säulenhallen mit Springbrunnen, die grosszügigen Atrien und die weitläufigen Räume. An einigen Orten sind sogar die prächtigen Mosaikböden noch fast perfekt erhalten. Einige Wasserspritzer bringen die unter dem Staub verborgenen Farben wieder kräftig zum Leuchten. Die Namen der Villen beziehen sich auf die Motive ihrer Mosaiken: Jagd-, Pfauen-, Fischer- und Amphitritepalast. Wir waren verblüfft darüber, dass viele Häuser ihren eigenen Brunnen besassen und dass unter den Plattenwegen eine öffentliche Abwasserkanalisation verlief. Dieser Besuch hatte sich wirklich gelohnt und erstaunlicherweise blieb uns sogar noch genügend Zeit um an diesem Tag weiter bis an die Mittelmeerküste in Nordtunesien zu fahren. Nach unseren letzten grossen Ländern wie Libyen, Ägypten und Sudan, verschätzten wir uns beim vergleichsweise zwergenhaften Tunesien immer erheblich mit den Distanzen. Barbara war schliesslich überzeugt davon, dass Tunesien noch um einiges kleiner sein müsse als die Schweiz. Der Blick in den Reiseführer belehrte sie eines besseren: Tunesien ist mit 164'000 km2 genau viermal so gross wie die Schweiz. Wie klein wird uns da dann erst die Schweiz vorkommen?

Der Weg Richtung Mittelmeerküste im Norden Tunesiens führte uns einmal mehr über eine gewundene Passstrasse hoch und runter durch dichte Korkeichenwälder. Schön und eigentlich der ideale Platz für ein Camp. Trotzdem hatten wir an jedem angesteuerten Platz etwas auszusetzen - zu nahe an der Strasse, zu abschüssig, zu wenig Sichtschutz, zu schmutzig und, und, und. So landeten wir schliesslich doch am Meer in der Ferienortschaft Tabarka. Gemäss unseren Karten sollte es hier einen Campingplatz haben - das wäre unser erster in Tunesien. Wir klapperten also das ganze Dorf und die weitläufige zone touristique ab, erfolglos. Je nach dem wen wir fragten, erhielten wir die Antwort, dass es hier keinen Camping gäbe oder aber dass er sich beim Hafen befinden würde. Nur waren wir dort auf unserer ermüdenden und nervtötenden Suche schon sicher dreimal und hatten nichts gefunden. Des Rätsels Lösung war schliesslich einfach: Es gibt kein Campingplatz, aber der mitten im belebten Hafen liegende Segelclub erlaubt das Campieren auf dem kleinen Parkplatz vor dem Gebäude. Ne danke, das war uns dann doch um einiges zu lärmig und zentral gelegen. Wir entschieden uns der vorgerückten Stunde wegen schliesslich für einen öffentlichen Parkplatz in der zone touristique direkt am Strand. In Tunesien werden die Ferienanlagen fast überall ausserhalb der eigentlichen Dörfer errichtet. Dadurch wird der ursprüngliche Dorfcharakter meist bewahrt, dafür reihen sich entlang der Strände meilenlang Hotelanlage an Hotelanlage.  Hier zwischen den grossen Hotelbunkern hatten wir tatsächlich etwas mehr Ruhe, auch wenn der Parkplatz stark an eine Müllhalde erinnerte. Und für unsere Sicherheit war auch gesorgt: mehrmals in der Nacht schaute eine Polizeipatrouille nach dem Rechten. Eins jedoch war uns klar, dies war ganz bestimmt nicht der Platz, den wir für einige Tage Strandferien suchen. Gerne nämlich würden wir vor unserer Rückkehr nach Europa noch etwas Wärme und Energie tanken an einem schönen Badestrand.

In der Hoffnung, doch noch einen solchen Strand zu finden, zuckelten wir auf kleinen Küstenstrasse dem Mittelmeer entlang Richtung Osten, Richtung Tunis. Das raue, teilweise bewaldete und verzahnte Küstengebiet gefiel uns ausgezeichnet. Immer wieder wechselten senkrechte, direkt ins Wasser stürzende Felswände mit kleinen versteckten Sandbuchten. Nur leider waren diese mit dem Auto nicht zugänglich und auf den Klippen wehte uns der starke Wind fast von den Beinen. Auch einen Campingplatz gab es weit und breit keinen. Der Besitzer einer kleinen, herzigen Pension direkt am einsamen Strand hätte uns zwar auf seinem Grundstück campieren lassen - allerdings zum horrenden Preis von 15 Euro. Dankend lehnten wir ab. Es ist noch früh genug, wenn wir in Europa auf den Campingplätzen derart geschröpft werden.
Unser Weg führte uns schliesslich in die riesige Hafenstadt Bizerte am nördlichsten Punkt Tunesiens. Eine Stadtbesichtigung hatten wir nicht eingeplant, kamen dann aber doch unverhofft dazu. Die riesige Brücke, die den Einfahrtskanal für die Frachter überspannt, wurde gerade hochgezogen als wir ankamen. Es dauerte und dauerte. X Schiffe nutzten die Gelegenheit und kreuzten zwischen Hafen und offenem Meer. Ausreichend Zeit für Barbara etwas in der modernen Stadt herum zu spazieren, während Karsten tapfer in der Warteschlange ausharrte. Endlich ging es dann doch weiter und wir hofften, auf den folgenden 66 Kilometern nach Tunis noch einen geeigneten Platz für unser letztes Bushcamp zu finden. Aber wir näherten uns merklich der "Zivilisation" - alles war wieder zugebaut. Schliesslich bogen wir frustriert ab auf eine Nebenstrasse Richtung Meer. Hier war tatsächlich noch nicht alles zugepflastert, dafür topfeben und offen. Auch nicht ideal, aber was soll's. Wir stellten uns mitten an den kilometerlangen Sandstrand. Wir hatten bis anhin ausschliesslich positive Erfahrung gemacht mit Bushcamps in Tunesien und waren hier noch kein einziges Mal auf einem Campingplatz gewesen. Leute, die jeweils an unseren Camps vorbei kamen grüssten höchstens freundlich und marschierten weiter. Nie wurden wir belagert und fühlten uns immer ausgesprochen sicher. Tunesien ist wohl einer der politisch stabilsten und moderatesten arabischen Staaten. Eingequetscht zwischen seinen beiden grossen krisengeschüttelten Nachbarn Libyen und Algerien, gelang es Tunesiens nach der Unabhängigkeit von den französischen Kolonialherren 1957 mit einer umsichtigen Politik stabile Verhältnisse zu bewahren. Der erste Präsident Habib Bourguiba legte die Grundlagen für den heutigen toleranten und ökonomisch funktionierenden Staat, führte kostenlose Ausbildung ein, schaffte die Polygamie ab und verlieh den Frauen Gleichberechtigung. Heutzutage ist der Tourismus neben der Landwirtschaft eine der wichtigsten Einnahmequellen Tunesiens. Einzig das Bombenattentat 2002 auf Tunesiens Ferieninsel Djerba führte hier zu einem kurzzeitigen Einbruch. Die heutige stete aber unaufdringliche Polizeipräsenz vermittelt jedoch das nötige Sicherheitsgefühl. Auch wir fühlten uns hier ausgestellt mitten am langen Sandstrand keine Minute unwohl und wurden vollkommen in Ruhe gelassen. Vor unserer frühen Abfahrt am nächsten Morgen ins Stadtzentrum von Tunis, genossen wir den Sonnenaufgang über dem Wasser bei einem herrlich erfrischenden Bad im spiegelglatten Meer, während Mali mit einem Strandhund die ganze Beach auf und ab flitzte.

In Tunis erwarteten uns der übliche Grossstadt-Erledigungsstress. Neben Grosseinkauf und Internet erwarteten uns dieses Mal aber auch noch Autoservice, neue Reifen suchen, Fähre buchen und Malis Papiere europatauglich erklären. Dafür brauchten wir zwei ganze Tage. Erst einmal mussten wir herausbekommen, wohin in Tunis wir uns mit unseren Anliegen wenden konnten. Also kurvten wir mitten ins Stadtzentrum auf der Suche nach der Touristeninformation und strandeten natürlich mehrmals in Einbahnstrassen und Sackgassen. Immerhin hatte wir so schon mal einiges von Tunesiens Hauptstadt gesehen - nichts überwältigendes aber für afrikanische Verhältnisse eine ausgesprochen saubere, gut organisierte und mediterrane Stadt mit unzähligen Strassencafés. Auf der Touristeninformation erhielten wir gerade mal einen Stadtplan und die Antwort, dass unsere Fragen keine typischen Touristenfragen seien und deshalb nicht beantwortet werden könnten. Erst auf Barbaras insistieren hin, schaute die bequeme Tante zumindest in den gelben Seiten die nötigsten Adressen nach. Zuerst besorgten wir uns anschliessend auf zwei Agenturen die Unterlagen für die Fährverbindungen. Den Entscheid und die Buchung hoben wir uns für später auf. Die Reifengeschichte erledigte sich am schnellsten: nach Abklärung bei den paar wenigen grossen Reifenhändlern war klar, dass es unsere BFGoodrich hier in Tunesien nicht gab und die Alternativen mit der selben Dimension viel zu teuer waren. Damit stand fest, dass unsere Reifen noch bis Deutschland werden durchhalten müssen. Die offizielle Toyota-Vertretung erklärte sich nach langem Hin und Her bereit, unser Auto noch am selben Nachmittag für einen kompletten Ölwechsel und Radlagerfettung einzuschieben. Da wir natürlich unser ganzes Hab und Gut im Auto hatte und Karsten dem Garagenpersonal nicht traute und wir ohne Auto sowieso nirgends hinkamen, sassen wir den ganzen Nachmittag untätig neben unserem Macun in der Garage herum. Karsten wurde stocksauer, als ihm nicht erlaubt wurde, beim Ölwechsel dabei zu sein. Absolut zu recht, wie sich leider erst einige Tag später - zu spät - herausstellte: die Schlitzohren hatten es wegen dem nahenden Feierabend stillschweigend unterlassen, auch das Getriebeöl zu wechseln. Für die Radlager hätten wir am nächsten Tag wieder kommen sollen, worauf wir dankend abwinkten. Schlecht gelaunt suchten wir den nächst gelegenen Campingplatz auf - ganze 24 Kilometer ausserhalb der Stadt - um am nächsten Morgen in aller Frühe wieder in die Stadt zu fahren für die restlichen Erledigungen. Wenigstens war der Campingplatz schön gelegen unter Pinien an einem langen Sandstrand. Und das Beste: Seit Ewigkeiten, genau genommen seit Addis Abeba vor zweieinhalb Monaten, hatten wir wieder einmal eine richtig heisse Dusche. Wir hatten uns ja mittlerweile an die kalten Duschen gewöhnt, aber es kostete uns immer viel Überwindung, abends bei kühlen Temperaturen und Wind auch noch unter das kalte Wasser zu stehen.
Um für Mali das letzte notwenige Papier zu erhalten - ein EU-Gesundheitszeugnis - mussten wir am nächsten Morgen nicht nur in die Stadt, sondern ganze 30 km weiter nach Norden fahren. In der staatlichen Veterinärsschule wurde die vor Angst zitternde Mali einem oberflächlichen Gesundheitstest unterzogen (sprich Fiebermessen, Augen und Zähne kontrollieren) und ihr Impfbüchlein überprüft, bevor das Gesundheitszeugnis nach unserem mitgebrachten Muster ausgefüllt wurde. Zu unserem Erstaunen alles kostenlos. Auf dem Rückweg in die Stadt stockten wir in einem riesigen Shoppingcenter noch unsere Vorräte auf und machten uns dann als Letztes auf die Suche nach der Generalagentur der einen Fährgesellschaft. Ausschlaggebend für uns war, eine Fähre zu finden, auf welcher Mali mit in der Kabine erlaubt war. Barbara war unter keinen Umständen bereit, Mali für die mindestens zehnstündige Überfahrt in einen auf der Fähre installierten Käfig zu sperren, denn ausserhalb dieser Käfige waren Hunde offiziell bei keiner Fährgesellschaft erlaubt. Von Manon und Peter wussten wir allerdings, dass sie ihren Durban als "kleinen" Hund (er ist mindestens doppelt so gross wie Mali) ausnahmsweise in die Kabine nehmen durften. Wir erklärten der netten Dame am Schalter unseren "Hunde-Sonderwunsch". Selber Hundebesitzerin hatte sie vollstes Verständnis für uns, und war sofort zu einer Ausnahme bereit. Wir buchten also glücklich eine teure Doppelkabine (für uns alleine hätten wir nur einen billigen Sessel im Gemeinschaftssaal gebraucht) und entschieden uns nach einigem Hin- und Her sicherheitshalber aber doch für die kürzeste Überfahrt nach Italien. 400 Euro berappten wir für uns, Auto und Hund für die Fähre, die uns in drei Tagen, in der Nacht vom Samstag auf Sonntag 16. September, zurück nach Europa, genauer nach Palermo auf Sizilien bringen sollte. Für Sizilien hatten wir uns auch deshalb entschieden, weil wir in Tunesien keinen Ort für unsere Badeferien gefunden hatten und uns  Afrikatemperaturen-Gewöhnte einzig der südlichste Zipfel Italiens noch als ausreichend warme Bademöglichkeit erschien.

Nun waren unsere Afrikatage tatsächlich gezählt. Uns wurde schon sehr mulmig beim Gedanken, diesen grossartigen Kontinent, den wir lieben gelernt haben, in den nächsten Tagen zu verlassen. Gerade umgekehrt wie beim Aufbruch vor knapp zwei Jahren zu Hause, fühlten wir uns nun hier in Afrika wohl und sicher, kannten Gepflogenheiten und mögliche Gefahren und hatten plötzlich ein ungutes, ungewisses Gefühl für Europa. Hatten wir in Afrika nie mehr Bedenken, dass uns unser Auto aufgebrochen oder gestohlen, oder wir überfallen würden, fürchteten wir uns nun genau davor in Europa. Eine verrückte, verdrehte Welt!

Unsere letzten Afrikatage verbrachten wir noch mit einer kurzen Fahrt entlang der Ostküste südwärts bis in die Touristenzentren Hammamet und Nabeul - so zu sagen als Anklimatisierung an Europa. Auf dem kleinen Campingplatz in Nabeul trafen wir unsere südafrikanischen Freunde wieder, die unabhängig von uns genau die gleiche Fährüberfahrt gebucht hatten. Für diese eine Nacht sollten wir aber ausnahmsweise mit umgekehrten Vorzeichen unterwegs sein: Sie, die sonst mit zahlreichen Hotelübernachtungen, Auswärtsessen und Souvenirshopping viel luxuriöser und kostenintensiver unterwegs waren als wir, hatten nun auf der Fähre die billigen Schlafsessel gebucht, während auf uns eine teure Doppelkabine wartete. Und alles wegen Mali - wie wir lachend feststellten. Unsere restlichen Dinars versuchten wir noch bei einem Grosseinkauf im Shoppingcenter los zu werden - ohne Erfolg. Trotz bis zum Rand mit Fressalien gefülltem Einkaufswagen durften wir nicht mehr als 80 Dinar (55 Euro) bezahlen und blieben auf unseren restlichen 60 Dinar sitzen. Am nächsten Tag gelang es uns noch, italienischen Wohnmobilreisenden (dieses Mal zum Glück nicht im Konvoi...) eine aktuelle italienische Strassenkarte abzuschwatzen mit eingezeichneten Stellplätzen. Somit waren wir gerüstet für die Rückkehr nach Europa.

Wie vorgeschrieben fanden wir uns abends um acht Uhr, drei Stunden vor Ablegen der Fähre im Hafen ein fürs Check-in. Unklar war, bei welchem Schalter in der grossen Halle diese Prozedur stattfinden sollte. Die sich sammelnden Leute hasteten gemeinsam nach jeder neuen Auskunft von einem Schalter zum anderen und jeder wollte dort zuerst ankommen. Das schliesslich zuständige Büro öffnete aber erst kurz vor neun und bis dahin hatte sich bereits eine riesige Menschentraube vor diesem Schalter gesammelt, ohne dass irgend eine Reihenfolge unter den Anstehenden erkennbar gewesen wäre. Ein einziger Angestellter kümmerte sich ums Check-in von hunderten von Passagieren. Barbara befand sich mitten in den drängelnden Leuten und kämpfte sich ihnen anpassend mit Ellebogen und Schienbeintritten bis zum Schalter vor. Dort war gerade ein grösseres Handgemenge im Gange, weil sich eine Frau übergangen fühlte. Als Barbara gerade unsere Tickets unter der Schalterscheibe hindurchreichen wollte, wechselte der Angestellte einfach so an den Nebenschalter und bediente dort die Leute, die sich von der Seite her hinein drängten. Barbara kochte vor Wut. Zum Glück boxte sich mittlerweile auch Erika durch die Menschenmasse und zu zweit schafften wir es endlich, dem Angestellten unsere Tickets in die Hand zu drücken. Schnell waren wir im Besitz unserer Bordingkarten, brauchten aber eine Ewigkeit, viel Überzeugungskraft und einige gezielte Tritte, um vom Schalter weg zu kommen und der drängelnden Menschenmasse zu entkommen. Als wir auf den Parkplatz zurück kamen, war unser Auto so einparkiert, dass wir keine Chance hatten, zum Autoverladungsort weiter zu fahren. Barbara liess einem weiteren Wutausbruch freie Bahn und wir kurvten schliesslich skrupellos übers Trottoir um uns schliesslich in der wartenden Autoschlange einzureihen. Eine halbe Stunde vor offizieller Abfahrtszeit wurden die Tore endlich geöffnet und wir durften ins Zollgelände rollen. Wenigstens hier ging alles geordnet und zügig von statten. Einzig an einem der Zollhäuschen wurde unsere Geduld nochmals auf die Probe gestellt, als der Beamte uns eine Strafe aufbrummen wollte, weil wir die einwöchige Fahrerlaubnis, die wir bei der Einreise erhalten hatten um drei Tage überschritten hatten. Erst als Barbara ihm ausführlich darlegte, dass wir eine zweiwöchige Erlaubnis verlangt und versehentlich wohl nur eine einwöchige erhalten hätten, ganz korrekt eine Verlängerung beantragt aber wegen nur drei Tagen keine benötigt hätten, drückte der Beamte ein Auge zu und liess uns ungeschoren passieren. Endlich standen wir vor dem offenen Bauch der riesigen "Majestic", die uns zurück nach Europa bringen sollte. Am 15. September um 22 Uhr 50 rollten wir zum letzten Mal über afrikanischen Boden, auf die Rampe des Fährschiffs.
Auf dem Schiff wollten wir uns auf die Suche nach unserer Kabine machen, als uns ein Steward den Weg versperrte und darauf beharrte, dass wir erst bei der Reception auf dem Schiff einchecken müssten und der Hund sei sowieso nicht erlaubt in der Kabine. Wir hielten uns nicht damit auf, ihm zu erklären, dass unser Hund sehr wohl erlaubt sei in der Kabine und stellten uns in die Warteschlange vor der Reception. Das Check-in war schon fast erledigt, als die Angestellte Mali bemerkte. Sie wollte uns einen Schlüssel für einen der Hundekäfige in die Hand drücken, als wir freundlich erklärten, dass wir die Zusage hätten, dass Mali mit in die Kabine dürfe, als Ausnahme. Da ging das Theater los: Das sei Vorschrift so und von einer Ausnahme wisse sie nichts. Es sei ihr vollkommen egal, dass wir nur deshalb eine Kabine gebucht hätten und wenn man uns etwas anders versprochen habe - ja nun, das sei halt eben typisch Tunesien. Nach dem schweren Abschied von Afrika und den letzten mühsamen Stunden war Barbaras Geduldfaden gerissen und sie tobte, ihre guten Manieren und jeden Anstand vergessend, an der Reception - natürlich ohne Erfolg. Schliesslich kamen wir sogar so weit entgegen, dass wir uns bereit erklärten, mit Mali aufs Hundedeck zu gehen um mit ihr die Nacht vor den Käfigen im Freien zu verbringen. Dafür aber wollten wir das Geld für unsere Kabine zurück haben. Doch die Receptionistin war zu keinem Kompromis bereit - es sei ihr egal, ob wir die Nacht in oder ausserhalb der Kabine verbringen würden - wir hätten eine Kabine gebucht und bezahlt und dabei bleibe es. Wir könnten uns ja später beim Hauptsitz in Genua beschweren. Als wir den Vorgesetzten zu sprechen verlangte, hiess es, er stehe uns zur Verfügung, sobald wir abgelegt hätten - was noch gut und gerne zwei weitere Stunden dauern konnte. Demonstrativ blieben wir fast eine Stunde neben der Reception stehen und warteten. Barbara war einfach nicht bereit nachzugeben. Schliesslich setzten wir uns bereits nach Mitternacht erschöpft und schlechtgelaunt etwas abseits auf die Treppe, die zu den Hundekäfigen führte. In der nächsten halben Stunde gingen zwei weitere Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern an uns vorbei Richtung Käfige. Schnell entwickelte sich ein Gespräch und beide erklärten unabhängig von einander, dass sie nicht im Traum daran denken würden, ihre Hunde im Käfig zu deponieren, sondern abwarten würden, bis es auf dem Schiff etwas ruhiger werde um sie dann in ihre Kabinen zu schmuggeln. Auf diese Idee waren wir in unserer Wut gar nicht gekommen. Barbara machte sich also sofort auf den Weg um auszukundschaften, wo sich denn unsere Kabine überhaupt befand - ganz am anderen Ende des Schiffs, vorbei an mindestens 10 Stewards, die in den Gängen herum lungerten. Da war es wohl aussichtslos, Mali durchschmuggeln zu wollen. Aber Hilfe kam von unerwarteter Seite: ein junger Steward hatte das ganze Theater mitbekommen, plauderte mit uns über Mali und den Hund seiner Familie, der ihr ganz ähnlich sehen würde und erwähnte so ganz nebenbei leise, dass nach Abfahrt der Fähre alle Stewards beschäftigt und die Gänge leer seien. Weder Kabinen noch Hundekäfige würden auf der Überfahrt kontrolliert. Damit war für uns die Entscheidung gefallen. Widerstrebend ging Barbara an die Reception, erledigte das restliche Check-in und nahm den Schlüssel für den Hundekäfig in Empfang. Wir marschierten mit Mali aufs Hundedeck und warteten dort ungeduldig die Abfahrt ab. Mit über zwei Stunden Verspätung legte die Fähre endlich ab. Barbara rannte zu unserer Kabine und rekognoszierte die Lage - tatsächlich kaum mehr Personal in den Gängen. Schnell deponierte Barbara den gesamten Inhalt unseres kleinen Tagesrucksacks in der Kabine und eilte zurück auf Deck. Dort packten wir Mali vorsichtig in den kleinen Rucksack. Ganz brav liess sie alles über sich ergehen. Sie schien genau zu wissen, worum es ging. Wir waren völlig verblüfft. Schliesslich sass sie im Rucksack und es schauten auf der Seite nur ihr Rücken und oben der Kopf heraus. Karsten nahm Rucksack mit Mali auf den Arm und Barbara legte ihre Jacke darüber, so dass von Mali nichts mehr zu sehen war. Nun konnte unser fast fünfminütiger Parcours quer über das ganze Schiff losgehen. Wir mussten nur gerade zwei Stewards und einer Familie mit kleinen Kindern, die sich sehr für Karstens schwere Last interessierten (sie hatten nur einige Minuten vorher ganz begeistert Mali gestreichelt) ausweichen. Mali kuschelte sich unter der Jacke an Karsten und war mucksmäuschen still. Und dann hatten wir es geschafft. Schliesslich konnten wir also unsere Kabine, die warme Dusche und das eigene WC doch noch geniessen und hatten Mali bei uns. Am nächsten Morgen lief das ganze Spiel in umgekehrter Reihenfolge ab. Allerdings brauchte es nun einige Überzeugungskunst, Mali in den Rucksack zu verfrachten. Schliesslich war das ihre Morgenspaziergangzeit und sie hüpfte übermütig in der Kabine herum. Auf Deck konnten wir bereits den wundervollen Ausblick auf die westliche Steilküste Siziliens geniessen. Zusammen mit den Südafrikanern, die eine schnarch- und käsefüssereiche Nacht hatten in ihrem Schlafsaal, genossen wir den ersten Blick auf Palermo und verfolgten interessiert das Anlegemanöver. Da es in Palermo kein Zollgelände gibt, wurden alle Grenzformalitäten auf dem Schiff erledigt und wir warteten wieder einmal Ewigkeiten in einer langen Schlange, bis wir schliesslich unsere Pässe vorweisen durften. Ein kurzer Blick in den Pass, Abstreichen auf der Passagierliste und erledigt. Die Zollkontrolle geschah auf der Ausfahrtsrampe der Fähre. Auch wir mussten Aussteigen und den Beamten einen Blick ins Wageninnere werfen lassen. Ein Rundblick, ein paar nette Worte zu Mali und wir waren in Europa. Kein Mensch hatte sich für Mali und ihre Papiere interessiert. Nie hätten wir gedacht, dass unsere Rückkehr nach Europa mit unserem afrikanischen Hund so problemlos verläuft.

Schon ein seltsames Gefühl -  nun waren wir also wieder in Europa! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge: natürlich freuen wir uns auf unsere Familien und Freunde, auf das Fex und den Schnee. Aber wir haben Afrika lieben gelernt. Afrika ging uns unter die Haut und pulsiert in unserem Blut - wenn wir zum Glück auch keine Malaria oder andersweitige Parasiten mit nach Hause bringen, so tragen wir von nun an den "Afrika-Virus" wohl für immer in unseren Herzen.

Eraclea Minoa, 27. September 2007