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Tunesien
6.9. - 15.9.2007
Eine sanfte Einstimmung auf Europa. Für uns ist
Tunesien das mediterranste Land Afrikas. Die Olivenbäume und Zitrusplantagen,
die Pinien- und Eichenwälder, der zivilisierte hupfreie Verkehr mit guten
Teerstrassen und Strassenschildern ihn jedem noch so kleinen Nest in arabisch
und französisch, die vielen Strassencafés und natürlich die Verständigung in
Französisch gab uns das Gefühl irgend wo durch Südfrankreich zu gondeln. Bei
genauerem Hinsehen entdeckten wir dann aber doch ein paar entscheidende
Unterschiede: Die Gesichtszüge der Leute haben einen unverkennbar arabischen
Einschlag, es wird nicht Goloise geraucht sondern Schischa, der Süden des Landes
ist geprägt von eindrücklichen Dünen und endlosem Sandmeer und der Tagesablauf
wird bestimmt vom Muezzin.
Die Einreise nach Tunesien verlief so
glatt und problemlos, wie man das von einem Land erwartet, das auch
atuoversicherungstechnisch Europa gleich gestellt ist - die grüne
Versicherungskarte war hier zum ersten Mal wieder gültig. Hätten wir es nicht
verpennt, hätten wir unserer Autohaftpflichtversicherung in Deutschland einfach
mitteilen können, dass wir durch Tunesien fahren und hätten die
Versicherungspapiere mit dem entsprechenden Hinweis (gültig auch für Tunesien,
bzw. Tunesien nicht ausgeklammert) erhalten. So mussten wir uns halt vorgängig
in Libyen aus der aktuellen und der abgelaufenen Versicherungskarte ein neues
Dokument zusammenkopieren, das wir aber zum Glück nie vorweisen mussten. Ein
Stempel in den Pass, eine spezielle Fahrbewilligung für Tunesien - ruck-zuck,
innerhalb fünfzehn Minuten war alles erledigt und wir waren in unser 33igstes
und letztes Land in Afrika eingereist.
Um noch etwas Ursprünglichkeit zu geniessen und
den Touristenströmen entlang der Ostküste auszuweichen bogen wir bald ins
Landesinnere ab. Schon kurz darauf wurden wir belohnt mit einer ersten
Sehenswürdigkeit Tunesiens: Ghorfas heissen die bis zu sechs Stockwerken
übereinander gebauten Tonnengewölbe, die in langen Reihen und oft um einen oder
mehrere Höfe gruppiert einen Kasar bilden. Es waren Gemeinschaftsspeicher
und Fluchtburgen der Nomaden. Zum Schutz vor Überfällen sind sie dick und hoch
ummauert und verfügen über nur einen Eingang. Uns beeindruckte nicht nur die
Bauweise, sondern auch die Cleverness Vorratsräume und Fluchtburg in einem
Bauwerk zu vereinen. Auch heute noch werden die Tonnengewölbe genutzt; wenn
erstaunt's - als Souvenirbuden und Fressstände für Touristen. Und Touristen
sahen wir jetzt wieder en Mass. Vollbesetzte Reisebusse, ganze Kolonnen neuster
Geländefahrzeuge im Besitz von Reiseveranstaltern, Wohnmobile und normale kleine
Mietautos. Wieder einmal bestätigte sich unsere Theorie, dass viele Leute - wenn
sie sich nicht sowieso einfach einer heimatlichen Reisgruppe anschliessen und in
einen Car quetschen - als (Individual)Touristen nur in die Länder reisen, wo sie
sich in ihrer Muttersprache verständigen können. So wimmelte es hier, wie schon
in Westafrika festgestellt, wieder von Franzosen, während wir kaum welche im
englischsprachigen Ostafrika getroffen hatten - dafür dort umso mehr Briten.
Auf
unserer kleinen Nebenstrasse ins Gebirge um Matmata waren wir dann aber irgend
wann zum Glück doch wieder alleine unterwegs. Bei unzähligen Stopps am
Strassenrand konnten wir in Ruhe die grandiose Aussicht ins Flachland und das
als Silberstreifen am Horizont glitzernde Meer geniessen. In dieser wilden,
rauen und unbewohnten Hügellandschaft gefiel es uns so gut, dass wir uns
rasch einen gemütlichen Übernachtungsplatz suchten und uns auf einem langen
Abendspaziergang von der Stille und Einsamkeit einhüllen liessen.
Matmata ist bekannt für seine Schachthöhlen.
Karsten war in seinen Tunesienferien vor etlichen Jahren schon einmal hier,
Barbara wollte sich diese eigenwillige Wohnweise aber auch gerne anschauen.
Im Gegensatz
zu horizontal in Fels oder Erdwände getriebene Höhlen, sind die Schachthöhlen
von Matmata bis zu 10 Meter tiefe runde Schächte, oben offen und mit einem
Durchmesser von bis zu 15 Metern. Die Wohnräume sind in die rings um den
Schachtboden aufragenden Felswände gegraben, oft mehrstöckig über einander.
Barbara war ganz erstaunt darüber, dass man sich in diesen "Wohnungen" gar nicht
wie in einer Höhle vorkommt.
Der Eingang ist ebenerdig und führt durch einen
breiten Torbogen, der eigentlich einfach eine Felswand ist, in den
licht durchfluteten runden Innenhof. Alle Wände sind mindestens bis auf Kopfhöhe
weiss gestrichen, Durchgänge und Türrahmen blau hervorgehoben. Die bunten
kuscheligen Berberteppiche machen die Schachthöhlen wohnlich. Jetzt im Herbst
herrschten in der Schachtwohnung die selben angenehmen Temperaturen wie
draussen, im Sommer hingegen hält der Fels die Kühle zurück und im Winter
speichert er die Wärme. Alles ganz einfach und ohne Heizung - so zu sagen
"Erdwärme". Viele dieser Schachtwohnungen stehen mittlerweile leer und
zerfallen, weil die Regierung diese Wohnweise als unwürdig empfand und viele
"Höhlenbewohner" umsiedelte ins Flachland. Auf unserer Weiterfahrt begleiteten uns die
grossen Löcher im Fels noch über weite Strecken. "Hier sieht's ja aus wie bei
den Wühlmäusen", war Karstens Kommentar; Barbara erinnerte die Landschaft an
einen Emmentalerkäse. Vielen würde vermutlich beim Anblick dieser Höhlen "Star Wars" in den Sinn kommen. Tunesien bot nämlich verschiedenen erfolgreichen
Filmproduktionen eine grandiose Kulisse - so unter anderem "The English
Patient", "Monty Python's Life of Brian" und eben "Star Wars". In einer dieser
Schachthöhlen in Matmata wurden die Innenaufnahmen der Wohnung der Lars-Familie
gedreht. Die wenigen, damals unspektakulären Wochen im Jahr 1976, in denen in
Matmata für "Star Wars" gefilmt wurde, haben dieses Dorf für immer verändert.
Seither pilgern unzählige Star Wars-Fans durch Matmata auf ihrer geführten
Rundreise von einem tunesischen Star-Wars-Drehort zum anderen.
 Auf den nächsten Kilometern wurde es immer
flacher und vegetationsloser bis wir schliesslich südlich von Douz auf die
ersten schneeweissen Sanddünen stiessen. Auf der einen Seite der Strasse
grenzenloser Sand auf der anderen Seite dichte, wogende Dattelplmenhaine. Wir
hangelten uns von Oase zu Oase und wunderten uns immer wieder über die Extreme,
die hier aufeinander treffen. Mitten im weiten Sandmeer stehen die kräftig
grünen Palmen, schwer beladen mit den süssen Früchten. Allerdings waren sie
jetzt im September noch weit entfernt von süss - wie Datteldieb Karsten mit zur
erschreckender Grimasse verzogenem Gesicht feststellte. Erntezeit ist im
November und Dezember - gerade rechtzeitig für unter die europäischen
Weihnachtsbäume. Mittlerweile hatte sich der Himmel zugezogen und aus der Ferne
war dumpfes Donnergrollen zu hören. Das liess uns von der Idee, in einer dieser
Palmenhaine unser Bushcamp aufzuschlagen Abstand nehmen. Da wollten wir doch
lieber noch ein Stück weiterfahren - im Auto drinnen ist es schliesslich schön
trocken.
Es hat aber nicht sollen sein. Ein penetrantes Pfeifgeräusch liess uns
am Strassenrand anhalten, während bereits vereinzelte Regentropfen vielen. Mit
Schrecken stellten wir fest, dass das Pfeifen vom vorderen linken Reifen kam.
Schnell sackte unser Auto ab - alle Luft war raus. So ein Pech - und das
ausgerechnet bei ersten Regen seit zwei Monaten. In Windeseile wechselte Karsten
den Reifen. Zum Glück hatten wir mindestens den einen Reservereifen im Sudan
flicken lassen. Also doch nicht mehr weiterfahren sondern einen
Übernachtungsplatz unter schützenden Bäumen suchen. In einem kleinen Wäldchen
wurden wir fündig, erhielten aber, kaum hatten wir uns installiert, auch schon
hoch offiziellen Besuch. Eine Polizeipatrouille sah nach dem Rechten. Schon befürchteten wir, wieder einmal mitten beim Znachtessen zusammenpacken und
unser Camp gleich neben der Polizeistation aufschlagen zu müssen wie in
Mosambik. Aber nein, die Polizisten gaben sich damit zufrieden, unsere Pässe
abzumalen. Sie wünschten uns eine angenehme und ruhige Nacht und machten
sich von dannen. Da hatten wir für diese Nacht ja so zu sagen ein Camp mit
Polizeibewachung - endlich konnte auch Karsten einmal ruhig schlafen in einem
Bushcamp.
Der nächste Tag sollte gleich mit einem
Highlight beginnen: die 40 Kilometer lange Fahrt durch den Salzsee Chott
el-Fejej. Hier allerdings anders als in Kenia auf einer gut befestigten
Teerstrasse. In unserem Reiseführer wurde diese Fahrt als "best journey"
in Tunesien hervorgehoben. Unendliche weite und flimmernde Fata Morganen über
der heissen Salzkruste. Na ja, es war schön ... Einmal mehr hatte sich gezeigt,
dass wir nach unserer langen Reise mittlerweile doch sehr verwöhnt und deshalb
anspruchsvoll geworden sind. Wir hatten schon so viel Tolles gesehen, dass uns
mittlerweile viele der so genannten Highlights nicht mehr aus den Socken hauen.
Darin dürfte vermutlich einer der wenigen guten Gründe für eine Rückkehr nach
Hause liegen - wir werden die zahlreichen Schönheiten auf einer nächsten Reise
wieder schätzen lernen.
In Tozeur auf der anderen Seiten des Salzsees, wollten wir unseren kaputten
Reifen reparieren lasen. Tozeur schien eine grössere Stadt zu sein und Karsten
versprach sich deshalb einigermassen moderne Reifenfirmen. Bald schon musste er
seine Hoffnung begraben. Wir fanden gerade mal zwei kleine Buden, die Reifen
reparierten und auch das nur auf die in Afrika übliche Art - mit Stemmeisen und
Hammer, etwas Klebstoff und altem Gummi. Aber wir trauten uns nicht, ohne
tauglichen Ersatzreifen weiter zu fahren. Alle unsere sechs Reifen hatten
mittlerweile zig-tausende Kilometer ab, hatten verschieden tiefe Risse, spröden
Gummi, kein Profil mehr und an einigen Stellen schaute bereits das
Drahtgeflecht hervor. Den zweiten Ersatzreifen mit der aufgerissenen Wand hatten
wir im Sudan nicht mehr flicken lassen. Auch jetzt blieb uns nur, einen Schlauch
in unseren Tubeless-Reifen einzuziehen. Karsten war mit der Qualität der
Reparatur ganz und gar nicht zu frieden und hoffte inständig, dass wir diesen
neu reparieren Ersatzreifen nie würden einsetzten müssen. Da hätte man ja sogar
in dem kleinen Nest im Sudan professioneller Reifen geflickt ...
Bevor wir weiter fuhren nahmen wir uns in der Oase Tozeur noch Zeit, die für
diese Region typischen Hausfassaden zu bewundern. Vor und zurück versetzte
Lehmziegel schaffen schmückende geometrische Ornamente mit plastischem Licht -
und Schatteneffekt. Erstaunlicherweise zieren diese kunstvollen Fassaden nicht
nur die Altstadt, sondern auch bei Neubauten wird diese traditionelle Technik
angewandt. Wie bei jeder Ortsausfahrt mussten wir auch in Tozeur an einem
Polizeicheckpoint vorbei. Überall in Tunesien wurden wir als Touristen von der
Polizei überaus zuvorkommend behandelt und nie gestoppt, auch wenn jedes
einheimische Fahrzeug kontrolliert wurde; ganz im Gegensatz zu vielen anderen
afrikanischen Ländern, wo die Polizei regelrecht Jagd auf Touristen machte. In
Tozeur aber winkte uns der Polizist zur Seite. Nach dem üblichen Begrüssungs
Bla-bla und einem abschätzenden Rundblick über unser Wageninneres, fragte uns
der Polizist doch tatsächlich, was wir ihm denn als Geschenk mitgebracht hätten.
Im ersten Moment waren wir sprachlos. Das passte nun überhaupt nicht nach
Tunesien. Wir konnten uns nicht erinnern, wann wir das zum letzten Mal erlebt
hatten. Was in Westafrika gang und gäbe war, hatten wir im letzten Jahr im südlichen
Afrika und in Ostafrika nie mehr erlebt. Zum Glück kam Barbara dann doch noch
eine unserer Standartantworten in den Sinn: Nach so langer Zeit in Afrika,
hätten wir unsere Geschenke schon lange alle verteilt an seine Berufskollegen.
Nicht gerade begeistert liess uns der Polizist ziehen.
Der Abstecher nach Westen über Tamerza führte
uns direkt an die algerische Grenze. Wir hatten uns für diese Route entschieden,
weil diese Strecke durch eindrückliche Berg- und Schluchtlandschaft führt. Als
wir nur gerade einen Kilometer neben dem Grenzübergang vorbei fuhren,
spekulierten wir darüber, ob wir hier an diesem kleinen Übergang wohl ohne Visa
nach Algerien einreisen könnten. Irgendwie wäre es ja schon schön, wenn wir auch
Algerien auf unserer Afrikareise noch mit einschliessen und somit den
"Afrikakreis" schliessen könnten. Wir hatten uns aber nach reiflicher Überlegung
aus verschiedenen Gründen gegen Algerien entschieden: Wenn schon Algerien, dann
wollten wir den Kreis auch ganz schliessen und nach Marokko weiter reisen, aber
leider ist die Landgrenze für Touristen nach wie vor geschlossen. Zudem soll die
Visa-Beschaffung für Algerien ähnlich kompliziert sein, wie sie es für Libyen
lange Zeit war. Und der Einreisestempel in unseren Pässen von Malawi mache das Vorhaben
sowieso praktisch unmöglich - aus welchem Grund auch immer. Zudem überzeugte uns
auch die Sicherheitslage in Algerien nicht wirklich und auf den Schluss unserer
Reise wollten wir nichts mehr riskieren. Also liessen wir den Grenzübergang
links liegen und drehten wieder ab ins Landesinnere von Tunesien. Wir hatten
vor, die heutige Nacht in der Nähe der Sakketschlucht zu verbringen, auf einem
Bushcampplatz, von dem ChriBeLis geschwärmt hatten. Wir besassen sogar die
GPS-Koordinaten, fanden aber im kleinen Nest Sened den Abzweig auf die richtige
Piste trotzdem nicht. Als wir suchend durchs Dorf kurvten, tauchte hinter uns
plötzlich ein weisser Landy mit zwei Dachzelten auf. Die Südafrikaner - das
gibt's wohl nicht! Wir hatten uns seit Leptis Magna in Libyen nicht mehr gesehen,
waren aber gegenseitig über sms einigermassen auf dem Laufenden über unsere
Fahrrouten. Wir hatten unsere Freunde schon lange in Tunis gewähnt oder irgendwo
verschollen an einem Badestrand an Tunesiens Ostküste. Und jetzt tauchten sie in
irgend einem kleinen Kaff im Landesinneren hinter uns auf. Am Strassenrand
tauschten wir uns schnell über unsere jüngsten Erlebnisse aus, während Mali vor
Freude über das Wiedersehen ganz aus dem Häuschen war. Karsten erklärte einmal
mehr neidisch, dass er auch gerne einmal so freudig und stürmisch von Mali
begrüsst werden würde. Was uns beiden an Gruppenfeeling abgeht, macht Mali wett:
mit je mehr Leuten wir zusammen sind, umso glücklicher ist Mali; sie ist
schliesslich überall der Mittelpunkt. Während die Südafrikaner weiter fuhren
Richtung Küste, nahmen wir unsere Suche nach der Sakketschlucht wieder auf -
dieses Mal mit mehr Erfolg. Eine immer schmaler, steiler und schlechter werdende
Piste führte uns erst durch ein Tal und schliesslich eine abschüssige Bergflanke
empor durch wunderbar unberührte mediterrane Berglandschaft. Barbara hinter dem
Steuer freute sich riesig darüber, endlich wieder einmal anspruchsvolle Piste zu
fahren und das erst noch durch traumhafte Landschaft. Einzig ihrer Freunde
abträglich war das Wissen, das Karsten auf dem Beifahrersitz vor Wut am liebsten
aus der Haut gefahren wäre.
Er hatte nicht mit einer solchen Pistenfahrt
gerechnet, war auf den letzten 8'000 Kilometern wieder zum "only-Asphalt-Fahrer"
mutiert und machte sich gerechtfertigterweise Sorgen um unsere schlechten Pneus.
Nach gut 8 Kilometern und einer knappen Stunde Fahrzeit, hatten wir unseren
Übernachtungsplatz endlich erreicht. Und auch Karsten musste - wenn auch
widerstrebend - zugeben, dass sich die Schinderei gelohnt hatte.
Wir standen
unterhalb der Bergspitze auf einem kleinen Plateau und hatten einen
atemberaubenden Blick über die zerklüfte Gebirgslandschaft unter uns mit den
Ausläufern in eine weite Ebene, die am Horizont in den dunkelblauen Streifen des
Mittelmeers überging. Die parallel verlaufenden Gebirgszüge unter uns mit ihren
erstaunlich regelmässigen Längseinschnitten erinnerten uns an die Tastatur eines
überdimensionalen Klaviers. Der Wind, der durch die Täler pfiff sorgte für die
passende Hintergrundmusik. Die reine, kühle Bergluft war erfüllt mit dem
intensiven, typisch alpinen Geruch von Wachholder. Wow, wenn das mal kein
mystischer Ort ist! Der Platz gefiel Karsten gleich noch besser, als
Barbara nach dem Hundespaziergang zu berichten wusste, dass die Piste in wenigen
hundert Metern in eine gute Teerstrasse übergeht. Trotz des überwältigenden
Naturschauspiels mussten wir uns an diesem Abend das erste Mal seit langem für
das Abendessen wieder einmal ins Auto verkriechen. Draussen war es auf dieser
Höhe für unser Gefühl empfindlich kalt.
An der Sakketschlucht fuhren wir am nächsten Tag
schliesslich vorbei - zuerst unabsichtlich weil wir die Abbiegung verpassten
hatten, dann bewusst nachdem uns die Dorfbewohner erklärt hatten, dass der
letzte Regen die Piste weggewaschen hätte. Mit unserem Auto würden wir zwar
bestimmt durchkommen, meinten sie. Wir hatten aber mittlerweile gelernt, solchen
Aussagen von Nichtautomobilsten nicht zu trauen und Barbara wagte es nach der
gestrigen Pistenfahrt nicht Karstens Nerven noch mehr zu strapazieren. Wir
rollten also gemütlich auf der Teerstrasse weiter durch kleine Dörfer und vorbei
an abgeernteten Kornfeldern. Jetzt im Herbst sind in Tunesien von der
ehemaligen Kornkammer des antiken Roms nur noch stoppelige beige Felder übrig.
Dafür stehen überall wie zu mehrstöckigen Häusern aufgetürmte Strohballen in der
Landschaft. Im Frühling und Sommer bietet sich hier sicher farblich ein ganz
anderes Bild. Aber auch jetzt mit den vorherrschenden Braun- und Goldtönen
gefiel uns die Umgebung gut. Wir wollten eine als landschaftlich schön markierte
Strasse in einigen Kilometern Abstand entlang der algerischen Grenze nordwärts
fahren. Gemäss unseren Karten hatten wir die Abzweigung aber schon lange
Verpasst - nur hatte es nie eine Abzweigung gegeben. Wir waren deshalb gar nicht
sonderlich erstaunt, als uns plötzlich ein schwer bewaffneter Soldat die
Weiterfahrt versperrte. Wir standen wieder einmal am Grenzübergang zu Algerien,
zum Glück noch auf der tunesischen Seite. Es war gar nicht so einfach, dem
Zöllner zu erklären, was uns in dieses kleine Nest Bou Chebka verschlagen hatte.
Schliesslich zeigte sich, dass wir die Abzweigung nicht verpasst hatten, sondern
unsere Karten wieder einmal ungenau waren. Der Zöllner liess uns weiterfahren,
schärfte uns aber ein, 20 Meter vor dem algerischen Grenzübergang rechts auf
einen kleinen Weg abzubiegen und dann darauf zu achten, ja die Strasse nicht zu
verlassen und keinesfalls in algerisches Hoheitsgebiet hinein zu fahren.
Da
könne er für unsere Sicherheit nicht mehr garantieren. Diese Aussage liess uns
dann doch gerade mal leer schlucken. Wir hatten geplant in einigen Kilometern
Abstand zur Grenze zu fahren und waren jetzt genau auf der Grenzlinie unterwegs.
Natürlich war vom geplanten Bushcamp in diesem Gebiet keine Rede mehr. Dafür war
es aber landschaftlich hier wirklich schön. Kleine Pinienwäldchen lockerten eine
saftig grüne hüglige Wiesenlandschaft auf, durch die sich der schmale Fahrweg
wand. Als sich die Strasse dann schliesslich endlich wieder etwas landeinwärts
drehte, fanden wir in einem kleinen Pinienwald doch noch ein schönes
Überachtungsplätzchen. Aber auch hier ging es nicht lang, bis der erste
offizielle "Waldwächter" (mit entsprechendem Badget) einfand. Ein paar
freundliche Worte und er zog weiter. Ein friedliches Bushcamp mehr.
Am nächsten Tag kaum unterwegs, liess uns ein
verdächtiges Geräusch an den Strassenrand fahren. Oh nein, nicht schon wieder
ein Platten! Der im Sudan mit einem eingezogenen Schlauch geflickte Reifen hatte
gerade mal 3 Tage gehalten. Da blieb uns jetzt wohl trotz Karstens Bedenken
nichts anderes übrig, als den eben in Tozeur reparierten Reifen aufzuziehen -
auf dass er länger halten möge! (Anmerkung: Karstens Bedenken waren unbegründet,
der Reifen hält noch immer.) Den kaputten Reifen liessen wir zwei oder drei
Ortschaften später wieder flicken. Auf der Weiterfahrt nordwärts kurvten wir
durch das herzige, an den Berghang geklebte Dorf El Kef (was auf arabisch "Fels"
bedeutet) und suchten vergeblich
nach dem restaurierten römisch-irischen Hammam. Gerne hätten wir uns in diesem
für Tunesien typischen Dampfbad gründlich den Reisestaub aus den Poren
geschwitzt. Aber vermutlich waren unsere Karten mal wieder zu ungenau ...
Stattdessen blieb uns nun genug Zeit der Ausgrabungsstätte Bulla Regia einen
ausgedehnten Besuch abzustatten. Der erste Eindruck enttäuschte uns. In dieser
Ruinenstadt steht kaum noch etwas aufrecht. Wie andere Römerstädte in Tunesien
gelangte Bulla Regia im 2. und 3. Jahrhundert durch gewinnbringenden Getreide-
und Olivenanbau zu Reichtum und verlor beides später wieder durch den Zerfall
des Römischen Reiches. Die arabische Eroberung sowie Erdbeben, beides im 7.
Jahrhundert, taten ein Übriges. Bei Beginn der Ausgrabungen mussten erst
meterhohe Schichten beseitigt werden, um wenigstens die Fundamente freizulegen.
Das Sehenswerte entdeckten wir dann aber unter der Erde, denn in Bulla Regia
wurden Häuser mit Souterain gebaut. Im Sommer lebte es sich dort kühler, wie wir
beim Abstieg in die "Unterwelt" problemlos selber feststellen konnten. Wir
staunten über die gut erhaltenen unterirdischen Säulenhallen mit Springbrunnen,
die grosszügigen Atrien und die weitläufigen Räume.
An einigen Orten sind sogar
die prächtigen Mosaikböden noch fast perfekt erhalten. Einige Wasserspritzer
bringen die unter dem Staub verborgenen Farben wieder kräftig zum Leuchten. Die
Namen der Villen beziehen sich auf die Motive ihrer Mosaiken: Jagd-, Pfauen-,
Fischer- und Amphitritepalast. Wir waren verblüfft darüber, dass viele Häuser
ihren eigenen Brunnen besassen und dass unter den Plattenwegen eine öffentliche
Abwasserkanalisation verlief. Dieser Besuch hatte sich wirklich gelohnt und
erstaunlicherweise blieb uns sogar noch genügend Zeit um an diesem Tag weiter
bis an die Mittelmeerküste in Nordtunesien zu fahren. Nach unseren letzten
grossen Ländern wie Libyen, Ägypten und Sudan, verschätzten wir uns beim
vergleichsweise zwergenhaften Tunesien immer erheblich mit den Distanzen.
Barbara war schliesslich überzeugt davon, dass Tunesien noch um einiges kleiner
sein müsse als die Schweiz. Der Blick in den Reiseführer belehrte sie eines
besseren: Tunesien ist mit 164'000 km2 genau viermal so gross wie die
Schweiz. Wie klein wird uns da dann erst die Schweiz vorkommen?
Der Weg Richtung Mittelmeerküste im Norden
Tunesiens führte uns einmal mehr über eine gewundene Passstrasse hoch und runter
durch dichte Korkeichenwälder. Schön und eigentlich der ideale Platz für ein
Camp. Trotzdem hatten wir an jedem angesteuerten Platz etwas auszusetzen - zu
nahe an der Strasse, zu abschüssig, zu wenig Sichtschutz, zu schmutzig und, und,
und. So landeten wir schliesslich doch am Meer in der Ferienortschaft Tabarka.
Gemäss unseren Karten sollte es hier einen Campingplatz haben - das wäre unser
erster in Tunesien. Wir klapperten also das ganze Dorf und die weitläufige zone
touristique ab, erfolglos. Je nach dem wen wir fragten, erhielten wir die
Antwort, dass es hier keinen Camping gäbe oder aber dass er sich beim Hafen
befinden würde. Nur waren wir dort auf unserer ermüdenden und nervtötenden Suche
schon sicher dreimal und hatten nichts gefunden. Des Rätsels Lösung war
schliesslich einfach: Es gibt kein Campingplatz, aber der mitten im belebten
Hafen liegende Segelclub erlaubt das Campieren auf dem kleinen Parkplatz vor dem Gebäude. Ne danke, das war uns dann doch um einiges zu lärmig und
zentral gelegen. Wir entschieden uns der vorgerückten Stunde wegen schliesslich
für einen öffentlichen Parkplatz in der zone touristique direkt am Strand. In
Tunesien werden die Ferienanlagen fast überall ausserhalb der eigentlichen
Dörfer errichtet.
Dadurch wird der ursprüngliche Dorfcharakter meist bewahrt,
dafür reihen sich entlang der Strände meilenlang Hotelanlage an Hotelanlage. Hier zwischen den grossen Hotelbunkern hatten wir tatsächlich etwas mehr Ruhe,
auch wenn der
Parkplatz stark an eine Müllhalde erinnerte. Und für unsere Sicherheit war auch
gesorgt: mehrmals in der Nacht schaute eine Polizeipatrouille nach dem Rechten.
Eins jedoch war uns klar, dies war ganz bestimmt nicht der Platz, den wir für
einige Tage Strandferien suchen. Gerne nämlich würden wir vor unserer Rückkehr
nach Europa noch etwas Wärme und Energie tanken an einem schönen Badestrand.
In der Hoffnung, doch noch einen solchen Strand
zu finden, zuckelten wir auf kleinen Küstenstrasse dem Mittelmeer entlang
Richtung Osten, Richtung Tunis. Das raue, teilweise bewaldete und verzahnte
Küstengebiet gefiel uns ausgezeichnet.
Immer wieder wechselten senkrechte,
direkt ins Wasser stürzende Felswände mit kleinen versteckten Sandbuchten. Nur
leider waren diese mit dem Auto nicht zugänglich und auf den Klippen wehte uns
der starke Wind fast von den Beinen. Auch einen Campingplatz gab es weit und
breit keinen. Der Besitzer einer kleinen, herzigen Pension direkt am einsamen
Strand hätte uns zwar auf seinem Grundstück campieren lassen - allerdings zum
horrenden Preis von 15 Euro. Dankend lehnten wir ab. Es ist noch früh genug,
wenn wir in Europa auf den Campingplätzen derart geschröpft werden.
Unser Weg führte uns schliesslich in die riesige Hafenstadt Bizerte am
nördlichsten Punkt Tunesiens. Eine Stadtbesichtigung hatten wir nicht eingeplant,
kamen dann aber doch unverhofft dazu. Die riesige Brücke, die den Einfahrtskanal
für die Frachter überspannt, wurde gerade hochgezogen als wir ankamen. Es
dauerte und dauerte. X Schiffe nutzten die Gelegenheit und kreuzten zwischen
Hafen und offenem Meer. Ausreichend Zeit für Barbara etwas in der modernen Stadt herum zu
spazieren, während Karsten tapfer in der Warteschlange ausharrte. Endlich ging
es dann doch weiter und wir hofften, auf den folgenden 66 Kilometern nach Tunis
noch einen geeigneten Platz für unser letztes Bushcamp zu finden. Aber wir
näherten uns merklich der "Zivilisation" - alles war wieder zugebaut.
Schliesslich bogen wir frustriert ab auf eine Nebenstrasse Richtung Meer. Hier
war tatsächlich noch nicht alles zugepflastert, dafür topfeben und offen. Auch
nicht ideal, aber was soll's. Wir stellten uns mitten an den kilometerlangen
Sandstrand. Wir hatten bis anhin ausschliesslich positive Erfahrung gemacht mit
Bushcamps in Tunesien und waren hier noch kein einziges Mal auf einem
Campingplatz gewesen. Leute, die jeweils an unseren Camps vorbei kamen grüssten
höchstens freundlich und marschierten weiter. Nie wurden wir belagert und
fühlten uns immer ausgesprochen sicher. Tunesien ist wohl einer der politisch
stabilsten und moderatesten arabischen Staaten. Eingequetscht zwischen seinen
beiden grossen krisengeschüttelten Nachbarn Libyen und Algerien, gelang es
Tunesiens nach der Unabhängigkeit von den französischen Kolonialherren 1957 mit
einer umsichtigen Politik stabile Verhältnisse zu bewahren. Der erste Präsident Habib Bourguiba legte die Grundlagen für den heutigen toleranten und
ökonomisch funktionierenden Staat, führte kostenlose Ausbildung ein, schaffte
die Polygamie ab und verlieh den Frauen Gleichberechtigung. Heutzutage ist der
Tourismus neben der Landwirtschaft eine der wichtigsten Einnahmequellen
Tunesiens. Einzig das Bombenattentat 2002 auf Tunesiens Ferieninsel Djerba
führte hier zu einem kurzzeitigen Einbruch. Die heutige stete aber
unaufdringliche Polizeipräsenz vermittelt jedoch das nötige Sicherheitsgefühl.
Auch wir fühlten uns hier ausgestellt mitten am langen Sandstrand keine Minute
unwohl und wurden vollkommen in Ruhe gelassen. Vor unserer frühen Abfahrt am
nächsten Morgen ins Stadtzentrum von Tunis, genossen wir den Sonnenaufgang über
dem Wasser bei einem herrlich erfrischenden Bad im spiegelglatten Meer, während
Mali mit einem Strandhund die ganze Beach auf und ab flitzte.
In
Tunis erwarteten uns der übliche Grossstadt-Erledigungsstress. Neben
Grosseinkauf und Internet erwarteten uns
dieses Mal aber auch noch Autoservice, neue Reifen suchen, Fähre buchen und
Malis Papiere europatauglich erklären. Dafür brauchten wir zwei ganze Tage. Erst
einmal mussten wir herausbekommen, wohin in Tunis wir uns mit unseren Anliegen
wenden konnten. Also kurvten wir mitten ins Stadtzentrum auf der Suche nach der
Touristeninformation und strandeten natürlich mehrmals in Einbahnstrassen und
Sackgassen. Immerhin hatte wir so schon mal einiges von Tunesiens Hauptstadt
gesehen - nichts überwältigendes aber für afrikanische Verhältnisse eine
ausgesprochen saubere, gut organisierte und mediterrane Stadt mit unzähligen
Strassencafés. Auf der Touristeninformation erhielten wir gerade mal einen
Stadtplan und die Antwort, dass unsere Fragen keine typischen Touristenfragen
seien und deshalb nicht beantwortet werden könnten. Erst auf Barbaras
insistieren hin, schaute die bequeme Tante zumindest in den gelben Seiten die
nötigsten Adressen nach. Zuerst besorgten wir uns anschliessend auf zwei
Agenturen die Unterlagen für die Fährverbindungen. Den Entscheid und die Buchung
hoben wir uns für später auf. Die Reifengeschichte erledigte sich am
schnellsten: nach Abklärung bei den paar wenigen grossen Reifenhändlern war
klar, dass es unsere BFGoodrich hier in Tunesien nicht gab und die Alternativen
mit der selben Dimension viel zu teuer waren. Damit stand fest, dass unsere
Reifen noch bis Deutschland werden durchhalten müssen. Die offizielle
Toyota-Vertretung erklärte sich nach langem Hin und Her bereit, unser Auto noch
am selben Nachmittag für einen kompletten Ölwechsel und Radlagerfettung
einzuschieben. Da wir natürlich unser ganzes Hab und Gut im Auto hatte und
Karsten dem Garagenpersonal nicht traute und wir ohne Auto sowieso nirgends
hinkamen, sassen wir den ganzen Nachmittag untätig neben unserem Macun in der
Garage herum. Karsten wurde stocksauer, als ihm nicht erlaubt wurde, beim
Ölwechsel dabei zu sein. Absolut zu recht, wie sich leider erst einige Tag
später - zu spät - herausstellte: die Schlitzohren hatten es wegen dem nahenden
Feierabend stillschweigend unterlassen, auch das Getriebeöl zu wechseln. Für die
Radlager hätten wir am nächsten Tag wieder kommen sollen, worauf wir dankend
abwinkten. Schlecht gelaunt suchten wir den nächst gelegenen Campingplatz auf -
ganze 24 Kilometer ausserhalb der Stadt - um am nächsten Morgen in aller Frühe
wieder in die Stadt zu fahren für die restlichen Erledigungen. Wenigstens war
der Campingplatz schön gelegen unter Pinien an einem langen Sandstrand. Und das
Beste: Seit Ewigkeiten, genau genommen seit Addis Abeba vor zweieinhalb Monaten,
hatten wir wieder einmal eine richtig heisse Dusche. Wir hatten uns ja
mittlerweile an die kalten Duschen gewöhnt, aber es kostete uns immer viel
Überwindung, abends bei kühlen Temperaturen und Wind auch noch unter das kalte
Wasser zu stehen.
Um für Mali das letzte notwenige Papier zu erhalten - ein EU-Gesundheitszeugnis
- mussten wir am nächsten Morgen nicht nur in die Stadt, sondern ganze 30 km
weiter nach Norden fahren. In der staatlichen Veterinärsschule wurde die vor
Angst zitternde Mali einem oberflächlichen Gesundheitstest unterzogen (sprich
Fiebermessen, Augen und Zähne kontrollieren) und ihr Impfbüchlein überprüft,
bevor das Gesundheitszeugnis nach unserem mitgebrachten Muster ausgefüllt wurde.
Zu unserem Erstaunen alles kostenlos. Auf dem Rückweg in die Stadt stockten wir
in einem riesigen Shoppingcenter noch unsere Vorräte auf und machten uns dann
als Letztes auf die Suche nach der Generalagentur der einen Fährgesellschaft.
Ausschlaggebend für uns war, eine Fähre zu finden, auf welcher Mali mit in der
Kabine erlaubt war. Barbara war unter keinen Umständen bereit, Mali für die
mindestens zehnstündige Überfahrt in einen auf der Fähre installierten Käfig zu
sperren, denn ausserhalb dieser Käfige waren Hunde offiziell bei keiner
Fährgesellschaft erlaubt. Von Manon und Peter wussten wir allerdings, dass sie
ihren Durban als "kleinen" Hund (er ist mindestens doppelt so gross wie Mali)
ausnahmsweise in die Kabine nehmen durften. Wir erklärten der netten Dame am
Schalter unseren "Hunde-Sonderwunsch". Selber Hundebesitzerin hatte sie vollstes Verständnis für uns, und war
sofort zu einer Ausnahme bereit. Wir buchten also glücklich eine teure
Doppelkabine (für uns alleine hätten wir nur einen billigen Sessel im
Gemeinschaftssaal gebraucht) und entschieden uns nach einigem Hin- und Her
sicherheitshalber aber doch für die kürzeste Überfahrt nach Italien. 400 Euro
berappten wir für uns, Auto und Hund für die Fähre, die uns in drei Tagen, in
der Nacht vom Samstag auf Sonntag 16. September, zurück nach Europa, genauer
nach Palermo auf Sizilien bringen sollte. Für Sizilien hatten wir uns auch
deshalb entschieden, weil wir in Tunesien keinen Ort für unsere Badeferien
gefunden hatten und uns Afrikatemperaturen-Gewöhnte einzig der südlichste
Zipfel Italiens noch als ausreichend warme Bademöglichkeit erschien.
Nun waren unsere Afrikatage tatsächlich gezählt.
Uns wurde schon sehr mulmig beim Gedanken, diesen grossartigen Kontinent, den
wir lieben gelernt haben, in den nächsten Tagen zu verlassen. Gerade umgekehrt
wie beim Aufbruch vor knapp zwei Jahren zu Hause, fühlten wir uns nun hier in
Afrika wohl und sicher, kannten Gepflogenheiten und mögliche Gefahren und hatten
plötzlich ein ungutes, ungewisses Gefühl für Europa. Hatten wir in Afrika nie
mehr Bedenken, dass uns unser Auto aufgebrochen oder gestohlen, oder wir
überfallen würden, fürchteten wir uns nun genau davor in Europa. Eine verrückte,
verdrehte Welt!
Unsere letzten Afrikatage verbrachten wir noch
mit einer kurzen Fahrt entlang der Ostküste südwärts bis in die Touristenzentren
Hammamet und Nabeul - so zu sagen als Anklimatisierung an Europa. Auf dem
kleinen Campingplatz in Nabeul trafen wir unsere südafrikanischen Freunde
wieder, die unabhängig von uns genau die gleiche Fährüberfahrt gebucht hatten.
Für diese eine Nacht sollten wir aber ausnahmsweise mit umgekehrten Vorzeichen
unterwegs sein: Sie, die sonst mit zahlreichen Hotelübernachtungen,
Auswärtsessen und Souvenirshopping viel luxuriöser und kostenintensiver
unterwegs waren als wir, hatten nun auf der Fähre die billigen Schlafsessel
gebucht, während auf uns eine teure Doppelkabine wartete. Und alles wegen Mali -
wie wir lachend feststellten. Unsere restlichen Dinars versuchten wir noch bei
einem Grosseinkauf im Shoppingcenter los zu werden - ohne Erfolg. Trotz bis zum
Rand mit Fressalien gefülltem Einkaufswagen durften wir nicht mehr als 80 Dinar
(55 Euro) bezahlen und blieben auf unseren restlichen 60 Dinar sitzen. Am
nächsten Tag gelang es uns noch, italienischen Wohnmobilreisenden (dieses Mal
zum Glück nicht im Konvoi...) eine aktuelle italienische Strassenkarte
abzuschwatzen mit eingezeichneten Stellplätzen. Somit waren wir gerüstet für die
Rückkehr nach Europa.
Wie vorgeschrieben fanden wir uns abends um acht
Uhr, drei Stunden vor Ablegen der Fähre im Hafen ein fürs Check-in. Unklar war,
bei welchem Schalter in der grossen Halle diese Prozedur stattfinden sollte. Die
sich sammelnden Leute hasteten gemeinsam nach jeder neuen Auskunft von einem
Schalter zum anderen und jeder wollte dort zuerst ankommen. Das schliesslich
zuständige Büro öffnete aber erst kurz vor neun und bis dahin hatte sich bereits
eine riesige Menschentraube vor diesem Schalter gesammelt, ohne dass irgend eine
Reihenfolge unter den Anstehenden erkennbar gewesen wäre. Ein einziger
Angestellter kümmerte sich ums Check-in von hunderten von Passagieren. Barbara
befand sich mitten in den drängelnden Leuten und kämpfte sich ihnen anpassend
mit Ellebogen und Schienbeintritten bis zum Schalter vor. Dort war gerade ein
grösseres Handgemenge im Gange, weil sich eine Frau übergangen fühlte. Als
Barbara gerade unsere Tickets unter der Schalterscheibe hindurchreichen wollte,
wechselte der Angestellte einfach so an den Nebenschalter und bediente dort die
Leute, die sich von der Seite her hinein drängten. Barbara kochte vor Wut. Zum
Glück boxte sich mittlerweile auch Erika durch die Menschenmasse und zu zweit
schafften wir es endlich, dem Angestellten unsere Tickets in die Hand zu
drücken. Schnell waren wir im Besitz unserer Bordingkarten, brauchten aber eine
Ewigkeit, viel Überzeugungskraft und einige gezielte Tritte, um vom Schalter weg
zu kommen und der drängelnden Menschenmasse zu entkommen. Als wir auf den
Parkplatz zurück kamen, war unser Auto so einparkiert, dass wir keine Chance
hatten, zum Autoverladungsort weiter zu fahren. Barbara liess einem weiteren
Wutausbruch freie Bahn und wir kurvten schliesslich skrupellos übers Trottoir um
uns schliesslich in der wartenden Autoschlange einzureihen. Eine halbe Stunde
vor offizieller Abfahrtszeit wurden die Tore endlich geöffnet und wir durften
ins Zollgelände rollen. Wenigstens hier ging alles geordnet und zügig von
statten. Einzig an einem der Zollhäuschen wurde unsere Geduld nochmals auf die
Probe gestellt, als der Beamte uns eine Strafe aufbrummen wollte, weil wir die
einwöchige Fahrerlaubnis, die wir bei der Einreise erhalten hatten um drei Tage
überschritten hatten. Erst als Barbara ihm ausführlich darlegte, dass wir eine
zweiwöchige Erlaubnis verlangt und versehentlich wohl nur eine einwöchige
erhalten hätten, ganz korrekt eine Verlängerung beantragt aber wegen nur drei
Tagen keine benötigt hätten, drückte der Beamte ein Auge zu und liess uns
ungeschoren passieren. Endlich standen wir vor dem offenen Bauch der riesigen "Majestic",
die uns zurück nach Europa bringen sollte. Am 15. September um 22 Uhr 50 rollten
wir zum letzten Mal über afrikanischen Boden, auf die Rampe des Fährschiffs.
Auf dem Schiff wollten wir uns auf die Suche nach unserer Kabine machen, als uns
ein Steward den Weg versperrte und darauf beharrte, dass wir erst bei der
Reception auf dem Schiff einchecken müssten und der Hund sei sowieso nicht
erlaubt in der Kabine. Wir hielten uns nicht damit auf, ihm zu erklären, dass
unser Hund sehr wohl erlaubt sei in der Kabine und stellten uns in die
Warteschlange vor der Reception. Das Check-in war schon fast erledigt, als die
Angestellte Mali bemerkte. Sie wollte uns einen Schlüssel für einen der
Hundekäfige in die Hand drücken, als wir freundlich erklärten, dass wir die
Zusage hätten, dass Mali mit in die Kabine dürfe, als Ausnahme. Da ging das
Theater los: Das sei Vorschrift so und von einer Ausnahme wisse sie nichts. Es
sei ihr vollkommen egal, dass wir nur deshalb eine Kabine gebucht hätten und
wenn man uns etwas anders versprochen habe - ja nun, das sei halt eben typisch
Tunesien. Nach dem schweren Abschied von Afrika und den letzten mühsamen Stunden
war Barbaras Geduldfaden gerissen und sie tobte, ihre guten Manieren und jeden
Anstand vergessend, an der Reception - natürlich ohne Erfolg. Schliesslich kamen
wir sogar so weit entgegen, dass wir uns bereit erklärten, mit Mali aufs
Hundedeck zu gehen um mit ihr die Nacht vor den Käfigen im Freien zu verbringen.
Dafür aber wollten wir das Geld für unsere Kabine zurück haben. Doch die Receptionistin war zu keinem Kompromis bereit - es sei ihr egal, ob wir die
Nacht in oder ausserhalb der Kabine verbringen würden - wir hätten eine Kabine
gebucht und bezahlt und dabei bleibe es. Wir könnten uns ja später beim
Hauptsitz in Genua beschweren.
Als wir den Vorgesetzten zu sprechen verlangte,
hiess es, er stehe uns zur Verfügung, sobald wir abgelegt hätten - was noch gut
und gerne zwei weitere Stunden dauern konnte. Demonstrativ blieben wir fast eine
Stunde neben der Reception stehen und warteten. Barbara war einfach nicht bereit
nachzugeben. Schliesslich setzten wir uns bereits nach Mitternacht erschöpft und
schlechtgelaunt etwas abseits auf die Treppe, die zu den Hundekäfigen führte. In
der nächsten halben Stunde gingen zwei weitere Hundebesitzer mit ihren
Vierbeinern an uns vorbei Richtung Käfige. Schnell entwickelte sich ein Gespräch
und beide erklärten unabhängig von einander, dass sie nicht im Traum daran
denken würden, ihre Hunde im Käfig zu deponieren, sondern abwarten würden, bis
es auf dem Schiff etwas ruhiger werde um sie dann in ihre Kabinen
zu schmuggeln. Auf diese Idee waren wir in unserer Wut gar nicht gekommen.
Barbara machte sich also sofort auf den Weg um auszukundschaften, wo sich denn
unsere Kabine überhaupt befand - ganz am anderen Ende des Schiffs, vorbei an
mindestens 10 Stewards, die in den Gängen herum lungerten. Da war es wohl
aussichtslos, Mali durchschmuggeln zu wollen. Aber Hilfe kam von unerwarteter
Seite: ein junger Steward hatte das ganze Theater mitbekommen, plauderte mit uns
über Mali und den Hund seiner Familie, der ihr ganz ähnlich sehen würde und
erwähnte so ganz nebenbei leise, dass nach Abfahrt der Fähre alle Stewards
beschäftigt und die Gänge leer seien. Weder Kabinen noch Hundekäfige würden auf
der Überfahrt kontrolliert. Damit war für uns die Entscheidung gefallen.
Widerstrebend ging Barbara an die Reception, erledigte das restliche Check-in
und nahm den Schlüssel für den Hundekäfig in Empfang. Wir marschierten mit Mali
aufs Hundedeck und warteten dort ungeduldig die Abfahrt ab. Mit über zwei
Stunden Verspätung legte die Fähre endlich ab. Barbara rannte zu unserer Kabine
und rekognoszierte die Lage - tatsächlich kaum mehr Personal in den Gängen.
Schnell deponierte Barbara den gesamten Inhalt unseres kleinen Tagesrucksacks in
der Kabine und eilte zurück auf Deck. Dort packten wir Mali vorsichtig in den
kleinen Rucksack. Ganz brav liess sie alles über sich ergehen. Sie schien genau
zu wissen, worum es ging. Wir waren völlig verblüfft. Schliesslich sass sie im
Rucksack und es schauten auf der Seite nur ihr Rücken und oben der Kopf heraus.
Karsten nahm Rucksack mit Mali auf den Arm und Barbara legte ihre Jacke darüber,
so dass von Mali nichts mehr zu sehen war. Nun konnte unser fast fünfminütiger
Parcours quer über das ganze Schiff losgehen. Wir mussten nur gerade zwei
Stewards und einer Familie mit kleinen Kindern, die sich sehr für Karstens
schwere Last interessierten (sie hatten nur einige Minuten vorher ganz
begeistert Mali gestreichelt) ausweichen. Mali kuschelte sich unter der Jacke an
Karsten und war mucksmäuschen still. Und dann hatten wir es geschafft.
Schliesslich konnten wir also unsere Kabine, die warme Dusche und das eigene WC
doch noch geniessen und hatten Mali bei uns.
Am nächsten Morgen lief das ganze
Spiel in umgekehrter Reihenfolge ab. Allerdings brauchte es nun einige
Überzeugungskunst, Mali in den Rucksack zu verfrachten. Schliesslich war das
ihre Morgenspaziergangzeit und sie hüpfte übermütig in der Kabine herum. Auf
Deck konnten wir bereits den wundervollen Ausblick auf die westliche Steilküste
Siziliens geniessen. Zusammen mit den Südafrikanern, die eine schnarch- und
käsefüssereiche Nacht hatten in ihrem Schlafsaal, genossen wir den ersten Blick
auf Palermo und verfolgten interessiert das Anlegemanöver.
Da es in Palermo kein
Zollgelände gibt, wurden alle Grenzformalitäten auf dem Schiff erledigt und wir
warteten wieder einmal Ewigkeiten in einer langen Schlange, bis wir schliesslich
unsere Pässe vorweisen durften. Ein kurzer Blick in den Pass, Abstreichen auf
der Passagierliste und erledigt. Die Zollkontrolle geschah auf der
Ausfahrtsrampe der Fähre. Auch wir mussten Aussteigen und den Beamten einen
Blick ins Wageninnere werfen lassen. Ein Rundblick, ein paar nette Worte zu Mali
und wir waren in Europa. Kein Mensch hatte sich für Mali und ihre Papiere
interessiert. Nie hätten wir gedacht, dass unsere Rückkehr nach Europa mit
unserem afrikanischen Hund so problemlos verläuft.
Schon ein seltsames Gefühl - nun waren wir
also wieder in Europa! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge: natürlich
freuen wir uns auf unsere Familien und Freunde, auf das Fex und den Schnee. Aber
wir haben Afrika lieben gelernt. Afrika ging uns unter die Haut und pulsiert in
unserem Blut - wenn wir zum Glück auch keine Malaria oder andersweitige
Parasiten mit nach Hause bringen, so tragen wir von nun an den "Afrika-Virus"
wohl für immer in unseren Herzen.
Eraclea Minoa, 27. September 2007
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